„Bürger nicht mit diesen Bankiers alleine lassen“

Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest der Stiftung Warentest, war am 14. Oktober 2008  zu Gast im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Er beantwortete live Fragen rund um die Finanzkrise. Welche Banken sicher sind, ob man jetzt Fonds kaufen sollte und was das Rettungspaket der Bundesregierung den Bürgern bringt: auf diese und zahlreiche andere Fragen wusste Hermann-Josef Tenhagen eine Antwort.

Moderatorin: Herzlich willkommen im tagesschau-Chat. Heute unser Chatgast hier im ARD-Hauptstadtstudio: Hermann-Josef Tenhagen. Herr Tenhagen ist Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“. In den kommenden 60 Minuten beantwortet er Ihre Fragen in Sachen: Wie sicher ist mein Geld in dieser unsicheren Zeit? Wo liegt es am sichersten, wo kann ich noch investieren, wie hoch ist mein Risiko? Vielen Dank, Herr Tenhagen, dass Sie zum Chat gekommen sind.

Hier kommt die erste Frage: Diese Frage stellten die meisten unserer Leser im Vorfeld:

Aufgelöst: 5,8 Billionen Euro binnen sieben Tagen "vernichtet", titelte die "Welt". Virtuelle Werte oder reale Verluste? Ist das internationale Finanzwesen ein gigantisches Phantasie- und Schneeballsystem

Hermann-Josef Tenhagen: Das internationale Finanzsystem ist kein Schneeballsystem, aber ein Teil des Systems ist natürlich Phantasie, weil es beim Kurs von Aktien immer um Erwartungen für die Zukunft geht. Manche dieser Erwartungen erfüllen sich und manche nicht.

Moderatorin: Gehen wir die Top Ten unserer User-Fragen durch. Platz 2:

Anleger: Ich möchte gespartes Geld sicher und möglichst hochverzinslich anlegen. Mich interessieren speziell Tagesgeldkonten von Banken wie ING Diba, Comdirect oder ähnliche Direktbanken. Gibt es hierbei ein Sicherheitsrisiko oder kann ich diesen Banken vertrauen?

Hermann-Josef Tenhagen: Punkt 1 ist: Alle Banken, die in der deutschen Einlagensicherung sind, das heißt, die über eine gesetzliche Einlagensicherung und die zusätzliche private Einlagensicherung von Volksbanken, Sparkassen verfügen, sind sicher. Dazu gehören alle genannten Banken. Wir machen in jedem Finanztest-Heft eine Liste mit den besten sicheren Tagesgeldkonditionen.

Moderatorin: Hier kommt die dritthäufigst gestellte Frage:

Peo75: Ist jetzt eigentlich ein guter Zeitpunkt, um Fonds etc. zu kaufen – man kriegt doch jetzt deutlich mehr fürs Geld?

Hermann-Josef Tenhagen: Das ist richtig, wenn sie in Aktienfonds investieren und eine Zehnjahresperspektive haben, ist ihr Investment sicher lohnender als im Jahr 2007. Ob der Kurs aber schon kurzfristig wieder steigt, weiß man nicht. Deswegen ist eine langfristigere Perspektive notwendig.


Moderatorin:
Nr. 4:

ZUo: Was bedeutet die Garantie der Bundesregierung? Hat der Bund überhaupt soviel Geld um einzuspringen, wenn mehrere Banken zusammenbrechen?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Garantie der Bundesregierung ist zunächst einmal eine politische Absichtserklärung für die Spareinlagen. Sie bedeutet, dass Sie als Sparer Ihr Geld in jedem Fall zurückbekommen. Bevor die Bundesregierung hier aber überhaupt eintreten muss, müssten Banken, Sparkassen und Volksbanken schon völlig von der Rolle sein – das ist nicht zu erwarten. Wenn aber doch, kann der Staat natürlich sich weiter verschulden und Geld zur Verfügung stellen. Die Staatsverschuldung in Japan zum Beispiel ist doppelt so hoch wie in Deutschland.

