Der grüne Wahlkampf 2002: Image plus Inhalt ist gleich Erfolg?

2020 oder 2002? Bislang liegt auf der Internetseite der Grünen das fernliegendere Ziel näher. Auf der Startseite wird zwar das Zukunfts-Programm 2020 der Grünen beworben, mit Informationen oder Aktionen zum grünen Wahlkampf 2002 hält man sich aber noch zurück.. Doch der Relaunch von www.gruene.de steht kurz bevor.

 

Fast pünktlich zum Jahresbeginn wollen
Bündnis ’90/Die Grünen ihre Wähler mit einer generalüberholten Webpräsenz beglücken. Die neue Seite, die Anspruch und Interaktivität kombinieren soll, will das Image der Partei pflegen und die User überzeugen, bei denen beim Stichwort Bündnis’90/Die Grünen immer noch das Bild von der strickenden oder stillenden Delegierten im Kopf umhergeistert. Denn fortschrittlich seien die Grünen allemal, erklärt der Wahlkampfmanager Rudi Hoogvliet gegenüber politik-digital, und die neue Webpräsenz werde dies eindrucksvoll beweisen. Dem Internet misst Hoogvliet im nächsten Wahlkampf eine wichtige Funktion bei, deshalb soll bei den Grünen im kommenden Wahlkampf das Netz auch eine gleichberechtigte Rolle neben den anderen medialen Instrumenten spielen. Finanziell hinkt es jedoch mit der Gleichberechtigung. Genaue Zahlen verrät Hoogvliet nicht, doch kann davon ausgegangen werden, dass für die konventionellen Medien immer noch ein weitaus größerer Betrag zur Verfügung steht. Hoogvliet geht es darum, die Möglichkeiten des Internets im selben Maße in die strategischen Überlegungen einzubeziehen, wie die Reichweitepotentiale von Werbespots oder Plakaten.

Von Vorteil sei vor allem die Möglichkeit der Interaktivität, die dieses Wahlkampftool biete, betont Hoogvliet. Die entsprechenden Instrumente zur Wähleraktivierung habe sich die Partei von den amerikanischen Wahlkämpfen abgeguckt. Beispielsweise können Freiwillige, die im Wahlkampf mithelfen wollen, unkompliziert im Internet angesprochen werden. Mit wenigen Klicken wird dann ein Profil der Bereitschaft unabhängig von der Parteimitgliedschaft erstellt. Egal ob es für den Freiwilligen darum geht, für eine bestimmte Aktion Plakate zu kleben oder ein Online-Netzwerk zu betreuen: Anrufbeantworter oder sich nicht zuständig fühlende Mitarbeiter sollen den Entschlossenen nicht mehr bremsen können.

Nach dem Relaunch soll es dann auch einen neuen Newsletter geben, der über Parteiarbeit und aktuelle Wahlkampfaktionen berichtet. Fast 10 000 Email-Adressen habe man zu diesem Zweck schon gesammelt. Die Adressen, erläutert der grüne Wahlkampf-Chef, würden zumeist aus den eigenen Reihen oder von Sympathisanten stammen, die sich auf die eine oder andere Weise schon mal per e-Mail an die Grünen gewandt hätten. Um Erlaubnis bei der Nutzung werde selbstverständlich vorher gefragt. Video Streamings sind außerdem geplant. Zu bestimmten Anlässen, wie etwa einem Parteitag der Rivalen, sollen Animationen und Spiele den wählenden User auf die Site locken.

Das alles ersetze die ‘face 2 face’ Situation selbstverständlich nicht, räumt Hoogvliet ein, sei aber eine Chance, Botschaften an den konventionellen Medien vorbei dem Wähler zu präsentieren. Damit die Botschaft sich am Ende auch auf dem Stimmzettel niederschlägt haben die Grünen einen genauen Zeitplan erarbeitet: Unmittelbar bevor stehen die Agentur-Präsentationen des neuen Auftritts. Ausgewählte Agenturen haben die Aufgabe erhalten, nicht nur optisch kreativ zu sein. Hoogvliet erwartet vor allem Medienkonvergenz, also die Vernetzung der einzelnen Medien im Wahlkampf. Das letzte Wort in Sachen Webauftritt hat dann der Parteivorstand, schließlich ist die neue Website der erste Schritt in den Wahlkampf. Ab Mai wird die Wahl als Thema in allen Medien präsent sein und auch auf der neuen Seite im Vordergrund stehen. Im Spätsommer, also kurz vor der Wahl, sind Chats mit der Grünenprominenz, wie etwa
Joschka Fischer oder
Rezzo Schlauch angesagt. Die Seite werde sich inhaltlich und optisch vor allem an die Erst- und Jungwähler richten, erklärt Hoogvliet seine Zielgruppenstrategie. Während die Grünen vor zehn Jahren noch 25 Prozent der Jung- Erwachsenen überzeugen konnten, liegen sie heute bei den 18- 25 jährigen lediglich bei rund 10 Prozent. Das Internet soll hier bei einer Trendwende behilflich sein. Wer letztlich über den Erfolg der neuen Site entscheidet, ist also klar.

Erschienen am 06.12.2001

 

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