Türkei-Beitritt zur EU und Volksabstimmungen

Hartmut Nassauer
im europathemen.de-Chat am 08.06.2004



Moderator: Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich willkommen
im Chat von Europathemen, dem Projekt der Bundeszentrale für politische
Bildung zur Europawahl. Durch die Kooperation mit dem Fernsehsender
arte wird dieser Chat zudem in französischer Sprache angeboten.
Unser heutiger Gast in der Redaktion von www.europathemen.de in Gießen
ist der Spitzenkandidat der CDU-Hartmut Nassauer, Hessens Europa-SpitzenkandidatHessen
fürs Europäische Parlament, Hartmut Nassauer. Herr Nassauer
ist seit 1994 Mitglied im Europäischen Parlament und bekleidete
vorher verschiedene politische Ämter in Hessen. Einer seiner Themenschwerpunkte
ist der Beitritt der Türkei zur EU – um dieses Thema soll
es heute gehen. Wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit nehmen, Herr
Nassauer!

Eine erste Frage von mir vorweg, Herr Nassauer. Sie sprechen sich derzeit
gegen einen Beitritt der Türkei in die EU aus. Sie schreiben: "Die
Aufnahme der Türkei in die EU würde deren Integrationsfähigkeit
bei weitem überfordern." Gleichzeitig werden Sie zitiert mit
den Worten: "Wir benötigen dringend eine privilegierte Partnerschaft
mit der Türkei an der Seite der Europäischen Union."
Warum sind Sie gegen einen Beitritt? Und was wären die Eckpunkte
einer "privilegierten Partnerschaft"?

Hartmut Nassauer: Die EU hat zum 1. Mai zehn neue Mitglieder
in einem Schritt aufgenommen. Sie wird viele Jahre benötigen, um
diese neuen Mitglieder zu integrieren. Ihre Erweiterungsfähigkeit
ist auf absehbare Zeit ausgeschöpft, die Aufnahme eines so großen
Landes wie der Türkei würde die Erweiterungsfähigkeit
der Union bei weitem überfordern. Deswegen plädiere ich für
eine privilegierte Partnerschaft der Türkei an der Seite der EU,
mit der alle gegenseitig interessierenden Fragen bilateral zwischen
EU und Türkei gelöst werden können.

Moderator: Nochmals die Nachfrage: Was ist eine privilegierte
Partnerschaft?

Hartmut Nassauer: Auf allen wichtigen Politikfeldern –
Außenpolitik, Sicherheitspolitik, Terrorismusbekämpfung,
Wirtschaftsbeziehungen – und allen Verhandlungskapiteln der Beitrittsverhandlungen
stimmen EU und Türkei gemeinsame Positionen ab und entwickeln darüber
hinaus gemeinsame Institutionen zur Handhabung dieser Partnerschaft,
wie gemeinsame parlamentarische Ausschüsse und Regierungsausschüsse.
Das ist das Gerüst.

Gabriel: Mein Traum ist ohne Einschränkung durch ganz Europa
zu reisen und überall mit einer Währung bezahlen zu können.
Warum versuchen Sie dies mit Äußerungen gegen die Türkei
und neue Mitgliedstaaten zu verhindern? Haben diese kein Recht beizutreten?
Mit ihren Äußerungen nehmen Sie diesen Staaten doch alle
Ambitionen und Hoffnungen!

Hartmut Nassauer: Die EU muss Grenzen haben. Sonst kann sie
nicht funktionieren. Unser Ziel ist eine politische Union, die auf wichtigen
Politikfeldern gemeinschaftliche Positionen unter Hintanstellung bisheriger
nationaler Positionen entwickelt und nach Außen vertritt. Deswegen
kann die EU nicht beliebig groß werden, der EU-Vertrag begrenzt
sie ausdrücklich auf europäische Staaten.

Moderator: Noch kurz zu der Frage mit den "Hoffnungen"?

Hartmut Nassauer: Ich teile die Hoffnung, dass die Europäische
Union nicht nur ihre originären Ziele wie Friedenssicherung erfüllt,
sondern auch den Binnenmarkt mit den vier Freiheiten Freizügigkeit
für Menschen, Waren, Dienstleistungen, Kapital, verwirklicht.

