„Bring Your Own Device“: Bildungsgerechtigkeit 2.0?

BYOD2_cropAn deutschen Schulen kommen elf Schüler auf einen Schulcomputer – ein schlechter Schnitt für das IT-Land Deutschland im 21. Jahrhundert. Dabei gibt es seit Längerem innovative Konzepte zur Integration digitaler Endgeräte in den Unterricht. Eines ist „Bring Your Own Device“ (BYOD), mit der Kernidee, dass Schüler ihr eigenes Gerät am besten kennen und seine Potenziale voll ausschöpfen können. Der Mediendidaktiker Richard Heinen berichtet im Interview über erste Erfahrungen mit dem Konzept an Schulen.

politik-digital.de: Seit wann gibt es in der Schule die „Bring Your Own Device“-Bewegung? Wo kam BYOD zuerst auf?

Richard Heinen: Seit 2010 hat es international schon größere Projekte vor allem in den USA gegeben. Unser Projekt „School IT Rhein Waal“, das vom Learning Lab der Universität Duisburg-Essen initiiert wurde, war das erste systematisch angelegte Schulentwicklungsprojekt zu diesem Thema in Deutschland. 2011 startete die Projektkonzeptionsphase, angefangen haben wir im Jahr 2012. Das Projekt wurde von der Euregio Rhein Waal gefördert. So hatten wir die Gelegenheit, mit Schulen in Deutschland und den Niederlanden zu arbeiten. Es gab aber natürlich davor auch einzelne Lehrer, die BYOD im Unterricht eingesetzt haben.

politik-digital.de: Welche pädagogischen Ziele kann man mit BYOD besser verfolgen?

Richard Heinen: Das Entscheidende ist, überhaupt pädagogische Ziele zu haben. Eine Schule muss sich zunächst Gedanken darüber machen, was sie pädagogisch erreichen möchte und im zweiten Schritt überlegen, wie BYOD dabei sinnvoll eingesetzt werden kann. In unserem Forschungsprojekt wurde deutlich, dass BYOD beziehungsweise das Lernen mit mobilen Endgeräten für die individuelle Förderung, Inklusion, Schüleraktivierung und kooperative Arbeit entscheidende Vorteile bringt.

politik-digital.de: Welche Vor- und Nachteile ergeben sich beispielsweise für die Inklusion?

Richard Heinen: Im Sinne der Inklusion sollen ja SchülerInnen mit Besonderheiten integriert werden. Im Projekt haben wir einerseits gesehen, dass Kinder mit Hörschädigungen mithilfe von Software, die Tonbeiträge untertitelt, wunderbar ihre Aussprache trainieren können. Andere Kinder mit Knochenkrankheiten, die einen Stift nicht halten kRHeinenönnen oder Probleme mit dem Bedienen einer Tastatur haben, kommen gut mit Touchscreen aus – das sind nur zwei von vielen Beispielen. Wo vorher viele teure und aufwändige Geräte notwendig waren, reicht auf einmal ein Tablet aus, um SchülerInnen mit Besonderheiten besser in den regulären Unterricht zu integrieren.

politik-digital.de: Mit BYOD hat man ganz verschiedene Geräte zur Verfügung. Wie geht man mit der Gerätevielfalt um?

Richard Heinen: Das ist eine der Hauptherausforderungen, aber auch einer der großen Vorteile. Vorteilhaft ist es, weil die Schüler lernen zu überlegen, welches Gerät welche Lernsituation am besten unterstützt. Ein anderer Vorteil dieser Heterogenität ist natürlich auch, dass jeder Schüler sein eigenes Gerät hat, es besonders gut kennt und auch gut damit umgehen kann. Für den Lehrer bedeutet es, dass er nicht mehr die Übersicht haben kann, was in seinem Unterricht passiert. Es geht bei BYOD also nicht nur um das Gerät, sondern auch darum, Schüler zum selbstbestimmten Arbeiten zu motivieren.

politik-digital.de: Muss ein Lehrer sich also mit dem Kontrollverlust abfinden?

