Bewertungsfunktion statt Autorenkrieg

Auf Demokratieonline.de können politische
Konzepte dokumentiert, strukturiert und weiterentwickelt werden.
Mit seinem Projekt will Oliver Weiß die direkte Demokratie
fördern. Im Interview mit Christian Heise spricht er von der
Begeisterungsfähigkeit der Bürger, von ihren Rechten aber
auch von ihren Pflichten.

politik-digital.de: Was hat Sie zu diesem Projekt motiviert?

Oliver Weiß: Ich treffe so häufig auf interessante politische
Themen, die meist leider nicht wirklich erschöpfend diskutiert
werden können, entweder weil die Zeit nicht reicht, oder man
sich über Fakten uneins ist, die zunächst nachgeschaut
werden müssten. Deswegen hat es mich gereizt, eine Plattform
zu entwickeln, auf der man sowohl Fakten als auch Ideen sammeln
kann und sich langfristig im Dialog aller Teilnehmer die Konzepte
weiterentwickeln.

Was kann DemokratieOnline,
was es nicht schon gibt?

Bisherige Diskussionsforen widmen sich zwar intensiv jeweils einem
bestimmten Thema, sind aber sehr zeitintensiv, wenn man nach längerer
Diskussion als Aussenstehender mit einsteigen will.
Da fehlen eine ganze Reihe von Funktionen, wie z.B. die thematische
Strukturierung, die Trennung zwischen Konzept und Kommentar und
meist auch Bewertungsfunktionen, die das leichte Auffinden hoch
qualitativer Beiträge erleichtern. Gerade diese Werkzeuge und
noch vieles mehr möchten wir auf Demokratieonline zur Verfügung
stellen.

Auf Ihrer Internetseite sprechen Sie von der Entwicklung
der Konzepte in Gemeinschaftsarbeit. Was stellen Sie sich darunter
vor?

Ein gewisses Vorbild für dieses Projekt ist Wikipedia, einerseits
natürlich, weil dieses Portal es geschafft hat, eine Community
aus engagierten Autoren zu bilden. Diese Begeisterung möchten
wir bei den Bürgern auch für die Politik entfachen. Andererseits
aber auch, weil Wikipedia ein sehr gutes Beispiel dafür ist,
wie sich die Artikel mit der Zeit kontinuierlich qualitativ weiterentwickeln
durch viele kleine Verbesserungen, die aber von keinem einzelnen
Autor alleine beigetragen werden könnten, weil er nur eine
einzelne Sichtweise einbringen kann.

Wie möchten Sie den Herausforderungen begegnen, die
Wikipedia zum Beispiel bei umstrittenen Artikeln gegenüber
steht?

Wir bieten zu jedem Thema ein zugehöriges Diskussionsforum
an, um den direkten Austausch zwischen den Teilnehmern zu fördern.
Und anders als bei Wikipedia können auf Demokratieonline zu
jedem Thema mehrere alternative Beiträge verfasst werden, so
dass ein direkter „Autorenkrieg“ zunächst nicht
möglich ist, bei dem einfach der gewinnt, der mehr Zeit und
Geduld investiert. Um aus der möglichen Flut vieler Beiträge
dann aber auch die guten und sinnvollen herausfinden zu können
haben wir ein Bewertungssystem entwickelt, mit dem nicht willkürlich
eigene Beiträge gepusht werden können, sondern jedes Mitglied
im Mittel gleich viel Bewertungseinfluss ausübt. Das ist für
uns auch gleichzeitig ein Stück gelebte Demokratie.

Bisher haben Sie auf Ihrem Portal Informationen zu Petitionen
an den Deutschen Bundestag angeboten, steht das im Zusammenhang
mit den Konzepten?

Eigentlich war das zunächst nur als Mittel zum Zweck gedacht,
um einen Anlaufpunkt für Interessierte an aktuellen politischen
Themen zu bilden. Mit der Zeit wurde mir aber immer mehr bewusst,
wieviel in Deutschland für mehr Bürgerbeteiligung gekämpft
wird, z.B. ganz konkret zur Einführung von Volksbegehren und
Volksentscheid auf Bundesebene, was ich auch durchaus befürworte.
Ich bin aber ebenso der Meinung, dass die Bürger nicht nur
für Ihre Rechte kämpfen müssen, sondern auch die
Pflicht haben, diese Rechte verantwortungsvoll wahr zu nehmen, und
dazu gehört eben insbesondere auch, dass die politischen Forderungen,
die man stellt, qualitativ so gut durchdacht und entwickelt sein
müssen, wie es einem möglich ist.

Welchen Einfluss sollen die Konzepte ausüben?

In der Hauptsache stellt unsere Initiative ein Instrument der Meinungsbildung
zur Verfügung, das durch den Austausch von Standpunkten helfen
kann, ein Thema mit all seinen Aspekten umfassend zu beleuchten
und so durch jeden weiteren Teilnehmer die politische Kultur in
Deutschland beeinflusst. Wenn der Ansatz weiten Anklang findet,
hoffen wir natürlich auch, dass die Beiträge positive
Anregungen für diejenigen sind, die aktuelle Politik aktiv
gestalten und bestimmen. Und schließlich bin ich überzeugt
davon, dass ein gut fundiertes Konzept, das im Rahmen einer Petition
an den Deutschen Bundestag eingereicht wird, eine viel größere
Chance hat tatsächlich umgesetzt zu werden, als eine kurz aus
dem Bauch heraus verfasste Bittschrift.

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