“Wir sind eine Nachrichtenfabrik”

Am 30. August 2008 war Susanne Daubner im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Live von der Internationalen Funkausstellung (IFA) berichtete die Nachrichtensprecherin von Höhe- und Tiefpunkten in ihrer Tätigkeit, von objektiver Berichterstattung und davon, was während des Abspanns so besprochen wird.

Moderatorin: Herzlich willkommen zum tagesschau.de-Chat – live von der IFA. Als Gast begrüßen wir ganz herzlich die Tagesschau-Sprecherin Susanne Daubner. Ganz schöner Lärm hier um uns herum in der ARD-Halle 2.2. Frau Daubner, sind Sie bereit?

Susanne Daubner: Als ehemaliges Zonenkind bin ich immer bereit, weil das ja der Gruß der Jungpioniere war.

Moderatorin: Hier kommt die erste Frage unserer User:

Maja: Sie wirken immer so souverän und gelassen! Wie schaffen Sie es, dass man Ihnen gar keine Nervosität anmerkt oder sind Sie vor einer Sendung nie nervös?

Susanne Daubner: Lampenfieber habe ich schon ab und an. Hauptsächlich vor der 20 Uhr – die ja immerhin von acht bis zehn Millionen Zuschauern verfolgt wird. Ansonsten sind wir natürlich Profis, die die Tagesschau was ja ein Teamprodukt ist seriös präsentieren.

Rantanplan: Als Sprecherin haben Sie ja, glaube ich, wenig Einfluss auf den Inhalt der Meldungen – vermissen Sie das Moderieren und freiere Arbeiten?

Susanne Daubner: Als Nachrichtensprecherin natürlich nicht. Die Tagesschau wird im Team erarbeitet und ich verkaufe das Endprodukt. Die Sendung wird von der aktuellen Nachrichtenlage bestimmt. Es gibt mehrere Konferenzen am Tag, wo sich Redakteure und Chefredakteure treffen, um gemeinsam zu beraten über den Aufbau und Ablauf der 20 Uhr-Tagesschau.

emrah: Wie sind Sie Journalistin/Moderatorin geworden?

Susanne Daubner: Ich bin auf der Straße entdeckt worden. Am Tag der offenen Tür von Hörfunk und Fernsehen in Ostberlin. Nach einer fundierten Sprecherausbildung und Volontariat fing ich beim Jugendradio DT64 als Nachrichtensprecherin an.

Salino: Ihrer Biographie nach waren Sie ja auch Flüchtling (aus der DDR) – was geht Ihnen durch den Kopf wenn Sie heute Bilder von Flüchtlingen zum Beispiel im Mittelmeer sehen?

Susanne Daubner: Das kann man nicht in einem Satz beantworten. Man kann es glaube ich auch nicht vergleichen, weil die Flüchtlinge, die von Afrika nach Europa flüchten, gehen oft, weil sie dort nichts zu essen haben und nicht wissen wovon sie ihre Familie ernähren sollen. Ich bin aus einer Diktatur geflüchtet, weil ich ein großes Bedürfnis nach Freiheit hatte und mich mehr und mehr eingeengt fühlte.

emrah: Dankeschön für ihre Antworten, Frau Daubner.

monica: Wie wird man Nachrichtensprecherin? Wo bekommt man so eine fundierte "Sprecherausbildung"? Und: Wie trainiert man seine Stimme?

Susanne Daubner: Man sollte auf jeden Fall Hochdeutsch sprechen. Die erste Grundvoraussetzung. Dann natürlich sich entsprechend ausbilden lassen bei einem Coach. Und dann braucht man natürlich auch einen Sender, Hörfunk oder Fernsehen, der den Job für einen hat. Trainieren muss ich meine Stimme in dem Sinne nicht. Ich bin keine Opernsängerin aber ich mache auf jeden Fall vor jeder Sendung einige Sprechübungen (Lockerungsüberungen). Schädlich für die Stimme sind auf jeden Fall übermäßiger Konsum von Nikotin und Alkohol.

monica: Das mit der Stimme frage ich nur, weil nicht jede Person eine so schöne Stimme wie Sie hat ;-)

Susanne Daubner: Danke für das Kompliment. Aber diese schöne Altstimme hat mir der liebe Gott mitgegeben.

ifabesuchereins: Man sieht Sie ja immer nur zur Hälfte – dürfen Tagesschau-Sprecher im Sommer auch mal Badelatschen in der Sendung tragen?

Susanne Daubner: Selbstverständlich. Es sieht sie ja keiner. Ich ziehe manchmal auch die Schuhe aus. Da der Tisch leider nicht höhenverstellbar ist und manchmal trägt Frau auch gerne etwas höhere Schuhe.

Moderatorin: So jetzt von Berlin nach Bayern:

Bayern: Welche Meldungen tragen Sie am liebsten vor?

