Crowdfunding: das Alles-oder-Nichts-Prinzip


Das Vokabular der Netzgemeinde ist seit ein paar Jahren um einen schillernden Begriff reicher: „Crowdfunding“, die sogenannte „Schwarmfinanzierung“. Was sich hinter dem Konzept verbirgt und ob es sich um ein nachhaltiges Phänomen oder nur einen Trend handelt, klären wir im Interview mit Anna Theil von der Crowdfunding-Plattform startnext.de.

politik-digital.de: Können Sie kurz die Grundidee des Crowdfunding erklären? In welchen Bereichen wird Crowdfunding eingesetzt?

Anna Theil: Das Crowdfunding-Prinzip ist eigentlich recht einfach: Viele Menschen finanzieren gemeinsam eine Projektidee. Die Besonderheit dabei ist, dass ich als Unterstützer für meinen finanziellen Beitrag in der Regel ein Dankeschön von dem Projektinitiator bekomme. Das kann das fertige Produkt, eine Einladung zur Premiere oder ein Besuch im Modeatelier sein – die Auswahl der Dankeschöns hängt von der Kreativität des Initiators ab.

Als alternative Finanzierungsmöglichkeit wird Crowdfunding vor allem für kreative Projekte erfolgreich eingesetzt. Es entstehen aber immer mehr Plattformen, die zeigen, dass sich die Crowdfunding-Idee auch auf andere Bereiche übertragen lässt. So starteten im letzten Jahr beispielsweise die ersten Plattformen, über die Startups gemeinsam finanziert werden können und bei dem die Investoren an möglichen Gewinnausschüttungen beteiligt werden.

politik-digital.de: Wie funktioniert Crowdfunding konkret? Was mache ich, wenn ich ein überzeugendes Projekt verfolge und es über Crowdfunding finanzieren will?

Anna Theil: Die Erstellung eines Crowdfunding-Projektes ist bei allen Crowdfunding-Plattformen relativ ähnlich. Der Projektinitiator beschreibt seine Idee mit Texten, Bildern und einem Video, setzt eine Finanzierungshöhe sowie einen -zeitraum fest, bis wann er das Budgetziel erreichen möchte. Er erstellt Dankeschöns in gestaffelter Höhe, die seine Fans als Gegenleistung für ihre finanzielle Unterstützung erhalten. Schließlich kommuniziert der Projektinitiator sein Projekt in seinem Netzwerk und bei seinen Fans. Das Geld bekommen die Projektinitiatoren beim Großteil der Plattformen nur ausgezahlt, wenn das Budgetziel erreicht wird, nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip. Gelingt das nicht innerhalb der geplanten Zeit, geht das Geld wieder an die Unterstützer zurück und kann in neue Projekte gegeben werden.

politik-digital.de: Gibt es prominente Beispiele, bei denen Crowdfunding zu einem nachhaltig erfolgreichen Produkt geführt hat?

Anna Theil: Das Projekt „Hartz IV Möbel“ des Architekten Van Bo Le-Mentzel ist ein spannendes Projekt, da es zeigt, dass Crowdfunding ein nachhaltiges Finanzierungsmodell ist. Nachdem Van Bo Le-Mentzel schon sein erstes Projekt erfolgreich über die Plattform Startnext finanziert hat, wollte er auch sein zweites Projekt – ein Buch über seine Hartz IV Möbel – über die Crowd finanzieren. Indem er die Crowd von der Ideenfindung über die Finanzierung bis hin zur Umsetzung der Idee in den kreativen Prozess eingebunden hat, ist es ihm gelungen, 350 Unterstützer für seine Idee zu gewinnen und das Buch zu 260 Prozent zu überfinanzieren. Der Erfolg seiner Kampagne führte u.a. dazu, dass ein großer Kunstverlag auf Van Bo Le-Mentzel aufmerksam geworden ist und das Buch in das Verlagsprogramm aufnimmt. Das Buch wird im Juli dieses Jahres erscheinen und die Unterstützer warten natürlich schon darauf.

politik-digital.de: Und die andere Seite? Was habe ich davon, ein Projekt zu unterstützen? Wie funktioniert die Beteiligung? Wie steht es mit der Transparenz?

Anna Theil: Crowdfunding verändert meines Erachtens vor allem die Art und Weise, wie das Publikum an kreativen Projekten partizipieren kann. Die Motivationsgründe für die Unterstützung von Crowdfunding-Projekten sind vielfältig: Für den einen ist es die Möglichkeit, neue Ideen zu entdecken, diese zu verfolgen und mit dem eigenen Beitrag die Realisierung zu ermöglichen. Für den anderen sind die Dankeschöns ein großer Anreiz, um sich an Crowdfunding-Projekten zu beteiligen; das entspricht dann eher dem Konsumgedanken.

Da die Crowdfunding-Prozesse in der Regel öffentlich und transparent stattfinden, macht der Unterstützer sein Engagement sichtbar und baut Reputation auf bzw. profitiert möglicherweise auch von der Reputation des Projektinitiators. Die Motivation, dies öffentlich zu tun, ist zeitgemäß und entspricht denselben Gründen, weswegen soziale Netzwerke heute überhaupt so erfolgreich sind.

politik-digital.de: In gewisser Weise ist Crowdfunding ein sehr basisdemokratisches Modell. Kollektive Teilhabe am und Einflussnahme auf den Realisierungsprozess einer Idee sind wesentlich. Gleichzeitig wird die traditionelle Aura des Künstlers bzw. der Kunsterschaffung durch diese Teilhabe relativiert. Wie positionieren Sie sich in diesem Konflikt?

