Dean verändert moderne Wahlkämpfe

Zwar hat das Internet Dean gefunden, aber Dean nicht die Wähler. Im Interview erläutert Rick Ridder, US-Wahlkampfmanager und ehemaliger Dean-Berater, die Erfolge und Fehler der Dean-Kampagne.

Zwar hat das Internet Dean gefunden, aber Dean nicht die Wähler. Im Interview erläutert Rick Ridder, US-Wahlkampfmanager und ehemaliger Dean-Berater, die Erfolge und Fehler der Dean-Kampagne.

Rick RidderRick Ridder ist politischer Berater und Mitgründer der Beratungsfirma
Ridder/Braden Inc. in Denver. Er war als Berater in drei US- Präsidentschaftskampagnen involviert, u.a. in der Kampagne von Bill Clinton. Daneben hat er zahlreiche Kandidaten in Senats-, Repräsentanten- und Gouverneurswahlen beraten. Von November 2002 bis März 2003 war er als Kampagnenmanager für Howard Dean tätig, bis er sich aus privaten Gründen von der operativen Leitung zurückzog und die Kampagne beratend begleitete.

politik-digital.de: Herr Ridder, der Kampagne von Howard Dean wird der Verdienst zugeschrieben, neue Internettools in den Wahlkampf eingebracht zu haben: z.B.
MeetUp.com,
Blogs oder
DeanTV. Was war Ihrer Meinung nach die größte Innovation der Dean Kampagne und was war am wichtigsten für den anfänglichen Erfolg der Kampagne?

Rick Ridder: Die größte Innovation der Dean Kampagne war die interaktive Anlage der Website. Die Leute, die uns unterstütz haben und sich engagieren wollten, hatten mehrere Wege sich einzubringen. Sie konnten handgeschriebe Unterstützungsbriefe an Wähler in Iowa schicken (der Ort des strategisch sehr wichtigen ersten regionalen Wahlparteigremiums, Anm.), zu einem MeetUp gehen, Poster und Flugblätter runterladen, ihre Meinung im Blog posten oder eine Unterstützungsparty organisieren. Es gab kein einzelnes, besonderes Tool, das für den Erfolg der Dean Website verantwortlich war; es war die Summe aller Teile!

politik-digital.de: Howard Dean hat einmal gesagt:" Nicht wir haben das Internet gefunden, das Internet hat uns gefunden!" Nachdem Tools wie MeetUp oder Blogs bei Dean so erfolgreich waren, wurden sie sofort von den anderen Kandidaten kopiert, allerdings ohne großen Erfolg. Warum haben diese Tools gerade für Howard Dean so gut funktioniert?

Rick Ridder: Das Internet war das Medium, das die potentiellen Unterstützer der Kampagne am meisten angesprochen hat. Sie haben das Internet durchsucht und haben mit Howard Dean den Kandidaten gefunden, der ihren Ansichten am meisten entsprochen hat. Deans Botschaft hat mit den Internetaktivisten harmoniert, während die Botschaften der anderen Kandidaten dieser Gruppe weit weniger entsprochen haben.

politik-digital.de: Wenn Sie sich an Ihre früheren Kampagnen zurückerinnern, beispielsweise für Bill Clinton oder Bill Bradley, welchen grossen Unterschied hat das Internet dieses Mal für die Kampagnenführung gemacht?

Rick Ridder: Der Hauptunterschied lag darin, dass uns das Internet erlaubt hat, eine große Anzahl an freiwilligen Unterstützern schnell und günstig zu mobilisieren. Auch die Möglichkeit beim Spendensammeln, derart schnell eine so große Summe an Geld für die Kampagne aufzustellen, hat im Unterschied zu früher die Art und Weise Kampagnen zu führen entscheidend verändert.

politik-digital.de: Das Internet als Instrument von politischen Kampagnen folgt dem Bottom Up-Prinzip (von unten), z.B. Bloging. Konventionellerweise sind politische Kampagnen als Einwegkommunikationsfluss mit einer Top Down-Struktur (von oben) organisiert. Wie sind sie damit umgegangen?

Rick Ridder: Ich habe die Kampagne schon vor dem Einführen der Bottom Up-Struktur verlassen. Sie gab dem Management aber die Möglichkeit, die Meinungen der Unterstützer und Wähler zu hören. Besondere Aufmerksamkeit genossen dabei die Meinungen und Anregungen in den Blogs.

politik-digital.de: Grundideen der Dean Website waren Interaktion und die Vernetzung ihrer Unterstützer und Aktivisten, z.B. mittels des
DeanLink. Kann das Internet ein Ersatz für persönlichen Kontakt in Kampagnen werden?

Rick Ridder: Es ist kein Ersatz für persönlichen Kontakt. Persönlicher Kontakt ist noch immer die wertvollste Form der politischen Kommunikation. Das Internet ist aber ein wertvolles Medium für die Interaktion mit einem Kandidaten.

politik-digital.de: Spendensammeln ist in amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen enorm wichtig. Howard Dean hat mehr Geld über das Internet gesammelt als jeder andere Kandidat zuvor. Was ist das Geheimnis?

Rick Ridder: Da gibt es kein Geheimnis. Frage einfach so viele Leute wie möglich nach so viel Geld wie möglich, so oft und auf so viele verschiedene Arten wie möglich. Wir haben dabei mit dem Internet gearbeitet, mit Briefen, persönlichem Kontakt, Veranstaltungen bei Unterstützern zu Hause, großen öffentlichen Events, Telemarketing und starken Finance Committees, um Geld zu sammeln. Es gab keinen einzelnen Weg, um Geld zu sammeln, sondern eine ganze Reihe von Aktivitäten.

politik-digital.de: Die Kampagne von Howard Dean hat über das Netz mehr Geld gesammelt, mehr Unterstützer mobilisiert und mehr Medienaufmerksamkeit bekommen als alle früheren Internetkampagnen. Dean galt lange Zeit als Favorit für die demokratische Präsidentschaftsnominierung. Er konnte alle diese Vorteile aber zumindest vor dem ersten Supertuesday (bis zum 16.02, Anm.) nicht in Wählerstimmen und Wahlsiege bei den Vorwahlen verwandeln. Was ist schiefgelaufen?

Rick Ridder: Seine Botschaft in den Wochen vor den ersten Vorwahlen war auf den Kampagnenprozess an sich konzentriert: Unterstützungserklärungen von Prominenten, die Internetkampagne, die Gewinnchancen; aber es wurden keine inhaltlichen Positionen zu Themen kommuniziert, wie z.B. die Krise im Gesundheitssystem oder die Wirtschaftslage.

politik-digital.de: Zum Abschluss ein Kommentar zu den Internetkampagnen der anderen Kandidaten: Was hat Ihnen bei den anderen am besten gefallen und was fanden Sie am schlechtesten?

Rick Ridder: Die Kampagne von Wesley Clark hat da sehr gut gearbeitet. Wichtiger ist allerdings, dass alle Kandidaten die Tools und Ideen der Kampagne von Howard Dean übernommen haben – Blogs, MeetUps etc. In gewisser Weise, auch wenn er nicht zum Präsidenten gewählt werden sollte, wird die Kampagne von Howard Dean die Art und Weise, wie moderne Wahlkämpfe geführt werden, verändert haben.

politik-digital.de: Herr Ridder, vielen Dank für das Interview!

 

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