“Das “Wie” und nicht mehr nur das “Was” des Lernens”

Am Montag, 25. September,
war Stephan Mosel, eTeaching Experte und Betreiber des Bildungsblogs,
zu Gast im E-Teaching.org
Live-Chatin Kooperation mit politik-digital.de. Er
sprach mit den Nutzern über Social Software und neue Möglichkeiten
des Lernens.

Moderator: Liebe Nutzerinnen und
Nutzer von E-Teaching.org, willkommen zum E-Teaching.org Live-Chat.
Zu Gast ist Stephan Mosel, Social Software-Experte und Betreiber
des Bildungsblogs. Einen schönen guten Tag nach Tübingen
und vielen Dank, dass Sie Zeit für uns haben. Können wir
beginnen?

Stephan Mosel: Ja ich bin soweit.

Moderator: Zum Einstieg eine grundsätzliche
Frage: Was genau ist eigentlich Social Software?

Stephan Mosel: Social Software ist ein relativ
weiter Begriff. Im weitesten Sinne ist es Software, die die Kommunikation
und Interaktion zwischen UserInnen ermöglicht. In einer etwas
engeren Definition dient sie auch der gegenseitigen Vernetzung und
macht diese Netzwerke die entstehen können auch sichtbar.

Moderator: Welche Formen, die man im Netz beobachten
kann, zählen dazu?

Stephan Mosel: Im weiteren Sinne ist Social Software
auch E-Mail, Instant Messaging, VoIP usw. Im engeren Sinne handelt
es sich dabei beispielsweise um Wikis, Weblogs, Social Bookmark
Manager, Photo-Sharing Plattformen oder Social Networking Portale.

Moderator: Inwiefern grenzt sich denn Social Software
gegenüber normaler Software ab?

Stephan Mosel: Wenn man jetzt von der engeren
Definition ausgeht, steht die Interaktion und Community-Bildung
im Vordergrund. Und es ist möglich, die Netzwerke zu visualisieren,
also die Zugehörigkeit zu einer Themengruppe oder Community.

Bussy65: Ist Social Software nicht eigentlich
nur ein Hype? Was ist wirklich essentiell neu?

Stephan Mosel: Bis zu einem gewissen Grad bezeichnet
der Begriff in der Tat Dinge, die schon da waren oder auch den ursprünglichen
Charakter des Internets ausmachen. Denken Sie zum Beispiel an die
Möglichkeit, in Forschungseinrichtungen Informationen weitergeben
zu können. Oder an das Usenet. Neuartig erscheint mir dabei,
dass es für immer mehr NutzerInnen möglich wird, Social
Software zu nutzen, ohne dass sie HTML beherrschen müssen oder
wissen, wie man eine Webseite erstellt. Das wird durch Personal
Publishing Systeme, Weblogs, Wikis, Social Bookmark Manager usw.
bedeutend einfacher.

Alexander B.: Was unterscheidet Social Software
zu früherer Kommunkationssoftware wie Newsgroups, IRC, Bulletinboards?

Stephan Mosel: Der Unterschied liegt darin, dass
die Relationen zwischen UserInnen sichtbarer werden und zur Entstehung
mehr oder minder loser Netzwerke führen. Denken Sie zum Beispiel
an die gegenseitige Vernetzung durch Blogrolls oder mittels Social
Networking Portalen. Weiterhin geben viele Tools die Möglichkeit,
eine personengebundene virtuelle Präsenz zu etablieren.

Moderator: Die nächste Frage kommt im Doppelpack:

lummerland: Kommen Social Software Apologeten
nicht langsam in Zugzwang? Alle reden drüber, aber zu sehen
gibt es nicht wirklich viel.

Hasenchart: Warum wurde der Begriff Social Software
jetzt erst entdeckt? Die meiste Software die genannt wurde gibt
es doch schon länger.

Stephan Mosel: Ich denke das Social Software eine
neue Art und Weise, wie das Internet auch von einer nun größeren
Zahl von UserInnen genutzt wird, bezeichnet. Gerade im Bereich von
Weblogs, Wikis, Social Networking Sites usw. reden wir von einem
Phänomen, das in der Breite der Nutzung noch so alt nicht ist.
Die Nutzung nimmt nach wie vor stark zu. So ist zwar die Wikipedia
relativ vielen NutzerInnen bekannt, andere Wikis werden aber noch
eher selten verwendet.

patricia: Welche Kompetenzen braucht man um Social
Software erfolgreich bedienen zu können. Soziale E-Kompetenz?

Stephan Mosel: Ja. Ich denke, dass sich diese
nach und nach herausbildet. Die Nutzung von Social Software und
die dafür erforderlichen Kompetenzen scheinen da in einer Art
Wechselwirkung zueinander zu stehen.

Dosenfutter: Was hat Social Software mit Bildung
zu tun? Können Sie ein praktisches Beispiel nennen?

Dieter Horn: Wie hoch schätzen Sie den pädagogischen
Nutzen dieser Software für das E-Teaching ein?

Stephan Mosel: Im Bildungsbereich werden momentan
meist eher geschlossene Course Management Systeme genutzt. Diese
sind eng an eine Veranstaltung mit einem geschlossenen Personenkreis
und einem bestimmten Thema verbunden. Social Software hingegen macht
es einfacher, auch außerhalb dieser geschlossenen Räume
zu lernen und orientiert sich eher an Personen und Themen.