Anna Theil: Die Kreativen, die ein Crowdfunding-Projekt starten, sehen genau die frühzeitige Einbindung des Publikums als große Chance an. Das Publikum gibt den Projektinitiatoren wichtiges Feedback, um neue Ideen zu bekommen, das Projekt zu verbessern und es in vielen Netzwerken bekannt zu machen. Die Crowd wird damit zum Unterstützer, Ratgeber und Multiplikator.

politik-digital.de: Kulturkonservative könnten befürchten, dass das Crowdfunding-Modell der staatlichen Kulturförderung mittelfristig den Rang abläuft. Kulturpessimisten könnten sagen, dass dies einen Qualitätsverlust von Kunst-und Kulturförderung nach sich zieht – Ihre Meinung dazu?

Anna Theil: Crowdfunding ist aus meiner Sicht eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zur öffentlichen Kulturförderung. Die öffentliche Kulturförderung hat ja einen politischen Auftrag – daran ändert Crowdfunding nichts. Um Crowdfunding mit öffentlicher Kulturförderung zu verbinden, arbeiten wir an sogenannten Cofunding-Modellen, bei denen die Förderzusage an die Zusage der Crowd gekoppelt wird. Während die Förderinstitutionen bei einem Cofunding-Modell weiterhin für Qualitätsanspruch stehen, liefert die Crowd die gesellschaftliche Relevanz. Solche Modell erfordern allerdings ein Umdenken im Hinblick auf die Frage, was ich dem Publikum zutraue.

politik-digital.de: Seit April 2011 sind Sie Mitveranstalterin von Crowdfunding-Konferenzen. Sie betonen auf Ihrer Website co:funding.de, dass sich dort Menschen aus unterschiedlichen Bereichen (Kreative, Leute aus der Kulturwirtschaft, Finanzexperten) zusammenkommen. Kommen konkrete Projekte dabei heraus?

Anna Theil: Die co:funding Konferenz haben wir ins Leben gerufen, um über die Potenziale von Crowdfunding auf einer größeren Bühne zu diskutieren. Ein wichtiger Teil davon ist, neue, laufende oder abgeschlossene Crowdfunding-Projekte vorzustellen und zu diskutieren. Konkrete Crowdfunding-Projekte entwickeln wir eher in den co:funding-Workshops.

politik-digital.de: Was wird Thema sein in dem Workshop „Fans finanzieren Kultur“, der am 26. Mai vom Büro für Qualifikation und Vermögen (BQV) veranstaltet wird?

Anna Theil: In dem Workshop werden wir uns sehr praxisnah mit Crowdfunding auseinandersetzen, u.a. mit folgenden Fragen: Wie kann ich ein Crowdfunding-Projekt erfolgreich durchführen? Auf was muss ich achten und wo sind die Hürden, wenn ich ein Projekt über die Crowd finanzieren möchte?

politik-digital.de: Wenn Crowdfunding idealerweise ein Weg ist, eine größere Autonomie und Reichweite von Kulturschaffenden zu gewährleisten, dann müssten Platten-und Produktionsfirmen – also die Verwerter und „Zwischenhändler“ von Kulturgütern – doch ein Feindbild in diesem Modell sehen, oder? Wie ist Ihr Eindruck, wie ist der Stand der Diskussion diesbezüglich?

Anna Theil: Eine spannende Frage, da wir hier zwei unterschiedliche Entwicklungen beobachten können. Auf der einen Seite nutzen Labels, Verlage oder andere Kreativunternehmen dieses Instrument selbst, da es ihnen vollkommen neue Möglichkeiten für eine Potenzial- und Marktanalyse bietet. Auf der anderen Seite nutzen die „Zwischenhändler“ Crowdfunding-Plattformen mehr und mehr, um Projekte noch im Ideenstadium zu entdecken und die Kreativen direkt anzusprechen. Das Beispiel, das ich vorhin genannt hatte mit dem Hartz IV Möbel-Buch und dem Kunstverlag verdeutlicht diesen Prozess sehr gut, und ich bin überzeugt davon, dass es zukünftig mehr solche Beispiele geben wird.

politik-digital.de: Ist Crowdfunding nur ein flüchtiger Trend der Generation Internet, wie einige behaupten? Was entgegnen Sie Kritikern?

Anna Theil: Crowdfunding ist keineswegs ein kurzfristiger Trend. Die bisherigen Erfahrungen, wachsenden Summen und die Geschichten der Projekte zeigen, dass es ein weiterer Finanzierungsbaustein für kreative Projekte ist und an Bedeutung gewinnen wird. Crowdfunding wird sich in dem Maße etablieren, wie digitale Netzwerke und digitale Geschäftsprozesse an Bedeutung gewinnen. Davon bin ich überzeugt.

Anna Theil in der Berliner Gazette: Geld sammeln im Netz – aber wie?

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