Moderatorin: Auf Platz 5 unserer Userfragen steht diese:

Lawyer: Sind Inhaberschuldverschreibungen einer Volksbank genauso sicher wie Tagesgelder und Festgelder und Spareinlagen?

Hermann-Josef Tenhagen: Weil für sie die Spareinlagengarantie nicht gilt. Da aber die Volksbanken sich gegenseitig als Institute sichern – das heißt, keine Volksbank darf pleite gehen – ist auch eine Inhaberschuldverschreibung dieser Volksbank eigentlich sehr sicher. Das ist der Unterschied zur Einlagensicherung bei privaten Banken. Dort sind die Einlagen sicher. Die Privatbanken garantieren aber nicht, dass keine von ihnen pleite geht.

Moderatorin: Nächste Frage:

Der Zuschauer: Herr Tenhagen, wer Ihre Zeitschrift regelmäßig liest, fällt nicht auf Zertifikate und sonstige windige Anlageformen herein. Somit sind die Leute, die jetzt Geld verloren haben, doch an sich selbst Schuld, oder?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein. Wer zu seinem Bankangestellten geht und ihm sagt, ich will eine sichere Anlage tätigen und dann ein Zertifikat verkauft bekommt, ist nicht selbst schuld.

Moderatorin: Und Frage Nummer 7:

dank: Woher nimmt der Staat das viele Geld? Er hat doch selbst mehr als 1.500.000.000.000 Euro Schulden.

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn der Bundestag beschließt, dass der Staat für eine Aufgabe Geld ausgibt, dann kann er dies tun und die Steuerzahler künftiger Generationen werden in Zukunft für diese Schulden aufkommen müssen. Das sind unsere gewählten Volksvertreter, die dies beschließen.

Moderatorin: Es geht weiter:

Bilifontaine: Ist Rürup eine auch in Zukunft noch relativ sichere Rentenversicherung vergleichbar mit Riester? Oder sollte man eine andere Rentenversicherung wählen? Wenn ja welche? Oder sollte man erst einmal abwarten bis sich die Finanzkrise stabilisiert hat?

Hermann-Josef Tenhagen: Bei Rürup-Versicherungen muss man zwei Versicherungsformen unterscheiden: Es gibt klassische Rürup-Versicherungen. Dort ist das angelegte Geld sicher. Und es gibt fondsgestützte Rürup-Versicherungen. Dort entscheidet sich die Frage der Rendite am Aktienmarkt. Das heißt, die Rendite kann weit höher sein als bei klassischen Versicherungen. Man kann aber auch Geld verlieren. Wichtig bei Rürup ist noch: Die Verträge sind sehr steif, lassen dem Verbraucher wenig Möglichkeiten zu reagieren. Deswegen empfiehlt Finanztest, wenn möglich, mit einem Riestervertrag oder der betrieblichen Altersvorsorge zu beginnen.

Matthias: Sind Firmenbanken wie z.B. die Mercedes-Benz-Bank indirekt oder direkt von der Krise betroffen? Kann man pauschal sagen, dass bei diesen Banken das angelegte Geld sicher ist?

Hermann-Josef Tenhagen: Firmenbanken sind, soweit sie Mitglied im Einlagensicherungsfonds sind, genauso sicher wie andere Privatbanken. Etwas überspitzt könnte man heute sogar sagen, dass das Geld auf dem Tagesgeldkonto einer Autobank sicherer ist, als der Arbeitsplatz bei dem Autokonzern.

Moderatorin: Letzte Frage aus den "Top Ten":

Manfred: Sind Zertifikate bei Sparkassen sicher?

