tagesschau-Chatreihe zur Finanzkrise: Die Union

Am 13. November 2008 war Michael Meister zu Gast tagesschau.de in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Im vierten Teil der tagesschau-Chatreihe zur Finanzkrise zeigte sich der
Unionsfraktionsvize mit dem Konjunkturpaket der Koalition zufrieden, gestand aber gleichzeitig ein, dass es für ihn möglicherweise Grund zur Selbstkritik gibt.

 

Moderator: Herzlich willkommen zum vierten
Teil unserer tagesschau-Chat-Serie zur Finanzkrise. Der
stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag stellt
sich heute Ihren Fragen, liebe User. Herr Meister, wir freuen sehr
uns, dass Sie ins ARD-Hauptstadtstudio gekommen sind. Sind Sie
bereit?

Michael Meister: Ja, ich bin bereit!

Moderator: Die Koalitionsfraktionen haben heute
das Konjunkturpaket der Regierung gebilligt. Sie haben gesagt, dass
möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt weitere Maßnahmen zur
Konjunkturstützung folgen werden. Nun hat auch das Statistische
Bundesamt die Rezession für Deutschland bestätigt. Worauf wollen
Sie noch warten?

Michael Meister: Also zunächst habe ich keine
weiteren Maßnahmen angekündigt. Ich habe lediglich gesagt, dass es
die Maßnahmen sind, die wir gegenwärtig ergreifen. Der Schwerpunkt
ist gegenwärtig richtig gelegt. Zum einen über das
Finanzmarktstabilisierungsgesetz, zum zweiten über die Möglichkeit
von Liquiditätshilfen über die KfW und zum dritten über die
Stärkung von Infrastruktur, Investition und
Ausrüstungsinvestitionen.

Moderator: Können Sie die Kritik am
Maßnahmenprogramm der Bundesregierung verstehen?

Michael Meister: Wir befinden uns in einer sehr
ungewöhnlichen Zeit, seitdem die Bank Lehman Brothers insolvent
gegangen ist. Das hat eine Schockwelle ausgelöst. Zweite Bemerkung:
Wenn man die Vorschläge des Sachverständigenrates mit dem
Maßnahmenpaket abgleicht, dann haben wir sowohl den Bereich Stärkung
der Infrastruktur drin, wir haben die Ausrüstungsinvestitionen über
die degressive Afa im Paket und wir haben steuerliche Maßnahmen –
bezogen auf den 01.01.2009 – was die Erhöhungen von
Familienleistungen, Kindergeld, Familienfreibetrag, Absenkung des
Arbeitslosenversicherungsbeitrages betrifft. Und wir haben zum
01.01.2012 die Verabredung in der Koalition, die Anerkennung von
Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung in der Steuer
anzuerkennen, was eine Entlastung von über acht Milliarden Euro für
die Steuerzahler sein wird. Insofern glaube ich, dass wir da
deckungsgleich sind mit den Überlegungen des Sachverständigenrates.
Was in unserem Paket fehlt und was der Sachverständigenrat
zusätzlich vorschlägt, ist die Stärkung von Bildungsausgaben. Und
da verweise ich einfach auf den Bildungsgipfel.

Taxadvisor: Wie wäre es, wenn man die Krise in
den "Köpfen der Verbraucher" durch die Wiedereinführung
der Pendlerpauschale bekämpfen würde?

Michael Meister: Also zunächst einmal glaube
ich, dass die Fragestellung durchaus richtig ist. "Krise in den
Köpfen der Verbraucher" – Krise in der Psychologie. Die Frage,
wie man auch sprachlich mit der Krise umgeht, ist die Frage wie
schnell und ob wir überhaupt aus der Krise herauskommen. Die Frage
ist vielleicht noch wichtiger als die Maßnahmen. Ich glaube nicht,
dass die Diskussion um die Pendlerpauschale die Ursache für die
Krise ist. Sie ist aber emotional sehr beladen. Wir haben aber
vereinbart, dass nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, die
Politik – wie auch immer die Vorgabe sein wird – entscheiden wird.

