Sam Muirhead: Ein Jahr “Open Source” leben

Year of Open Source from Sam Muirhead on Vimeo.

Die Nutzung von Open Source-Software und freien Online-Lexika ist das Ideal in einer freien Wissensgesellschaft. Gleichzeitig sind wir aber auch Mitglieder der modernen Konsumgesellschaft und wissen immer weniger, wie Dinge hergestellt werden. Der neuseeländische Künstler Sam Muirhead will ein Bewusstsein dafür schaffen und startet heute das Projekt “Year of Open Source”, mit dem er ein Jahr lang nach dem “Open Source-Prinzip” leben will.

In unserem Alltag benutzen wir ganz selbstverständlich Geräte und Gegenstände, von denen wir wissen, wie sie funktionieren, aber selten sagen können, wie sie hergestellt werden. Was wir nicht selbst machen können, aber zum Leben benötigen, müssen wir kaufen. Das versetzt uns in eine  Abhängigkeit von Menschen mit dem Wissen über die Produktion und verleitet uns zugleich zum Konsum. Diese Marktlogik dominiert unsere Gesellschaft, in der Wissen zu schützenswertem Eigentum erklärt wird, um (kapitalistische) Geschäftsmodelle zu bewahren, die auf dieser Abhängigkeit basieren. Mit einem sehr ambitionierten Projekt probiert der in Berlin lebende neuseeländische Filmemacher Sam Muirhead nun aus, ob ein Leben nach dem “Open Source-Prinzip”  möglich ist. Mit seinem Experiment, das am heutigen1. August 2012 beginnt, will er zu einem neuen  Verständnis vom Verhältnis zwischen Konsum und Produktion schaffen.

Sam Muirhead hat in Neuseeland deutsche Geschichte und Filmproduktion studiert, ehe er für ein paar Jahre nach Südamerika ging. Geprägt von der Lebenswirklichkeit einer postkolonialen Gesellschaft, setzte er sich mit der jüngeren Geschichte südamerikanischer Länder auseinander und beschäftigte sich mit dem Neokolonialismus US-amerikanischer Unternehmen im 20. Jahrhundert. In ihm reifte die Überzeugung, dass diese Form von Wirtschaftsimperialismus zur Ausbeutung von wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern und politischer Einflussnahme auf die Innenpolitik dieser Länder führte. Das seit 1900 in Mittel- und Südamerika aktive Früchteunternehmen United Fruit Company, heute als Chiquita Brands International, Inc. bekannt, ist eines der bekanntesten Beispiele dafür. Als Sam die noch heute wahrnehmbare Folgen dieser Politik sah, kam er auf den Gedanken, dass die Menschen doch einfach selbst Unternehmen gründen sollten. Die Frage war nur, wie sich das bewerkstelligen lässt. Antworten fand der junge Filmemacher in dem Buch “Die offenen Adern Lateinamerikas” des uruguayischen Journalisten Eduardo Galeano, das sich mit den Auswirkungen der fünf Jahrhunderte andauernden ökonomischen Ausbeutung Lateinamerikas durch die Kolonialmächte auseinandersetzte. Auch “The Wealth of Networks” des aus Israel stammenden Harvard-Jura-Professors Yochai Benkler, das sich mit den Vorzügen kollaborativ arbeitender Netzwerke beschäftigt und die auf Gemeingut beruhende Produktion unter Gleichen als Idee vertritt.

Diese Vorzüge finden sich insbesondere in der Open-Source-Bewegung der Softwareindustrie wieder, in der der Gedanke seinen Anfang nahm. Open Source bedeutet, dass der Quellcode einer Software offen ist, also von jedermann eingesehen und nach eigenen Vorstellungen verändert, kopiert und benutzt werden kann. Am Anfang der Computerindustrie war jede Software quelloffen, doch mit der wachsenden Bedeutung und den größeren Möglichkeiten der Monetarisierung des Codes wurden diese geschlossener und kommerzieller. Open Source war eine Reaktion anfangs nur weniger Programmierer auf diese Kommerzialisierung. Inzwischen ist daraus eine soziale Bewegung entstanden, die nicht nur Software, sondern das Wissen und die Kultur unserer Gesellschaft frei zugänlich machen möchte. Von diesem Ziel beseelt, widersetzt sich die Bewegung fast allen Regeln der Wirtschaft und des Urheberrechts. Nicht auf Gewinnmaximierung und Besitzdenken ausgerichtet, wollen Open Source-Projekte wie Wikipedia, Open Data, Open Access oder die Creative Commons-Bewegung neue Formen der Zusammenarbeit und des Gemeinsinns testen und mithilfe des Internet Menschen auf der ganzen Welt an dem kollektiven Schatz des freien Wissens teilhaben lassen. So auch Sam Muirhead, der von diesen Initiativen profitieren, ihnen aber auch eine selbst erprobte Beweiskraft zurückgeben möchte.

