Das Beste beider Welten – Rezension: „Internet und Partizipation“

7221714496_f69f5f5c05_zZwischen Fortschrittseuphorie und Technikangst vereint der Sammelband „Internet und Partizipation“ wissenschaftliche Forschung mit Eindrücken aus der Praxis und bietet so das Beste beider Welten: einen faktenreichen Überblick über die Trends politischer Partizipation im Internet.

Nein, einen umfassenden und systematischen Überblick stelle der Sammelband nicht dar, präzisiert die Herausgeberin Kathrin Voss und grenzt den Band so gleich zu Beginn von jenen Publikationen ab, die mit Versprechungen auf totale Aufklärung locken. Aber unbedeutend sind die Inhalte darum noch lange nicht. Der Band mit dem Untertitel „Bottom-up oder Top-down? Politische Beteiligungsmöglichkeiten im Internet“ verortet sich im Spannungsfeld von Fortschrittseuphorie und Technikangst. Ermöglicht das Instrumentarium des Web 2.0 normalen Bürgern mehr Gewicht bei politischen Entscheidungen? Welche Instrumente sind dazu besonders dienlich, welche weniger? Oder droht vielmehr ein Verfall der politischen Kultur? Dazu sei besonders der Beitrag von Gerhard Vowe empfohlen.

Das erste Kapitel versammelt Beiträge zur Dimension zivilgesellschaftlichen Engagements im Internet. Demgegenüber beschäftigt sich das zweite Kapitel mit internetgestützter Parteimitarbeit und berücksichtigt besonders die SPD, die Grünen und die Piratenpartei. Im letzten Kapitel werden staatlich organisierte Partizipationsangebote, wie BürgerForen, Bürgerhaushalte oder Konsultationen über Gesetzesentwürfe beleuchtet.

Ein gelungenes Mosaik aus Wissenschaft und Praxis

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Voss, Kathrin (Hrsg.): Internet und Partizipation – Bottom-up oder Top-down? Politische Beteiligungsmöglichkeiten im Internet. Reihe: Bürgergesellschaft und Demokratie. Wiesbaden: Springer VS, 2014, € 39,99

Der Sammelband überzeugt vor allem mit dem gelungenen Konzept, wissenschaftliche Forschung mit anwendungserprobter Praxis zu verbinden. So ist jedem Kapitel der Aufsatz eines Wissenschaftlers vorangestellt, die oder der den aktuellen Stand der Forschung zum jeweiligen Thema zusammenfasst. Darauf folgen vier bis fünf Aufsätze sowohl von Wissenschaftlern wie Praktikern, die auf einen ausgewählten Aspekt fokussieren. Jeden für sich genommen, böten diese spezialisierten Aufsätze keine Antworten auf die Fragen nach dem politischen Potential des Internets. Zusammengenommen aber ergeben die einzelnen Beiträge, einige davon bereits in renommierten Fachzeitschriften erschienen, eine detaillierte Illustration der wissenschaftlichen Thesen.

Trend in den Parteien

So pointieren die Beiträge zur Bedeutung des Internets für SPD, Grüne und Piratenpartei im zweiten Kapitel die Thesen des Politikwissenschaftlers Christoph Bieber. Er identifiziert  eine Art digital-partizipatives Wettrüsten der Parteien, hervorgerufen durch die rasante technische Entwicklung sowie die Etablierung der Piraten,  kontinuierlich befeuert durch Wahlkämpfe . Dass daraus aber nicht notwendigerweise echte Partizipationsangebote resultieren, zeigt der Beitrag von Katharina Hanel und Stefan Marschall. Sie nehmen ein Experiment der SPD unter die Lupe und kommen zu dem Schluss, dass die „gelebte […] Öffnung der Partei“ (Aussage der SPD) bis auf Weiteres im Stadium reiner Symbolpolitik verbleibt.

Warnung vor Zustimmung per Mausklick

Wie gut sich die einzelnen Beiträge teilweise ergänzen, zeigt sich unter anderem, wenn Dieter Rucht bezüglich der Bedeutung von Online-Mobilisierung für Offline-Proteste andeutet, was Kathrin Voss einige Seiten später mit ausgewählten Beispielen konkretisiert. Politische Kampagnengruppen haben im Netz derartig zugenommen, dass ein Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer entbrannt ist.  Online-Kampagnen seien zur „Massenware auf dem Markt politischer Handlungsaufrufe“ geworden, wie Voss urteilt.

Die vormals geringen Kosten von Online-Protestaufrufen relativieren sich inzwischen. Mit der kontinuierlichen Aktualisierung des eigenen Internetauftritts sowie der Bereitstellung von interaktiven Tools und dem Zwang zur Eigenwerbung steigt der Aufwand für Online-Protestaktionen immer weiter an. Ihrer Überpräsenz wegen wird den „Zustimmungsbekundungen per Mausklick“, wie Kathrin Voss überzeugend erläutert, von politischen Entscheidungsträgern weit weniger Gewicht zugesprochen als Demonstrationen, den etablierten Medien und analogen Unterschriftenlisten. Je größer die Gesamtzahl der Online-Kampagnen, desto geringer erscheint die Wirkung der einzelnen Aktion. Zusammengenommen gelingt es allen Autoren, die Diskussion um Internet und Partizipation um zahlreiche Farbschattierungen jenseits des Schwarz-Weiß-Schemas zu erweitern, in dem die Thematik teilweise immer noch verhandelt wird.

Fazit

Der Sammelband führt einige der wichtigsten deutschsprachigen Wissenschaftler, wie die Professoren Dieter Rucht oder Herbert Kubicek, mit langjährigen Praktikern zusammen, wie Malte Spitz (Vorstandsmitglied von Bündnis 90/ Die Grünen), oder zebralog-Gründer Matthias Trénel, und bringt die Debatte um die Bedeutung des Internet für die politische Partizipation voran. Als besonders fruchtbar erweist sich das weitgefasste Verständnis von Partizipation, das den Beiträgen zugrunde liegt. Ob Engagement, Mitarbeit, Beteiligung oder Protest: Durch die Integration der verschiedenartigen Facetten des Partizipationsbegriffs bietet die Publikation einen Überblick, der sich als umfassender erweist, als vieles, was bisher auf dem Markt erschienen ist. In diesem Sinne ist vielleicht das Einzige, was man der Herausgeberin vorwerfen kann, übertriebene Bescheidenheit.

Bilder: oben: zoonabar (CC BY-SA 2.0), Buchcover: © Springer VS

Buch-Cover von Marina Weisband

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