Übersetzerin: Antoine: Versetzen Sie sich in die Lage eines
Deutschen türkischer Abstammung, eines "Türken der zweiten
Generation": Würden Sie am nächsten Sonntag in der Situation
nicht eine Protestwahl gegen die Parteien machen, die sich gegen den
EU-Beitritt der Türkei stellen?

Hartmut Nassauer: Ich kenne viele Deutsche türkischer Abstammung
und viele türkische Mitbürger die große Vorbehalte gegen
einen Beitritt der Türkei zur EU haben. Im übrigen geht es
bei dieser Wahl nicht nur um die Türkei-Frage, sondern um eine
Fülle anderer politischer Fragen, die auch türkisch-stämmige
Deutsche aus Sicht ihrer politischen Haltung entscheiden werden.

Moderator: Eine weitere Frage der gleichen Nutzerin:

Übersetzerin: Antoine: Kann man die Beitrittskandidatur
der Türkei aus wirtschaftlichen Erwägungen abweisen und gleichzeitig
den Beitritt von zehn anderen Ländern akzeptieren, die historisch
Europa weniger nah stehen?

Hartmut Nassauer: Zunächst glaube ich nicht, dass die zehn
neuen Mitgliedsländer Europa etwa weniger nah stehen als die Türkei.
Zum anderen will ich die Gelegenheit einmal nutzen, nachdrücklich
zu betonen, dass ich ein Freund der Türkei bin, sie für ein
überaus wichtiges Land für Deutschland und die EU halte, in
der Türkei einen immer verlässlichen Freund der Deutschen
sehe und schon deswegen an einem guten Verhältnis zur Türkei
sehr interessiert bin. Ich möchte die Beziehungen lediglich anders
regeln als durch eine Mitgliedschaft in der EU.

Moderator: Eine Nachfrage des Nutzers "Europa-Freund":

Europa-Freund: "auf absehbare zeit ausgeschöpft"
– das heißt Sie sind auch gegen den Beitritt Rumäniens
und Bulgariens 2007?

Hartmut Nassauer: Wir haben Rumänien und Bulgarien den
Beitritt angeboten, sobald sie die Bedingungen erfüllen. Beides
muss gelten – sowohl das Angebot, wie die Forderung, dass die Beitrittsbedingungen
erfüllt werden. Deswegen mache ich den Beitritt nicht am Jahr 2007,
sondern an der Erfüllung der Kriterien fest.

Moderator: Und? Glauben Sie, dass die Kriterien erfüllt
werden?

Hartmut Nassauer: Die bisherigen Fortschrittsberichte der Kommission
belegen nicht zwingend, dass insbesondere Rumänien in den nächsten
zwei Jahren auf allen Feldern, die in 31 Kapiteln verhandelt werden,
den notwendigen Fortschritt erreicht. Das ist nicht ausgeschlossen,
aber es bleibt abzuwarten.

Moderator: Zurück zur Türkei-Frage:

Theo: Sie geben ja vor, das nächste EP werde über
den Beitritt der Türkei entscheiden, obwohl viele Parlamentarier
sagen, dass dieser Prozess sich noch über die nächsten zehn
bis fünfzehn Jahre erstrecken wird. Machen Sie den Wählern
nicht etwas vor, indem Sie mit falschen Vorgaben Ihren Wahlkampf führen?

Hartmut Nassauer: Das am 13. Juni zu wählende Parlament
hat im Oktober Stellung zu nehmen zu dem Vorschlag der Kommission, Beitrittsverhandlungen
mit der Türkei aufzunehmen. Anders als die Entscheidung des Parlaments
über einen Beitritt selbst ist diese Stellungnahme nicht verbindlich,
wohl aber von politischem Gewicht. Deswegen ist es notwendig, in diesem
Wahlkampf über den Türkei-Beitritt zu reden. Man sollte auch
darauf hinweisen, dass die EU noch mit keinem Land Beitrittsverhandlungen
aufgenommen hat, die nicht irgendwann mit dem Beitritt beendet worden
sind. Schon deswegen wäre die Aufnahme von Verhandlungen ein gewichtiges
Signal.

Davala: Was halten Sie für das stärkste Argument der
Befürworter eines Türkei-Beitritts? Welches ist das schwächste?

