Die Suche nach geeigneten Bewerbern für kommunale Ehrenämter ist für alle Parteien zu einer großen Herausforderung geworden. Gerade in ländlichen Regionen gibt es mitunter mehr freie Ämter als engagierte Bewerber. Bündnis90/Die Grünen sind bei der Suche nach einem Bürgermeisterkandidaten in Brandenburg neue Wege gegangen – mit einem Aufruf via Facebook.

 

Die beiden Kommunen liegen nicht nur geographisch meilenweit voneinander entfernt. Für die Grünen befinden sich Stuttgart und Uebigau-Wahrenbrück im südbrandenburgischen Elbe-Elster-Kreis auch in politischer Hinsicht in zwei gänzlich unterschiedlichen Welten. Während in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, einer grünen Herzkammer der ersten Stunde, am heutigen Vormittag Winfried Kretschmann zum ersten bündnisgrünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik gewählt worden ist, mangelte es seinen Parteifreunden im Süden Brandenburgs bis vor wenigen Tagen sogar an einem eigenen Kandidaten für ein Bürgermeisteramt.

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Nur neun Mitglieder zählt der grüne Kreisverband im Elbe-Elster-Kreis und da keines dieser Mitgliedern zu einer Kandidatur bereit war, machte man sich über Mailing-Listen und soziale Medien auf die Suche nach geeigneten Kandidaten. Eine Suche, die vor zwei Tagen endete und inzwischen von Erfolg gekrönt ist. Eine per Internet durchgeführte Kandidatenvorstellung oder -wahl im eigentlichen Sinne ist die grüne Aktion jedoch nicht gewesen. Die Bewerberinnen und Bewerber mussten ihre Unterlagen samt Motivationsschreiben und Lebenslauf per E-mail an den grünen Kreisverband schicken. Reaktionen kamen, so die Angaben der Partei, aus allen Teilen Deutschlands, sogar aus München.

Unter den insgesamt 30 Antworten auf den via Facebook verbreiteten Aufruf sollen elf ernsthafte Bewerbungen gewesen sein. “Die Vertretung der Bürger sollte unserer Meinung nach nicht in abgeschlossen Zirkeln und Kungelrunden stattfinden. Wir stehen für offene, transparente und bürgernahe Politik”, betonten die märkischen Grünen in dem Facebook-Aufruf und machen somit aus ihrer personellen Not gleich eine Tugend. Der Bürgermeisterkandidat müsse, so heißt es in dem Aufruf weiter, zwar nicht zwingend ein Mitglied der Grünen-Partei sein, sich jedoch den grünen Idealen grundsätzlich verpflichtet fühlen und als zusätzliche persönliche Eigenschaften Menschenkenntnis, Konfliktfähigkeit und kommunikatives Geschick mitbringen. Eigenschaften, die offensichtlich auf den 45-jährigen Bio-Kaufmann Gerald Heisig aus dem brandenburgischen Eberswalde zutreffen. Er ist nach Ende der Bewerbungsfrist vom Kreisvorstand ausgewählt worden, sich als neuer Rathauschef zu bewerben. Die Grünen sind in den fünf neuen Bundesländern trotz ihres seit geraumer Zeit andauernden Höhenfluges traditionell schwach verankert und rechnen sich in der Region, in der sie bei der letzten Bundestagswahl lediglich 3,5 Prozent der abgegebenen gültigen Zweitstimmen erhalten haben, keine Chancen aus. Dennoch soll Heisig nun ganz offiziell in den Kampf um das Rathaus von Uebigau-Wahrenbrück ziehen.

In der Gemeinde finden am 19. Juni Bürgermeisterwahlen statt. SPD und CDU hatten sich bereits im Vorfeld der Wahl darauf verständigt, den bisherigen parteilosen Amtsinhaber ein weiteres Mal zu unterstützen. In der brandenburgischen Gemeinde herrschen also auch in dieser Hinsicht andere Verhältnisse als in Baden-Württemberg, wo Winfried Kretschmann heute Mittag mit den Stimmen einer grün-roten Koalition ins Amt gewählt worden ist.