Hermann-Josef Tenhagen: Zertifikate bei Sparkassen sind nicht sicherer als Zertifikate anderswo. Ein Zertifikat ist eine Wette, bei der ich Geld gewinnen oder auch verlieren kann. Das zusätzliche Risiko ist, dass mein Wettpartner – der Immitent des Zertifikats – pleite gehen kann und mich dann nicht auszahlt, selbst wenn ich die Wette gewonnen hätte.

Moderatorin: Viele Fragen drehen sich um das vom Bundeskabinett beschlossene 480 Milliarden schwere Rettungspaket:

lara: Was meinen Sie: Hat die Bundesregierung zu lange abgewartet? Hätte sie schon vor Monaten den Ernst der Lage erkannt, würde sie jetzt nicht so riesige Summen ausgeben, oder? Komischerweise hat sie ja scheinbar das Geld, aber wenn es um Kita-Plätze und Bildung geht ist, ist es auf einmal nicht da.

Hermann-Josef Tenhagen: Das sind mindestens drei Fragen in einer. Erstmal konnte man vor Monaten das Ausmaß der Krise absehen? Nicht unbedingt. Zweitens: Wie viel kostet dieses Rettungspaket? Bis jetzt hat dieses Rettungspaket noch keinen Euro gekostet. Ob und wie viel es kostet wird, wird man erst am Ende dieses Rettungspaketes sehen können. Drittens: Das Rettungspaket ist notwendig, nicht weil man Geld für verrückt gewordene Bankiers ausgeben will, sondern weil wir alle das Bankensystem brauchen, um unseren wirtschaftlichen Alltag gut zu bewältigen.

Kristoph: Was passiert, wenn das Milliardenpaket nicht beschlossen wird?

Hermann-Josef Tenhagen: Da kann man jetzt nur spekulieren. Das Erste, was sicher passieren wird, ist, dass die so genannten "Profis" an der Börse unglaublich nervös reagieren werden und wir Kursstürze erleben werden. Ob die von Dauer sind und wie schlimm sie sind, weiß heute keiner.

Clarissa: Was passiert, wenn das geplante 500-Milliarden-Euro-Bankenrettungspaket nicht zu Stande kommt? Beziehungsweise was ist, wenn es nicht die erwünschte Entspannung im Finanzmarkt bringt?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn das Rettungspaket nicht die erwünschte Entspannung bringt, hat die Politik die Aufgaben, weiter nach neuen Lösungen zu suchen. Man kann die Bürgerinnen und Bürger nicht mit diesen Bankiers alleine lassen.

Rafael 43: Werden wir Bürger als Steuerzahler von dem Milliardenpaket betroffen sein?

Hermann-Josef Tenhagen: Das weiß man nicht. Vielleicht profitieren wir Bürgerinnen und Bürger als Steuerzahler ja sogar davon. Die Schweden haben eine kleine – aber für das Land eine sehr große – Krise mit einem solchen Paket bestritten und unter dem Strich sogar ein Plus gemacht.

Repodepo: Der Staat will sich ja beim Geldgeben einmischen (Vorstandsbezüge etc.) – meinen Sie, das bringt etwas? Wenn ja, was muss sich bei den Banken ändern?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich bin ja Verbraucherschützer. Aus Sicht eines Verbraucherschützers ist das erste Gebot Transparenz. Die Kundinnen und Kunden müssen erkennen können, wer an einem Produkt verdient und wie viel. Wer das schon einmal sieht, begreift, dass einem in der Bank nicht in erster Linie der Berater, sondern ein Verkäufer gegenüber sitzt. Das Zweite ist, dass auch die Einkommen der Bankiers auf den Tisch gehören. Bei dieser irischen Beinahe-Pleite "DEPFA" haben Journalisten schon in den vergangenen Jahren berichtet, dass die Bank aus zwei Gründen nach Irland umgezogen sei: Erstens um Steuern zu sparen und zweitens um die Vergütungssysteme für ihre Manager nicht offen legen zu müssen. Beim Verkauf der DEPFA an die HypoReal-Estate soll der letzte Vorstandsvorsitzende 100 Millionen Euro bekommen haben.