Moderator: Wie ist Ihre Prognose dazu?

Michael Meister: Die Chancen stehen aus meiner
Sicht 50 / 50. Die Frage, ob das verfassungsgemäß oder -widrig ist,
ist aus meiner Sicht offen. Ich habe das Glück, Mathematiker zu sein
und deshalb sehe ich die Verfassungsjuristerei mit einem gewissen
Respekt und ein bisschen Abstand.

InSorge: Kann Autoherstellern wie Opel dieser
Tage wirklich durch eine Finanzspritze der Regierung auf längere
Zeit geholfen werden?

Michael Meister: Ich glaube, zunächst einmal
haben wir versucht, den Finanzmarkt selbst zu stabilisieren. Dazu
gehören ja auch die Banken, die sich im Eigentum der
Automobilhersteller befinden. Zum zweiten habe ich das Thema
Liquiditätshilfe über die KfW angesprochen. Auch dort gibt es die
Möglichkeit, Hilfestellung zu geben. Wir versuchen durch Klarheit
bei der künftigen Kfz-Besteuerung und durch Befreiung bis zum 30.09.
nächsten Jahres beim Neukauf eines Kfzs, einen Kaufimpuls zu setzen.
Ich glaube, wir sollten uns sehr vorsichtig verhalten, uns jetzt
generell als Staat an allen Bereichen der Wirtschaft zu beteiligen.
Ich sehe mit Sorge das Thema Zuliefererbereich und hoffe, dass es
zwischen den Herstellern, den Zulieferern und den finanzierten Banken
zu einer Absprache kommt, damit wir in Deutschland nicht das Knowhow
verlieren.

Taxadvisor: Könnte man der Autoindustrie, die
jeden siebten Arbeitsplatz in Deutschland stellt, unter "die
Arme" greifen, indem man die Besteuerung der privaten Nutzung
von Dienstwagen für ein bis zwei Jahre aussetzt?

Michael Meister: Also, ich kämpfe sehr dafür,
dass wir die Nutzung von Dienstwagen steuerlich nicht diskriminieren.
Es gibt zum zweiten Einige im politischen Raum, die gefordert haben,
dass der Vorsteuerabzug bei Firmenwagen nicht mehr wie seither
möglich sein sollte. Das habe ich gerade in der Diskussion um das
Jahressteuergesetz 2009 abgelehnt und abgewehrt. Ich glaube, wie
gesagt, dass wir nicht zu einer Diskriminierung kommen sollten. Ich
bin aber auch nicht der Meinung, dass wir hier nicht staatlich
lenkend eingreifen sollten.

Gudi: Denken Sie, dass die große Koalition ein
richtiges Krisenmanagement hinsichtlich der Finanzkrise betrieben
hat? Die Wirtschaftsweisen sehen das ja irgendwie anders…

Michael Meister: Die letzte Bewertung kann ich so
nicht sehen. Nach meiner Meinung des Sachverständigengutachtens
haben die Wirtschaftsweisen das Krisenmanagement ausdrücklich
gelobt. Sowohl Regierung, Bundestag wie auch die Länder haben in der
Krise bei der Beratung des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes
gezeigt, dass unsere Demokratie in der Lage ist, auch in krisenhaften
Situationen zu handeln. Insofern hat sich unsere Demokratie als stark
und handlungsfähig erwiesen.

Moderator: Haben Sie das Krisenmanagement als
Lackmus-Test für die Große Koalition empfunden? Wie war die
Zusammenarbeit?

