Aktivisten planen online und handeln offline

Die Gegner des G8-Gipfels in Heiligendamm gehen mit der Zeit, doch einige Vorlieben ändern sich nie: Warum Aktivisten auch 2007 noch die E-Mailliste lieben, welche virtuellen Protestformen endgültig aus der Mode sind und wie man online demonstrieren geht, schreibt Simone Gerdesmeier.

 

Demonstrationen in mehr als 30 Städten, verteilt über
die ganze Welt, parallel zum Treffen der mächtigsten Wirtschaftsnationen
im Juni 1999. Eine Großdemonstration in Seattle und solidarische
Bewegungen an 50 weiteren Ortens während einer Konferenz der
Welthandelsorganisation (WTO) im November desselben Jahres. 200.000
bis 300.000 Demonstranten – die Zahlen variieren je nach Quelle
– auf den Straßen von Genua beim G7-Treffen 2001. Wenn
die Vertreter der mächtigsten Industrienationen zusammenkommen
sind auch Kapitalismus- und Globalisierungskritiker nicht weit –
weltweit vernetzt und fähig, spontan zu reagieren.

Das ideale Medium zur Mobilisierung

„Ohne das Internet wäre der Protest gegen den G8-Gipfel
in dieser Form nicht möglich“, meint Nico Wehnemann,
Webmaster im Berliner Büro des globalisierungskritischen Netzwerks
Attac: Via E-Mail-Listen und Bulletin Boards, virtuellen schwarzen
Brettern, konnten Aktivisten bereits Ende der 1990er Informationen
schnell verbreiten und spontane Aktionen grenzübergreifend
planen. Zu den internationalen Protesten gegen den G7-Gipfel in
Köln 1999 riefen die Kritiker mittels E-Mails und eigens eingerichteten
Webseiten auf.

An der Bedeutung des Internets für Antrieb und Organisation
der Aktivisten hat sich bis heute nichts geändert: Auf der
schier unübersehbaren Anzahl von Webseiten zum G8-Gipfel in
Heiligendamm finden sich neben aktuellen Nachrichten auch Terminübersichten,
Poster und Flyer zum Download und Links zu vielen weiteren Internetseiten.

Das zentrale Organ zur Vernetzung ist nach wie vor die Mailingliste,
über die Interessierte per E-Mail untereinander Nachrichten
austauschen: „Der Vorteil ist, dass ich mit einem E-Mail-Programm
auch offline arbeiten kann – für ein Forum etwa muss ich online
gehen,“ erklärt Nico Wehnemann die anhaltende Beliebtheit
der Diskussionslisten. „Außerdem ist die Kommunikation
über E-Mail-Listen viel schneller, da zum Beispiel keine Grafiken
laden müssen. Die Liste kann ich auch im Zug vom Handy aus
einsehen.“

Wie die virtuelle Protestkultur sich weiterentwickelt

Die virtuelle Protestkultur von heute hat sich mit dem Netz weiterentwickelt:
Der Aktivist von heute protestiert digital, etwa auf einer Online-Demonstration.
Da trifft man sich nicht vor Ort, sondern stellt zum Ausdruck seines
Unmuts ein Foto von sich ins Netz, versehen mit einem kurzen Zitat,
um die eigene Position zu verdeutlichen.

Praktisch an diesen virtuellen Aktionen ist – außer
dass man zum Protestieren das Haus nicht mehr verlassen muss – dass
sie sich mit Aktionen im Offline-Leben verbinden lassen: Nach einer
Online-Demonstration gegen Softwarepatente im Sommer 2005 druckte
Attac alle eingesendeten Fotos als Slogan auf ein Banner und entrollte
dieses vor dem Europäischen Parlament. Auch die gute alte Unterschriftenliste
hat nicht ausgedient – statt per Hand setzt man seine Signatur nun
aber mit der Tastatur unter das Dokument und kann die Liste mit
einem Klick gleich Freunden und Bekannten empfehlen.

Virtuelle Sitzblockaden sind aus der Mode gekommen

Weniger beliebt scheinen heute Denial of Service Attacks (DOS).
Bei diesen Angriffen auf die Internetseiten großer Organisationen
rufen die Aktivisten eine Website immer und immer wieder auf; der
so entstehende hohe Traffic verlangsamt den Server oder bringt ihn
sogar ganz zum Absturz. Im Herbst 1999, zum Treffen der WTO in Seattle,
verlegte eine Gruppe namens „Electrohippies“ auf diese
Weise ihre Sitzblockade von der Straße ins Netz. Sie blockierten
die Website der WTO, eine eigens für die Konferenz eingerichtete
Internetseite und den Server für die Live-Audio- und Videoübertragung
von der Konferenz. Ein Abstürzen des Servers gelang ihnen nicht,
sie schafften es aber, die Ladezeiten der Seiten zu verlangsamen.

2007 sind Angriffe auf die Internetseiten von Polizei und Politik
einzelnen Hackern vorbehalten: Mitte Mai hackten sich Unbekannte
unter dem Decknamen „Generalbundesdatenantifaschist Hagbart
Celine“ in ein privat geführtes Polizeiforum, stahlen
dort die Datenbank und löschten sie anschließend. Später
tauchten Einträge aus diesem Forum auf anderen Websites auf.

Für Organisationen wie Attac kommen derartige Aktionen nicht
in Frage, wie Kai Schulze, verantwortlich für die Attac-Kampagnen-Website
„Keine Macht für G8“, meint: „Attac würde
sich an solchen Protestformen nicht beteiligen, weil wir dann Schwierigkeiten
bekämen, uns mit der Polizei zu unterhalten.“ Blockaden
soll es erst im echten Leben geben.

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