Boy-groups versus spicy girls!

Wann, wenn nicht jetzt! Dies könnte,
dies müsste das Zeitalter der Frauen sein. High Potentials mit soft skills sind
als Arbeitskraft in der IT-Branche gefragt. Mit vernetzten Arbeitsplätzen und
flexibleren Arbeitszeiten ließe sich das Problem der Kind-Karriere-Kreuzung locker
in eine glänzende Laufbahn umwandeln. Doch die Internetwelt sieht anders aus:
nur 15 % Frauen sitzen in den Führungsetagen deutscher Multimediaunternehmen.

Die Branche ist nur zu einem Viertel weiblich obwohl es mittlerweile fast genauso viele weibliche wie männliche User
gibt – immerhin 42 %. Will frau in der IT-Branche überhaupt ihren Mann stehen?
Oder müssen sich die Strukturen in der Netzwelt erst so verändern, damit frau
sich einspannen lässt?

Sie waren die ersten Helden und
Heldinnen des Internetzeitalters. Jene Jungs und Mädels, die vor knapp zwei
Jahren von ihren Hinterhofbüros aus virtuell in die Welt hinauszogen, um selbige
zu erobern – mit wenig Gepäck, oftmals nur mit einer guten Idee. Der viel zitierte
Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft hatte endlich ein Gesicht.
Und das war häufig weiblich.

Junge Frauen, hervorragend ausgebildet,
strömten schwungvoll in die neu gegründeten "Dot-com´s" oder gründeten selber
welche. Dort waren die Voraussetzungen auf den ersten Blick optimal: die Strukturen
komplett neu, die Teams jung, die Hierarchien flach und die Vorurteile gegenüber
Frauen klein. Doch wo sind sie geblieben, die erfolgreichen Unternehmerinnen?

Marina Wetzel jedenfalls ist voll
da! Sie ist Inhaberin einer kleinen, aber feinen Internetfirma in Berlin. Ihr
Auftreten: robust und gewinnend. Man glaubt ihr, dass sie im täglichen Geschäft
genau weiß, wo es langgeht. So wie damals, als alles anfing.

Als vor sechs Jahren das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, gründete
sie gemeinsam mit vier Freunden die WebDesignCompany.
Mittlerweile ist das Unternehmen, das sich auf die Erstellung von Websites spezialisiert
hat, auf neun Mitarbeiter angewachsen. Und frau ist international – in der Schweiz
gibt es eine Filiale.

Es läuft also Während sich ihre fast ausschließlich männlichen Kollegen um die technische Seite kümmern, leitet
sie den gesamten geschäftlichen Bereich. Die klassische Rollenverteilung? "Und
wenn schon", kontert die Betriebswirtin, "ich nutze meine Vorteile als Frau
– beispielsweise bei Kundengesprächen. Wir Frauen können einfach besser kommunizieren
und erklären. Meine Kunden suchen ganz normale Gespräche, ohne technische Kompliziertheiten
und wollen gleich mit ihren Anliegen verstanden werden. Dann muss ich eben ran."

Dafür investiert sie viel, und nicht nur Zeit. Eine Sechs-Tage-Woche ist für sie total normal. "Nur der Sonntag gehört
meiner Familie", erklärt sie fast ohne Wehmut. Ihr Mann und die elfjährige Tochter
haben Verständnis, sagt sie – es muss halt, damit es weiterläuft. Die Berliner
Netzunternehmerin ist eine Ausnahmeerscheinung. Frauen, die sich in der IT-Branche
selbständig gemacht haben, sind rar.

Und das, obwohl die Stimmung bei den Internet/E-Commerce-Gründern in Deutschland
laut einer Befragung der European
Business School
(ebs) trotz Kurseinbrüchen und Firmenpleiten ungebrochen
positiv ist. Es wird weiterhin in die neue Branche investiert, wenn auch das
viel gepriesene Wagniskapital nicht mehr wie Honig aus goldenen Töpfen fließt.
Es tropft aber noch, und gute Ideen sowie pfiffige Konzepte werden weiterhin
finanziell angeschoben.

Doch bereits hier spielen die in Deutschland tätigen Frauen nicht mit. Nur 4 % nutzen die durch Venture Capital
Gesellschaften, Business Angel oder strategische Investoren bereitgestellten
Finanzspritzen. Diese Zahl verwundert nicht, wenn man bei Beteiligungsgesellschaften
nachfragt: "Von den 600 Businessplänen, die wir in den letzten Monaten auf dem
Tisch hatten, sind nicht einmal eine Hand voll von Frauen", sagt Barbara Altmeyer,
Geschäftsführerin bei der Brockhaus Private Equity VerwaltungsGmbH.

Eine Problemdiagnose ist auf den ersten Blick leicht erstellt. Die meisten Studien und Umfragen zum Thema kommen
zu einem einheitlichen Ergebnis: Frauen scheuen das Risiko, sind sicherheitsorientiert
und technikfeindlich, trauen sich weniger zu, stellen weniger Ansprüche, definieren
sich seltener über den Job und entscheiden sich deshalb häufiger gegen Karriere
und für Familie. Na dann!

