BODDY13: Mit viel Überzeugungsarbeit zum Kulturwandel

SelectionAuf dem dritten Berlin Open Data Day ging es um rechtliche, organisatorische und menschliche Notwendigkeiten für die Implementierung von Open Data. Viele Chancen tun sich auf, doch der Weg zu offenen Daten ist steinig und noch weit.

„Open Data schafft Orientierung! Wir müssen Apps entwickeln, die allen Fremden dabei helfen, sich in Berlin schnell zuhause zu fühlen!“ Mit diesen Worten begrüßte Cornelia Yzer (CDU), Berliner Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung, die etwa 200 Gäste und Teilnehmer des Berlin Open Data Day 2013 (BODDY13), und betonte damit zugleich die Bürgerfreundlichkeit des Open-Gedankens. Dieser Aspekt sollte sich als roter Faden durch den ganzen Tag ziehen; legten doch alle Redner besonderen Wert darauf, den Nutzen für Bürger und Gesellschaft zu betonen. Prof. Radu Popescu-Zeletin, Leiter des Fraunhofer Instituts für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) in Berlin, in dessen Räumen der „BODDY“ stattfand, machte zudem explizit auf die die rasante technologische Entwicklung und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Möglichkeiten durch Open Data aufmerksam.

Wolfgang Both aus der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung kündigte bis Ende des Jahres einen Entwurf für einen Senatsbeschluss für Open Data-Fragen an, um ab dem kommenden Jahr eine „rechtliche und organisatorische Grundlage für offene Verwaltung“ zu schaffen. Dennoch sei Open Data allein von Rechts wegen nicht einfach zu installieren, der Prozess müsse „erst in die 100.000 Köpfe der Verwaltung Einzug halten“ und funktioniere „nicht von jetzt auf gleich“. Mit der Entwicklung des Datenangebots des Berliner Portals daten-berlin.de zeigte sich Both bislang zufrieden, jedoch sei Berlin „keine Dateninsel“, eine wichtige Aufgabe für die Zukunft sei daher die „Ausweitung der Datenveröffentlichung auf Europa“,entsprechend dem diesjährigen Motto „Offene Daten – Berlin – Deutschland – Europa“.

Im internationalen Open-Data-Vergleich stehe Deutschland zwar relativ gut dar, bilanzierte Dr. Ute Dauke vom Bundesinnenministerium die Arbeit des deutschlandweitne Portals GovDATA. Sie mahnte jedoch an, dass eine bundesweite Entwicklung offener Verwaltungen in jedem Falle wünschenswerter sei als eine stückweise regionale Offenlegung öffentlichkeitsrelevanter Datensätze. Auch hält sie es für dringlich, die deutsche Datenlizenz zu überarbeiten; Passagen wie „Jede Nutzung ist zulässig.“ seien zu allgemein gehalten. Hier gelte es, Datenmissbrauch zu verhindern und klar festzulegen, was mit welchen Daten legal machbar sei.

Nutzen fürs wahre Leben

Um die konkrete Anwendung offener Daten ging es in verschiedenen Workshops. Die Themen reichten hier von Nahverkehrsdaten über die Nutzungsperspektiven von Geodaten bis hin zu der Frage, wie sich Fertigkeiten von Bürgern und Verwaltung sinnvoll kombinieren lassen.
Interessant für die Nutzer wurde es vor allem am Nachmittag: Hier hatten Entwickler und Programmierer Gelegenheit, ihre Apps und Anwendungen zu präsentieren, die auf Grundlage veröffentlichter Daten entwickelt wurden. So etwa die Berliner Denkmalliste, in der mehr als 8.000 Denkmäler verschiedener Kategorien aufgeführt sind. Thomas Hoppe, der mit der Aufbereitung dieser Liste beauftragt ist, erläuterte, wie komplex die Handhabung solcher Datenmassen ist. Strukturierte Datensätze, die über das Format eines einfachen Textdokuments hinausgehen, sollen hier künftig Abhilfe schaffen.

Hochkonjunktur hatten beim BODDY13 vor allem Verkehrs-Apps verschiedener Art. So stellte Dominik Moritz (Open Knowledge Foundation Deutschland) Anwendungen vor, mit denen sich anhand von Echtzeitdaten wahlweise die Positionen von S-Bahnen, die allgemeine Versorgung mit Öffentlichem Personennahverkehr oder die nächstgelegene Haltestelle von einem beliebigen Punkt der Stadt aus ermitteln lassen.
Henning Hollburg zeigte seine Entwicklung SONA, mit der sich der kürzeste Weg von einem Ort zu einem anderen in Berlin innerhalb einer definierten Zeitspanne ermitteln und mit weiteren Parametern wie etwa der Wohnungssuche kombinieren lässt. Dirk Schumacher hat für die Universität Paderborn eine Kommunikations- und Informationsplattform für Dozenten und Studierende entworfen, die mehrere Datenquellen miteinander verbindet und etwa eine optimale Gebäudeauslastung gewährleistet oder das Zeitmanagement erleichtert, wenn Vorlesungen ausfallen oder verlegt werden.

Vertrauen erarbeiten

In der abschließenden Podiumsdiskussion ging es um „Internationale Orientierungsstrategien im Datenschungel“. Katalin Gallyas, Angestellte der Wirtschaftsbehörde der Stadt Amsterdam, berichtete über ihre Erfahrungen mit Open Data in den Niederlanden. Als Kernaussage stellte sie die Notwendigkeit heraus, Behörden im Umgang mit Open Data zu schulen, damit diese die eindeutigen Vorteile solcher Vorgänge erkennen könnten. Hartmut Bömermann vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg empfahl den Bürgern, durchaus kritisch mit den Datensätzen umzugehen. Cornelius Everding vertrat als Beauftragter für E-Government im Innenministerium des Landes Brandenburg die These, dass Open-Data gegen die deutsche Tradition „Verwaltung = geheim“ arbeiten müsse, dies jedoch auf längere Zeit ein “Kampf“ bliebe. Er betonte die Bedeutung und den volkswirtschaftlichen Nutzen durch die Einbeziehung der Bürger in Verwaltungsprozesse, wie es etwa in Großbritannien geschehe. Prof. Dr. Ina Schieferdecker, Abteilungsleiterin im Fraunhofer Institut, zweifelte an der Sinnhaftigkeit von Gesetzen, da man das Verständnis für Open Data nicht durch Zwang erreiche, vielmehr komme es darauf an, Akzeptanz durch Überzeugung zu schaffen.
Einig waren sich die Diskutanten darin, dass nicht weniger als ein Kulturwandel nötig sei, um Open Data in allen Verwaltungseinheiten in Deutschland und darüber hinaus zu etablieren.

Für weniger technikaffine Zuhörer war es teilweise schwierig, den Vorträgen ohne Programmierkenntnisse zu folgen. Doch die an den Endnutzer gerichtete Werkschau, in der konkret nutzbare Vorteile durch offene Datentransparenz und -bereitstellung aufgezeigt wurden, entschädigte den weniger bewanderten Gast und machten Hoffnung auf kreative Nutzungsideen in einer noch fernen Zukunft. Denn zunächst gilt es, bei Bürgern und Verwaltungen weiter für Akzeptanz zu sorgen. Der BODDY13 hat einen Beitrag dazu geleistet.

 

Bild: Michael Goghlan (CC-BY-SA 2.0)

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