Der Nazi-Melder


„Wir müssen reden. Über Nazis!“ Und genau das wird getan beim Störungsmelder-Blog von Zeit Online. Prominente, Betroffene, Fachleute, Schüler berichten von ihren eigenen Erfahrungen mit Nazis und diskutieren über Gefahren von Rechts. politik-digital.de stellt das Blog gegen Rechtsextremismus vor.

Seit einigen Wochen stellen wir im Rahmen einer Reihe mehrere Blogs und ihre Autoren vor. Damit wollen wir auf Blogger aufmerksam machen, die ihre Gedanken, politischen Ansichten und Interessen auf sehr persönliche oder besonders kreative Art und Weise äußern. In den vergangenen Wochen haben wir bereits den „Sprengsatz“ von Michael Spreng, „ein fremdwoerterbuch“ von Kübra Gümüsay und "Talk to the Enemy" von Katrin Eigendorf und Sabine Streich vorgestellt. Porträtiert werden die Entstehung der Blogs und die Absichten ihrer Autoren, und wir reden mit den Bloggern über ihre Erfolge ebenso wie über Finanzierungsmöglichkeiten und die Zukunftsaussichten ihrer Weblogs. Besonders originelle, humorvolle oder kritische Beiträge werden angesprochen. Dabei geht es uns nicht nur darum, interessante Blogs darzustellen, sondern auch um die Menschen hinter den Texten, und darum, zu zeigen, was sie bewegt.

Der Zeit Online-Redakteur Christian Bangel gründete den Störungsmelder gegen Rechtsextremismus Ende 2007. Unterstützt wird das Blog unter anderem von dem Verein „Gesicht Zeigen!“ und den Magazinen „fluter.de“ und „intro.de“. Johannes Radke ist freier Journalist mit dem Themenschwerpunkt Rechtsextremismus und Jugendkultur und betreut den Störungsmelder seit 2009 für Zeit Online. politik-digital.de sprach mit ihm über die Motivation und die Erfahrungen der Macher des Blogs.
Zwei Grundideen stehen hinter dem Störungsmelder: Zum einem will man über Rechtsextremismus berichten, zum anderen sollen junge Menschen, die mit dem Thema konfrontiert werden, die Möglichkeit erhalten, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Die Redaktion ist bestrebt, konstant über dieses wichtige Thema zu informieren. Im Gegensatz zu anderen Zeitungen und Onlineportalen, in denen über Rechtspopulismus, Islamophobie und Neonazis nur dann berichtet wird, wenn ein aktuelles Ereignis das Thema Rechtsextremismus wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, wie zuletzt nach den Ereignissen in Oslo. Ein noch viel größeres Anliegen ist es den Gründern jedoch, „jungen Leuten, auch und gerade aus der Provinz, eine Plattform zu bieten, über ihre Probleme und Erfahrungen mit Rechtsextremen zu berichten“, so Radke im Interview mit politik-digital.de. Wichtig dabei sei die Möglichkeit, anonym schreiben zu können, da Jugendliche sich durchaus in Gefahr begeben können, wenn sie über die rechte Szene in ihrem Heimatort berichten.

Bereits ein Jahr nach der Gründung wurde das Projekt mit dem Grimme Online Award für sein vorbildliches Engagement gegen Rechts ausgezeichnet.
Während man ursprünglich auf eine in erster Linie junge Leserschaft zielte, die sich für das Thema interessiert oder persönliche Erfahrungen damit gesammelt hat, sind die Nutzer mittlerweile sehr vielschichtig. „Wir haben viele Lehrer und Sozialarbeiter, aber auch Politiker, die sich mit diesen Themen einfach zwangsläufig beschäftigen oder eigene Erfahrungen mit Rechtsextremen gemacht haben. Auch die lesen und kommentieren unser Blog“. Die Hauptzielgruppe ist und bleibt dennoch eine junge, insbesondere wenn es darum geht, eigene Beiträge auf dem Blog zu verfassen.

Anfänglich war es für die Gründer nicht ganz leicht, junge Menschen zu motivieren , „die noch neben der Schule Zeit und Lust haben, sich journalistisch zu engagieren“ und sich gegen Rechts und für mehr Toleranz einzusetzen, so Radke. So kam man auf die Idee, Prominente für das Projekt zu gewinnen, weil die sich am ehesten Gehör bei Jugendlichen verschaffen und sie zum Schreiben motivieren können. Auch das war keine einfache Aufgabe: „Es ist erst einmal schwierig, überhaupt einen Promi zu finden, der sich mit dem Thema auskennt oder selbst Erfahrungen mit der rechten Szene gemacht hat und auch darüber spricht. Dass er sich dann noch hinsetzt und Zeit und Arbeit investiert, um uns zu unterstützen, ist sehr selten“, sagt Johannes Radke. Doch mittlerweile schreiben Prominente wie der Fernsehmoderator Markus Kavka, der ehemalige Nationalfußballer Thomas Hitzelsberger und MTV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf beim Störungsmelder – selbstverständlich ehrenamtlich, wie alle anderen Autoren auch.

