Die Cyberarchitektin


Die Berliner "echtzeit"-Unternehmerin Claudia
Alsdorf baut die Hauptstadt als interaktive
Simulation nach und verknüpft den Datenraum mit
Informationen aus dem realen Stadtleben.

Claudia Alsdorf

Claudia Alsdorf

"Wir bauen hier an der Stadt der Zukunft", sagt Claudia Alsdorf, und wer ihr charmantes Lächeln sieht und
ihre selbstverständliche Art, zum Kostüm einfach Turnschuhe zu tragen, so wie es die Brokerinnen in Manhattan
tun, der glaubt ihr sofort.
Wer weitere Beweise braucht, den lädt die Geschäftsführerin der Berliner Firma "echtzeit" ein zu einem
virtuellen Rundflug durch das Zentrum Berlins. "Es geht los", sagt sie noch und schon stürzen wir
aus den Wolken hinab über die gläsernen Schluchten des Potsdamer Platzes, Richtung Bundeskanzleramt –
das wunderbarerweise schon fertiggestellt ist im Gegensatz zum Original. Bislang hat sie nur einen
kleinen Teil der Stadt als dreidimensionale Simulation nachgebildet, doch wenn es nach Claudia Alsdorf
und ihrem Mitstreiter Edouard Bannwart geht, einem Professor für Städtebau, soll eines Tages die ganze
Hauptstadt als interaktive Simulation sowohl auf CD-Rom wie auch im Internet für jeden Mauswanderer
begehbar sein.

"Wir arbeiten jetzt schon daran, Straßenzug um Straßenzug präzise nachzubilden", sagt Alsdorf. Die Räumlichkeiten
ihrer Firma sind so repräsentativ, wie man sich das als Gründermutter einer virtuellen Stadt nur wünschen kann:
endlose Fensterfluchten geben den Blick über die ganze Stadt frei. Und direkt gegenüber, tief unten, liegt der
Bahnhof Zoo, durch den sich beständig die Menschenmassen wälzen. Doch verglichen mit dem erhofften
Besucheransturm auf ihre Datenstadt muß das Gedränge dort unten verschwindend gering wirken, rettungslos
veraltet. In ihrem Cyberlin dagegen ist alles aufgeräumt und blitzsauber, kein Punker bettelt um ‘ne Mark
und kein Straßenmusiker legt ein Solo über das Donnern der Dampframmen am Potsdamer Platz. Und dennoch wird
ihre Datenstadt nie ohne das reale Leben im realen Berlin auskommen. Und das ist gut so, das findet Alsdorf auch.