Leopold 53: Ist es ihrer Meinung nach richtig, dass sich die Länder sich mit 35 Prozent an dem Rettungspaket beteiligen sollen?

Hermann-Josef Tenhagen: Dazu muss man zwei Dinge sagen. Erstens: Der Staat handelt um die Bürgerinnen und Bürger vor weiterem Schaden zu schützen. Nach meinem Verständnis gehören die Länder zum Staat dazu. Zweitens kann man aber die Länder schon verstehen, dass sie, wenn sie mithaften sollen, auch mitreden wollen. Das ist legitim.

sorge: Können Ihrer Meinung nach die Länder das Rettungspaket noch kippen? Welche Motive haben die Ministerpräsidenten?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich will über die Motive der Ministerpräsidenten nicht spekulieren. Klar ist: Mit Haftungspaket ist besser als ohne Haftungspaket.

Markus: Muss das Rettungspaket der Regierung nicht mit einem entsprechenden Konjunkturprogramm verknüpft werden?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich bin kein Konjunkturforscher.

Rokko: Wie lange hält Ihrer Meinung nach die Finanzkrise an? Und was können wir als Bürger tun?

Hermann-Josef Tenhagen: Wie lange die Finanzkrise noch anhält, weiß heute eigentlich keiner. Klar ist aber, dass die Finanzkrise Folgen in der so genannten Realwirtschaft haben wird. Der BMW-Vorstand sagt schon heute, dass er 30 Prozent weniger Autos in den USA verkauft als im Vorjahr. Beim Softwarehersteller SAP haben offenbar zahlreiche Kunden Aufträge mindestens verschoben wenn nicht storniert. Das heißt, wir werden mit den Folgen der Finanzkrise in den nächsten – mindestens zwei – Jahren noch zu tun haben.

Holger: Teilen Sie eigentlich den Medientenor, der von epochalen Ereignissen und einer nie da gewesenen Krise spricht? Alle Menschen in meinem Umfeld sind relativ entspannt in Sachen Finanzmarktkrise und haben wenig Angst ums Ersparte.

Hermann-Josef Tenhagen: Zwei Dinge dazu. Erstens: Gott sei Dank, sind die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland vernünftig. Weit vernünftiger als die Bankiers und Profis an der Börse. Zweitens: Es ist in der Tat ein epochales Ereignis, weil das System eines Kapitalmarkts, der unabhängig von realwirtschaftlichen Vorgängen immer größer geworden ist, vorläufig gestoppt ist.

Theophil: Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Bundesregierung?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich finde das Krisenmanagement der Bundesregierung gut.

Rolamong: Wenn sich der Staat jetzt stärker in den Finanzmarkt einmischt – müssen wir wieder so ein Versagen fürchten wie bei den Landesbanken?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn der Staat sich irgendwo einmischt, wenn er also handelt, kann er auch Fehler machen. Das Versagen bei den Landesbanken hat aber strukturelle Gründe. Da wollten Manager von Landesbanken riskante Spiele spielen, um auch viel Geld zu verdienen und auch zu zeigen, dass Landesbanken das können, das Spiel mit den Märkten beherrschen. Dass dieses Spiel per se schädlich sein könnte, haben die Landesbanken nicht erkannt oder nicht sehen wollen. Andererseits sind wir in Deutschland in der glücklichen Lage, dass wir Sparkassen und Volksbanken haben und damit ein deutlich ruhigeren Bankenmarkt als andere Länder. Das lobt heutzutage dann sogar das Wall Street Journal.