Aber auch Politiker engagieren sich beim Störungsmelder und berichten von eigenen Erfahrungen oder von Initiativen gegen Rechts. „Bei uns schreiben zum Beispiel Benedikt Lux und Clara Herrmann von den Grünen, Martin Pätzold von der Berliner CDU, Petra Pau von den Linken und Fabian Weißbarth von den Jusos“. Viele von ihnen beschäftigen sich in ihrem politischen Alltag oft und intensiv mit dem Thema und können demnach viele interessante Artikel beitragen, ergänzt Radke.

Besonders erfolgreich ist die Zusammenarbeit mit Promis gegen die rechtsextreme Szene dann, wenn sie beim „Störungsmelder auf Tour“ aktiv sind. Hinter dem Offline-Projekt steckt die Berliner Initiative „Gesicht zeigen“. Sie leistet an Schulen Aufklärungsarbeit über die Gefahren von Rassismus und Rechtsextremismus, indem sie mit den Schülern Workshops durchführt. „Besonders gut kommt das Projekt bei den Schülern an, wenn ein Prominenter mit dabei ist. „Es ist einfach was anderes, wenn ein Promi in die Schule geht und sagt, komm, lasst uns über Rassismus reden, als wenn das ein Lehrer tut. Schüler hören einfach lieber Bela B von den Ärzten zu, als wenn da ein Pädagoge mit erhobenem Zeigefinger kommt“. Radke berichtet weiter, dass er Fälle kennt, in denen Jugendliche, die in der rechten Szene noch keine gefestigte Position hatten, wieder auf den richtigen Weg gebracht werden konnten. Auch der Blog verfehlt seine Wirkung nicht: „Wir stellen in der einen oder anderen Diskussion immer wieder fest, dass sich unser Engagement lohnt, vor allem bei Menschen, die ‘an-politisiert‚ aber noch nicht völlig im ‘rechten Fahrwasser’. Natürlich hat das keine Wirkung auf Personen aus dem NPD-Kader“, ergänzt Radke.

Der Störungsmelder hat sich längst als wichtige Stimme im Netz etabliert. Beiträge über besonders strittige Themen bekommen große Resonanz. Demnach kamen wie nicht anders zu erwarten viele Reaktionen auf den Terroranschlag in Norwegen. Doch auch Ereignisse, die es sonst nicht in die überregionale Presse schaffen, erreichen manchmal viele Klickzahlen und werden häufig kommentiert. Radke nennt als Beispiel eine Jugendinitiative in einem kleinen brandenburgischen Ort, die ein Fußballspiel gegen Rechtsextremismus organisiert: „Ein tolles Positivbeispiel, über so etwas schreiben wir gerne im Blog, um zu zeigen, was man gegen Rechte unternehmen kann“. Die Umsetzung des Spiels wurde letztlich von der lokalen Nazi-Szene bedroht und musste deshalb abgesagt werden, weil es den Platzwächtern zu riskant wurde. „Solche Themen werden dann über Facebook und Twitter weiterverbreitet. Die Leute schreiben dort: ‘Guckt doch mal, das ist ein Skandal‘, woraufhin die Klickzahlen enorm steigen“. Weniger erfreulich ist es für die Macher des Störungsmelders, wenn auch Resonanz aus der rechtsextremen Szene auf solche Meldungen kommt. Radke dazu:
„Dass sie reagieren, sehe ich an den Klickzahlen und den Kommentaren, die ich löschen muss“. Häufig werde der Ärger über das Aufdecken lokaler Skandale auf bekannten Nazi-Seiten bekundet und zum „Pöbeln“ aufgerufen. „Da kommen dann manchmal in einer Stunde 20 Kommentare, das löschen wir dann natürlich“. Gemäßigte Kritik ist aber durchaus erwünscht. „Das gehört dazu, Auseinandersetzungen sind wichtig“, betont Radke.

Für die Zukunft wünscht der Störungsmelder-Blogger sich, dass noch mehr junge, engagierte Menschen sich melden, um beim Störungsmelder mitzuarbeiten. „Je mehr Autoren wir haben, desto mehr Leute können wir erreichen und desto mehr Missstände können wir aufzeigen“. Radke freut sich über jeden Autor, der Lust hat, beim Störungsmelder zu schreiben. Interessenten können sich per E-Mail bewerben und haben gute Chancen, veröffentlicht zu werden.

Der Störungsmelder leistet eine erfolgreiche und sehr wichtige Arbeit gegen Rassismus und Rechtsradikalismus. Wie gewalttätig Nazis zum Teil vorgehen, wird in Videos und Artikeln plastisch beschrieben. Auch über rechtspopulistische Blogs wie „Politically Incorrect“ wird ausführlich berichtet. Es versteht sich von selbst, dass sich die Autoren auch mit positiven Beispielen wie friedlichen Demonstrationen und Initiativen gegen Rechts befassen. Der Störungsmelder verdient Aufmerksamkeit. Die Autoren können mit ihren Texten und Initiativen tatsächlich etwas bewirken im Kampf gegen radikale und gewalttätige Rechte.

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