Michael Meister: Also zunächst einmal würde ich
nach drei Jahren Großer Koalition nicht sagen, dass das jetzt der
Lackmus-Test ist. Das wäre etwas spät. Ich glaube allerdings, dass
kleinere Konstellationen politischer Art sich mit der Durchsetzung
dieser Maßnahmen schwerer getan hätten. Insofern war das schon ein
Stück Bewährung in der Großen Koalition. Ich behaupte nicht, dass
das in jedem Detail erfolgreich gelaufen ist. Aber die Tatsache, dass
nach Lehman Brothers sowohl die Bundesregierung wie auch die
Zentralbank aktiv eingegriffen haben, ist aus meiner Sicht ein
absolut richtiges Verhalten. Im Gegensatz zu den dreißiger Jahren im
letzten Jahrhundert, wo man zu passiv war.

ulfi: Warum engagiert sich die Bundesregierung
nicht nachhaltig für die deutschen Kaupthinggeschädigten, wie dies
viele andere europäische Regierungen tun?

Michael Meister: Ich habe mich persönlich an den
Bundesfinanzminister gewandt und habe ihn gebeten, den betroffenen
Einlegern Unterstützung zukommen zu lassen. Bisher habe ich die
Wahrnehmung, dass sich Island auch in anderen Ländern sehr
zurückhaltend gezeigt hat, Einflussnahme von anderen Ländern zu
akzeptieren. Ich glaube, wir müssen generell überdenken, inwieweit
wir die Aktivitäten von Banken, bei denen es im Heimatland keine
hinreichende Versicherung gibt, an unserem Markt zulassen können.
Ich bin der Meinung, dass wir den Betroffenen seitens der
Bundesregierung durchaus Begleitung bei ihrer Interessenvertretung
zukommen lassen sollten. Ich bin auch der Meinung, dass wir überlegen
sollten, welche Möglichkeiten wir haben, den Geschädigten bei
Lehman Brothers Unterstützung zukommen zu lassen. Die sind ja in
einer ähnlich schwierigen Lage, wobei sich diese Begleitung zunächst
einmal auf die Durchsetzung ihrer rechtlichen Positionen fokussieren
muss. Zum zweiten Mal stellt sich die Frage, inwieweit wir
Vorkehrungen beim Verbraucherschutz treffen können, gerade was die
Beratung von Kunden betrifft. Das eine ist aktuelle Notfallbehandlung
eines schweren Unfalls, dafür haben wir das
Finanzmarktstabilisierungsgesetz geschaffen. Das ermöglicht auch
Beteiligungen an Finanzunternehmen, den Aufkauf von Wertpapieren und
räumt den Aufkauf von Garantien ein. Daneben müssen wir die mittel-
und langfristige Frage diskutieren, wie dort der richtige
Ordnungsrahmen für Finanzfragen aussieht. Dafür habe ich für meine
Fraktion ein Grundsatzpapier erarbeitet, welches auch über die
Homepage meiner Fraktion abrufbar ist. Deshalb erspare ich mir hier
Details. Wir beraten aktuell im Bundestag gerade das
Außenwirtschaftsgesetz, indem wir dem Bundeswirtschaftsministerium
und anderen Ressorts die Möglichkeit einräumen, Investitionen in
Deutschland zu überprüfen. Ich glaube, dass wir damit eine
Vorkehrung schaffen, sensible Infrastruktur vor unerwünschter
feindlicher Übernahme schützen zu können. Grundsätzlich glaube
ich, dass wir als sehr exportorientierte Volkswirtschaft von freien
Kapitalmärkten mehr profitieren, als das sie uns schaden, wenn wir
den richtigen Ordnungsrahmen setzen.