Richard Heinen: Genau. Einerseits ist das ein Kontrollverlust. Ein Lehrer muss in diesem Zuge lernen, sich darauf zu verlassen, dass der Schüler die richtige Software und das richtige Gerät für seine Zwecke auswählt. Die Rolle des Lehrers als Ansprechpartner in allen Fragen wandelt sich – er wird vielmehr zum fachlichen Berater.

Richard Heinen ist Mediendidaktik-Forscher und Mitarbeiter am Learning Lab (Lehrstuhl für Mediendidaktik) der Universität Duisburg-Essen. Dort initiierte er das Projekt “School IT – Rhein Waal” mit.

politik-digital.de: Der Lehrer als Lernbegleiter was bedeutet BYOD dann für die Organisation des Unterrichts? Braucht man vielleicht sogar neue Strukturen, eine neue Form des Unterrichts?  

Richard Heinen: „Braucht man“ ist eigentlich die falsche Frage. Die Frage muss sein, was BYOD für einen modernen Unterricht bringen kann. In Unterrichtsbeobachtungen haben wir gesehen, dass es Lehrer gab, die mit BYOD die einen sehr klassischen Frontalunterricht gemacht haben, in dem die Geräte dann auch weniger genutzt worden sind. Andere haben einen stark schülerzentrierten Unterricht gemacht, in dem die Schüler selbstbestimmt überlegt haben, was sie machen wollen und die Geräte auch sehr intensiv genutzt haben. Das heißt, BYOD oder mobiles Lernen alleine verändert Unterricht nicht. Wenn Lehrer ihren Unterricht aber verändern wollen, kann es ihnen dabei sehr helfen.

politik-digital.de: Eine der wichtigsten Fragen ist auch die nach dem Zugang. Wie lässt sich verhindern, dass finanzschwächere Schüler durch schlechtere Hardware benachteiligt werden? Gibt es da neue Lösungswege,  außer dass Schulen oder Fördervereine einspringen könnten?

Richard Heinen: Wenn wir in die JIM-Studie gucken, die im Dezember erschienen ist, stellen wir fest, dass die 12-19-Jährigen in Deutschland zu 90 Prozent ein Smartphone besitzen, die 14-19-Jährigen nahezu zu 100 Prozent. Schulen müssen also größere Geräte bereitstellen, die dann stundenweise ausgeliehen werden können. Zu betonen ist, dass BYOD nicht die schulische Ausstattung ersetzt, sondern ergänzt. Bei BYOD soll zudem individuell an unterschiedlichen Themen gearbeitet werden: Die Gleichwertigkeit von Geräten ist somit gar nicht so wichtig. Beim Recherchieren im Internet kann es mit einem schwächeren Gerät natürlich sein, dass es mal ein bisschen länger dauert, das ist aber kein großes Problem. Das viel entscheidendere Problem ist ja eigentlich, dass wir Bildungsungerechtigkeit durch die verschiedenen sozialen Schichten haben. Bildungsgerechtigkeit entsteht erst dadurch, dass man die Geräte in die Schule bringt. Das scheint um die Ecke gedacht, ist aber eine ganz logische Schlussfolgerung.

politik-digital.de: Welche anderen Aspekte haben sie im Projekt erforscht?

Richard Heinen: Einer der wichtigsten Aspekte war es herauszufinden, welche Rahmenbedingungen für das Lernen mit mobilen Geräten vorhanden sein müssen. Es ging also weniger um den einzelnen Unterricht als um Schulorganisationsfragen.

politik-digital.de: Wie muss die Netzwerkinfrastruktur aussehen, damit BYOD überhaupt gelingen kann?