Die Datenbasis für das Computermodell der Hauptstadt ist so originalgetreu wie nur irgend möglich, sie stammt
aus der digitalen Liegenschaftskarte. Diese Daten wurden dann von echtzeit um die dritte Dimension erweitert.
Dabei wurde eine spezielle Renderingtechnik für die Fassaden eingesetzt, um die Höhe und Dachform der
Gebäude möglichst authentisch nachzuahmen – eine Sisyphos-Arbeit: bisher ist erst ein Prozent der Stadt,
nämlich der Kern von Berlin-Mitte auf die Festplatte gebannt. Was jetzt noch den Charakter eines lustigen
Videospiels hat, soll später Teil einer riesigen Informationsstruktur werden. "Dieser virtuelle Spaziergang
ist keine Spielerei, sondern wir verbinden Orte mit Informationen", erläutert Alsdorf. Diese Informationen
können aus Textdateien bestehen, aber ebenso gut aus Tondokumenten oder Videofilmen. Die Datenstadt bietet
jedoch nicht nur den Besuchern Informationen an, auch ihre Stadtplaner erhoffen sich neue Erkenntnisse von
dem Modell. So können mit dem von echtzeit entwickelten Modul "Traffic" Verkehrsströme innerhalb der Stadt
zu den verschiedensten Tages- oder Jahreszeiten erforscht werden, um beispielsweise Staus vorzubeugen.
Denkbar wäre sogar eine morgendliche Stauvorhersage, gleich nach dem Wetter. In eine
ähnliche Richtung geht das Modul "Crowd", mit dem etwas roboterähnlich anmutende virtuelle Fußgänger
in die Datenstadt eingefügt werden. Die Menschenmasse als Softwaresimulation würde sich etwa dazu eignen,
Paniksituationen zu erforschen, zum Beispiel bei der Planung von Flughäfen oder Bahnhöfen.
Neben dieser städteplanerischen Hilfe öffnen sich aber auch für den Normalbürger neue Perspektiven.
Alsdorf: "Mit CyberCity ist es möglich, sich den Weg in die Oper dreidimensional zeigen zu lassen und
ob man vom reservierten Platz aus auch eine guten Blick auf die Bühne hat". Ein weiteres Beispiel für
die Verknüpfung von virtueller Umgebung und realem Wirtschaftsleben erläutert sich am Beispiel des
Einkaufstempels Galleries Lafayette. Der Computer erlaubt auch hier die virtuelle Stippvisite. Durch
eine Verknüpfung mit dem Warenwirtschaftssystem des Kaufhauses kann online festgestellt werden, ob im
Regal noch ein Exemplar der gewünschten Ware ausliegt. Eine ebenfalls virtuelle Schaufensterpuppe zeigt
"ausgestattet mit den eigenen Maßen" ob einem das ausgesuchte Kleid oder der Anzug auch im "real life" steht.

Der von Alsdorf & Co. kreierte CyberNavigator ermöglicht den virtuellen
Stadtrundgang auf einem handelsüblichen Multimedia-PC. Ausgestattet mit einem
Standard-Browser von, der um einen VR-Viewer von Cosmo erweitert wurde, werden hier die verschiedenen
Zugänge zum städtischen Raum verbunden. Entweder navigiert man per Maus und Tastatur durch das 3D-Abbild
der Stadt oder man nutzt die Stadtkarte zum Wechseln der Örtlichkeiten. In einem seperaten Fenster werden
sodann die jeweiligen Informationen angezeigt.

Seit Jahren schon wartet Alsdorf darauf, daß das entnervend langsame Internet schneller wird, schnell
genug für ihre hochfliegenden Pläne: "Wir können die Datenmengen, die wir für unsere Simulationen brauchen,
unmöglich über das Internet transportieren. Das setzt beim User zuviel Leidensfähigkeit voraus", sagt
Alsdorf. Deshalb kommt bislang nur eine Hybrid-Lösung in Frage, bei der eine Grundgerüst der Cybercity
Berlin auf CD-Rom vorliegt und die aktuellen Stadtinformationen per Modem nachgeladen werden.
Die reale Stadt als Vorbild für das virtuelle Objekt ist für Alsdorf
Grundbedingung, künstliche Cybercieties ohne Bezug zu realen Örtlichkeiten findet
sie "idiotisch": "Was sollen Menschen da machen, wenn ihnen die Bezugspunkte aus
ihrem konkreten Lebensumfeld fehlen", fragt sie sich?