Albers: Gibt es bereits rechtliche Möglichkeiten, Manager wegen einer Vernachlässigung einer gewissen Sorgfaltspflicht zu belangen? Sehen bestehende Verträge nicht eine gewisse Rechenschaftspflicht vor?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Manager einer Aktiengesellschaft müssen sich vor ihren Investoren verantworten. Und Investoren können darauf natürlich reagieren, wenn Manager nicht funktionieren. Sie müssen sich auch ihren Aufsichtsräten verantworten und auch Aufsichtsräte können darauf reagieren. Warum sie das bisher so wenig getan haben, dass ist eine sehr spannende Frage.

schmitt: Wäre eine Qualitätskontrolle und ein einheitlicher Code of Conduct für Berater eine Möglichkeit kommenden Verlusten vorzubeugen?

Hermann-Josef Tenhagen: Qualitätskontrolle ist immer gut. Ein Code of Conduct schadet sicher auch nicht. Im Kern aber muss es darum gehen, die Logik für den Berater zu ändern. Der Berater sollte verdienen, wenn der Kunde verdient und er sollte nicht am Kunden verdienen.

Gewinnwarnnung: Wird durch die Rettungspakete nicht künstlich eine neue Blase erstellt, die irgendwann wieder zerplatzen wird?

Hermann-Josef Tenhagen: Man kann immer darüber reden, ob Rettungspakete Manager in Versuchung führen, weil schließlich dann doch nichts passiert ist. Darüber wird man auch in Zukunft reden müssen. Im Augenblick aber gibt es zum Rettungspaket keine Alternative.

barbara: Wir haben eine Hypothek über eine Lebensversicherung abgesichert. Der Rückkaufwert der Versicherung übersteigt schon den Hypothekenbetrag. Sollten wir die Hypothek durch die Versicherung jetzt vorzeitig ablösen?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein. Das hört sich so an, als ob Sie Ihre Versicherung schon lange haben. Normalerweise verdient man in den letzten Jahren einer solchen Versicherung besonders. Ich würde den Versicherungsbeitrag so lange laufen lassen, wie vorgesehen und dann damit die Hypothek ablösen. Wenn was übrig ist, um so besser für Sie.

Fridolin: Was würde passieren, wenn meine Hausbank, bei der ich mein gesamtes Geld gehortet habe, pleite gehen würde?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn ihre Hausbank pleite geht, dann ist Ihr Geld zunächst mal nicht weg, wegen der Sicherungsmaßnahmen. Sie haben aber ein ganz praktisches Problem, wenn am Schalter und am Automaten kein Geld mehr zu ziehen ist. Das ist alles technisch geregelt. Woher bekommen Sie dann das Geld für die nächsten zwei oder drei Wochen? Im Zweifel benutzen Sie dann Ihre Kreditkarte, bis das Problem gelöst ist. Eröffnen Sie sofort ein anderes Konto auf das Ihr Arbeitgeber das Gehalt einzahlen kann.

Ulf: In meiner Sparkasse wurde mir auch schon einmal eine Investition in den argentinischen Peso angeboten – sind die Sparkassen und Volksbanken wirklich solider und konservativer aufgestellt als die Großbanken?

Hermann-Josef Tenhagen: Konten bei Sparkassen und Volksbanken sind sicher, aber auch Sparkassen und Volksbanken empfehlen ihren Kunden riskante Anlagen. So wie Sie es empfohlen bekommen haben oder wie die Zertifikate der Lehman-Brothers, die die Sparkassen in Frankfurt und Hannover ihren Kunden verkauft haben.

Nielebaer: Was kann ich als Kaupthing Kunde jetzt tun, um mein Geld wieder zu bekommen?

Hermann-Josef Tenhagen: Als Kaupthing-Kunde können Sie nur abwarten im Augenblick. Die britische Regierung hat Island mit der Anwendung von Antiterrorgesetzen gedroht, um isländische Kunden in Großbritannien zu beschlagnahmen. Das hört sich an wie im 19. Jahrhundert, aber für deutsche Kunden bleibt im Augenblick nur abzuwarten.

benutzer: Lohnt sich noch ein Forward-Darlehen, wenn die Zinsbindung bei Hypothekendarlehen in einem Jahr ausläuft oder soll man nun auf fallende Hypothekenzinsen hoffen?