Susanne Daubner: Natürlich gute Meldungen. Davon gibt es nur leider zu wenige.

Charakterlos: Was war die schönste und erfreulichste Meldung, die Sie präsentieren durften?

Susanne Daubner: Spontan fällt mir der Tag ein an dem verkündet wurde, wo die Fußball-WM 2006 stattfindet.

lehrer1: Was war Ihr für Sie peinlichster Patzer?

Susanne Daubner: Ich weiß nicht, ob man hier von peinlich sprechen kann. Fehler sind durchaus menschlich. Gerade in einer Livesendung. Es passieren technische Pannen und auch der Nachrichtensprecher verspricht sich mal. Es ist mir einmal passiert, dass ich die Reihenfolge der Meldungen etwas durcheinander brachte. Das war in der Tat ein unangenehmer Moment, da man das Gefühl hat, dass fünf Sekunden so lang sind wie eine Stunde.

sublingulo: Hallo Frau Daubner, mich würde mal interessieren, was sich die Sprecher/-innen und Moderatoren/-innen während des Abspanns der Tagesthemen so sagen. Ist es eher etwas Persönliches oder ein Kommentar zur Sendung, etwa: "Hat heute super geklappt" – oder so?

Susanne Daubner: Eine häufig gestellte Frage. Oft ist es ein kurzer Kommentar zur Sendung und natürlich Guten-Abend-Wünsche an den Kollegen oder vielleicht auch die Frage: "Gehen wir noch ein Glas Wein trinken?" Was nur selten passiert, da die Tagesthemen-Moderatoren nach einem meist wirklich anstrengendem Arbeitstag froh sind, wenn sie nach Hause kommen.

Moderatorin: Hier treffen eine Menge Komplimente per Chat ein, stellvertretend mal das folgende und gleich dazu die passende Frage:

John: Ein dickes Lob an das Tagesschau-Team und besonders an Sie Frau Daubner, mein persönliches Lieblingsgesicht der Tagesschau! Unvergessen Ihre hoch professionelle Reaktion während der Panne mit dem Putzmann.

Henrik: Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Panne mit der Reinigungskraft zurück? War es schwer für Sie souverän zu bleiben?

Susanne Daubner: In dem Moment zählte für mich nur eins: Nämlich die Sendung ohne irgendwelche Zwischenfälle zu Ende zu bringen. Wenn ich damals allerdings geahnt hätte, wie oft diese Sequenz im deutschen Fernsehen gezeigt werden würde, wäre ich vorher nochmal zum Friseur gegangen und hätte mir auf jeden Fall einen anderen Blazer angezogen, aber wie es so ist: That’s life.

Moderatorin: Kurzer live-IFA-Report: Unglaublich, sie signiert nebenher noch Autogramme – eine echte Multitasking-Frau! Also, wenn sie auf den Webcam-Bildern öfter mal nach unten schaut, wissen Sie warum!

Hannah: Genießen Sie die Berühmtheit, dass so viele Menschen von Ihnen Autogramme möchten?

Susanne Daubner: Na, so viele sind es nun auch nicht. Ich bin ja nicht Angelina Jolie, aber ich freue mich natürlich über Komplimente und Autogrammwünsche.

monica: Schreiben Sie die Texte auch schon mal um? Oder schreiben Sie überhaupt noch?

Susanne Daubner: Nein, die Arbeit ist genau aufgeteilt. Es gibt Redakteure, die für die Wortbeiträge zuständig sind und Redakteure, die die 30-sekündigen Kurzfilme betexten. Sollte sich ein grammatikalischer oder inhaltlicher Fehler eingeschlichen haben, wird das natürlich in Absprache mit dem Chef vom Dienst korrigiert.

Moderatorin: Eine der im Vorfeld häufig gestellten Fragen an Sie ist diese:

emrah: Wieso lesen die Moderatoren bei der Tagesschau immer vom Zettel und nicht vom Teleprompter ab?

LuWe: Von welchem "Medium" lesen Sie lieber? Vom Papier oder vom Teleprompter?

Susanne Daubner: Zu der ersten Frage: Fast alle Tagesschau-Sendungen werden inzwischen vom Teleprompter gelesen bis auf die 20 Uhr-Tagesschau. Sie gibt es in altbewährter Form vom Papier. Und das ist auch gut so. Wie die Quote zeigt. Außerdem unterscheiden wir uns damit auch noch deutlicher von Nachrichtensendungen in anderen Kanälen. Ich mag beides…

rd: Sind Sie persönlich mit der Neutralität der Berichterstattung, speziell Kaukasus, zufrieden?