Richard Heinen: Zunächst einmal muss vernünftiges WLAN vorhanden sein, idealerweise ein möglichst breitbandiger Anschluss der Schule ans Internet. Da muss man kreativ sein und sich beispielsweise mit einer sogenannten Richtfunkstrecke weiterhelfen oder auf Angebote von Kabelanbietern zurückgreifen, denn oft reichen die Verbindungen der Telekom nicht aus. Internet für Schulen muss offen und sicher sein. Offen heißt, dass möglichst viele Seiten erreichbar sind und dass möglichst viele Apps funktionieren. Sicherheit ist gewährleistet, wenn ein Contentfilter geschaltet ist, damit die SchülerInnen nicht auf gewaltverherrlichende oder jugendgefährdende Seiten gelangen. Und es sollte grundsätzlich möglich sein, durch individuelle Anmeldeinformationen Logfiles anzulegen, damit im Falle eines Gesetzesverstoßes der einzelne Nutzer und nicht die Schule in die Verantwortung genommen wird. Diese Logfiles dürfen aber auch nur dann ausgewertet werden, wenn eine Anfrage der Staatsanwaltschaft vorliegt. In unseren Projektschulen ist das so gelöst worden.

politik-digital.de: Gibt es weitere rechtliche Bedenken oder Hindernisse, die die Entwicklung von BYOD behindern?

Richard Heinen: In der Anfangsphase ist die Frage um Schadensfälle immer sehr präsent. Die ist aber insofern geklärt, als die Verantwortung bei den Eltern verbleibt. Der Schulträger kann keine Haftung übernehmen. Wir haben aber auch in Projekten die Erfahrung gemacht, dass wir in acht Klassen in zwei Jahren keinen einzigen Schadensfall gemeldet bekommen haben. Mit den privaten Geräten gehen die Kinder meist sehr sorgfältig um. Falls etwas kaputt gegangen sein sollte, wurde es nicht gemeldet, und die Eltern haben die Kosten übernommen.

politik-digital.de: Wie wird das Projekt fortgesetzt?

Richard Heinen: Grundsätzlich hat sich im Projekt gezeigt, dass BYOD ein gangbarer Weg ist, Medienarbeit in Schulen zu integrieren und zu intensivieren. Wir wollen in Zukunft immer Schulen einer Kommune miteinander vernetzen. Die technische Infrastruktur bereitzustellen ist Aufgabe des Schulträgers, die haben ein großes Interesse daran, dass ihre Investitionen auch sinnvoll sind und von den Schulen genutzt werden. Durch die Vernetzung der Schulen können diese gemeinsam konkrete Rechtsfragen und Versicherungsfragen klären und Nutzungsordnungen entwickeln. Wichtiger aber noch ist die Zusammenarbeit, um den Austausch in den Kollegien anzuregen. Zunächst werden die engagierten Lehrkräfte unterstützt, die sich in einer Erprobungs- oder Pilotphase engagieren. Später können gute Beispiele besser vermittelt werden, wenn man auf die gebündelte Erfahrung des Kollegiums zurückgreifen kann. In Duisburg hat diese Zusammenarbeit von fünf Schulen bereits im Dezember begonnen. Im neuen Jahr folgen weitere Kommunen am Niederrhein und im Ruhrgebiet.

Bilder: Erik Tjallinks, richardhe51067

CC-Lizenz-630x1101

 

5 Antworten auf „Bring Your Own Device“: Bildungsgerechtigkeit 2.0?

  1. Udo sagt:

    »Beim Recherchieren im Internet kann es mit einem schwächeren Gerät natürlich sein, dass es mal ein bisschen länger dauert, das ist aber kein großes Problem.« halte ich für ein verfrühtes Fazit, schließlich hat die Diversifizierung der Geräte gerade erst begonnen und das was Erwachsene langsam als ihre Gerätelandschaft entdecken wird bei den Heranwachsenden erst später zum tragen kommen, schon allein weil sich Erwachsenen Experimente leisten können und unter den Geräten ihres Nachwuchses nur den verlängerten Arm sehen, der vor allem eines ist: robust.

    Und noch eines: Ich glaube, das von der ersten Klasse an wichtig ist, was aus der Schultüte kommt; wichtig in dem Sinn das es den Mitschülern wichtig ist sich so untereinander zu messen. Die falsche Marke bei der Tasche früher ist das falsche Modell beim Bildungs-BYOD heute; so viel wird sich andre Menthalität der Menschen nicht ändern.

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