Crowdsourcing für den Frieden: Kriegsberichterstattung aus Syrien

interaktive Karte von SyriatrackerIm Internet kursieren unendlich viele Berichte über den Bürgerkrieg in Syrien, doch die Nachrichtenlage ist chaotisch. Mit dem Ziel, eine Übersicht zu schaffen, sammeln Aktivisten die Daten aus sozialen Netzwerken und der Presse im Internet. Auf Portalen wie “Syriatracker“ und “Women under Siege Syria“ werden die Daten zusammengeführt und sortiert.

Während die Lage in Syrien sich immer weiter zuspitzt, werden die Verbrechen auf den Crowdsourcing-Plattformen syriatracker.com  und womenundersiegesyria.crwodmap.com sichtbar gemacht. Seit April dieses Jahres können Augenzeugen Berichte über die Kriegshandlungen anlegen und so Beweise für künftige Gerichtsverfahren sammeln.

So finden sich auf Syriatracker Vermisstenanzeigen und Berichte über Morde, Festnahmen, Flüchtlingszahlen sowie Trinkwasser- und Nahrungsverschmutzung. Inzwischen sind 2.300 Beiträge auf dem Portal gelistet, täglich kommen etwa fünf neue hinzu. Bei einem Großteil handelt es sich um Crossposts von anderen Internetseiten, direkte Augenzeugenberichte sind meist mit Fotos und Videos von Facebook, Twitter und YouTube belegt. Man sieht furchtbare Fotos und Videos von Toten und Verletzten sowie Erfahrungsberichte, die das Ausmaß der Straßenschlachten auf grauenerregende Weise verdeutlichen. Für den Betrachter sind die Bilder und Berichte kaum zu ertragen. Wer will, kann sich mit der Alert-Funktion per Mail oder SMS über Vorkommnisse in einer bestimmten Region benachrichtigen lassen.

Die Auswertung der Crowdmap wird direkt mitgeliefert

Auch die Nichtregierungsorganisation Women Media Center aus New York bemüht sich, Kriegsverbrechen in Syrien zu kartographieren. Auf der von ihr betriebenen Website Women under Siege Syria sind bereits 80 Berichte von sexueller Gewalt im Rahmen der Kampfhandlungen aufgeführt. Das Hauptanliegen der Aktivistinnen ist es, nachzuweisen, dass Vergewaltigungen häufig einen Aspekt der Kriegsführung ausmachen. Women under Siege recherchierte bereits über sexuelle Gewalt im Holocaust, im Bosnienkonflikt und im Kongo. Die Crowdmap über Sexualstraftaten im syrischen Bürgerkrieg ist Teil ihres Programms.

Doch Women under Siege sammelt nicht nur Daten, sondern bietet gleichzeitig eine Interpretation an. Die von Internetnutzern weltweit gesammelten Fakten werden deshalb in Hintergrundartikeln in einem begleitenden Blog  von der Koordinatorin des Projekts Lauren Wolfe eingeordnet und kommentiert. Im Auftrag der Vereinten Nationen wertete sie die Crowdmap aus und fasste kürzlich in einem Bericht für die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates die Informationen zusammen.
Die US-Nichtregierungsorganisation will nicht nur die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren, sondern auch konkrete Beweise für potentielle Gerichtsverfahren sammeln. Darüber hinaus soll – sobald die Sicherheitslage es zulässt – medizinische wie auch psychologische Hilfe in der Krisenregion geschickt werden. Auch die Expertin für medizinische Versorgung in Krisengebieten Catherine M. Mullaly von der Harvard Medical School in Boston ist Teil des Teams.

Weitere Portale sammeln mit unterschiedlichen Schwerpunkten Nachrichten aus Syrien. Die Betreiber der Seite syrianshuhada.com haben es sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, die Toten zu zählen. Sie weisen jedem Toten eine „Märtyrer-ID“ zu und zählen bereits mehr als 22.600 Tote, um auf die täglich steigende Zahl der Opfer aufmerksam zu machen.

Syriatracker und Women under Siege Syria verwenden die Open Source-Software Ushahidi für ihre Crowdmaps, die hauptsächlich von Freiwilligen aus Afrika, aber auch aus Europa und Nord-und Südamerika entwickelt wird. Erstmalig wurde die Software 2008 in Kenia im Zusammenhang mit den den Unruhen nach der Präsidentschaftswahl eingesetzt. Auch nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti und während der Aufstände in Libyen und Ägypten fanden die interaktiven Karten Verwendung, um Informationen zu sammeln und zu visualisieren. Die Websites sind mehrsprachig angelegt, so dass Menschen in den Krisenregionen und ausländische Medienbeobachter sich gleichermaßen informieren können.

