“Wir müssen neue Formen finden, um Menschen zu erreichen.”


Chat mit Dr. Margot Käßmann vom 18.06.2001


 

Moderator: Hallo
und Herzlich Willkommen beim Chat der Bundeszentrale für politische
Bildung und politik-digital.de. Heute begrüßen wir an dieser Stelle Dr.
Margot Käßmann, Bischöfin der evangelisch-lutheranischen Landeskirche
Hannover.

MargotKäßmann: Guten Tag, Danke für die Begrüßung.

Moderator: … und hier gleich die erste Frage:

gonz: Am
Kirchentag wird viel gesungen. Haben Sie sich auch konkrete Gedanken
gemacht, zum Beispiel, wie man den Rechtsextremismus eindämmen kann?

MargotKäßmann: Der Kirchentag hat mit Tausenden von Schals ein Zeichen gegen Gewalt und Rechtsextremismus gesetzt.

delilah: Frau Käßmann, sie vertreten kritische Positionen innerhalb der ev. Kirche – wie ist Ihre Akzeptanz?

MargotKäßmann: Ehrlich gesagt habe ich damit nicht zu kämpfen.

Lilly: Eine
Ihrer zwiespältig betrachteten Positionen ist die Akzeptanz passiver
Sterbehilfe. Wie können Sie das mit Ihrem Glauben vereinbaren?

MargotKäßmann: Ich
lehne aktive Sterbehilfe eindeutig ab. Passive Sterbehilfe bedeutet,
dass im Sterbeprozess keine lebensverlängernden Maßnahmen vorgenommen
werden. Das ist mit dem christlichen Glauben vereinbar.

Angel: Mich
würde noch mal das Thema Rechtsextremismus interessieren – mit Schals
alleine kann der doch nicht bekämpft werden – wie dann?

MargotKäßmann: Mit Zivilcourage, politischer Bildung, klarem Bürgerengagement.

Moderator: Gleich noch eine Nachfrage dazu:

Angel: Was kann die Kirche dafür tun?

MargotKäßmann: Zum
einen: in der Verkündigung klar Stellung beziehen; Unterstützung von
Aktionen vor Ort, z.B. sind wir mitgelaufen "pro Toleranz" beim
Hannover Marathon. Und: Arbeit vor Ort, auch im Jugendvollzug.

hildi: Was halten Sie von dem Aussteiger-Programm der Bundesregierung für aussteigewillige Rechtsextreme?

MargotKäßmann: Das ist ein möglicher Weg, aber sicher nur ein Mosaikstein.

hildi: Trauen sie der neuen Regierung mehr zu, die Bevölkerung zu Zivilcourage zu ermuntern als der alten?

MargotKäßmann: mmmh, wir werden das an den Taten messen.

Moderator: Noch eine Nachfrage zum Jugendvollzug:

Susi3: Wie
sieht denn die Arbeit im Jugendvollzug aus – haben Sie dort mit
rechtsextremen Jugendlichen zu tun? Und wie wollen Sie die vom
Gegenteil überzeugen?

MargotKäßmann: Wenn
die Mörder von Dessau jetzt im Gefängnis sitzen ist doch die Frage:
verändern sie sich dort? Unsere Gefängnisseelsorger leisten dort
wichtige Arbeit. Für mich geht es nicht nur um Strafe, sondern auch um
Resozialisation.

hildi: Können
Jugendliche denn die Hilfe von Geistlichen leichter annehmen als von
Sozialarbeitern? Oder sind die Seelsorger ohnehin "beides"?
Sozialarbeit ist allerdings doch auch die Aufgabe des Staates, nicht
nur der Kirche …

MargotKäßmann: Ganz
gewiss, aber kirchliche Arbeit hat immer eine soziale Dimension: Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst. Noch ein Beispiel aus Hannover: Im
Täter-Opfer-Ausgleich haben jetzt Jugendliche, die ein Jüdisches
Mahnmal geschändet hatten, in der Synagoge Reue erklärt.

Susi3: Kann man denn Täter, die von ihrer Überzeugung nicht abweichen, wieder in die Gesellschaft eingliedern?