Bismarck: Es ist doch ein freier Markt. Jeder
Bürger ist verpflichtet, sich zu informieren und trägt selbst die
Risiken seines Handelns. Auch im Finanzbereich. Wieso sollte der
Staat jetzt einspringen? (Kaupthingbank oder Lehman Brothers)

Michael Meister: Also zunächst einmal ist diese
Grundsatzposition richtig, dass jeder Freiheit genießt und
Freiheiten hat, eigene Entscheidungen zu treffen, die er auch in
Verantwortung treffen kann. Diese Entscheidungsfähigkeit und
Verantwortungsmaßnahme kann jedoch nur geschehen, wenn der
Betreffende über volle Informationen verfügt. Deshalb habe ich
vorhin das Thema Verbraucherschutz angesprochen, weil es ja im
Zusammenhang mit Lehman-Zertifikaten gerade um die Frage geht,
inwieweit vollständig in den Gesprächen über die Risiken
aufgeklärt worden ist. Und insbesondere, inwieweit das
Emittentenrisiko in diesen Gesprächen Erwähnung gefunden hat.
Insofern glaube ich, dass die Stärkung der Informationsrechte
seitens der Politik nötig ist, um dann die freie und verantwortliche
Entscheidung des Einzelnen zu ermöglichen. Zum Thema Kaupthing habe
ich ja vorhin nicht gesagt, dass wir jetzt in die Verantwortung des
Einzelnen eintreten. Im Gegensatz zu Lehman-Zertifikaten sind ja auch
die Kaupthing-Gelder gegenwärtig nicht verloren. Sie sind nur
eingefroren . Deshalb geht es um die Frage, inwieweit wir in einem
anderen Land unseren Bürger Unterstützung angedeihen lassen können,
damit sie dort den Zugang zu ihren Geldern bekommen.

buh79: Möchte die CDU das kurzfristige "Zocken"
an den deutschen und internationalen Börsen beschränken? Wenn ja,
welche konkreten Maßnahmen sollen dafür umgesetzt werden?

Michael Meister: Ich weiß nicht, was das Thema
"Zocken" bedeutet. Ich weiß nicht, was die Frage im Sinne
von "Zocken" bedeutet.

Moderator: Was erwarten Sie vom Weltfinanzgipfel,
der am Samstag in Washington zusammenkommt?

Michael Meister: Vom Weltfinanzgipfel erwarte ich
mir zunächst einmal, dass es die Bereitschaft gibt, einen globalen
Ordnungsrahmen für die Finanzwirtschaft zu schaffen. Meine Hoffnung
ist, dass dieser Ordnungsrahmen auf den Prinzipien der sozialen
Marktwirtschaft aufbaut. Ich hoffe, dass es gelingt, den
internationalen Währungsfonds als Institution für diese Aufgabe zu
gewinnen. Dazu muss er organisatorisch und von der Aufgabenstellung
her umstrukturiert werden. Inhaltlich müssen wir, glaube ich, über
die Frage Transparenz von Produkten reden. Wir müssen, mit Blick auf
die Bilanzierungsregeln weltweit auf die Durchsetzung von Basel II
drängen. Wir müssen die Frage von Eigenkapitalunterlegung von
Finanzprodukten diskutieren. Und wir brauchen, glaube ich, eine
stärkere Zusammenarbeit der nationalen Aufseher.

Moderator: Christine Scheel saß gestern auf
diesem Platz und fragt: "Von Herrn Dr. Meister würde ich gerne
wissen, wann denn endlich die gesetzlichen Vorgaben für eine bessere
Regulierung unseres Finanzmarktes von Seiten der Koalition vorgelegt
werden. Reden reicht nicht. Handeln ist gefragt."