In ihrer Berliner Cybercity dominieren zur Zeit noch die "schnieken Vorzeigeplätze" der Hauptstadt,
bedauert Alsdorf. Das werde sich aber mit der Ausweitung der Datenstadt in die Außenbezirke schnell
ändern. "Das echte Brodeln Berlins können wir aber nicht virtuell abbilden, wir schaffen nur ein
virtuelles Interface, daß die Realität simuliert, ohne sie ersetzen zu können."
Gefragt nach ihrem Lieblingsplatz im realen Berlin, gerät die wortgewandte Unternehmerin zum ersten
Mal ins Stocken. "Ich lebe jetzt seit 12 Jahren in dieser Stadt und habe den Eindruck, daß Berlin im
Vergleich zu anderen europäischen Metropolen noch wie vor kleinstädtisch ist. Zur Zeit gehe ich deshalb
viel lieber in London oder Paris auf Städtetour." Mit etwas Nachhaken fällt ihr doch noch ein besonders
aufregender Ort ein: "Der Rosenthaler Platz, aber das würde Ihnen bestimmt auch jeder Tourist sagen."
Nicht unbedingt. Der Rosenthaler Platz ist alles andere als "schnieke" – eher ein abgehalfterter Szenetreff,
auf halbem Weg gelegen zwischen dem Galerienmarathon von Mitte und den ersten Ausläufern von Prenzlauer Berg.
Ein Ort also, den selbst die beste Programmiererin nicht so schnell digital nachbauen könnte. Das Hotel
Adlon dagegen, ein mißlungener, kalter Nachbau des zerstörten Originals, ist für sie weder ein angenehmer
Ort noch eine Herausforderung: "Das sieht ja in der Realität schon aus wie eine schlechte Simulation."

Daß sie einmal als Cyberarchitektin Deutschlands Hauptstadt nachbauen würde, überrascht sie manchmal
selber, auch heute noch. "Ich habe an der Technischen Universität Germanistik und Medienwissenschaft
studiert und meine Zeit mit dem Errechnen von Zeitreihen verbracht", erzählt sie. Auf der Sache nach einem
Nebenverdienst während ihrer Promotion ist sie 1992 eher durch Zufall als PR-Frau zur Firma Art+Com
gekommen, einem Medienlabor, das seit langem virtuelle Realitäten programmiert. "Für mich war damals
Virtual Reality so was wie schlechte
Zeichentrickfilme", bekennt sie offen. "Ich bin dann aber schnell in das Thema
hereingewachsen und habe als Medienwissenschaftlerin immer versucht, die
Nutzerperspektive einzunehmen. 1995 kam es dann zum Krach mit der
Art+Com-Geschäftsführung über die richtige Strategie und Claudia Alsdorf machte
sich zusammen mit Bannwart selbständig.


Mit ihren digitalen Stadtvisionen erwirtschaften ihre weltweit etwa 40 Mitarbeiter heute
einen Jahresumsatz von acht Millionen Mark. Neben der Berliner Zentrale von echtzeit, das
direkt an der Berliner Gedächtniskirche liegt, unterhält die virtual company noch drei
weitere Filialen in Köln, Zürich und Sausalito (USA). Dabei dienen virtuelle Animationen
von Gebäuden und weitere Auftragsarbeiten dazu, die Startkosten für den visionären Datensatz
der Cybercity zu finanzieren. Doch die Rechnung von Alsdorf &. Co. scheint aufzugehen. Denn die
Betreiber von Berlin.de denken bereits über eine Einbindung von
Cybercity in ihre Informationsplattform Berlin.de nach.
"Innovativ an berlin.de ist doch vor allem die Allianz von Senat und Privatinvestoren", sagt
Alsdorf über das Angebot des finanzstarken Konkurrenten. "Die Website selber ist doch nur eine
wie viele andere auch." Dennoch und deshalb könnte berlin.de die beste Chance sein,
ihr exquisites Projekt, das bislang nur auf der Festplatte eines Onyxrechners im Wert
von einer halben Million Mark lief, endlich an die Öffentlichkeit zu bringen. Daher hofft
Alsdorf genauso auf den Erfolg von Berlin.de wie die Betreiber. "Wenn das nicht klappt,
wäre das eine Katastrophe nicht nur für Berlin, sondern für generell für das Ziel, alle
Großstädte im großen Stil online zu bringen", so ihre Sorge. Auf die vorwurfsvolle Frage,
ob ihre Cybercity nicht sehr glatt und kommerziell und ohne eine politische Vision sei,
kontert Alsdorf mit einer entwaffnenden Gegenfrage: "Kann denn etwas, bei dem für Menschen
ein attraktiver Ort zum Kommunizieren geschaffen wird, unpolitisch sein?"

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