Hartmut Nassauer: Wie bei jeder wichtigen Frage gibt es Pro
und Kontra. Für mich ist herausragend wichtig, die Partnerschaft
mit der Türkei, die Einbindung der Türkei in die westliche
Sicherheitsallianz, die gemeinsame Bekämpfung des internationalen
Terrorismus, die Unterstützung der Türkei in ihrer Brückenfunktion
nach Asien und in die islamische Welt. Am wenigsten entscheidend ist
die Frage der wirtschaftlichen Beziehungen.

altemur: Welche nicht erfüllten Bedingungen sind es, die
Ihrer Meinung nach gegen eine Mitgliedschaft der Türkei sprechen?

Hartmut Nassauer: Bedingung für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
sind die so genannten Kopenhagener Kriterien. Sie erfordern eine gefestigte
stabile Demokratie ohne maßgeblichen Einfluss des Militärs,
einen funktionierenden Rechtsstaat, zum Beispiel ohne Folterpraktiken
in den Gefängnissen, die Garantie der Menschenrechte, den Schutz
von Minderheiten in ihrer kulturellen Eigenart und eine dem Wettbewerbsdruck
standhaltende marktwirtschaftliche Ordnung.

Moderator: Sie hatten vorhin gesagt, dass Sie die Beziehungen
zur Türkei anders regeln wollten als durch einen EU-Beitritt. Hierzu
eine Nachfrage:

Europa-Freund: Zu dem "anders regeln" – warum denn
*jetzt* der Sinneswandel? In der Vergangenheit haben sich alle CDU-Bundesregierungen
nicht so deutlich positioniert.

Hartmut Nassauer: Zur Vergangenheit: Die EWG hat 1963 mit der
Türkei ein Assoziationsabkommen geschlossen und als Perspektive
den Beitritt zur damaligen Wirtschaftsgemeinschaft eröffnet. Inzwischen
ist die EWG zur politischen Union geworden oder auf dem Wege dort hin,
womit sich die Bedingungen der gegenseitigen Annäherung verändert
haben. Es ist richtig, und übrigens auch bedauerlich, dass die
Türkei in der Vergangenheit den Eindruck haben konnte, insbesondere
unter Hinweis auf die Kopenhagener Kriterien, hingehalten zu werden.
Viele dachten eigentlich "nein", haben aber gesagt, "ja,
wenn die Kopenhagener Kriterien erfüllt sind" und dabei verschwiegen,
dass sie die Erfüllung dieser Kriterien in absehbarer Zeit gar
nicht für möglich hielten. Immerhin hat Bundeskanzler Helmut
Kohl auf dem Europäischen Gipfel in Luxemburg 1997 zu einem EU-Beitritt
der Türkei so entschieden und eindeutig "nein" gesagt,
dass seit diesem Zeitpunkt das Verhältnis zwischen vielen maßgebenden
türkischen Politikern und den Unionsparteien in Deutschland ziemlich
unfreundlich geworden ist.

Moderator: Ich möchte mal eine Frage zwischenschieben,
die offenbar en masse gleich lautend gestellt wird, vermutlich handelt
es sich um eine Schülergruppe irgendwo in einem Schul-Computerraum
;-)

asddsa: Warum beschäftigen sich die Politiker im Wahlkampf
für das Europäische Parlament mit regionalen Themen?

ScHüLeR01: Warum beschäftigen sich das europäische
Parlament mit nur regionalen Themen?

tai1b: Warum beschäftigen sich die Parteien im Europa-Wahlkampf
mit Bundesthemen anstatt mit Themen die wichtig für die EU sind?

Hartmut Nassauer: Wir beschäftigen uns mit allen Themen,
die für die Entscheidung am kommenden Sonntag von Belang sind.
Wir als Europapolitiker gehen dabei in erster Linie auf europäische
Themen ein, dazu gehört zum Beispiel, wie die Stellung der Bundesrepublik
Deutschland sich unter der rot-grünen Bundesregierung in den vergangenen
Jahren in Europa verschlechtert hat, zum Beispiel was Wirtschaftswachstum
und Haushaltsstabilität anlangt. Viele Wähler werden –
völlig zu Recht – die Gelegenheit der Wahl am Sonntag nutzen,
um der rot-grünen Bundesregierung ein "Zwischenzeugnis"
auszustellen, und es wird – wiederum völlig zu Recht –
nicht brillant ausfallen.