Michael Meister: Also, zunächst einmal hat die
Koalition bereits im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft gehandelt,
auch im Rahmen der G8-Präsidentschaft. Wir haben in beiden
Präsidentschaften das Thema "mehr Transparenz im
internationalen Finanzmarkt" auf die Tagesordnung gehoben. Ich
weise darauf hin, vor Beginn der Krise. Zum zweiten ist es notwendig,
dass wir eine internationale Verständigung über den neuen
internationalen Ordnungsrahmen herbeiführen, weil nationale
Alleingänge die Probleme nicht lösen können. Wir haben in einem
Bereich, den ich vorhin eingefordert habe, nämlich Basel II
umsetzen, unseren Beitrag als nationaler Gesetzgeber bereits
geleistet. Ich würde mir wünschen, dass dieses in jenem Bereich
auch andere, ich denke speziell an die Vereinigten Staaten von
Amerika, auch tun würden. Wo ich Handlungsbedarf national sehe, sind
die Fragen Konsolidierung der Landesbanken und neue Geschäftsmodelle
für die Landesbanken. An der Stelle übt die Bundesregierung, nach
meiner Wahrnehmung, durchaus Druck aus. Wo ich auch Handlungsbedarf
sehe, ist die nationale Aufsicht. Da spreche ich mich dafür aus,
dass wir zu einer Stärkung der Rolle der Bundesbank kommen, in
diesem Kontext auch zu einer stärkeren Zusammenarbeit der nationalen
Aufseher innerhalb der Europäischen Union. Ich könnte mir dabei die
Europäische Zentralbank als Moderator dieses Prozesses vorstellen.

Moderator: Zum Thema Landesbanken auch der
nächste User:

Jp_Sachs: Stichwort: Aufsichtsräte der
Landesbanken. In Deutschland sind im Gegensatz zu den USA in erster
Linie die Landesbanken betroffen. In deren Aufsichtsräten sitzen
auch viele Politiker: Ist also in Deutschland die fachliche
Inkompetenz in den Aufsichtsräten genauso verantwortlich, wie die
Gier der Banker? Werden jetzt Konsequenzen aus der Finanzkrise
gezogen, was die Besetzung der Aufsichtsräte von Landesbanken
betrifft.

Michael Meister: Zunächst einmal ist die
Wahrnehmung, dass die Landesbanken betroffen sind, richtig. Aber die
Wahrnehmung, dass nur die Landesbanken betroffen sind, ist überhaupt
nicht richtig. Es gibt nach meiner Wahrnehmung fast kein Institut,
das nicht die Auswirkungen der Finanzkrise massiv verspürt. Die
speziellen Probleme der Landesbanken sind zweierlei. Zum einen, dass
sie zu groß sind im Verhältnis zu den Aufgaben, die sie eigentlich
haben. Das habe ich vorhin mit notwendiger Konsolidierung gemeint –
da ist eine Anpassung notwendig. Zum zweiten, dass – bis auf wenige
Landesbanken – keine nachhaltigen Geschäftsmodelle vorhanden sind.
Deshalb sind die beiden Hauptaufgaben an dieser Stelle die
Konsolidierung über Zusammenführung und zweitens die Entwicklung
nachhaltiger Geschäftsmodelle. Ich plädiere dafür, dass dort, wo
die Bundesebene Verantwortung trägt, wir zu einem professionellem
Management unserer Beteiligungen kommen. Und zwar sowohl in der
parlamentarischen Begleitung wie auch in der Vergabe der
Aufsichtsratsmandate, die wir zu besetzen haben.

Gans: Im Koalitionsvertrag wollten Sie den
Finanzmarkt noch liberalisieren. Ist dies passé?

Gans: Können wir uns "mehr Markt, weniger
Staat" noch leisten? Wird das nicht langsam zu teuer für den
Steuerzahler?