Die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit der Quellen

Um das Leben der berichtenden Augenzeugen zu schützen, bleiben die syrischen Mitarbeiter von Women under Siege und Syriatracker anonym. Doch die Anonymisierung erschwert auch die Verifizierung der Berichte. Syriatracker prüft laut eigenen Angaben den Gehalt der veröffentlichten Berichte. Und auch die Betreiberinnen von Women under Siege Syria versprechen, demnächst ein Expertenteam nach Syrien schicken, um eigene Nachforschungen anzustellen. Derzeit kann jeder Besucher der Websites die Glaubwürdigkeit der einzelnen Berichte bereits beurteilen.

Auch für Journalisten stellt sich die Frage, wie vertrauenswürdig die Informationen von Crowdsourcing-Portalen aus Krisengebieten sind. Der Schweizer Journalist und Social Media-Experte Konrad Weber fasst den Wert deratiger Portale für seine Berufskollegen folgendermaßen zusammen: “Wer als Journalist aus Syrien berichtet, sollte Syriatracker und Women under Siege Syria kennen. Solche Websites mit aggregierten Informationen aus einem Gebiet, aus dem nur schwer Informationen dringen, dienen in erster Linie der Übersichtlichkeit“. Im Interview mit politik-digital.de empfiehlt er, für die Verifikation der Ereignisse weitere Informationen hinzuziehen: „Ich kenne einige Redaktionen, die deshalb direkt auf Betroffene in Syrien zugehen. Auch Korrespondenten vor Ort bauen ihr eigenes Netzwerk auf – geschlossene Facebook-Gruppen und Blogs helfen ihnen dabei“

Bei der Überprüfung von Informationen geht es jedoch nicht nur darum, ob die Fakten stimmen. Wie sollte ein Journalist mit Daten umgehen, die eine Nichtregierungsorganisation wie Women under Siege selbst interpretiert? Auch ihre Daten gilt es zu nutzen, meint Weber: „Meist haben diese Organisationen, die direkt vor Ort sind, bessere Voraussetzungen als Journalisten, um große Datenmengen zu erheben. Trotzdem gilt – wie auch bei allen anderen journalistischen Quellen – dass wir Journalisten immer von verschiedenen Seiten recherchieren und die meist diffusen Informationen kritisch hinterfragen sollten“.

Hauptsächlich Außenstehende informieren sich per Crowdmap

Für die Betroffenen selbst spielen Crowdsourcing-Portale meist keine Rolle. Versucht man beispielsweise aus den Twitter-Followern von Syriatracker auf die Gesamtheit der Besucher der Website zu schließen, so ergibt sich eine Zielgruppe aus westlichen Journalisten, Aktivisten und syrischen Auswanderern, die sich über den Bürgerkrieg mithilfe der Crowdmaps informieren. Der Architekt Bassam Sabour, der bis vor wenigen Wochen in Damaskus lebte und sich derzeit in Hamburg aufhält, bestätigt den Eindruck, dass in Syrien selbst Informationen hauptsächlich über persönliche Kontakte ausgetauscht werden. Sabour informiert sich hauptsächlich per Telefon oder Fernsehnachrichten über die „schmerzhafte und katastrophale“ Lage in Syrien. Seine Online-Kommunikation beschränkt sich auf Facebook-Nachrichten, E-Mails, Skype- und Messenger-Chats. Öffentliche Kommentare verfasst er im Internet nur ganz selten.

Außenstehenden liefern die Crowdsourcing-Portale jedenfalls ein anschaulicheres Bild des Bürgerkriegs, indem sie allgemein gehaltene Nachrichten aus den hiesigen klassischen Medien mit Einzelschicksalen verknüpfen. Die Verifikation der gesammelten Daten bleibt jedoch eine große Herausforderung, der sich insbesondere Journalisten weiterhin stellen müssen. Crowdsourcing-Portale stellen eine sinnvolle Ergänzung zur Datenbeschaffung in Krisengebieten dar, die den persönlichen Austausch von Informationen jedoch nicht ersetzten können. Im Jahr 2008 nutzten 45.000 Menschen die kenianische Crowdmap. Das Format hat offenbar Potenzial.

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