Tsunami-Frühwarnsysteme und das WWW

Dr. Winfried Hanka ist Seismologe am Geoforschungs-zentrum Potsdam
(GFZ). politik-digital.de befragte ihn im eMail-Interview zur Rolle des Internets bei der Früher-kennung von Erdbeben und den Möglichkeiten das Internet als Warnsystem vor Naturkatastrophen zu nutzen

politik-digital.de: Herr Hanka, es existiert kein Frühwarnsystem für den Indischen Ozean. Wie können sich Küstenbewohner der Anreinerstaaten über Tsunamis informieren?

Winfried Hanka: Im Moment praktisch gar nicht. Es werden zwar von einigen Institutionen (darunter auch vom
GFZ) automatisch Informationen über weltweite Erdbeben bestimmt und unmittelbar im Internet
veröffentlicht, aber zum einem sind automatisch bestimmte Erdbebenmeldungen potenziell fehlerbehaftet und zum anderen erzeugen Erdbeben unter dem Meeresboden nur unter ganz bestimmten selten eintretenden Voraussetzungen Tsunamis. Beides ist für Laien gar nicht und auch für Seismologen nur sehr schwer allein anhand von automatischer Meldungen ohne weitere Informationen zu beurteilen.

politik-digital.de: Das Problem in der Informationskette scheint in der Lücke zwischen Regierungsstellen und Betroffenen zu liegen. Ein Frühwarnsystem, wie etwa im Pazifik existiert nicht. Dennoch gab es zeitnah Informationen über das Seebeben. Wie kann ein Frühwarnsystem da helfen?

Winfried Hanka: Zeitnahe Informationen über Erdbeben unter dem Meeresboden sind zwar eine wichtige Voraussetzung für ein Frühwarnsystem, aber allein bei weitem nicht ausreichend. Hinzukommen muss zum einen eine direkte Messung der Schwankungen des Meeresspiegels mit Hilfe spezieller Bojen um festzustellen, ob ein geortetes Erdbeben tatsächlich Tsunamiwellen angeregt hat. Fehlalarme müssen praktisch auszuschließen sein, denn sie verunsichern die Bevölkerung und führen zu hohen wirtschaftlichen Schäden. Zum dritten gehört zu einem Frühwarnsystem natürlich auch die eigentliche Warninfrastruktur vor Ort, das was Sie als die “Lücke” zwischen Regierungsstellen und Betroffenen” bezeichnen. Das ist, gerade in Entwicklungsländern, sicher der schwierigste Teil. Diese Lücke muss geschlossen werden.

politik-digital.de: Wie findet man sich im Internet unter der Fülle von wissenschaftlichen Informationen zurecht? Gibt es eine zentrale Site, bei der alle neuen und wichtigen Informationen zusammenlaufen? Und welche Schlüsse kann der Laie aus Erdbebenwarnungen ziehen?

Winfried Hanka: Es gibt in Europa die Site des ”
European-Mediterranean Seismological Centers” vornehmlich für Beben in Europa und im Mittelmeerraum wo Meldungen von Organisationen in diesem Raum zusammenlaufen. Global sind die Sites des ”
National Earthquake Information Service” der USA sowie des ”
Pacific Tsunami Warning Centers” auf Hawaii zu nennen, die aber ausschließlich eigene Informationen veröffentlichen.

Aus Erdbebenmeldungen eine Information über Tsunamis abzuleiten ist wie gesagt für Laien nicht möglich. Trotzdem ist es sicher auch für Laien aus den unterschiedlichsten Gründen wichtig, über aufgetretene Erdbeben und deren genaue Epizentren und Stärke informiert zu sein.

politik-digital.de: Wäre es z.B. möglich, ein globales Frühwarnsystem mit Hilfe des Internets aufzubauen, um rechtzeitig vor Katastrophen warnen zu können? Und wie müsste es Ihrer Meinung nach aussehen?

Winfried Hanka: Das jetzige Erdbebeninformationssysten des GFZ beruht ausschließlich auf dem Internet. Sowohl die digitalen Aufzeichnungen der Seismometerstationen werden über Internet nach Potsdam übertragen, als auch die Ergebnisse der Datenanalyse über Internet verteilt. Aber bei einem richtigen Frühwarnsystem müßte man auf ein unabhängiges satellitengestütztes Intranet gehen, das absolut ausfallsicher ist und keinerlei Verzögerungen hat.

politik-digital.de: Gibt es ein eMail oder SMS Katastrophenwarnsystem das, in Verbindung mit einem Frühwarnsystem, vor Tsunamis warnen könnte? Wäre damit eine solche Katastrophe vermeidbar?

Winfried Hanka: Es gibt bisher nur japanische und US-amerikanische Tsunamiwarnsysteme im Pazifik. Diese warnen zwar auch im Internet, aber die Warnung der (eigenen) Bevölkerung erfolgt direkt, z.B. über Radio und Fernsehen oder durch Lautsprecherdurchsagen. Ob es dort auch einen allgemeinen Email- oder SMS-Service gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bezweifel es aber.

politik-digital.de: Denkt man sich eine automatische “Internet-Tsunami-Warnmaschine”, welche Risiken birgt ein solches System? Wäre so etwas denkbar? Könnte also eine zentrale Warn-Website zumindest die gefährdeten Länder mit den notwendigen Informationen versorgen? Oder würde aber die Datenmenge eines globales Netzes permante Fehlwarnungen verursachen?

Winfried Hanka: Die gefährdeten Länder müssen Teil des Warnsystems sein, sonst hat es wenig Sinn. Und eine Warnung sollte nur dann erfolgen, wenn diensthabende Experten die Ergebnisse des automatischen Systems geprüft haben. Fehlalarme sind wie gesagt ein großes Problem, speziell bei automatischen Systemen. Aber generell gilt, daß je umfassender die Messdatenbasis ist, desto eher können Fehlalarme reduziert werden.

politik-digital.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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