Die Websozis

Nicht jeder Sozialdemokrat ist ein „Websozi“, aber jeder „Websozi“ ist ein Sozi. 1300 „gepflegte Anarchisten“ engagieren sich in diesem als „Selbsthilfegruppe Internet“ gegründeten Forum unabhängig von der Bundespartei im Internet – werkeln oft aber auch alleine vor sich hin. Ein Lagebild von Kerstin Hinrichsen-Dreyer.

Weil das Thema „Internet und Sozialdemokrat“ etwas komplexer ist, neigt der typische „WebSozi“ zu einer gewissen Faltenfreiheit, was nichts anderes heißt, dass der Altersdurchschnitt etwas jünger ist als bei der Bundespartei. Dabei ist der gemeine „WebSozi“ ein ganz normaler Bürger: Das älteste Mitglied dieser Szene ist 75 Jahre alt, aber es gibt auch Studenten, Hausfrauen und Angestellte, die Mitglieder in diesem Forum sind. Sie alle versuchen den Tücken des Internets Herr bzw. Frau zu werden und ein SPD-Banner auf der Webseite da zu platzieren, wo es hingehört – von den Problemen mit Hackern, Scripts und XML-Prefix Kommentaren ganz zu schweigen.

Von den Krabbelversuchen bis zum Laufenlernen

Ein maßgebliches Mitglied der „WebSozis“ ist Markus Hagge, 32 Jahre alt und von Beruf „Fachinformatiker Anwendungsentwicklungen“ und Hüter des SoziServers. Seit vier Jahren ist er bei den „WebSozis“ dabei, seit über zehn Jahren Mitglied der SPD. Und weil er ein ebenso freundlicher wie engagierter Mensch ist, auch stellvertretender Ortsvorsitzender
in seinem Kreis in Lübeck-Dornbreite. Markus Hagge hat den Internetauftritt der „WebSozis“ von den ersten Krabbelversuchen bis zum Laufenlernen beobachtet und das Internetprojekt vor einigen Jahren mit an die Hand genommen.

Die „WebSozis“ sind eine Privatinitiative, geboren aus der parteilichen Not, dass der Internetauftritt heutzutage zum guten Ton gehört, aber nicht jeder weiß, wie man denn
reinkommt, um wirklich drin zu sein. Deshalb haben sich einige Sozialdemokraten im Januar 2002 zusammengeschlossen und eine „Selbsthilfegruppe Internet“ gegründet. Geplant war der Zusammenschluss als zusätzliches Angebot zum damals bereits existierenden Webmasterforum der SPD Nordrhein-Westfalen. Dabei sei ein wichtiger Aspekt der Wunsch gewesen, völlig unabhängig von irgendwelchen parteilichen Strukturen agieren zu können, so die Aussage des WebSozi-Kurzporträts.

1300 „gepflegte Anarchisten“ als Mitglieder

Aus dem kleinen Häuflein Webmaster ist eine große Gruppe entstanden: mittlerweile hat das Forum 1300 Mitglieder. Damit jeder „WebSozi“ feststellen kann, wo denn der Internet-Kollege herkommt, mit dem er gerade über Computerprobleme gefachsimpelt hat, gibt es die WebSozi-Landkarte, eine „riesige Linkliste“ wie Markus Hagge sagt, auf der jeder SPD-Verband einmarkiert ist. Von dort aus kann man auf die Webseite des jeweiligen Kreisverbandes surfen, auch in der Schweiz und Österreich. Und wie die parteiliche
Internetgeneration es mit dem Spaß hält, ist auf der WebSozis Jux-Seite zu lesen.

So amüsant und kuschelig das alles klingen mag, es gehe hier um ganz „ernsthafte ehrenamtliche Arbeit“, so Markus Hagge. Von der Bundes-SPD werde man nicht unterstützt, es gebe
weder direkte noch finanzielle Unterstützung. Man werde mittlerweile vorab informiert, so zum Beispiel als das Layout der SPD gewechselt habe – aber das sei es auch gewesen. Die „WebSozis“ seien „gepflegte Anarchisten“, demokratische Formen wie man es im normalen Ortsverband kennt, gebe es nicht. Wenn über ein Thema abgestimmt werden müsse, dann werde ein Forum eröffnet, wo jeder seine Meinung schreiben kann. Am Ende werde gezählt, wie die Meinungstendenz aussieht.

Auch Wahlkonzepte für Internetauftritte gäbe es nicht. Bei der letzten Wahl habe es ein recht erfolgreiches Blog gegeben, erzählt Markus Hagge, „aber das ist mangels Betreuung irgendwann eingeschlafen”. Den Blick auf die nächsten Wahl habe man bei den „WebSozis“ noch nicht geworfen.

Kontakt zu anderen Parteien oder ähnlichen Organisationen gibt es laut Markus Hagge nicht. Zwar hat Markus Hagge „mal eine Zeit lang an der Schleswig-Holsteinischen Westküste gelebt und mit dem dortigen CDU-Mann gemeinsam an einem Internet-Auftritt gebastelt“, im Großen und Ganzen seien die „WebSozis“ aber eine „geschlossene Gesellschaft“. Diese öffnet sich dann in Zeiten des Wahlkampfes. Im Jahre 2005 wurde seitens der SPD verstärkt der Bundestagswahlkampf per Online-Kampagne geführt. Im Rahmen dessen sind natürlich auch die Webmaster verstärkt eingebunden gewesen, als es darum ging, eine einheitliche Linie im Internet-Auftritt herzustellen.

So bleibt es wie es ist im Internet: eine Szene ganz in Zwiesprache mit sich, dem Bildschirm und irgendwann dem Händedruck eines Genossen, der zwar um die Wichtigkeit seines Webmasters weiß, ihn aber gar nicht unbedingt kennt.

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