Moderator: Nochmals eine Person aus der mutmaßlichen Schülergruppe:

hbs tai1b: Wir haben uns die Wahlplakate der Parteien angesehen
und finden, dass sie sich wenig mit dem Europa-Parlament und der Bedeutung
der Wahl beschäftigen, sondern dass eher bundespolitische Themen
dominieren. Das gilt besonders auch für die CDU. Wie kommt das
?

Hartmut Nassauer: Plakate können eigentlich nur transportieren,
dass überhaupt eine Wahl stattfindet. Die sachliche Auseinandersetzung
muss hinter den Plakatparolen stattfinden. Wenn die CDU sagt: Europa
kann man nicht mit links machen, dann ist damit nicht nur die politische
Richtung gemeint, sondern auch unser Vorwurf, dass die Bundesregierung
das Gewicht Deutschlands in Europa weder in angemessener Weise eingebracht
noch erfolgreich genutzt hat.

Moderator: "Plakate können eigentlich nur transportieren,
dass überhaupt eine Wahl stattfindet." Dann sollte der nächste
Wahlkampf also alleine von der Bundeszentrale für politische Bildung
durchgeführt werden, Herr Nassauer?

CDUFAN2: Aber müssen Sie nicht auch informieren?

Hartmut Nassauer: Es ist nicht zu übersehen, dass europäische
Wahlkämpfe in einem anderen Klima stattfinden als nationale Auseinandersetzungen.
Europäische Wahlen sind zu unserem Bedauern weit weniger personalisiert.
Als Abgeordneter hat man zum Beispiel keinen festen Wahlkreis, in dem
man sich zunächst um eine Kandidatur bewirbt und dann um das Mandat.
Vor allem gibt es keinen "Kanzlerkandidaten" bei der Wahl
zum Europäischen Parlament. Stellen Sie sich vor, es ist Bundestagswahl
und es gibt keinen Kanzlerkandidaten. Dann wäre auch das Interesse
an der Bundestagswahl maßgeblich gemindert. Im übrigen sind
die Europa-Wahlkämpfe mindestens in den Veranstaltungen weitaus
informativer, weil mehr Information vermittelt wird als politischer
Schlagabtausch, veranstaltet.

Moderator: Die Nutzer bleiben kritisch und bitten um Präzisierung:

josua: Das ist keine Antwort auf die gestellte Frage, warum
die bundespolitischen Themen bei ihnen so eine wichtige Rolle spielen.

Hartmut Nassauer: Die bundespolitischen Themen spielen bei den
Wählern eine unübersehbare Rolle, völlig zu Recht, wie
übrigens auch bei Landtags- und Kommunalwahlen. Das ist keine Besonderheit
der Europawahl. Jede Wahl transportiert aktuelle politische Befindlichkeit
und die ist auch jetzt stark bundespolitisch geprägt angesichts
der massiven und berechtigten Kritik an der Politik der rot-grünen
Bundesregierung. Das dürfen auch Europa-Wahlkämpfer nicht
unterdrücken.

tOrWaRtTiTaNkAhN: Stimmt. Es geht nicht nur um die Türkei-Frage.
Ich finde, die CDU richtet ihren Wahlkampf ums Europa-Parlament viel
zu sehr an der deutschen nationalen Politik aus. Sollte es nicht so
etwas wie eine "Ethik pro Europa" aller Parteien geben, damit
die wichtige Wahl zum EP nicht nur zu einem Stimmungstest für die
Bundesrepublik verkommt?

Hartmut Nassauer: Es gibt in grundsätzlichen europäischen
Fragen – Notwendigkeit eines Verfassungsvertrages, Bewältigung
der Erweiterung – stabile Gemeinsamkeiten zwischen den Parteien,
die auch im Wahlkampf debattiert werden, aber es gibt daneben ein aktuelles
politisches Klima, das auch im Europa-Wahlkampf nicht kurzerhand ausgeblendet
werden kann. Im übrigen rede ich in meinen Veranstaltungen zu 90
Prozent über Europa und allenfalls zu 10 Prozent über bundespolitische
Verknüpfungen – und habe damit bei meinen Zuhörern keine
Probleme.

Moderator: So, ich möchte dennoch noch einmal auf das Thema
Türkei und Erweiterung zu sprechen kommen, weil hierzu noch einige
Fragen vorliegen…

Davala: Kann ein Türkei-Beitritt Europas Sicherheit stärken?