Hermann-Josef Tenhagen: Oh, Sie fragen mich nach einer Wette. Wetten müssen Sie selber.

KarlKoch23: Welche Schuld tragen die Medien Ihrer Meinung nach an der Massenhysterie, die teilweise zu Panikabhebungen an Banken führte und die Krise dadurch nur beschleunigt hat?

Hermann-Josef Tenhagen: Erstens haben wir in Deutschland keine Massenhysterie gehabt, Gott sei Dank. Zweitens: Wenn wir ein Problem bei den Medien gehabt haben, dann, dass die Medien nicht erklärt haben, wie bestimmte Produkte funktionieren und welche Risiken sie beinhalten. Weniger dass die Medien die Frage gestellt haben, ob das System noch stabil ist. Das System hat sich als stabil erwiesen, Gott sei Dank. Lernen können wir an der Stelle, dass wir so viel wie möglich den Leuten erklären müssen, wie Produkte funktionieren. Das funktioniert nicht über die große Zertifikatbeilage der Tageszeitung.

Moderatorin: Stichwort lernen und erklären:

Theophil: Glauben Sie, dass die Banken aus der Krise etwas gelernt haben? Können Sie da Anzeichen für Konsequenzen sehen?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Banken lernen eigentlich schon seit zwei Jahren aus der Krise. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass etliche Banken sich seit zwei Jahren aus so manchem riskantem Geschäft verabschiedet haben. Was die Banken bislang nicht gelernt haben, ist, dass sie ihren Kunden reinen Wein einschenken müssen und ihnen nicht jeden renditeträchtigen Mist verkaufen dürfen. Sonst enden die Banker beim Image eines Gebrauchtwagenhändlers aus alten Hollywood-Filmen.

Prof: Wer hat eigentlich von der Krise profitiert (das heißt, ist z.B. short gegangen) und wer untersucht, ob das nicht genau die Personen/Institutionen waren, die Insiderinformationen hatten?

Hermann-Josef Tenhagen: Das sind wieder zwei Fragen. In der Krise haben, glaube ich, nur wenige profitiert. Vor der Krise haben ganz viele Leute sehr viel Geld verdient. In Deutschland wird man sich das nochmal genauer anschauen müssen, was Bankvorstände in den letzten Jahren verdient haben. In den USA gibt es jetzt die ersten Untersuchungen und Hinweise. So haben die führenden Mitarbeiter von Lehman noch in diesem Frühjahr fünf Milliarden Dollar an Boni auszahlen lassen, obwohl die Bank schon in Liquiditätsschwierigkeiten war.

zeiss: Stimmen Sie meiner Auffassung zu, dass der gestrige Kurssprung an den Aktienmärkten schon wieder auf das Hantieren von Spekulanten schließen lässt?

Hermann-Josef Tenhagen: Ja, sicher.

Gewinnwarnnung: An den Börsen gab es gestern und heute Rekordsprünge nach oben. Wie ist es zu rechtfertigen, dass sich die Spekulanten jetzt an dem Geld bereichern, welches der Steuerzahler vielleicht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten für die Reduzierung der etwaigen Staatsschulden durch diese Rettungspakete zahlen muss?

Hermann-Josef Tenhagen: Also erstens, wenn die Börse sich tatsächlich weiter nach oben entwickeln sollte, wird das Rettungspaket gar nicht gebraucht und der Steuerzahler muss keinen Cent bezahlen. Zweitens, sollte es langsam gehen, muss sich der Staat an einzelnen Banken beteiligen. Geht es anschließend wieder bergauf, profitiert der Steuerzahler an seinen teurer gewordenen Bankanteilen.

W. Mayer: Wären denn die Folgen ohne Rettungspaket wirklich so katastrophal?

Hermann-Josef Tenhagen: Das wissen wir alle nicht, aber das Risiko kann man als Regierung nicht eingehen.

