Data for the People: Alle Macht dem Nutzer!

Titelbild: big-data_conew1 by luckey_sun via flickr.com, CC BY-SA 2.0Gebt den Nutzern die Macht über ihre Daten zurück! Diese Position vertritt Andreas Weigend. In seinem neuen Buch „Data for the People“ wendet sich der Dozent der kalifornischen Berkeley-Universität von der klassischen Datenschutz-Debatte ab und sucht nach einer alternativen Lösung für unseren Umgang mit Daten.

„Give me data“ weist Sherlock Holmes in der BBC-Serie Sherlock seinen Assistenten Dr. Watson an. Ohne Daten zum Opfer – Familiengeschichte und Hintergrund – kann Sherlock die Tat nicht analysieren und keine Schlüsse zum Mordfall ziehen. Unternehmen wie Facebook oder Amazon unterscheiden sich diesbezüglich nur wenig vom britischen Meisterermittler, schließlich sind sie auf die Daten der Menschen angewiesen, um ihre Dienste und Werbeangebote zu personalisieren. Dass es dabei derzeit ein massives Ungleichgewicht zugunsten der Internetfirmen gibt, ist ein zentraler Punkt der Debatte rund um den Datenschutz.

Nun schaltet sich Andreas Weigend in diese Diskussion ein, setzt sich jedoch von diesem schwarzen Loch einer Debatte ab, in das alle Argumente hineingezogen werden, aber kein Konsens herauskommt. Schutz der Privatsphäre oder vielseitiger Nutzen der Daten – das ist die große Frage unserer Zeit, der sich nun auch der Dozent an der kalifornischen Berkeley-Universität annimmt. Doch auf der klassischen Datenschutz-Nutzen-Achse lässt sich Andreas Weigend schlecht einordnen, auch wenn er Privatsphäre für eine Illusion hält. Vielmehr gewinnt man bei der Lektüre des Buches „Date fort he People – Wie wir die Macht über unsere Daten zurückgewinnen“ den Eindruck, dass diese Debatte überhaupt nicht mehr den Kern der Realität trifft, sondern die Technik dem Diskurs mal wieder fünf Schritte voraus ist.

Datenanalyse unter neuen Vorzeichen

Würde man aber in diesen Kategorien denken, ist der Autor tendenziell nicht auf der Seite des Datenschutzes einzuordnen. Das gibt Weigend bereits im Vorwort offen und ehrlich zu: „Tatsächlich sind die Stasi-Unterlagen nichts im Vergleich zu dem, was ich tagein, tagaus freiwillig über mich mitteile.“ Seit mittlerweile elf Jahren veröffentlicht der Dozent an der kalifornischen Berkeley-Universität Vorlesungen, Reden und sogar detaillierte Reisepläne mit Flugnummern und Sitzplatzreservierungen.

Mit dem Wissen über Sitzplatz 16A des Lufthansa-Fluges LH455 geht nun erstmal kein konkreter Sinn oder Nutzen einher, doch der Autor legt damit letztlich nur die eigenen Maßstäbe an sich selbst an und möchte ein Zeichen für seinen Standpunkt setzen. Andreas Weigend ist davon überzeugt, dass die Vorteile eines offenen Umgangs mit Daten die Nachteile überwiegen. Dabei ist der studierte Physiker jedoch kein Verfechter der radikalen Offenlegung, sondern will die eingefahrene Situationen zwischen den Googles dieser Welt und den Verfechtern des Datenschutzes auflösen. Denn Unternehmen, die Daten analysieren und für die Verbesserung ihrer Produkte sowie der Profitgenerierung nutzen, sollten dies in Zukunft auch weiterhin tun dürfen, jedoch unter andere Vorzeichen.

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Andreas Weigend: Data for the People. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern
Murmann Publishers GmbH
ISBN: 9783867745680
26,90 €, April 2017, 352 Seiten

Transparenz und Handlungsfähigkeit

Wie der Titel des Buchs schon suggeriert, geht es um eine Ermächtigung der Bürgerinnen und Bürger. Sie sollen Rechte und Werkzeuge an die Hand bekommen, um selbstbestimmter mit ihren Daten umgehen zu können: „Worauf es ankommt, ist, dass wir Wege finden, um zu gewährleisten, dass die Interessen derjenigen, die unsere Daten nutzen, mit unseren eigenen Interessen im Einklang stehen.“ Dabei sind vor allem zwei Begriffe zentral: Transparenz (zu wissen, was die Unternehmen genau machen und die Pflicht der Unternehmen, Erkenntnisse zu teilen) und Handlungsfähigkeit (Werkzeuge, mit denen der Nutzer beispielsweise das Teilen bestimmter Daten ein- und ausschalten kann). Dafür fordert Weigend eine Reihe von Rechten wie beispielsweise die Möglichkeit eines Zugangs zu den eigenen Daten oder die Option, Daten zu ergänzen. Wichtig ist dabei letztlich, dass jeder Nutzer weiß, wie Datenunternehmen arbeiten und ein Bewusstsein entwickelt, welche Konsequenzen das Teilen sozialer Daten hat. Diese Fähigkeit sei ähnlich wichtig wie das Lesen und Schreiben.

