Besucherrekord – Der virtuelle Parteitag der Grünen lockt


Erfolgreiche Zwischenbilanz beim Virtuellen Parteitag der
baden-württembergischen Grünen: Die Delegierten haben die
Diskussionsplattform angenommen und diskutieren eifrig.
Verbesserungsvorschläge wurden gleich umgesetzt. Die Stimmung ist
gut, nicht nur in der extra eingerichteten Flüsterecke" rund um die
virtuelle Kaffemaschine.

Zum Start am Freitag verzeichnete der Server
www.virtueller-parteitag.de
rund 7500 einzelne Besucher, seitdem sind
es gut 3000 pro Tag. Die Hälfte davon sind richtige
Arbeitssitzungen, bei denen mehrere Beiträge gelesen oder geschrieben
werden", erklärt Grünen-Sprecherin Britta Kurz.

Zunächst tummelten sich die Delegierten (und die ebenfalls
schreibberechtigen übrigen Mitglieder des Landesverbandes) vor allem
in der Flüsterecke. Zu den zu erwartenden Bekundungen im Stil von
Ich bin auch drin" und ich freue mich auf die virtuelle Diskussion"
gesellte sich schnell Parteitags-Gossip (Cem Özdemir hat sich schon
eingeloggt") und Frotzeleien. Inzwischen gibt es jeden Tag einen
ViP-Limerick von Präsidiumsmitglied Norwin Hiller. Vor allem aber
werden in der Flüsterecke Vor- und Nachteile des Virtuellen
Parteitags diskutiert.

Teilweise konnte das ebenfalls über das Ländle zwischen Lahr und
Stuttgart verteilte Präsidium und die Technik-Abteilung Kritik und
Anregungen bereits umsetzen. So gibt es inzwischen zu verschiedenen
Änderungsanträgen und Diskussionssträngen Unterforen für die
Diskussion. Neben den Anträgen zu den beiden geplanten Leithtemen
Elektronische Bürgerdemokratie" und Ladenschlussgesetz" wurden eine
Umsetzung für Resolutionen geschaffen: Die Delegierten wollten sich
zu Tarifautonomie, BSE und Flughafenbau äußern. Trotzdem hätte die
Plattform übersichtlicher strukturiert werden können, bemängeln
insbesondere mit dem Medium erfahrene Delegierte wie Rolf Link. Da
gibt es im Internet bessere Foren", meint Link, der sich auch bei den
virtuellen Grünen der Politik-Simulation www.dol2day.de engagiert.

Insgesamt sind die Stimmen der Delegierten über den noch bis Sonntag
dauernden Virtuellen Parteitag durchweg positiv:
Boris Palmer, Landtagskandidat in Tübingen, lobt die sachliche
Diskussion: Auf Parteitagen werden meist nur fünf Prozent der
Anträge wirklich gelesen. Hier habe ich mir bisher alle Anträge
angeschaut." Der Delegierte Ives Veneday aus Konstanz freut sich,
dass es statt einzelner Redebeiträge eine fortlaufende Diskussion
gibt: Man geht in der Debatte aufeinander ein und kann Dinge
klarstellen oder näher erläutern." Kurze Diskussionsbeiträge statt
langer Grundsatz-Papiere sind gefragt. Das senke auch die
Hemmschwelle, sich zu Wort zu melden, sagt der der 19jährige
Delegierte Thorsten Deppner aus Freiburg. Andreas Kozlik aus Murr
verkündet in einem der ersten Diskussionsbeiträge stolz: Meine erste
Parteitagsrede nach 14 Jahren Mitgliedschaft bei den Grünen."

Insbesondere Frauen haben angemerkt, dass die Diskussion so für sie
bequemer ist", hat die Delegierte Nicole Franke aus Tübingen
beobachtet. Auch wenn die Mehrzahl der Beiträge trotz gleicher
Geschlechteranteile weiterhin von Männern komme.
Hier diskutieren nicht nur die Internet-Freaks" , meint Carsten
Labbert vom virtuellen Parteitagspräsidium. Zwar gäbe es viele junge
Delegierte, aber das sei bei normalen Parteitagen nicht anders. Dafür
erzählt er von einer berufstätigen Delegierten mit kleinen Kindern:
Die hätte zu einem normalen Parteitag einfach nicht kommen können."
Ausgegrenzt fühlt sich durch das digitale Verfahren offenbar niemand.
Viele Delegierte sind stolz auf die hohe Internet-Verbreitung in der
Partei. Die Kreisverbände stellen ihren Delegierten bei Bedarf die
Netzanschlüsse in ihren Büros zur Verfügung. Mancherorts surfen die
Delegierten öffentlich und laden zur Diskussion über das Experiment.

Tenor der Delegierten: Ein virtueller Parteitag kann nach Meinung der
meisten ein reales Treffen nicht ersetzen, aber ergänzen. Einige
schlugen bereits vor, die bestehende Plattform auch unabhängig von
Parteitagen zur Programmdiskussion zu erhalten.

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