Annette: Welchen Einfluss haben diese Milliarden-Pakete auf die Inflation?

Hermann-Josef Tenhagen: Im Augenblick gar keinen, weil es ja nicht so viel Geld auf dem Markt ist. Das ist ein Grund für die Milliardenpakete. Mittelfristig wird man das sehen müssen.

Schekker: Sollte man jetzt nicht lieber in "feste" Werte wie Häuser, Eigentumswohnung, Flachbildfernseher etc. investieren?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn die deutschen Fußballteams weiter kommen, ist die Investition in einen Flachbildfernseher sicher nützlich. Jenseits davon, kann die Investition in Immobilien zwei Gründe haben: Erstens, wenn ich in dem Haus leben will. Dann ist entscheiden, dass ich dort leben will und das ich es bezahlen kann. Zweitens, ich will mit dem Haus Geld anlegen und erhoffe mir eine Rendite. Dann ist entscheidend, dass ich das Haus später zu einem höheren Preis verkaufen kann. Welche Kriterien gelten? Die berühmten drei Kriterien: Lage, Lage, Lage. Zwanzig Kilometer hinter Eberswalde werden Sie Schwierigkeiten haben, ein Haus so teuer zu verkaufen, wie Sie es jetzt bauen.

Schekker: Ich bespare derzeit monatlich drei Aktienfonds. Diese haben einiges an Wert verloren. Soll ich diese weiter besparen, aussetzen oder mit erheblichen Verlust verkaufen?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn Sie das Geld nicht brauchen, besparen Sie diese Aktienfonds ruhig weiter. Es sollten aber gute sein. Gute finden Sie bei www.test.de/fonds.

schweinchen schlau: Wie sicher sind Ihrer Meinung nach offene Immobilienfonds?

Hermann-Josef Tenhagen: Offene Immobilienfonds sind in der Vergangenheit sehr sicher gewesen. Man konnte kaum damit je auch nur ein Prozent verlieren. Ob sie renditestark sind, hängt immer von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Und in den nächsten Jahren wird es sicher schwer sein, bei seinen Gewerbemietern höhere Mieten durchzusetzen.

ernst: Herr Tenhagen, haben Sie vielen Dank für Ihre interessanten Antworten. Jetzt einmal etwas Persönliches. Haben Sie als Verbraucherschützer so etwas kommen sehen? Sind Menschen wie Sie vielleicht in der Lage, auch als Frühwarnsystem zu funktionieren?

Hermann-Josef Tenhagen: Wir haben die große Krise nicht kommen sehen. Wir haben aber kommen sehen, dass es mit dem US-Immobilienmarkt Verwerfungen geben würde und wir haben kommen sehen, dass der Verkauf von Zertifikaten oft nicht so erfolgt ist, dass die Kunden wussten, was sie da gekauft haben. Auf beide Dinge haben wir auch hingewiesen. Vielleicht noch ein Satz dazu: Bei Finanztest machen wir uns immer sehr viele Gedanken um die Chancen und Risiken einzelner Geldanlagen und schreiben diese auch auf. Wenn die Börsen boomen, werden wir gefragt warum wir die Risiken betonen. Wenn die Börsen fallen, werden wir gefragt, warum wir nicht schon lange gewarnt haben.

Prokti: Ist die Finanzkrise wirklich mit der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger Jahre vergleichbar?

Hermann-Josef Tenhagen: Die Einbrüche am Finanzmarkt sind so gravierend, wie seither nicht. Hoffentlich bekommen wir keine vergleichbare Weltwirtschaftskrise.