Michael Meister: Ein funktionierender Finanzmarkt
und ein funktionierender Finanzplatz ist doppelt wertvoll für
unseren Standort. Der eine Wert liegt in den Arbeitsplätzen, die in
diesem Finanzplatz selbst angesiedelt sind. Der zweite Wert liegt in
der Dienstleistung, die die Finanzbranche für die Realwirtschaft
erbringt. In beiderlei Hinsicht ist ein funktionierender Finanzmarkt
für den Erfolg unserer Wirtschaft und den Wohlstand in unserem Land
dringend notwendig. Was wir bezogen auf die Regulierung tun müssen,
ist keine Diskussion "Brauchen wir mehr Staat oder weniger
Staat?", sondern wir brauchen den riesigen Vorteil, den die
soziale Marktwirtschaft hat. Das Regelwerk ist nämlich ein lernendes
Regelwerk. Deshalb brauchen wir eine intelligentere Regulierung als
bisher. Eine, die erkannte Defizite aufgreift und soweit sie es
regulieren kann, für die Zukunft ausschließt. Zum zweiten brauchen
wir eine starke Aufsicht, die zeitnah verfolgt, wenn sich
finanzwirtschaftliche Produkte zu sehr von der Realwirtschaft lösen.
Was ich mit der letzten Aussage meine: Wenn sich das
Geldmengenwachstum über längere Zeit vom realwirtschaftlichen
Wachstum entkoppelt, dann ist das – nach meiner Einschätzung – ein
Symptom oder ein Anzeichen. Dort muss die Aufsicht genau hinschauen.

claire: Denken Sie nicht, dass die Finanzkrise
ein Zeichen dafür ist, dass die Marktwirtschaft auf Dauer nicht
funktioniert und jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, über eine
vollständige Erneuerung des Wirtschaftssystems nachzudenken,
beispielsweise durch flächendeckende Vergemeinschaftungen?

Michael Meister: Ich glaube, dass die soziale
Marktwirtschaft nicht das Problem ist. Die soziale Marktwirtschaft
ist die Lösung, ist die Antwort auf die Krise. Den Erfolg von
vergemeinschafteten Systemen haben wir bis vor 20 Jahren besichtigen
können. Das heißt, eine Marktwirtschaft innerhalb eines fest
vorgegeben Regelwerks.

Moderator: Stichwort Manager:

Bewer: Warum drückt man inkompetenten Managern
noch mehr Geld in die Hand? Also, ich beauftrage einen unfähigen
Handwerker kein zweites Mal!

Michael Meister: Erste Bemerkung: Es gibt nach
meiner Einschätzung jenseits von Gesetzen auch eine ethische und
moralische Verantwortung von Vorständen und Aufsichtsräten. Zur
inhaltlichen Seite: Die Politik beauftragt keine Manager, sondern
Manager werden eingesetzt von den Aufsichtsgremien der Unternehmen.
Die Mitglieder der Aufsichtsgremien werden eingesetzt von den
Eigentümern bzw. den Belegschaften der Unternehmen. Ich plädiere
dafür, dass dort jeweils die entsprechende Verantwortung
wahrgenommen wird. Zum einen bei der Frage: Wen berufe ich in
Aufsichtsgremien und Aufsichtsräte? Und zum anderen: Wie gehe ich
mit Fehlleistungen von Vorstandsmitgliedern seitens der Aufsichtsräte
um? Das heutige Aktienrecht erlaubt bereits, dass zum Beispiel im
Bereich der Vergütungen rückwirkend Abschläge vorgenommen werden
können. Von dieser Möglichkeit wird aber seitens der Aufsichtsräte
fast nie Gebrauch gemacht. Bezogen auf die Vergütung würde ich mir
wünschen, dass nachhaltiger vergütet wird.

Moderator: Die Koalition plant, die
Managergehälter zu begrenzen. Wann ist mit einem konkreten Beschluss
zu rechnen?

Michael Meister: Zunächst einmal müssen wir
auseinander halten. Das was im Finanzmarktstabiliserungsgesetz
geschieht, muss unterschieden werden von der generellen
Fragestellung. Wenn wir Unternehmen mit Steuergeldern Hilfestellungen
geben, dann ist ein Eingriff in die Vergütung in die
Dividendenpolitik und in die Geschäftspolitik nach meiner
Einschätzung zu rechtfertigen. Generell bin ich der Auffassung, dass
sich die Vergütung von Vorstandsmitgliedern an der Frage der
Qualifikation orientieren muss. Es muss Transparenz über die
Vergütung hergestellt werden. Und zwar nicht nur im Nachgang was die
Berichtspflicht der Aktiengesellschaft betrifft, sondern auch die
Entscheidungsfindung. Es meint den Einbezug aller Mitglieder des
Aufsichtsgremiums in diese Entscheidungsfindung. Wir haben eine
Arbeitsgruppe in der Koalition eingerichtet, die diese Frage beraten
soll. Ich gehe davon aus, dass wir bald Ergebnisse dieser
Arbeitsgruppe bekommen. Einen genauen Fahrplan zu dieser Umsetzung
gibt es bisher noch nicht.

