Andreas Jungherr: Zwischen Wahlkampf und Hörsaal

 Als Wissenschaftler untersucht Andreas Jungherr Online-Kommunikation der Parteien. Dabei kann er auf eigene Erfahrungen aus zwei Landtags- und einer Bundestagswahl zurückgreifen, in denen er die Internet-Kampagnen der CDU unterstützte. Ein Wahlkämpfer, der sich nicht scheut, auch Parteifreunden öffentlich zu widersprechen.

Treffpunkt mit Andreas Jungherr ist die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz. Dorthin kommt der Bamberger Politikwissenschaftler direkt mit dem Koffer vom Hauptbahnhof, um in den folgenden Tagen Termine in der Hauptstadt wahrzunehmen. Sein Know-how ist gefragt, schließlich beschäftigt er sich seit Jahren wissenschaftlich und praktisch mit den Besonderheiten politischer Kommunikation im Internet. Das Thema seines Dissertationsprojektes: „Politische Kommunikation in sozialen Netzen“ inklusive der Frage, wie politische Informationen sich auf Online-Plattformen verbreiten.

Eine U-Bahn-Station und zehn Minuten später berichtet Jungherr in den Redaktionsräumen von politik-digital.de von seinen Erfahrungen mit der politischen Kommunikation im Internet:
Bei den Landtagswahlkämpfen 2009 in Hessen und 2010 in Nordrhein-Westfalen sowie bei der Bundestagswahl 2009 hat Jungherr die Online-Kampagnen-Teams der CDU verstärkt. Wie kommt ein junger Wissenschaftler dazu, sich in Roland Kochs Wahlkampf zu engagieren? Schon als Jugendlicher hatte der heute 30-Jährige im hessischen Bad Homburg bei der Jungen Union mitgewirkt. Nach dem Abitur und mit den studiumsbedingten Wohnortwechseln ruhten seine politischen Aktivitäten, ehe er 2009 in Kochs Online-Team tätig wurde. Gereizt habe ihn, dass sein Heimatverband einige innovative Konzepte entwickelt habe, erklärt Jungherr seine Beteiligung und weist, angesprochen auf den umstrittenen Wahlkampf Kochs, darauf hin, dass es auch eine Reihe weiterer politischer Ansichten gegeben habe, doch diese Facetten seien im medialen Getöse untergegangen. Als besonders lehrreich hat Andreas Jungherr den NRW-Wahlkampf empfunden. Dort habe er erkannt, wie unterschiedlich Kampagnen und Politik in Abhängigkeit von den Personen und Regionen konzipiert werden können und müssen.

Tweets wissenschaftlich betrachtet

Basierend auf den Datensätzen zur Bundestagswahl 2009 untersucht Jungherr in seiner Dissertation, wer über welche Themen auf Online Plattformen kommuniziert und wie insbesondere auf Twitter Nachrichten und Meinungen verbreitet werden. Dabei hat er festgestellt, dass nicht alle Twitterer gleichermaßen Gehör finden. Es sind nur einige wenige Accounts, die als Gatekeeper fungieren und entscheiden, welchen Informationen und Nachrichten größere Aufmerksamkeit zuteil wird.

Im Herbst 2011 untersuchte Jungherr für das Projekt “Sichtbarkeitsreport“ gemeinsam mit Anderen, wie gut die Internetauftritte der Parteien vor Landtagswahlen zu finden sind. Die Autoren der Studie kamen zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Online-Angebote der Parteien nur durch gezielte Suche zu finden und oftmals in den Suchmaschinen schlecht gerankt sind. Schließen lässt sich daraus, dass Nicht-Parteimitglieder die im Internet präsentierten Wahlprogramme wohl nur in Ausnahmefällen oder per Zufall wahrnehmen. Dies ließe sich durch redaktionelle Betreuung und suchmaschinenfreundliche Gestaltung ändern.

Herr Jungherr von der CDU

Beim anstehenden Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen und den Wahlen 2013 in Bayern und auf Bundesebene strebt Jungherr keine aktive Rolle an, dies ließe sich zeitlich kaum mit der Dissertation und anderen akademischen Verpflichtungen vereinbaren. Dennoch will Jungherr sich weiter parteipolitisch engagieren. Innerhalb der CDU gebe es viele Politiker, die die Bedeutung des Internet verstanden hätten und den neuen Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten sehr aufgeschlossen gegenüberstünden, so Jungherr. An ihnen sei es, ihren Parteifreunden die Chancen des Internet und die Dringlichkeit der Themen aufzuzeigen. Dies funktioniere aber konstruktiv am besten in internen Diskussionen, ein öffentlicher „Pressemitteilungskrieg“ verhärte nur die Fronten.

Jungherr verhehlt nicht, dass er sich manche Umsetzungen schneller wünschen würde, aber gerade in einer großen Partei gebe es etablierte Handlungsabläufe und viel Bestandswahrungsdenken, gegen das schwer anzukommen sei. Daher sei es gelegentlich an der Zeit, auch als politischer Unterstützer klar Position zu beziehen, wie z. B. in seinem Tweet, in dem er den CDU-Kollegen Ansgar Heveling als den „Wirren von Korschenbroich“ bezeichnete.

