Das haben wir uns verdient – Anmerkungen zum „Kanzlerduell“ zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück

Nixon_Kennedy_Duell_1Am kommenden Sonntag erlebt der bislang ereignisarme Bundestagswahlkampf seinen ersten Höhepunkt, Angela Merkel und Peer Steinbrück treten zum so genannten Kanzlerduell an. Exakt drei Wochen vor dem Wahltermin stellen sich die Spitzenkandidaten von CDU und SPD einem Journalisten-Quartett und bearbeiten die zuvor sorgsam ausgearbeitete Agenda aus innen- und außenpolitischen Themen, am Ende sicherlich gewürzt von einer Prise Regierungsbildungsvorausschau.

Seit der Einführung im Jahr 2002 (wir erinnern uns: zwei Mal traten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber gegeneinander an) hat das Duell-Format für viel Gesprächsstoff gesorgt und das ist auch in diesem Jahr der Fall. Allerdings geht es im Vorfeld nicht so sehr um inhaltliche oder formale Fragen, die für oder gegen die prominente Gesprächsrunde sprechen – sondern vor allem um eine Personalie, nämlich die Berufung des ProSieben-Moderators Stefan Raab an die Seite der Duell-erprobten Fragesteller Anne Will (ARD), Maybritt Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL).

“Licht aus, Spot an”, so heißt das Motto unserer Kolumnenreihe “Wahlspots”, in der ausgewählte Autoren ihren Fokus auf spannende Phänomene und Geschichten des aktuellen Bundestags-wahlkampfs richten. Wöchentlich erscheinen die Texte sowohl auf politik-digital.de als auch auf cicero.de.

Anlässe für eine substanzielle Debatte um die Wertigkeit, Bedeutung und Effekte des Kanzlerduells gibt es genug, da wäre als erstes der Zeitpunkt: aus der US-amerikanischen Debattenforschung ist bekannt, dass frühe Ansetzungen günstig für die Kandidaten sind, denn etwaige Fehler können bis zum Wahltag noch korrigiert werden. Den gleichen Effekt haben die Kolleginnen und Kollegen aus der Kommunikationswissenschaft auch in Deutschland festgestellt. Man sollte vielleicht kurz darüber nachdenken, ob die Kampagnenvertreter den Termin mit Bedacht ausgewählt haben – oder ob sie die Duell-relevante Forschung schlichtweg nicht interessiert. Allerdings entsteht hierzulande ein interessanter Nebeneffekt – denn das Duell könnte sich besonders auf Briefwähler auswirken, die ihre Stimme zeitnah zur prominenten Fernsehsendung abgeben.

Diskutieren ließe sich auch über das Fehlen weiterer Duelle oder eine Aufteilung in zwei Sendungen mit eigenen Themenschwerpunkten und Sendeumgebungen, zum Beispiel in eine Kleinserie aus „öffentlich-rechtlicher“ und „privater“ Debatte – Zeit genug dafür ist bis zum Wahltermin ja noch genug. Ein solches Splitting hätte nebenbei den Vorteil, dass dem Politiker-Duo weniger Journalisten gegenüberstehen würden und nicht eine unhandliches Quartett, das zudem viel Sendezeit durch mühsam choreografiertes Fragestellen verbraucht. Ebenfalls keine Chance haben in Deutschland die offeneren Formate einer Townhall-Debatte von Kanzlerin und Herausforderer, die Raum für die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen und eine Abwechslung zum Frage-Antwort-Spiel im sehr starren 4:2-System bieten könnten. Immerhin haben sich in den letzten Jahren im Verbund mit den Duell-Erfahrungen auf der Landesebene Ausgleichsformate entwickelt, die die Struktur des deutschen Mehrparteiensystems reflektieren und auch den Vertreterinnen und Vertretern der kleinen Parteien Sendezeit bieten. Allerdings stehen diese Formate mit dem seltsamen Beinamen „Triell“ deutlich im Schatten der großen Bühne des Kanzlerduells.