Moderatorin: Die führenden Wirtschaftsinstitute haben soeben auf einer Pressekonferenz ihre Prognosen deutlich nach unten korrigiert. Im Frühjahr waren ihre Erwartungen noch deutlich optimistischer. Deutschland stehe am Rande einer Rezession, heißt es nun. Wie viel sind solche Prognosen in diese Zeiten überhaupt noch wert?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich paraphrasiere jetzt mal Mark Twain: Prognosen sind auf die Zukunft gerichtet, dass macht sie ungewiss. Und außerdem haben solche Prognosen immer auch den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Deswegen sind sie mit Vorsicht zu genießen. Die Empirie, die Zahlen die dahinter stehen, sind dennoch spannend.

sapereaude: Für wie groß halten Sie persönlich die Gefahr einer Rezession in 2009?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich bin ja kein Konjunkturforscher, aber wir werden deutliche Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft haben.

enzoquack: Die Staatsbürger stützen die Banken. Bekommt der Staatsbürger auch etwas, wenn die Banken Gewinne erzielen?

Hermann-Josef Tenhagen: Also der Staatsbürger bekommt auf zwei Arten und Weisen etwas, wenn die Banken Gewinne erzielen. Erstens bezahlen die Banken die Gewinne und machen Steuern – und auch nicht so wenige. Zweitens sollte der Staat sich an einzelnen Banken beteiligen müssen. Weil die das Geld brauchen, bekommt der Staat nicht nur die Steuern sondern eventuelle Dividenden oder Kursgewinne, wenn er seine Aktien wieder verkauft. Ganz abgesehen davon, dass Bankangestellte, die einen Job haben, Steuern bezahlen und Bankangestellte, die keinen Job haben, Arbeitslosengeld beziehen.

dietersaar: Haben Sie sich gefreut, dass Frau Merkel gestern Abend auf die Stiftung Warentest, als "seriöse" Adresse hingewiesen hat ( Finanztest gehört ja dazu!)?…Ich fand es toll…

Hermann-Josef Tenhagen: Ja. Natürlich.

Dieter78: Für wie wahrscheinlich halten Sie angesichts der Finanzkrise die Möglichkeit der Bundesregierung, einen ausgeglichenen Haushalt ohne Neuverschuldung bis 2011 zu erreichen?

Hermann-Josef Tenhagen: Oh, ich weiß es bestimmt nicht besser als Minister Steinbrück. Und er hat ja schon gesagt: Erst Krise bewältigen, dann Haushalt ausgleichen.

Howdy Howdy: Was würden Sie denn jetzt dem Otto-Normalanleger empfehlen, wenn er keine riesigen Gewinne machen will, sondern einfach nur sein Geld besser anlegen als im Sparstrumpf?

Hermann-Josef Tenhagen: Für sichere Anlagen bieten sich gute Tagesgeldkonten und die Tagesanleihe des Bundes an. Wer ein bisschen mehr Risiko vertragen kann und das Geld lange nicht braucht, darf auch weiterhin in guten Aktienfonds anlegen. Wir haben bei Finanztest mal ein Modelldepot vorgerechnet, mit dem man auf keinen Fall Geld verliert, selbst wenn es bei den Aktien rauf und runter geht. Mit denen man Gewinne machen kann.

Moderatorin: Das waren 60 Minuten tagesschau-Chat. Herzlichen Dank, Herr Tenhagen, dass Sie sich die Zeit für die Diskussion mit unseren Lesern genommen haben, und vielen Dank, liebe Leser, für Ihre Fragen und Anmerkungen. Das Protokoll des Chats gibt’s wie immer in Kürze auf den Websites von tagesschau.de und politik-digital.de. Das tagesschau-Chat-Team wünscht allen noch einen schönen Tag!

Den Chat moderierte Nicole Diekmann, tagesschau.de.

Eine Antwort auf „Bürger nicht mit diesen Bankiers alleine lassen“

  1. karin sagt:

    guten Morgen,
    ist es sinnvoll für ein selbstgenutztes Einfamilienhaus die Hypothek abzulösen um das Eigentum zu schützen, falls eine Inflation kommt?
    mit freundlichen Grüßen

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