“Der Mensch ist viel mehr als eine Gen-Maschine”


Professor Detlev Ganten im Gentechnik-Chat am 30. Mai 2001


Einen Tag vor der Grundsatzdebatte über Gentechnik im Bundestag war
Professor Detlev Ganten, der Gründungsdirektor des
Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin, zu Gast im Chat
von politik-digital.de und stern.de. Aus aktuellem Anlass sprach er mit
den Chattern über ethische und moralische Grenzen der Genforschung.
Risiken und Potenziale der Präimplantationsdiagnostik (PID) kamen
ebenso zur Sprache wie die Position Deutschlands im internationalen
Forschungsumfeld und der Nationale Ethikrat.

Als Mitglied des Nationalen Ethikrates wies Prof. Ganten den Vorwurf, dieser sei nur ein "Ja-Sager-Verein" vehement zurück: "Das halte ich für eine absurde Aussage."
Die Mitglieder des Ethikrates seien erkennbar keine Konformisten, und
die Unabhängigkeit und Gruppendynamik solcher Gremien dürfe nicht
unterschätzt werden. Zur Diskussion und Beratung sei der Ethikrat eine
wichtige Einrichtung, denn "kein Mensch kann für sich in Anspruch
nehmen, so komplexe Themen wie den Einfluss der Genomforschung auf
unsere zukünftige Entwicklung allein zu verstehen"
. Dies gelte insbesondere für Entscheidungsträger wie den Bundeskanzler: "Wir sollten uns freuen, dass er Rat sucht."

Die moralische Grenze der Gentechnik zieht Ganten für sich in der "verbrauchenden
Embryonenforschung, soweit diese Embryonen nur zu diesem Zweck
hergestellt werden, ebenso beim reproduktiven Klonen, für das es
überhaupt keine Begründung gibt."
Insbesondere in der embryonalen Stammzellenforschung sei es schwierig, Grenzen festzulegen. "Die
persönliche Erfahrung zeigt, dass Leben in seiner vollen Bedeutung
langsam und kontinuierlich beginnt und manchmal sehr schmerzhaft, auch
langsam endet."
"Vom Grundsatz her kann man den Beginn der Menschenwürde gar nicht früh genug ansetzen."

Besonderes Interesse zeigten die Chatter an der Präimplantationsdiagnostik. Für Detlev Ganten ist die PID "ein neuer Schritt der Beratung und Diagnose vor der Einnistung des Embryo im Mutterleib", der für eine umfassende Beratung der Eltern mit eingesetzt werden solle. "Diese
neuen Möglichkeiten erleichtern weder für den Arzt noch für den
Patiente die Entscheidung, aber die größeren Freiheiten dürfen auf
keinen Fall dazu führen, den Druck auf Ratsuchende zu erhöhen"
. Dass die PID die Akzeptanz von Behinderten in der Gesellschaft verringern könne, glaubt der Professor nicht, denn "nur ganz wenige Behinderungen sind durch genetische Ursachen, die über PID vermieden werden könnten, verursacht."

Eine
zu restriktive Beurteilung der Genforschung könne dazu führen, dass
Deutschland den Anschluss an die internationale Forschung verpasse,
warnte der Forscher. Dabei hat Prof. Ganten die Hoffnung, dass
ultra-konservative Reaktionen wie in den U.S.A. hierzulande ausbleiben:
"Ich hoffe sehr, dass wir ein tolerantes Land bleiben, in dem jeder
seine Meinung äußern kann ohne Gefahr für Leib und Leben. Dieses setzt
allerdings auch voraus, dass wir in den Anwendungen dessen, was wir
Denken und Forschen auf gesellschaftliche Ängste und Sorgen Rücksicht
nehmen. Wissenschaft darf nicht Angst machen, sondern muss Zukunft
sichern."


 

Das ausführliche Transkript finden sie hier.

 


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