Da wir immer mehr Daten produzieren werden und die Uhr nicht mehr zurückdrehen können, müssen wir uns mit den Vor- und Nachteilen von Sensoren und Co. abfinden und einen Weg finden, der den Nutzern mehr Macht in diesem Spiel zugesteht. Wir wissen beispielsweise, dass die Digitalisierung massive rechtliche Probleme mit sich bringt. Aber in diesem Buch wird klar, dass es mit ein paar einfachen Rechtsänderungen nicht getan ist. Es braucht eine grundlegende gesellschaftliche Debatte – und diese muss angesichts der raschen technologischen Fortentwicklung rasch erfolgen. Der Autor gibt in seinem Buch einen Einblick in die beinahe endlosen Möglichkeiten der Datenanalyse und führt dabei drastisch vor Augen, zu was die Datentechnik bereits heute imstande ist. Letztlich müssen wir als Nutzer und Gesellschaft entscheiden, wie weit die Analyse-Instrumente künftig gehen dürfen.

Auch Unternehmen in der Pflicht

Weigend erklärt an vielen Stellen, wie Unternehmen wie Amazon, Facebook oder kleinere Start-ups Daten gewinnen, analysieren und nutzen. Durch seine Erfahrungen bei zahlreichen Unternehmen wie Amazon (Chief Scientist) gibt er einen wirklich interessanten Einblick hinter die Kulissen dieser aus Kundensicht „Black Boxes“. Dabei wirkt das Buch zumeist wie eine ausführliche Vorlesungsreihe, in der die Theorie mit vielen anschaulichen Praxisbeispielen aus der Welt der Datentechnologie unterfüttert wird. Andreas Weigend gibt sich viel Mühe, die trockenen Ausdrücke der Theorie mit hilfreichen Metaphern und Vergleichen greifbar zu machen – auch wenn manchmal Begriffe wie „Privatsphäreneffizienz-Bewertung“ fallen, die nur Scrabble-Spielern große Freude bereiten dürften.

Doch nicht nur die Nutzer stehen in der Pflicht. Auch Firmen sollten sich bewusst werden, dass mit sozialen Daten respektvoll und vorsichtig umgegangen werden muss. Dazu gehört beispielsweise ein verständliches und effektives Sicherheitskonzept, dessen Stärke die Nutzer anhand einfacher Bewertungssysteme wie in der Gastronomiehygiene ablesen können.

Zwischen Differenziertheit und Euphorie

Dabei argumentiert Weigend insgesamt sehr differenziert. Trotz seiner klaren Tendenz zum offenen Umgang mit Daten sowie dem postulierten Ende der Privatsphäre beleuchtet er zumeist alle Aspekte der Debatte. Dennoch wiederholt er sich an vielen Stellen, kommt am Ende der Kapitel oft zu denselben Schlüssen und wirkt beim Aufzeigen der Vorteile der Datenanalyse gerne mal zu euphorisch. Leider bleibt ab und an der Realismus auf der Strecke, wenn er beispielsweise von den Wahlmöglichkeiten spricht, die Nutzer potenziell haben könnten, wenn sie erst die Macht über ihre Daten ergreifen würden. In der Realität ist man in monopolisierten Zweigen der Internetbranche dann doch oft zur Herausgabe bestimmter Daten gezwungen, um einen Dienst in Anspruch nehmen zu können.

Dennoch präsentiert Andreas Weigend für solche Probleme durchaus Lösungen wie „virtuelle Boykotte“, die jedoch vor allem im Rahmen seines geschlossenen Konzepts Sinn machen, aber derzeit nur schwierig umzusetzen wären. Die Vorstellungen des Autors mögen ja durchaus ihren Reiz haben, doch die konkreten Schritte zur Verwirklichung in der Realität bleibt der Autor schuldig. Dementsprechend ist das Buch eine sehr interessante Sammlung praktischer Beispiele aus der Welt von Big Data und präsentiert einen möglichen Ausweg aus der festgefahrenen Debatte, jedoch bleiben am Ende zu viele Fragen offen.

 

Titelbild: big-data_conew1 by luckey_sun via flickr.com, CC BY-SA 2.0

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