Moderator: Was heißt bald? Noch in diesem Jahr?

Michael Meister: Es gibt noch keinen Fahrplan.
Ich glaube bis zum Ende der Legislaturperiode wird es ein Ergebnis
der Arbeitsgruppe geben, da bin ich zuversichtlich. Und jetzt, Mitte
November, mir abzuverlangen, dass ich eine Prognose für die nächsten
sechs Wochen stelle, halte ich für etwas mutig. Das ist keine
Entscheidung, die ich alleine treffen kann. Ich bin da auf die
Mitwirkung von anderen angewiesen.

Moderator: Und Ihr persönliches Terminziel?

Michael Meister: Mein Terminziel ist schon, dass
die Arbeitsgruppe zeitnah berät und zu Ergebnissen kommt und auch in
dieser Wahlperiode gesetzgeberisch zum Ergebnis zu führen.

Moderator: Wir haben auch dieses mal unsere
Chatter befragt: Trauen Sie der CDU zu, die Finanzkrise zu lösen? 24
Prozent sagen ja, 76 Prozent nein.

Michael Meister: Das Ergebnis ist zweischneidig.
Auf der einen Seite sind natürlich 24 Prozent ein bescheidender
Bestandteil am Gesamtergebnis. Aber auf der anderen Seite: Wenn man
das Ergebnis im Verhältnis zu den anderen Parteien setzt, ist es
eher positiv. Eine Krise zeichnet sich einfach per Definition dadurch
aus, dass nicht vorhersehbar ist, was geschieht. Sonst wäre es keine
Krise.

Moderator: Ein Anlagetipp von Ihnen wird noch
gewünscht:

lala: Soll ich jetzt Aktien kaufen?

Michael Meister: Ich erteile grundsätzlich keine
Anlagetipps und übernehme auch keine Haftung.

Moderator: Besitzen Sie selbst Aktien?

Michael Meister: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht, aber in der Vergangenheit hatte ich schon Aktien.

Moderator: Eine letzte Nachfrage von uns: Gibt
die Krise Anlass zur Selbstkritik?

Michael Meister: Also ich würde sagen
möglicherweise. Ich war 2006 bei der Jahrestagung IWF, Weltbank in
Singapur. Damals war natürlich die Fragestellung "Blasenbildung
auf dem amerikanischen Immobiliensektor" durchaus schon eine
Diskussion. Es war auch klar, dass sich diese Blase irgendwann lösen
muss. Aber in der Einschätzung welche Auswirkungen das haben wird,
habe ich möglicherweise selbst persönlich das Problem etwas
unterschätzt.

Moderator: Das waren 45 Minuten tagesschau-Chat
zum Thema Finanzkrise. Herr Meister, vielen Dank, dass Sie sich die
Zeit genommen haben. Herzlichen Dank an alle User für die intensive
Beteiligung! Morgen begrüßen wir an dieser Stelle den
finanzpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Hans-Ulrich
Krüger.

Michael Meister: Ich darf mich für die Einladung
ganz herzlich bedanken und auch bei den Fragestellern. Es hat Freude
gemacht, zu antworten.

Moderator: Vielen Dank nochmals. Morgen starten
wir bereits um 11 Uhr! Das Team von tagesschau.de wünscht allen noch
einen schönen Tag.

Der Chat wurde moderiert von Corinna Emundts und Thomas
Querengässer, tagesschau.de.

 



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