Thema: Digital ist egal? Warum die Absetzung der tagesWEBschau ein falsches Signal ist

OpaSchautFernEs war ein hoffnungsvoller Start, in der Historie des Öffentlich-Rechtlichen aber reicht es nur für eine Fußnote: Die tagesWEBschau, erstmals gesendet vor einem knappen Jahr, wird in wenigen Wochen abgesetzt. Am vergangenen Donnerstag gab die verantwortliche Rundfunkanstalt Radio Bremen bekannt, dass die ARD-Intendanten keine Fortsetzung der Mini-Nachrichtensendung wünschen, die Internet-Themen in den Mittelpunkt rückt.


Digital ist egal? Warum die Absetzung der tagesWEBschau ein falsches Signal ist

Da fragt man sich zuerst, woran das eigentlich liegt. Hat es vielleicht damit zu tun, dass die Intendantenriege – wie auch die ARD-Zuschauerschaft – im Durchschnitt etwa 60 Jahre alt ist? Schließlich nutzen in dieser Altersgruppe, laut aktuellem (N)ONLINER-Atlas, nur 43 Prozent einen Breitbandanschluss. Aber gut, die genauen Ursachen bleiben Spekulation. Dennoch gibt es fünf sehr konkrete Gründe, warum die Absetzung der tagesWEBschau strategisch falsch ist.

Erstens: Der Newsstrom im Netz verläuft genauso schnell wie einseitig. Ständig wird man von Thema zu Thema gerissen, weil permanent irgendwo etwas aufpoppt, andererseits passiert das aber meist nur in den Grenzen der Favoritenleiste und Kontaktliste. Die tagesWEBschau sorgt für Gewichtung und ist im Optimalfall eine Alternative zu den Filtern, die uns scheinbar konsumentengerechte Appetithäppchen bieten.

Zweitens: Wir leben im Jahr 2013. Das Internet beobachtet Themen, setzt welche und muss deswegen auch selbst Nachrichtengegenstand sein. Natürlich gehört die Berichterstattung übers Netz zuallererst in die Hauptnachrichten – Skurriles wie die isländische Inzest-Warn-App darf aber auch gerne weiterhin separat beleuchtet werden.

Drittens: Wie bereits erwähnt, ist der ARD-Zuschauer im Durchschnitt 60 Jahre alt. Wer langfristig jüngere Zielgruppen erreichen will, muss auch die entsprechenden Inhalte liefern und darf nicht bei den ersten Problemen kapitulieren. Zumal die Quote sowieso kein sonderlich geeigneter Gradmesser ist, siehe Viertens und Fünftens.

Viertens: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziert sich über Gebühren, die jeder zahlen muss – ob er das Programm nun schaut oder nicht. Diese Regelung birgt, von Kritikern gerne übersehen, auch eine Freiheit: die Chance nämlich, unabhängig zu sein vom Massengeschmack. Wer, wenn nicht ein Sender mit garantierten Einnahmen, soll sich ein Nischenformat leisten können? Ist das nicht der Traum eines jeden Programmgestalters?

Fünftens: Auch wer keine Formate für Minderheiten machen möchte, sollte sich im Netz nicht an die Quote ketten. Laut RB-Sprecher Glöckner werde z. B. gar nicht erfasst, wie viele Nutzer die tagesWEBschau auf ihren Smartphones angesehen haben. Das führt zu einem Argumentationsproblem, sobald – wie geschehen – die Absetzung u. a. mit angeblich zu geringen Zuschauerzahlen begründet wird und auf der anderen Seite die Nutzungszahlen des mobilen Internets immer weiter steigen.

Die ARD stützt sich bei der Absetzung der tagesWEBschau auf ein zweifelhaftes Messverfahren und geht bereits nach knapp einem Jahr vor einer fragwürdigen Quote in die Knie. Ein langer Atem und ein nachhaltiges Konzept, um gerade jüngere, netzaffine Menschen für die Marke tagesschau zu begeistern, sieht anders aus. Was meinen Eltern vielleicht egal ist, lässt mich doch ziemlich enttäuscht zurück.

 

Bild: BuddyHesseling (CC BY-NC 2.0)

Tobias Mayer, Urberliner, konnte nach dem Zivildienst einen dreijährigen Studienausflug nach Potsdam nicht vermeiden. Nach dem auswärtigen Politik- und Geschichtsstudium ging es dann zurück in die Heimat - an die Humboldt-Uni zum Master in Geschichte. Dazwischen, währenddessen und danach bereiste Tobias die Kinowelt als Filmredakteur. Weil ihn abseits der Leinwand vor allem Politik und soziale Netzwerke interessieren, schreibt er nun für politik-digital.de.


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