Hartmut Nassauer: Die enge Zusammenarbeit der Türkei mit
der EU in allen Sicherheitsfragen ist von hoher Bedeutung, kann aber
anders gewährleistet werden als nur durch einen Beitritt. Wir haben
ja auch in den Jahrzehnten des Kalten Krieges in überaus angespannten
Situationen sicherheitspolitische Gemeinsamkeit mit der Türkei
praktiziert. Es kommt eher auf gemeinsame Positionen an, als auf die
Einbindung der Türkei in die EU.

Übersetzerin: Adélaide: Waren Sie schon einmal
in der Türkei um sich eine Meinung über das Land bilden zu
können?

Hartmut Nassauer: Ich bin ungefähr zehn Mal in der
Türkei gewesen, sehr intensiv vor allem seit 1995, im Zusammenhang
mit der Ratifizierung der Zoll-Union der Türkei mit der EU, dafür
haben damals CDU und CSU gekämpft, während Sozialdemokraten
und Grüne die Ratifizierung der Zoll-Union mit der Türkei
unter Hinweis auf die Menschenrechts- und Demokratie-Defizite abgelehnt
haben. Ich kenne das Land und seine Menschen, und ich schätze beide
sehr.

Davala: Europa reicht so weit wie die Fußball-Champions-League.
Was halten Sie von dieser Grenzziehung?

Hartmut Nassauer: Ich schätze die Champions-League,
aber nicht ihre definitorische Kompetenz.

Moderator: ;-)

Übersetzerin: Pierre: Haben Sie nur offizielle Reisen in
die Türkei gemacht, oder auch mal im privaten Rahmen?

Hartmut Nassauer: Ich habe auch private Reisen in die
Türkei unternommen.

tOrWaRtTiTaNkAhN: Ist es nicht so, dass alle wirtschaftlichen
Ziele im Hinblick auf die Türkei erreicht sind, eine Beitritt also
aus Sicht der Wirtschaft nicht notwendig ist und die CDU deswegen die
"Polemik-Karte Überfremdung" spielt?

Hartmut Nassauer: In Hinblick auf ihre wirtschaftliche
Entwicklung ist die Türkei bei 22 Prozent des EU-Durchschnitts
angelangt. Hier ist für Entwicklung noch viel Raum.

Moderator: Ich möchte nun auf ein anderes heißes
Thema kommen, zu dem auch Sie, Herr Nassauer, in der Vergangenheit Stellung
genommen haben: Diäten im EP. Es gab den Vorwurf dass Sitzungsgelder
unberechtigterweise ausgezahlt wurden. Hierzu eine Frage:

Jochen1975NRW: Sehr geehrter Herr Nassauer, was wird die EVP-Fraktion
gegen die zu hohen Spesenabrechnungen einiger Abgeordneter unternehmen?

Hartmut Nassauer: Für Kostenerstattungen ist zunächst
jeder Abgeordnete persönlich verantwortlich. Unabhängig davon
fordert die EVP-Fraktion ein Abgeordneten-Entschädigungs-Gesetz
für das Europäische Parlament und damit eine Reform aller
Kostenerstattungsregelungen.

Moderator: Sie haben ja auch die Bild-Zeitung für ihre
Berichterstattung in der Sache kritisiert – was ist die Rolle der
Medien in solchen Fällen?

Hartmut Nassauer: Die Medien sollen durchaus alle Entschädigungs-
und Kostenerstattungs-Fragen kritisch durchleuchten. Es ist völlig
klar, dass Abgeordnete rechenschaftspflichtig sind für öffentliche
Gelder, die sie beziehen. Ich habe Berichterstattung kritisiert, die
falsch, unvollständig oder auch entstellend war, nicht zuletzt
nach dem Motto von Johannes Rau: "Eine halbe Lüge ist schon
eine Lüge. Eine halbe Wahrheit aber keine Wahrheit".

lef: Warum wird die Spesenabrechnung der Abgeordneten nicht
einfach transparenter gestaltet? Zum Beispiel über das Internet?

Hartmut Nassauer: Alle deutschen Europa-Abgeordneten haben in
der letzten Sitzung in dieser Legislatur eine neue Kostenerstattungsregelung
gefordert, die transparent und nachvollziehbar ist. Wir werben nachdrücklich
für eine Mehrheit für unsere Forderungen im Europäischen
Parlament.