MargotKäßmann: Ich vertraue darauf, dass Menschen sich verändern können – sozusagen von Saulus zu Paulus.

hildi: TOA:
Da gibt es einige Modellversuche, auch hier in Bremen bei uns, glaube
ich. Aber sind die Erfahrungen wirklich so gut? Das scheint viel
Aufwand und wenig messbarer Erfolg …

MargotKäßmann: Wissen Sie eine Alternative?

Moderator: Bis auf diese Rückfrage eine Antwort kommt schon mal die nächste Frage:

sandra: Auf
dem Kirchentag habe ich zwar immer den Eindruck, dass Christen geballt
auftreten. In unseren Städten ist dem aber nicht so. Das schöne Gefühl
‘Gemeinschaft der Christen’ verpufft in einer Stadt zu Hause schnell.
Im normalen Berufsleben usw. Wie kann die Kirche die Menschen für ihre
Werte interessieren und überhaupt erreichen?

MargotKäßmann: Meine
Erfahrungen sind gar nicht so schlecht, aber Sie haben Recht: Wir
müssen neue Formen finden, um Menschen zu erreichen. Ein gutes Beispiel
war für mich die Expo.

Moderator: Was war an der EXPO so beispielhaft?

MargotKäßmann: Kirche
mitten in der Welt der Computer und Zukunftsvisionen als Ort für die
Seele, für die Frage nach Sinn, und das akzeptiert von den
Besucherinnen und Besuchern. Das heißt: wir können eine Geh-Struktur
entwickeln, dahin wo die Menschen sind.

Moderator: Würden Sie das bitte etwas genauer erklären?

MargotKäßmann: Seitdem
gehen wir auf Regionalmessen, Hochzeitsmessen, beteiligen uns am
Marathon, und kürzlich war ich mit Herrn Gabriel in einer Diskothek
(zum Thema Gewalt).

sandra: Den
Eindruck habe ich immer, wenn ich mit Hauptamtlichen rede, dass sie
positiver empfinden bzgl. der christlichen Haltung unserer Mitmenschen
als Menschen, die einen anderen Hauptberuf haben und zwar dort
versuchen Christ zu sein, aber die Spiritualität geht im Alltag
verloren. Im normalen Berufsalltag mit Computern (ich arbeite in dem
Bereich) trifft man Christen sehr selten. Wie oft ich mich schon
gegenüber Atheisten verteidigt habe … Aber Kirchentag sagt einem
immer wieder, dass es doch noch mehr Menschen gibt, die ähnlich wie man
selbst empfinden. Zum Glück : ) Wie stark erreichen sie Nichtchristen
oder Taufscheinchristen durch die Regionalmessen u.ä. Ich empfinde
meine Gemeinde auch als tolles Beispiel zum Zugehen, aber neue Menschen
kommen seltener hinzu.

MargotKäßmann: Es
ist heute eine große Herausforderung, Christsein im Beruf zu leben. Der
Kirchentag ist da für viele tatsächlich eine wichtige Ermutigung. Ich
finde es klasse, wenn sie das offensiv tun!

Moderator: noch mal kurz zur EXPO:

jupp: Ist
die Expo nicht ein Beispiel dafür, dass sich Kirche kaum noch
eigenständig profilieren kann, sondern sich an andere, meist säkulare
Ereignisse, "anhängen" muss?

MargotKäßmann: Nein,
zur Geh-Struktur gehört auch eine Komm-Struktur, das heißt: niedrige
Schwellen, offene Kirchentüren, Gottesdienste in unterschiedlichen
Formen.

hildi: Genau,
jupp! Beispiel: Der Kirchentag wurde als "Party des heiligen Geistes"
bezeichnet. Das ist schon ziemlich massenwirksam und populistisch,
oder, Frau Bischöfin?

MargotKäßmann: Zu
den Mühen des Alltages gehört auch das Fest. Kirchentag geht nicht 365
Tage im Jahr, aber er ist eine Ermutigung für die Arbeit vor Ort.

hildi: Aber gerade europäische Christen wirken im Gottesdienst nicht sehr fröhlich, finde ich.

MargotKäßmann: Na, da sind wir doch lernfähig. Das zeigt der Kirchentag auch.

jupp: Gibt
es nicht einen Unterschied zwischen "niedrigen Schwellen" und einem
"Hinterherlaufen", etwa hinter dem Zeitgeist? Natürlich ist jeder
eingeladen, aber ich kann doch die Eingeladenen nicht in die Kirche
zwingen, sondern muss durch mein Angebot überzeugen, oder?