Aber: die gleichen Untersuchungen zeigen auch, dass weibliche Führungskräfte
über höhere emotionale Kompetenz, bessere Teamfähigkeit, bessere Kommunikation
und mehr Ausdauer beim Aufspüren von Lösungsansätzen verfügen. Hinzu kommt,
dass Frauen häufig besser ausgebildet sind und höhere Abschlüsse haben als die
männliche Konkurrenz. Dies kann Andera Gadeib, Gründerin des Online-Marktforschungsunternehmens
Dialego nur bestätigen:
"Es ist zwar nach wie vor eher ungewöhnlich, dass Frauen Unternehmen gründen,
aber die Statistik belegt, dass von Frauen gegründete Unternehmen äußerst erfolgreich
sind." Na also!

Warum schwappt die Gründungswelle dann nicht auf mehr Frauen über! Es scheint, dass sich das weibliche Geschlecht
schwer tut, persönliche Lösungen zu finden, wenn es um die eigenen Belange geht.
Sie wollen machen, doch die Frage ist, um welchen Preis? Frauen schätzen Lebensqualität
mehr und anders. Deshalb drängt sich eine Frage förmlich auf: wollen sich Frauen
unter den jetzigen Bedingungen überhaupt auf Positionen in Führungsetagen einlassen
oder eigene Unternehmen gründen?

Viele Frauen können und wollen die Flexibilität, die von der Branche verlangt
wird, nicht ermöglichen. Aglaé von Schwertzell, selbst erfolgreiche Unternehmerin
und Inhaberin der Münchener IT-Beratungsfirma Upside
Ventures
bringt es auf den Punkt: "Frauen tun sich schwerer mit ihrer Lebensplanung.
Wenn man ein Unternehmen gründet, sollte man schon zwei bis drei Jahre Berufserfahrung
mitbringen, vorher hat man studiert. Man ist also um die 30. Dann verzichtet
man womöglich erst einmal auf Gehalt, spielt mit dem Risiko. In dieser Situation
an Familie zu denken und dieser Herausforderung gerecht zu werden ist unmöglich.
Dann überlegt man es sich vielleicht eben doch noch mal."

Die erste Runde des Start-up-Roulette hat gezeigt, dass es so verkehrt gar nicht war, etwas vorsichtiger zu sein.
Bisher gibt es zu viele Verlierer und zu wenig Gewinner. Der Höhenflug vieler
neu gegründeter Dot-com´s endete mit Marktaustritten und Insolvenzen im Absturz.
Kein Feld also, indem sich Frauen – sollten Studien und Umfragen zutreffen –
wohlfühlen und Leistung bringen können.

Doch Frauen haben Erfolg, wenn für sie das Koordinatensystem der Arbeitswelt geändert wird. Noch funktioniert alles
nach den Regeln von Männern – volle Identifizierung mit dem Job bis hin zur
Selbstaufgabe, wenn es drauf ankommt. Fakt ist aber, dass frau darauf offensichtlich
nicht anspringt.

Geändert worden ist hier nichts, trotz neuer Impulse. Teilzeitarbeitsmodelle, für Mann und Frau, Tele- bzw. Heimarbeit
und Kinderbetreuung werden überall zur Schau getragen, an der Umsetzung hapert
es aber. Dabei sind sich Unternehmen der Notwendigkeit durchaus bewusst.

Der Technologiekonzern Alcatel
beispielsweise gilt als vorbildlich auf diesem Sektor. Teilzeitarbeitsmodelle
sind bereits betrieblich verankert, aber auch dort gibt sich die Pressesprecherin
Veronika Hucke mit dem Erreichten noch nicht zufrieden: "Wir haben mittlerweile
eine gute Frauenquote in unserem Unternehmen. In meiner Abteilung gibt es einige
Frauen, die eben weniger arbeiten – vier Tage fünf Stunden. Auch einige, die
von zu Hause aus ihre Arbeit machen. Das geht ganz gut, wobei auch diejenigen
sich auf gewisse Kompromisse einstellen müssen. Verlangt ein Kunde Erreichbarkeit
von neun bis zwölf Uhr, dann kann ich den Frauen nicht zugestehen, lieber von
13 bis 16 Uhr zu arbeiten."

In manchen Bereichen haben Frauen bereits heute die Nase vorn, verdienen mehr Geld und sind schwer ersetzbar,
wenn es laufen soll: "Frauen sind Meister der Kommunikation. Deshalb sind sie
in den Bereichen Marketing, Strategie und Konzeption, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
Personalmanagement, Werbung einfach besser. Und dieses Wissen wird gerade im
Internet gebraucht," resümiert Aglaé von Schwertzell ihre tägliche Arbeit als
IT-Beraterin.