Moderator: Neues Thema:

Tobschall: Ich möchte meine Frage zur stärkeren Beteiligung
der Bevölkerung (Volksabstimmungen / Referenden ) bei wichtigen
europäischen Fragen (Europäische Verfassung, Einführung
einer europäischen Währung, Beitritt neuer Mitglieder usw.
) wiederholen. Sind Sie für Volksabstimmungen bei solchen Entscheidungen?

Hartmut Nassauer: Ich könnte mir eine Volksabstimmung
als entscheidenden Akt für das Inkrafttreten einer Verfassung vorstellen.
In Europa diskutieren wir aber gegenwärtig nicht über eine
Verfassung, sondern über einen Verfassungsvertrag zwischen allen
Mitgliedstaaten. Grundsätzlich glaube ich, dass sich in unserem
System der politischen Entscheidung die repräsentative Methode
bewährt hat, die den Bürgerinnen und Bürgern aufgibt,
Parlamente zu wählen, die für politische Entscheidungen im
einzelnen zuständig sind.

Moderator: Zwei ähnliche Fragen auf einmal:

josua: Ich finde, dass es nicht nur dort ein Demokratiedefizit
gibt, so können die Wähler zum kommenden Sonntag hin, die
EU-Parteien durch Nicht-Wahl bestrafen oder mit Wahl belohnen? Welche
Möglichkeiten sehen sie dieses Problem zu lösen?

Leif: Was kann man Ihrer Meinung nach gegen die geringe Wahlbeteiligung
tun?

Hartmut Nassauer: Wählen ist bei uns ein Recht und
keine Pflicht (anders als zum Beispiel in Belgien). Man kann sich bei
uns mit Politik befassen, man muss aber nicht. Wer Politik links liegen
lässt und auch nicht wählt, überlässt die politische
Entscheidung anderen – und muss deren Entscheidungen akzeptieren.
Im übrigen mache ich die Erfahrung, dass eine zunehmende Zahl von
Menschen von europäischen Entscheidungen unmittelbar betroffen
ist und daraus auch den Schluss zieht, sich zu beteiligen. Ich möchte
prognostizieren: Je mehr betroffen sind, je mehr werden auch wählen
gehen. Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden.

Moderator: Noch zwei Fragen, dann kommen wir zum Schluss:

teuro3: Im Spiegel lese ich: "Das EU-Parlament gilt als
Abstellgleis für Politiker aus der zweiten Reihe und als Ort, wo
über Bananenkrümmungen und Ü-Ei-Verordnungen gestritten
wurde." Ärgert sie eine solche Einschätzung? Oder treffen
sie im Wahlkampf auf ähnliche Einschätzungen der Bürger?

Hartmut Nassauer: Mich ärgert diese Einstellung
schon lange nicht mehr (1994 ist sie mir gelegentlich begegnet), sie
spricht mehr gegen den, der sie äußert als gegen Europa.
Im Europäischen Parlament werden ganz unstreitig wesentliche politische
Entscheidungen gefällt, und der Altersdurchschnitt liegt inzwischen
keineswegs unter dem nationaler Parlamente. Meine jüngsten Fraktionskollegen
sind unter 30 Jahre alt.

Moderator: Es gib nur einen Rudi Völler, wie Sie wissen.
Und nur einen Lothar Matthäus, wie wir gerade erfahren haben. Daher
zum Abschluss diese Frage:

Davala: Welche Bedeutung hat die Fußball-EM für Europas
Identität?

Hartmut Nassauer: Auch Fußball ist ein Stück
gelebtes und erfahrenes Europa. Mit seinen Leidenschaften, seinem Engagement
und seinem Wettbewerb gehört Fußball zu Europa.

Moderator: Liebe Chatterinnen und Chatter! Die Stunde ist bereits
wieder um. Wir möchten uns bei allen Gästen im Namen von Europathemen
der Bundeszentrale für Politischen Bildung und dem Fernsehsender
Arte herzlich für die Teilnahme an diesem Chat bedanken. Ganz besonders
haben wir uns gefreut, dass Sie, Herr Nassauer, sich die Zeit genommen
haben, den Nutzern Rede und Antwort zu stehen. Vielen Dank auch an die
Übersetzerinnen, die uns hier für diesen zweisprachigen Chat
zur Seite standen! Wir hoffen, es war für alle Beteiligten interessant
und wünschen einen schönen Tag.

Hartmut Nassauer: Einen wunderschönen guten Tag
und vielen herzlichen Dank

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