CoLab: Die offene Denkfabrik schaut zurück und blickt nach vorn

Tobias Schwarz/Collaboratory, CC BY 4.0Am Mittwoch hat der Collaboratory e. V. zur netzpolitischen Winterfeier samt Speednetworking und Glühwein eingeladen. Geschäftsführer Sebastian Haselbeck nutzte die Gelegenheit, einen Blick zurück auf ein spannendes und projektreiches Jahr 2013 zu werfen und einen Ausblick auf 2014 zu geben. Philipp Müller plädierte in einem Vortrag für eine digitale Realpolitik.

Im BASE_camp in Berlin Mitte kamen am Mittwochabend Freunde und Experten des Collaboratory zusammen. Die „Experten- und Interventionsplattform“ des Internet und Gesellschaft Collaboratory (kurz CoLab) baut auf einen kleinen verwaltenden Kreis, der die projektbezogene Arbeit mit externen Experten koordiniert. Ziel des Vereins ist es, so Haselbeck in seiner Begrüßung, nicht nur „zu Debatten beizutragen“, sondern sie auch „anzustoßen“. Dazu soll vor allem eine offene und plurale Arbeitsweise beitragen: Jeder kann dem „Lenkungskreis“ des CoLab Projekte zu allen Themen vorschlagen, die sich in dem Spannungsfeld zwischen Internet und Gesellschaft verorten. Wird eine Initiative angenommen, dann werden zusätzlich zum externen Projektleiter über eine offene Bewerbungsphase bis zu 35 Experten gesucht, die möglichst aus unterschiedlichen Bereichen und Institutionen mit ihren jeweiligen Blickwinkeln kommen.

Das Internet und Gesellschaft Collaboratory e. V. wurde 2010 von Google Deutschland angestoßen und ist seit 2012 ein gemeinnütziger Verein mit dem Ziel, interdisziplinär und praxisbezogen die Wechselwirkung zwischen Internet und Gesellschaft mit möglichst vielen Stakeholdern zu untersuchen.
Der Einstieg in eine Expertengruppe ist so niedrigschwellig wie möglich gehalten. Jeder Interessierte kann sich mit einem Online-Formular bewerben. Gemeinsam mit dem Leiter der Initiative entscheidet der Lenkungskreis über die Teilnehmer. Ziel ist es, eine möglichst heterogene Gruppe von Akteuren zusammenzustellen. Dabei arbeiten Experten nicht zwingend als Vertreter von Institutionen mit, sondern nehmen aus persönlicher Motivation mit ihrem jeweiligen Blick auf ein Thema teil. Der Austausch ist sehr offen, die Zusammenarbeit zwischen den selbst ernannten „Experten“ soll auf Augenhöhe stattfinden. Die so zusammengestellten Gruppen arbeiten in Eigeninitiative drei bis sechs Monate an ihrem Thema; die Ergebnisse werden schließlich im Internet und als gedruckte Publikationen öffentlich zur Verfügung gestellt.

Eine Kostprobe dieser offenen Arbeitsweise konnten die Teilnehmer an der Winterfeier beim entspannten Speednetworking nach dem „offiziellen Teil“ erhalten, indem sie auf einen Gongschlag alle vier Minuten die Gesprächspartner wechseln und sich so mit einer Vielzahl von Gästen austauschen konnten.

Anfang des Jahres hatte sich die 7. Initiative des CoLab mit den Chancen und Herausforderungen der digitalen Medien für Lernen und Bildung beschäftigt. Die 8. Initiative „Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt“ suchte und fand Antworten auf die Frage, wie Zeugnisse der kulturellen und wissenschaftlichen Arbeit der Nachwelt in Zeiten erhalten bleiben können, in denen diese zunehmend digitale Formen annehmen. In Zusammenarbeit mit dem internationalen Blogger-Netzwerk FutureChallenges.org der Bertelsmann Stiftung arbeitete die 9. Initiative schließlich zu „Globalisierung und Internet“, mit einem Schwerpunkt auf supranationale Abkommen wie ACTA und TAFTA. Die Ergebnisse sind als Debattenmagazin sowohl online als auch an Kiosken erhältlich. Zusätzlich brachte der Lenkungskreis des CoLab auch in diesem Jahr wieder gemeinsam mit Prof. Wolfgang Kleinwächter zwei Exemplare der Diskussions- und Streitschriften „MIND“ heraus, die „Multi-Stakeholder“-Dialoge zu verschiedenen Themen abbilden sollen.

In seinem Rückblick auf das Jahr 2013 aus netzpolitscher Perspektive ist laut Prof. Philipp Müller, Mitglied des Lenkungskreises, „viel kaputt gegangen“, aber auch „viel geschaffen worden“. In seinem Vortrag „netz.macht.politik – Ein Aufruf zu einer Digitalen Realpolitik“ erörterte er das theoretische Potenzial von Machiavelli für die heutige Netzpolitik. Sein Fazit: Digitale Politik unterliegt Bedingungen, die im Kontext nur teilweise veränderbar sind. Die Fähigkeit, zwischen veränderbaren und unveränderbaren Strukturen zu unterscheiden, sowie die Fähigkeit, Momente zu erkennen, in denen Veränderung möglich ist, sei, so Müller, die Kernfunktion von Strategie in der Netzwerkgesellschaft. In der anschließenden Diskussion wurde diese Sichtweise teilweise als zu einengend und zu konform gegenüber Machtstrukturen kritisiert. Ein Teilnehmer äußerte sein Misstrauen gegenüber dem Begriff Realpolitik, da er für ihn stark mit dem Kalten Krieg und einer Rhetorik der Alternativlosigkeit verbunden sei.

Für das Jahr 2014 will das CoLab thematisch noch mehr in die Breite gehen. In dem Projekt „Smart Country“ soll „das Potenzial von Internet für die Lebensqualität auf dem Land untersucht werden“, so CoLab-Chef Haselbeck. Zudem wird man sich mit der aufkommenden „Sharing Economy“ und weiterhin mit dem Thema „Internet Governance“ auseinandersetzen. An guten Inhalten fehlt es nicht, aber, wie Haselbeck zugibt, es muss noch an der Außenwirkung gefeilt werden. Doch der Geschäftsführer gibt sich optimistisch: „Die Leute haben verstanden, dass das CoLab eine offene Plattform ist, wo sie ihre Positionen und Ideen einbringen können, und genauso werden wir weitermachen.“

Bild: Tobias Schwarz/Collaboratory, CC BY 4.0

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