Dass es sich mit offener Software genauso gut, wenn nicht sogar zuweilen besser als mit proprietärer Software arbeiten lässt, wurde schon häufiger bewiesen. Dieses Prinzip aber in das analoge Leben zu übertragen, ist ein bisher kaum erprobter Versuch. Die tägliche Nahrungszufuhr ist dabei noch Sams geringstes Problem. Rezepte sind grundsätzlich nicht urheberrechtlich geschützt und auch die meisten Zutaten kann der aktive Hobby-Gärtner selbst anbauen. Seit zwei Jahren ist der 28-jährige Sam Mitglied im  Kreuzberger Nachbarschaftsgarten “Ton Steine Gärten”, wo er bereits jetzt ein politisches Zeichen für Ernährungssouveränität  in Form einer lokalen und klimaneutralen Produktion von Lebensmitteln, die nicht gentechnisch verändert oder patentiert sind, praktiziert. Worauf er aber seine Mahlzeiten zu sich nehmen wird, angefangen beim Geschirr oder den Möbeln im Esszimmer, muss er erst herausfinden. Keine leichte Aufgabe, denn der bislang passionierte Mac-Nutzer ist nach eigenen Aussagen handwerklich nicht sehr begabt. Findet er jedoch keine Produkte, deren Herstellung offen gelegt ist, muss Sam sie selbst herstellen. Berlin ist dafür seiner Meinung nach genau der richtige Ort, wenn nicht sogar einer der wenigen weltweit, an dem er das schaffen kann. Hier existiert eine Szene, die mit Freude kollaborativ zusammenarbeitet.

Gemeinsam mit dem Architekten Le Van Bo, dem Erfinder des sozialen Designprojekts “Hartz IV Möbel”, hat Sam sich schon sein eigenes One-SQM-Haus gebaut und erste handwerkliche Fähigkeiten erlernt. Auf diese Weise will er Stück für Stück sein gesamtes Mobiliar auf Open Source umstellen. Als nächstes will Sam herausfinden, wie er Kleidung und Schuhe selbst herstellen kann, wenn es keine nach dem Open Source-Prinzip produzierte Waren gibt. Seine Fortschritte wird er jede Woche in einem Vlog festhalten und den Menschen sein gesammeltes Wissen in Form von Wikis und Blogposts  zur freien Nutzung anbieten. Einen radikalen Umbruch strebt Sam Muirhead nicht an, und ein Wechsel von Null auf Hundert ist sicher auch nur schwer realisierbar, aber in aufeinander aufbauenden Schritten versucht er ein Jahr lang zu zeigen, dass eine andere Lebensweise möglich ist. Dabei wird er, wie auch die freie Software-Bewegung, auf die Hilfe und Zusammenarbeit der Gemeinschaft angewiesen sein.

Wenn sich eine Person findet, die wie Sam wissen möchte, wie sich zum Beispiel eigenständig Schuhe herstellen oder ein Spiegel bauen lassen, kann  mit ihm über sein Blog Kontakt aufnehmen und ihm helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Sam Muirhead kennt dieses Bedürfnis nach Austausch schon vom Urban Gardening, denn auch hier finden sich Menschen zusammen, die nicht nur in einer Stadt zusammen sein, sondern sich in unserer sehr individualisierten Gesellschaft gemeinschaftlich geistig und körperlich betätigen wollen.

Sam Muirhead hat sich darauf eingestellt, dass dieses Projekt sein Leben (und das seiner verständnisvollen Freundin) grundlegend verändern wird. Bis zu einem gewissen Grad wird das Open Source-Leben möglich sein, doch es wird auch Momente  geben, in denen die Funktionalität des Gedanken an ihre Grenzen stoßen wird und geprüft werden muss. Ob nun in letzter Konsequenz auch Medikamente, Strom oder das Wohnhaus selbst Open Source sein müssen, sei dahin gestellt. Auch wie viel er im ersten Jahr erreichen kann. Ob das Projekt nach einem Jahr wirklich konsequent beendet sein wird, ist fraglich, denn viele Dinge wird Sam einfach aus Überzeugung in sein Leben integrieren und andere Menschen dazu inspirieren, es ihm teilweise gleich zu tun. Selbst wenn Sam nur eine Umsetzungsquote von  20 Prozent erreichen sollte, ist das ein Fünftel Anteil seines Leben, das er selbst entwickelt und bewusster gestaltet hat.

Wer mehr über das Projekt “Year of Open Source” von Sam Muirhead wissen möchte, kann sich auf seinem Blog oder der indiegogo-Kampagnenseite informieren, über die Sam Muirhead zur besseren Verwirklichung Spenden sammelt. Je mehr Geld zusammen kommt, umso mehr kann Sam Muirhead ausprobieren und erkunden. Neben dem Geld ist aber vor allem die aktive Mithilfe der Community gefragt, die Grundlage jedes Erfolgs eines kollaborativen Projekts ist. Sam Muirhead ist u.a. via Twitter: @YrOfOpenSource erreichbar.

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3 Antworten auf Sam Muirhead: Ein Jahr “Open Source” leben

  1. Esther sagt:

    Wird er auch seinen nächsten mac selbst bauen?

  2. Sam wird seinen jetzigen Mac aufschrauben und versuchen, so viele Teile wie möglich mit Open-Source-Alternativen auszutauschen. Dazu kommt, dass er ja auf ein Open-Source-Betriebssystem umsteigen wird. Falls Apple also kein Open-Source-Macbook herstellt, wird er Sam sich wohl einfach kein nächstes Macbook kaufen. ;-)

  3. Juri Bugalta sagt:

    Genial!

    Ich bin selbst überzeugter Nutzer von Linux, freier Software und Creative Commons – das Projekt von Sam Muirhead finde ich hervorragend!
    Ich werde seinen Blog auf alles Fälle mitverfolgen.

    Aber er sollte von Google auf Ixquick umsteigen – auch wenn es nicht Open Source ist, so ist es wenigstens anonym und der Datenschutz ist auch ein wichtiges Thema, wenn wir schon dabei sind…

    MFG

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