Wahrgenommen werden diese Qualitäten immer noch unzureichend. Fakt ist: die Zukunft sieht für Frauen nur dann rosig
aus, wenn die Koordinaten, so wie sie sie brauchen, stimmen. Glück ist: der
Wirtschaft wird gar nichts anderes übrig bleiben als Frauen in Positionen zu
bringen, in denen sie effizient arbeiten können.

Denn spätestens 2004 setzen die geburtenschwachen Jahrgänge ein. Experten der
European Information Technology
Observatory
wagen düstere Prognosen: "Schon in zwei Jahren könnten 720 000
offene Stellen in der deutschen IT-Branche nicht besetzt werden. Heute bereits
führt Deutschland die Negativ-Statistik an". Der Bundesverband
Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien
(Bitkom) beziffert
den derzeitigen Fachkräftemangel auf 444 000.

Aber
ist das weibliche Geschlecht bis dahin auf die Rettungsaktion
vorbereitet? Zwar gibt es bereits viele hochqualifizierte Frauen, die
ihr Potenzial in den gerade beschriebenen Bereichen gut einsetzen. Doch
gerade in der IT-Branche gibt es bisher wenig Frauen, die im
technischen Bereich spezialisiert sind. Auch dort wird Arbeitskraft
gesucht werden. "Doch momentan befinden sich lediglich 14% Mädchen in
der Ausbildung für die IT-Branche", beklagt Ariane Alpmann von der
Initiative D21.

Die Initiative ist ein schönes Beispiel für guten Willen. 200 Unternehmen haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam
mit der Bundesregierung den Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft
in Deutschland zu beschleunigen.

Ausreichend Projekte hat die Initiative auf Lager. "Girlsday" zum Beispiel, der Mädchentag. Firmen öffnen ihre Tore,
präsentieren sich von ihrer besten Seite, damit Mädchen der Schritt in die technische
Welt leichter gemacht wird. Das Modell läuft gut an – aber, so Ariane Alpmann
nüchtern: "Es braucht alles seine Zeit."

Zeit brauchen offensichtlich auch politische Bemühungen. In der Bildungspolitik wird seit Jahren versucht, mehr
Frauen für technische Studiengänge zu begeistern. Die Quote ist gering und sinkt
stetig. Die Euphorie der achtziger Jahre ist längst vorbei und setzt nicht wieder
ein – trotz Internet. Der Schnitt an Studienanfängerinnen im Fach Informatik
liegt momentan bei 17 %, lediglich 11 % legen Examina ab.

Die Familienpolitik sieht sich gleichermaßen in der Verantwortung.
Damit künftig mehr Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft zu finden
sind, wollte Bundesfrauenministerin
Christine Bergmann noch in dieser Legislaturperiode ein Gleichstellungsgesetz
für die deutsche Privatwirtschaft erlassen. Es sollte den Frauenanteil in den
Chefetagen erhöhen, Frauen in technischen und zukunftsorientierten Berufen fördern
und die Vereinbarkeit von Familie und Job unterstützen. Ein Mann, der Kanzler,
verhinderte dies.

Die Wirtschaft ist traditionell gegen eine Quote. Sie fürchtet eine Frauenförderbürokratie, die vor allem kleine
Firmen überfordert. Folglich löste sich auch das Gleichstellungsbestreben letzte
Woche in Wohlgefallen auf. Vom Gesetzt übriggeblieben ist nicht einmal eine
verbindliche Selbstverpflichtung. Dennoch sagen die Verbände in einem Papier
zu, "ihren Mitgliedern betriebliche Maßnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit
von Frauen und Männern sowie der Familienfreundlichkeit zu empfehlen." Mit anderen
Worten: von hier ist erst einmal keine Hilfe zu erwarten.

Sollte
der Markt das Problem tatsächlich von selbst aus dem Weg räumen, umso
besser! Auf einem guten Pfad sind hier vor allem Unternehmerinnen. Sie
haben in Sachen Unterstützung häufig ein offeneres Ohr. Nicht selten
versuchen sie, eine Marschroute vorzugeben, mit der Frauen besser
durchstarten können. Sie gründen Frauen-Netzwerke – in Anlehnung an die
"old boy networks".

Zugrunde liegt der Idee, dass auch Frauen sich zusammenraufen und sich gegenseitig
helfen müssen. Marianne Pfister, Marketingleiterin der Münchener Computerfirma
Comet Computer, beschreibt
dies so: "Wir wollen Frauen dazu bewegen, sich im Internet zu engagieren. Der
Abwärtstrend im IT-Bereich muss gestoppt werden. Auch wir müssen auf diesem
Feld ernten." Allerdings, bekennt sie, habe dies bisher nicht wirklich gefruchtet.

Und
sie erzählt von Internet-Sommerakademien, die sie mit anderen Frauen an
Universitäten organisiert habe. Alles sei perfekt gewesen – nur die
Studentinnen hätten gefehlt.

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