Meint er mich?

Ansgar Heveling ist in aller Munde. Seit gestern ist das im „Handelsblatt“ veröffentlichte Traktat des CDU-Bundestagsabgeordneten über das Ende des Web 2.0-Zeitalters Thema auf Twitter und in zahlreichen Blogs. politik-digital.de stellte sich derweil die Frage nach dem Adressaten seiner Botschaft. Wer ist die „Netzgemeinde“?

Zwar mahnte Peter Altmaier zur Gelassenheit, aber selbst netzpolitisch-engagierte Fraktionskollegen wie die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär oder der Bundestagsabgeordnete Peter Tauber waren bemüht, ihren Unmut über die Einlassungen Ansgar Hevelings möglichst schnell in 140 Zeichen zu pressen. In den einschlägigen Blogs und der überregionalen Presse erntete Heveling, der ebenfalls Mitglied in der Enquete-Komission „Internet und digitale Gesellschaft“ ist, Unverständnis, Spott und „Mitleid“.

#heveling und die Reaktionen 

Überdies animierte der Jurist, der erst vor wenigen Tagen in einer zustimmenden Presseerklärung zur US-amerikanischen SOPA-/PIPA-Gesetzgebung für Furore gesorgt hatte, zu spontanen kreativen Aktionen. So vertonte beispielsweise Mario Sixtus, „Elektrischer Reporter“ beim ZDF, den im „Handelsblatt“ veröffentlichten Text und reicherte seine Performance mit historischen Filmsequenzen an, die sich an die mitunter martialische Wortwahl des CDU-Politikers anlehnten. Eine besondere „Ehre“ für öffentlich in die Kritik geratene Politiker, die erst vor einigen Tagen dem ersten Mann im Staat, Bundespräsident Christian Wulff, zuteil wurde.

Wer ist „die Netzgemeinde“ und wenn ja, wie viele?

„Was, bitte, meint der Mann?“, fragt Stefan Plöchinger heute in der Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“. Wahrscheinlich wäre es jedoch ebenso erhellend, könnte man herausfinden, wen Ansgar Heveling eigentlich im Auge hatte, als er über „digitales Blut“ und „Schlachtennebel“ sinnierte – eine Frage, die in der bisherigen digitalen Erregung über die #hevelingfacts eher zur Begleitmusik verkam.

„Die Netzgemeinde“ scheint neben unzweifelhaft polemisierenden Kraftausdrücken wie „digitalen Horden“ dabei noch der präziseste Adressat der Botschaft des niederrheinischen Bundestagsabgeordneten. Ein bereits in der Vergangenheit strapazierter Begriff, der – unabhängig von der Aufregung über Ansgar Heveling – einer präzisen Definition harrt. In seiner Bedeutung sei der Begriff „Netzgemeinde“ abhängig vom Standpunkt des Betrachters, wie Leonhard Dobusch gegenüber politik-digital.de ausführte. Der Jurist und Wirtschaftswissenschaftler,  der an der Freien Universität Berlin zu Innovationen, neuen Medien und Technologien forscht, sieht den Begriff „Netzgemeinde“ zum einen als Begriff an, der in erster Linie von klassischen Medien verwendet wird. Dort würde er verwendet, um „dieser Netzgemeinde in ihrer Gesamtheit negative Attribute zuzuschreiben, wie zum Beispiel ‘Gratiskultur‚ oder jüngst ‘Nerdzissmus‘“.

Andererseits, so Dobusch weiter, „beanspruchen Vereine und Initiativen wie beispielsweise AK Vorrat, der gegen Vorratsdatenspeicherung kämpft, für die Netzgemeinde zu sprechen.“ Ganz zu schweigen von ambitionierten ThinkTanks und Vereinigungen wie dem Verein „Digitale Gesellschaft“, der sich die Lobbyarbeit für die Belange von Internetnutzern und die Gestaltung des digitalen Zeitalters auf die Fahnen geschrieben hat. In diesem Zusammenhang würde „Netzgemeinde“, so Dobusch weiter, mit Blick auf jene Nutzer verwendet, „die digitale Nutzungspotentiale besonders intensiv und versiert ausschöpfen.“

Kernmerkmal der Netzgemeinde

Überhaupt ist nach der Meinung von Leonhard Dobusch die besonders intensive Internet-Nutzung noch kein im engeren Sinne ausschlaggebendes Kriterium für die Zugehörigkeit zur „Netzgemeinde“. Hier seien viel eher jene Nutzer eingeschlossen, „die die neuen technischen Möglichkeiten mit einem neuen Selbstverständnis und neuen Nutzungsverhalten ausschöpfen“. Kulturelle Praktiken, also die neben dem Zugang zu digital verfügbaren Informationen und Kommunikationskanälen „bisweilen mit vordigitalen, rechtlichen oder ökonomischen Rahmenbedingungen nur schwer in Einklang zu bringen sind“, wie Dobusch es ausdrückt.

Die Debatte über die verunglückte Rhetorik Ansgar Hevelings wird eines Tages enden. Möglicherweise wird die Aufregung über seine Zeilen nicht einmal die Karnevalstage überleben. Die Debatte über die Frage, wodurch sich „die Netzgemeinde“ wirklich konstituiert, steht jedoch erst am Anfang.

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