Und so konzentriert sich das Interesse der Beobachter vornehmlich auf die Frage, warum mit Stefan Raab ein Vertreter des Unterhaltungsfernsehens in die exklusive Riege der Duell-Moderatoren gefunden hat. Marcus Jauer bemüht hierzu in der FAZ (23.8.2013) das Archiv und findet in einem Spiegel-Interview mit Edmund Stoiber den Anstoßpunkt für die scheinbar ungewöhnliche Personalie – zu Jahresbeginn hatte das bayrische Beiratsmitglied der Sendergruppe ProSiebenSat.1 den Vorschlag gemacht, mit Raab eine „Ankerperson“ in die Debatte zu entsenden, die auch ein jüngeres Publikum ansprechen könne. Dieser zunächst von Peer Steinbrück und dann von vielen anderen kritisierte Vorschlag trägt immerhin der Annahme Rechnung, dass es sich beim Kanzlerduell um ein politisches Bildungsformat handelt, das unabhängig von Inhalten und Personen eine möglichst hohe Reichweite erzielen soll, um überhaupt auf die Wahl aufmerksam zu machen – in Zeiten rapide sinkender Wahlbeteiligung kein völlig falscher Ansatz.

In der Rekonstruktion der Ereignisse seit Stoibers Besetzungsvorschlags notiert Jauer den bemerkenswerten Halbsatz, „dass die Sender die Moderatoren für das Fernsehduell immer noch selbst aussuchen“ und verweist damit ungewollt auf das eigentliche Dilemma der deutschen Kanzlerdebattenkultur. Die scheinbare Selbstverständlichkeit einer Gestaltungsautonomie der „Ausrichterseite“ ist das Kernproblem, an dem die Debatten seit 2002 zu leiden haben: es gibt weder eine Regelungsinstanz noch verbindliche Regeln für die Durchführung von „Kanzlerduellen“ in Deutschland, das Format ist schutzlos einem Klüngel aus Medien und Politik ausgeliefert, der alle vier Jahre darum feilscht, wer mit wem wie oft in welcher Länge über welche Fragen reden darf.

Die „Kanzlerduelle“ – und auf Länderebene analog die „Ministerpräsidentenduelle“ – sind ein Resultat des über Jahrzehnte gewachsenen dualen Rundfunksystems, dessen je aktuelle Grundstruktur über die Gestaltung des reichweitenstärksten politischen Sendeformates entscheidet. Oder anders gesagt: eine kleine Gruppe von Senderverantwortlichen verhandelt mit einer noch kleineren Gruppe von Kampagnenverantwortlichen darüber, wer, was und wie gesendet wird.

Das Fehlen einer übergeordneten Organisationsstruktur nach dem Muster der US-amerikanischen „Commission on Presidential Debates“, die nicht nur Anzahl, Dauer und Debattenformat vorgibt, sondern auch die Moderatoren- und Kandidatenauswahl bestimmt, hat zur Vereinnahmung des Formats durch den „medial-politischen Komplex“ (Hans-Jürgen Bucher) geführt.

Der Auftritt des Entertainers Stefan Raab in einem als politisch geltenden Sendeformat lässt sich daher verstehen als Ausdruck der Unterhaltungsdominanz, die die gesamte Fernsehlandschaft durchzieht. Die private Säule des dualen Rundfunksystems findet so eine sehr gute Abbildung im Quartett der Fragesteller, die öffentlich-rechtliche Säule ist gefordert, mit Kompetenz im Bereich des politischen Journalismus dagegenzuhalten. Unter den gegebenen Bedingungen ist dies noch die spannendste Frage, die das Kanzlerduell aufwirft: sind politische Gesprächssendungen in Deutschland Informations- oder Unterhaltungsangebote?

Und so lange es kein geordnetes Duell-Management durch eine unabhängige Organisationsstruktur gibt, besteht überhaupt kein Grund zur Aufregung um die Personalie Stefan Raab – denn jedes Land bekommt das Duell, das es verdient.

 

Bilder: Dave Winer, (CC BY-SA 2.0)

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