MargotKäßmann: Natürlich
überzeugt das Angebot. Und das machen wir traditionell: Jeden Sonntag
um 10 Uhr. Daneben ist aber viel Raum für neues – das gehört zur
reformatorischen Kirche dazu. Und das meint nicht Zeitgeist.

sandra: Bzgl.
Gottesdienste: Was sagen Sie in dem Zusammenhang über die Diskussion
zum Feierabendmahl, an der sich wohl auch die kath. Kirche beteiligte?
Wie weit sind wir mit der Ökumene? Schaffen wir es bis 2003 zum
gemeinsamen Abendmahl?

MargotKäßmann: Ich
wünsche mir das weiterhin, auch wenn ich viele Widerstände sehe. Als
Evangelische können wir jede und jeden Getauften zum Abendmahl
einladen.

jupp: Müssen (können?) wir es überhaupt zu einem gemeinsamen Abendmahl "schaffen"?

MargotKäßmann: Mir ist das wichtig, weil es Zeichen der Einheit ist. So bleibt immer ein Widerspruch zu Johannes 17.

Moderator: … noch mal für alle bitte

MargotKäßmann: Jesus
hat gebetet: dass sie alle eins seien. Dies ist für mich eine
Herausforderung. Es gibt nur eine Kirche verborgen unter den vielen
verschiedenen.

sandra: Einige Vertreter der kath. Kirche denken bzgl. Protestanten ‘dann kommt doch zurück’.

MargotKäßmann: Wir sind keine neue Kirche hat schon Martin Luther gesagt, sondern Erbin der alten Kirche, da ist nichts mit "zurückkommen".

Moderator: Kurz nocheinmal zu Johannes 17:

jupp: Der
Anspruch ist ja auch berechtigt, nur dürfen wir doch nicht so lange an
der Liturgie "herumfeilen" bis es keine Aussage mehr gibt, nur um eine
einheitliche (leere?) Form zu bekommen. Oder?

MargotKäßmann: Nein,
ganz bestimmt nicht. Mir geht es um versöhnte Verschiedenheit, das
heißt: die Unterschiede bleiben, wirken aber mit Blick auf Taufe,
Abendmahl und Amt nicht mehr trennend.

elfe: Wo sind denn noch Unterschiede zu den Katholiken?

MargotKäßmann: Im
Amtsverständnis, wir haben keine geweihten Priester. Apostolische
Nachfolge ist bei uns inhaltlich bestimmt. Der Wandel beim Abendmahl
ist ein Geheimnis, Christus ist der Einladende. u.a.m.

elfe: Sie,
Frau Käßmann, würden in der katholische Kirche nie ein Mitspracherecht
wie als Bischöfin erhalten: Nur, weil Sie eine Frau sind. Wollen sie
mit so einer verstaubten Kirche zusammenarbeiten?

MargotKäßmann: Zusammen arbeiten schon, aber ich bin und bleibe evangelisch.

elfe: Aber das muss sie doch stören?

MargotKäßmann: mmmh – es ist ja nicht mein Problem.

elfe: Doch! wenn Sie mit der Kirche zusammenarbeiten

MargotKäßmann: Nein, denn ich verstehe mich als Bischöfin im vollen Sinne des Amtes, das muss mein Gegenüber akzeptieren.

Moderator: Wir kommen nun auch schon zur letzten Frage:

elfe: Sie
dürfen bei den Katholiken auch nicht so einfach ein politische Position
vertreten. Ich lese hier, dass Sie gegen den Castortransport waren.
Dafür wären sie bei den Katholiken gevierteilt worden, vielleicht.

MargotKäßmann: Das will ich doch nicht hoffen!

Moderator: Die
Zeit ist schon wieder um, leider konnten nicht alle Fragen beantwortet
werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung und politik-digital
bedanken sich bei Frau Dr. Käßmann für diesen interessanten Chat, und
natürlich auch für die rege Teilnahme. Heute Abend bei politik-digital:
Christoph Schlingensief, Theateraktivist, im Chat von 18 bis 19 Uhr.

MargotKäßmann: Es war spannend! Herzliche Grüße aus Hannover. Tschüss!

Moderator: Tschüss nach Hannover.

Moderator: Und in den Rest der Welt.

Kommentar verfassen