Internet-Freiheit macht nicht frei

Während es in der arabischen Welt brodelt und der Begriff „Facebook-Revolution“ in aller Munde ist, verweist einer hartnäckig auch auf die dunkle Seite der Internet-Freiheit: Der Blogger und Journalist Evgeny Morozov zeigt sich wenig euphorisch und warnt vor zunehmender Überwachung, Zensur und Propaganda. Bei einem Zwischenstopp in Berlin traf politik-digital.de ihn für ein Interview.

 

Der aus Weißrussland stammende Evgeny Morozov forscht aktuell als Gastdozent an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto. Bekannt wurde er Anfang dieses Jahres durch sein Buch „The Net Delusion: The Dark Side of Internet Freedom“, in dem er darlegt, warum das Internet und soziale Netzwerke seiner Ansicht nach nicht die befreiende Rolle einnehmen können, die ihnen oft zugeschrieben wird, und in dem er unter anderem die Existenz einer Twitter- Revolution im Iran mit Zahlen widerlegt.Zuletzt führte er einen öffentlichen Disput mit dem bekannten Journalisten und Publizisten Jeff Jarvis über die in dessen Buch „Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live“ geäußerten Thesen. Morozov warf Jarvis in einem Beitrag für das Magazin The New Republic (Deutsch / Englisch) u.a. eine oberflächliche Betrachtungsweise des Spannungsverhältnisses von Privatsphäre und Öffentlichkeit vor, woraufhin Jarvis eine ausführliche Replik schrieb.

Der 27-jährige Morozov bloggt auf Net Effect für das US-Magazin Foreign Policy und schreibt für verschiedene Medien, darunter für die New York Times, das Wall Street Journal, die Financial Times und den britischen Guardian. Sein Hauptinteresse gilt den neuen Technologien und ihrem Einfluss auf die Gesellschaft. Der Netz-Skeptiker versucht die Rolle des Internet als „Revolutions-Maschine“ zu relativieren und warnt zugleich vor dessen Missbrauch durch autoritäre Regime. Als Aktivist in der NGO Transitions Online reiste er einige Jahre durch Europa, Weißrussland und Zentralasien und traf Aktivisten und Blogger. Dabei erkannte er laut eigenen Angaben die dunklere Seite des Internet und „dass Regierungen oft viel schlauer sind als Aktivisten“. Mit der Zeit stellte er sich die Frage, wie das Internet und Technologien mit Geschichte und Kultur verbunden sind.

Nach und nach entfernte er sich vom Fokus auf autoritäre Staaten, um sich mehr mit kulturellen Fragen zu beschäftigen, wie mit dieser: „Was bedeutet das Internet und wie können wir ihm einen Sinn geben?“ Morozov ist viel unterwegs, hält Vorträge auf der ganzen Welt und macht sich sein eigenes Bild der entsprechenden Länder. In der vergangenen Woche war er zu Gast als Redner beim internationalen Symposium „Wissen und Macht“ im Deutschen Technikmuseum Berlin. Mit politik-digital.de sprach er dort über die Rolle des Internet, über den Einfluss von Facebook und seine persönliche Arbeit. Eindringlich warnt Morozov davor, dass die Art und Weise, wie Konzerne alle Arten von intellektuellem, kulturellem und rhetorischem Kapital mobilisieren, um ihre Aktivitäten normal erscheinen zu lassen, genau das ist, was ihre Macht und Gefahr für uns ausmacht.

Lena Herzog (politik-digital.de) im Gespräch mit Morozov

 

Herr Morozov, Sie schreiben über die dunkle Seite der Internet-Freiheit. Hat die Freiheit im Internet denn ihrer Meinung nach auch positive Aspekte und Vorteile?

Zuerst einmal muss ich klar stellen, dass der Untertitel meines Buches, „The Dark Side of Internet Freedom“, sich nicht auf die Freiheit der Inhalte im Internet bezieht, sondern auf das Grundsatzprogramm des US-Außenministeriums. Ich kritisiere ganz einfach Hillary Clintons Ansichten von Internet-Freiheit, ich kritisiere nicht die Freiheit, E-Mails zu senden, an wen auch immer. Die positiven Aspekte des Internet sind, dass es Zugang zu Informationen ermöglicht und die Kommunikation mit anderen Menschen erleichtert. Die offenkundigste Nutzung des Internet liegt in der sozialen Mobilisierung und der Suche nach Informationen, die Regierungen oder andere öffentliche Akteure nicht preisgeben wollen. Aber es gibt auch Grenzen der Nutzung, und diese sind: Propaganda, Überwachung und Zensur. Wir müssen sicher gehen, dass wir all diese negativen Aspekte minimieren. Daran habe ich in den vergangenen Jahren gearbeitet.

Wie denken Sie, können die Leute wahren Einfluss auf die Demokratie erlangen, wenn das nicht durch das Internet möglich ist?

Ich habe nicht gesagt, dass das nicht durch das Internet versucht werden soll. Es ist alles eine Frage der sinnvollen Technologie, entsprechender Instrumente und Netzwerke. Die wesentliche Frage ist, wie wir Zugang zur politischen Welt bekommen können, ohne trivialen Lösungen zu verfallen, die das Internet bietet. Ich befürchte, dass viele Leute sich entscheiden werden, eine Facebook-Gruppe zu gründen, obwohl andere Optionen verfügbar sind, weil Facebook cool, billig und kosteneffizient ist. Für mich ist die wichtigste Frage, inwiefern das Internet seine eigenen Lösungen vorschlägt und ob die Menschen diese nutzen werden. Wenn es das tut, dann wird exakt die Art von falschem ideologischen Bewusstsein dahinter stecken, das uns nach Instrumenten greifen lässt, nicht etwa weil wir sie benutzen müssen, sondern weil unsere Umwelt uns denken lässt, dass diese Instrumente perfekt geeignet sind.