Zur Person:

Andreas Jungherr, Jahrgang 1981

2002-2009: 
Studium der Politikwissenschaft, Amerikanistik und Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Seit 2009: 
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promotion an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Lehrstuhl für Politische Soziologie)

Stipendium Stiftung der deutschen Wirtschaft (SDW) 2004-2007

Teilnahme an den Wahlkämpfen Hessen 2009 (Koch), Bundestagswahl 2009 (Merkel), Nordrhein-Westfalen 2010 (Rüttgers)

Jungherr im Internet:
Blog “Too Bad You Never Knew Ace Hanna”
Jungherr auf Twitter

Die Urheberrechtsdebatte als solche, die Heveling damals aufgegriffen hat, findet Jungherr übrigens sehr wichtig. Doch kritisiert er, dass sich einige Politiker zu sehr auf die Beibehaltung des Status Quo zugunsten der Content-Industrie versteifen, während diese längst neue Konzepte entwickelt habe. Die Politiker, die jegliche Änderungen am Urheberrecht verhindern wollen, erinnern Jungherr an „diese U-Boot-Kapitäne, denen noch niemand erzählt hat, dass der Kalte Krieg vorbei ist.“

Shakespeare und Gibson

Er selbst nutzt Online-Inhalte mit Begeisterung. Bücher und Filme zählen zu den großen Leidenschaften des Kindle-Nutzers. An Shakespeare sei faszinierend, wie dieser das Menschliche in politischen Machtverhältnissen beschreibt, schwärmt Jungherr, der in Mainz Politikwissenschaft, Amerikanistik und Geschichte studierte. Auch die „speculative fiction“ sei ein reizvolles Genre, so habe Neil Stephensons Romanserie Baroque Circle wesentlich dazu beigetragen, wie Jungherr Wissenschaft sieht und was ihm daran Spaß macht.

Letztlich sei sogar seine Beschäftigung mit dem Internet dem literarischen Interesse entsprungen, Das Buch Pattern Recognition von William Gibson habe Jungherr veranlasst, sich stärker mit den Möglichkeiten des Internet auseinanderzusetzen.

Ursprünglich hatte Jungherr weder eine wissenschaftliche Karriere noch die professionelle Beschäftigung mit dem Internet geplant, sondern sah seine berufliche Zukunft beim Film oder im Journalismus. Nach dem Abitur in Bad Homburg bei Frankfurt entschied sich Jungherr jedoch für das Studium der Politikwissenschaft .

Seiner hessischen Heimat fühlt sich der Protestant immer noch verbunden, auch wenn seine Lobeshymnen auf die Frankfurter Eintracht und Äppelwoi eher pflichtschuldig ausfallen: „Andere Regionen haben mit ihren Spezialitäten zugegebenermaßen mehr Glück gehabt.“ Seit 2009 arbeitet Jungherr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bamberg, eine Beschäftigung, die er aufgrund der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder und der Möglichkeit der freien Zeiteinteilung schätzt. So findet Jungherr auch die Zeit, nebst anderen Social-Media-Aktivitäten sein Blog „Too Bad You Never Knew Ace Hanna“ zu pflegen.

Die Zukunft des Internet

Trotz der professionellen Beschäftigung mit dem Internet würde sich Jungherr nicht als „digital native“ beschreiben, eher als „gut integrierten Immigranten“, der sich abseits beruflicher Verpflichtungen auch eine Zeit ohne Internet gut vorstellen könnte. Wenn man in den 1990ern gewusst hätte, welche Veränderungen das Internet bewirkt, so der 1981 geborene Jungherr, hätten manche damals wohl den Stecker gezogen – es sei gut, dass das nicht geschehen ist. Man müsse sich aber bewusst sein, dass bestehende Probleme wie die digitale Spaltung auch in absehbarer Zukunft nicht gelöst würden. Derzeit sprechen alle Befunde dafür, dass die erhoffte Ermächtigung des Individuums durch das Netz ausbleibt, stellt Jungherr, der sich als Zweckpessimist bezeichnet, fest. Auch müsse man sich von der Vorstellung eines gemeinsam geteilten Internet verabschieden. Schon jetzt unterscheiden sich die Internet-Wahrnehmung von Apple- und Windows-Usern, auch gebe es verhaltensbasierte oder sozio-ökonomisch begründete Unterschiede der Netznutzung.

Seine eigene Online-Aktivitäten sind weitgehend beruflicher Natur, auch wenn er die Kommunikationsmöglichkeiten der sozialen Medien und insbesondere von Twitter schätzt. Dabei ist Jungherr bemüht, bei seinen Aussagen zwischen den Rollen als Wissenschaftler, CDU-Mitglied oder Privatmensch zu unterscheiden. Dies sei aber gerade bei der wissenschaftlichen Auswertung von Kampagnen mit eigener Beteiligung schwierig. Besorgt, dass er mit seinen Beiträgen anecken könne, ist Jungherr allerdings nicht: „Wenn man mal Wahlkampf für Roland Koch und Jürgen Rüttgers gemacht hat, dann hat man online schon alles gehört, was es online zu hören gibt.“

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