Susanne Daubner: Die Tagesschau steht nach wie vor für Neutralität und Glaubwürdigkeit. Wie ich schon mehrmals erwähnte, bin ich in erster Linie Nachrichtensprecherin. Die Frage müsstet Ihr eher den Redakteuren stellen, die die Meldungen täglich schreiben.

Alexander: Sie sagen: "Die Tagesschau steht nach wie vor für Neutralität und Glaubwürdigkeit". Der Meinung bis ich persönlich nicht. Besonders bei Berichterstattung aus und über Russland wird ausnahmslos sehr negativ berichtet. Dies ist mir in den vielen Jahren, die ich in Moskau schon lebe, oft aufgefallen. Empfinden Sie dies als falsch?

Susanne Daubner: Bitte formulieren Sie das genauer.

wolfo: Finden Sie nicht manchmal auch, dass die Tagesschau-Nachrichten geschönt und einseitig sind? Zu den schrecklichen Ereignissen in Afghanistan wird ja kaum etwas berichtet. Nervt Sie das?

Susanne Daubner: Den Eindruck habe ich nicht. Wir haben Korrespondenten vor Ort, die genauestens über die aktuelle Lage informieren, wie auch gerade vor ein paar Tagen über den Tod eines Bundeswehrsoldaten, der bei einem Anschlag in der Nähe von Kunduz ums Leben kam.

Beobachter: Haben Sie eigentlich einen Bezug zu den Nachrichten, die Sie verlesen, oder steht die Präsentation so sehr im Vordergrund, dass sie am Ende sozusagen gar nicht wissen, was sie da eigentlich vorgelesen haben?

Susanne Daubner: Eine absurde Vorstellung – nicht zu wissen, wovon man spricht. Als Nachrichtensprecher wird man ein politisch denkender Mensch. Da man täglich mit einer Flut von Meldungen konfrontiert wird und sich natürlich mit den Meldungen auseinandersetzt.

Alexander: Was ist ihrer Meinung nach das Komplizierteste in diesem Beruf?

Susanne Daubner: Meldungen, die man eigentlich nicht verlesen will, weil es immer um menschliche Schicksale geht wie Unwetterkatastrophen, Kriege oder auch Kindesmissbrauch. Ein Thema, das ich persönlich ganz furchtbar finde. Und der Schichtdienst sei noch zu erwähnen. Der ist nicht ohne.

ifabesuchereins: Müssen Sie auch in der Nacht arbeiten?

Susanne Daubner: Wir senden 24 Stunden. Wir sind quasi eine Nachrichtenfabrik. Das heißt, dass wir neben Wochenend- und Feiertagen auch mal nachts arbeiten müssen.

Moderatorin: Zur Zukunft der Tagesschau: Wie wird die "20 Uhr" – Ihrer Meinung nach – in 10 Jahren aussehen? Und zum Thema eine Leserfrage:

tim: Finden Sie das "Nachrichten-Ablesen" noch zeitgemäß? Sollte nicht auch die 20-Uhr-Ausgabe moderiert sein?

Susanne Daubner: Die Entscheidung liegt nicht bei mir. Vielleicht lesen wir immer noch vom Papier. Auf jeden Fall wird es sie auch in den nächsten 50 Jahren noch geben. Stört es Sie denn persönlich, dass sie nicht moderiert wird? Die 20-Uhr-Tagesschau würde sich verändern ,wenn sie vom Teleprompter gelesen bzw. moderiert werden würde.

Moderatorin: Das war die erste Stunde tagesschau-Chat live von der internationalen Funkausstellung in Berlin. Vielen Dank, Frau Daubner, dass Sie Zeit für uns hatten! Werden Sie den Tag noch in der Hauptstadt verbringen?

Susanne Daubner: Ich darf vielleicht erwähnen, dass es mein erster Chat war. Vielleicht hätte ich mich vorher noch bei meiner Tochter einweisen lassen sollen – sie tut es täglich.

Moderatorin: Zwischenfrage: wie alt ist die Tochter?

Susanne Daubner: Gerade volljährig.

tim: Machen Sie gleich einen IFA-Rundgang?

Susanne Daubner: Einen IFA-Rundgang mache ich selbstverständlich, auch wenn ich aufgrund der vielen Neuheiten anschließend etwas verwirrt sein werde und mich erstmal akklimatisieren muss. Aber heute abend geht es schon wieder zurück nach Hamburg, da ich morgen der Tagesschau verpflichtet bin. Also wenn Sie wollen: Um 20 Uhr – diesmal im Studio und nicht im Chat.

Moderatorin: Danke auch an das Chat-Publikum für die rege Beteiligung – und WIR treffen uns wieder an gleicher Stelle – wenn Sie mögen ;-) – morgen um 13 Uhr, dann mit Chefsprecher Jan Hofer. Bis morgen und einen schönen Samstag noch!

Der Chat wurde moderiert von Corinna Emundts, tagesschau.de.

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