Denken Sie also, dass es nötig ist, zu den „altmodischen“ Mitteln zu greifen, um eine Revolution herbeizuführen?

Ich sage nicht, dass das nötig ist. Ich sage nur, dass die Anwendbarkeit dieser Methode und Strategie vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Umwelt geprüft werden muss. Man kann nicht feststellen, ob das Internet passend oder unpassend dafür ist, indem man nur das Internet selbst betrachtet. In einigen Fällen gehen bereits bestehende soziale Gruppen auf Facebook oder Twitter, um ihre Projekte voranzutreiben. In manchen Fällen wird man Leute erleben, die sich bisher nicht an öffentlichen Diskussionen beteiligt haben und die im Internet Gleichgesinnte finden, mit denen gemeinsam etwas Größeres entwickeln und sich für ihre Themen einsetzen. Das ist auch in Ordnung, aber es muss immer im Kontext beurteilt werden. Kontextualisierung im Hinblick auf das Internet ist so eine Art größeres Ziel von mir. Ich möchte zeigen, dass Technologie und das Internet selbst, so einflussreich es ist, nicht die Aktionen vorschreiben sollten. Die Taten müssen aus einem tatsächlichen Engagement der Gesellschaft hervorgehen.

Wie wir alle wissen, sammeln und speichern Konzerne wie Facebook und Google zahllose Daten, die wir ihnen bei unserer Internetnutzung übermitteln. Bisher haben wir uns hauptsächlich darüber unterhalten, wie autoritäre oder totalitäre Regime diese Daten missbrauchen können. Sehen sie auch von diesen Konzernen selbst eine Gefahr für unsere Freiheit ausgehen?

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb diese Konzerne bedrohlich für uns sein können. Teilweise sammeln sie sehr viele Daten und es ist klar, dass diese Daten irgendwo auftauchen werden und uns gefährlich werden können. Sicherheit ist großartig, wenn wir sie nicht auf eine einzige Karte setzen. Facebook weiß so viel über uns und gibt so viele Informationen über uns preis, dass wir das Thema Datenschutz für immer vergessen werden können. Deshalb macht die Tatsache, dass Facebook so mächtig ist, es so bedrohlich. Der Fehler von Facebook liegt darin, dass sie die Daten nicht vernichten bzw. löschen. Hinzu kommt, dass diese Firmen unser Verhalten beeinflussen, sie formen unsere Erwartungen und Ideologien. Die Idee, für die Mark Zuckerberg jetzt wirbt, ist die des partiellen Teilens. Das wird als cool angepriesen, als etwas, das relevant für das Internet-Zeitalter ist. Aber wenn man genau darüber nachdenkt, ist es nur ein Euphemismus für eine Überwachung durch den großen Bruder. Die Tatsache, dass partielles Teilen uns als etwas völlig Normales erscheint, sollte erforscht werden. Die Art und Weise, wie diese Konzerne alle Arten von intellektuellem, kulturellem und rhetorischem Kapital mobilisieren, um ihre Aktivitäten normal erscheinen zu lassen, ist genau das, was ihre Macht und Gefahr für uns ausmacht. Es ist die scheinbare Normalität, die sie erzeugen, und das stört mich persönlich sehr.

Sollten nun also Regierungen Auflagen für Facebook oder Google machen?

Ja. Ich glaube nur nicht, dass wir schon an einem Punkt angelangt sind, an dem wir intellektuell so weit sind, zu wissen, wie diese Auflagen aussehen sollen. Es gibt zwar bereits Regelungen zum Beispiel im Sinne des Datenschutzes. Es ist nicht so, dass Regierungen komplett übersehen, dass es Regelungsbedarf gibt, aber sie denken, dass sie für bestimmte Themen nicht das intellektuelle Kapital besitzen und nicht den Hintergrund haben, um zu verstehen, wie soziale Personalisierung funktioniert, Facebooks neue Timeline aussieht oder das neue Gesichtserkennungsprogramm in Drittanbieter integriert werden wird. Das ist alles sehr kompliziert und es ist sehr einfach, dieses Gebiet überzuregulieren, besonders in Europa. Das ist etwas, was ich nicht möchte. Ich möchte sicher stellen, dass diese Konzerne neue Anwendungen entwickeln und neue Plattformen aufbauen können. Ich will aber auch sicher gehen, dass sie nicht damit davon kommen, dass sie Dinge behaupten, die weder wir noch politische Entscheidungsträger verstehen. Mein ganzes Projekt geht in einem gewissen Sinne darum, zu versuchen, diese Entscheidungsträger, Journalisten und Intellektuelle zu einer kritischeren Einstellung gegenüber diesen Konzernen zu bewegen.

Was planen Sie als nächstes?

Ich fühle mich gut damit, dass ich einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Debatte über Technologie und das Internet besitze. Nächstes Jahr werde ich ein neues Buch veröffentlichen und ich schreibe Buchkritiken und Aufsätze. Im Englischen gibt es leider das Wort „Publizist“ nicht, auf Deutsch hat es eine viel bessere Bedeutung. Ich sehe mich selbst irgendwo in diesem Bereich, als ein öffentlich agierender Intellektueller. Welches Projekt ich als nächstes verfolge? Mir einen Bart wachsen lassen!

Kommentar verfassen