Moderator: Können Sie noch einmal kurz auf
den Zusammenhang von Social Software und Bildungsarbeit eingehen?

Dunja: Lässt sich diese Art von Software
auch für Lernprozesse einsetzen?

Stephan Mosel: Social Software kann dem kooperativen
Lernen dienen, welches auch außerhalb einer bestimmten Veranstaltung
stattfindet. So wird es möglich, Netzwerke mit einem dauerhaften
Interesse an bestimmten Themen zu bilden. Der (virtuelle) Seminarraum
ist kein geschlossener Raum mit einer festen Teilnehmergruppe mehr
und definiert sich nicht mehr durch die Form einer geschlossenen
Veranstaltung.

joker: Wie vertragen sich dann "offene Tools"
und "offene Räume" mit "vorstrukturierten"
Lehrformen?

Stephan Mosel: Da muss man unterscheiden, wie
die vorstrukturierten Lehrformen denn genutzt werden und was ihr
Ziel ist. Im Falle von Zertifizierung oder abstrakten Inhalten ist
Social Software nicht von so großer Bedeutung. Sie hat ihren
Stellenwert bei längerfristigem Interesse an einem Thema oder
Themenkomplex.

Olafski: Sehen Sie Möglichkeiten, beide Komponenten
(Social Software und geschlossene Gruppen) miteinander zu verbinden?

Stephan Mosel: Das ist eine schwere Frage. Ich
denke es ist dann sinnvoll, wenn beispielsweise im Rahmen einer
Einführung ein Thema behandelt wurde, mit dem sich die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer auch in Zukunft noch beschäftigen werden, auch
wenn die Veranstaltung schon lange vorbei ist.

Dunja: Kann Social Software denn für informelles
Lernen genutzt werden?

Stephan Mosel: Darin scheint mir eine besondere
Stärke von Social Software zu liegen! Gerade wenn wir von Wissensinhalten
und Lernprozessen sprechen, die einen sozialen Charakter in dem
Sinne haben, dass es weniger um absolut richtig oder falsches Wissen,
als auch um Einschätzungen und Rezeption von Inhalten geht.
Dies ist oft ein sozialer Prozess der Bedeutungsfindung.

Dunja: Wie lässt sich denn Social Software
ganz konkret integrieren? Also zu jeder Lehrveranstaltung am besten
ein Gruppen-Weblog? Oder Fakultäten-Blogs? Oder lieber auf
die Selbstorganisation der Studierenden setzen?

Stephan Mosel: Konkret erscheint es mir nicht
so sinnvoll, Social Software allzu eng an einzelne Lehrveranstaltungen
zu binden. Interessanter ist da die Etablierung von Communities
of Practice zu einem bestimmten Interesse oder Themenkomplex als
zu einer bestimmten Veranstaltungsform.

ieasy: Gibt es bei den großen deutschen
Bildungsinstitutionen eher wohlwollende Haltung gegenüber Onlinebildung
oder Vorbehalte?

Stephan Mosel: Ich habe den Eindruck, dass E-Learning
bzw. blenden Learning vermehrt eingesetzt wird. Oft handelt es sich
aber wie erwähnt eher um geschlossene Course Management Systeme
zu einer bestimmten Veranstaltung, welche hierarchisch organisiert
sind.

mschiefner: Verändert Ihrer Meinung nach
Social Software – vor allem Blogs – das Kommunikationsverhalten?
Wie genau können partizipative Diskurse angeregt werden, ohne
dass ein Teil der Menschen nur zu den "Lurkern" gehört?

Stephan Mosel: Ich denke das Kommunikationsverhalten
ändert sich erheblich, da man die Erfahrung macht, eben nicht
mehr nur Rezipient von Informationen im Web zu sein. Sondern mittels
Weblogs und Wikis auch sehr leicht selbst zum Autor werden und etwas
beitragen kann. Dass es mehr Lurker als Content-ProduzentInnen gibt,
finde ich da nicht so schlimm.

rik: Ist es ein Merkmal von Social Software, dass
sie vom User auch als solche wahrgenommen werden muss oder "wirkt"
sie auch dann, wenn sich der User quasi "verweigert",
also zum Beispiel zwar ein Blog führt, aber keine Blogroll?

Stephan Mosel: Eine Blogroll ist ja nur eines
von vielen Merkmalen der gegenseitigen Vernetzung mittels Weblogs.
Ich halte sie nicht für zwingend erforderlich. Natürlich
können Weblogs aber auch geführt werden ohne dass man
ein erhebliches Interesse an gegenseitiger Vernetzung hat.

mschiefner: Wie sehen Sie die Möglichkeiten,
mit Social Software auch Soft Skills zu vermitteln? Ist dies mit
Software möglich, oder braucht es den direkten menschlichen
Kontakt?

Stephan Mosel: Also muss die Commnuity beziehungsweise
die NutzerInnen selbst eine Etiquette etablieren. Oft kommt es ja
auch zu Treffen im realen Raum, die aufgrund gemeinsamer Interessen,
die aus dem Networking mittels Social Software hervorgingen.

eiger: Muss sich für solche Communities of
Practice nicht erst eine "Kultur" entwickeln, also ein
längerer Lernprozess stattfinden?

Stephan Mosel: Ich denke das bedingt sich gegenseitig.
Der Wandel der Lernkultur in diesem Bereich geht parallel einher
mit der Nutzung von Social Software.

Moderator: Zwei Fragen zur Motivation, an Social
Software teilzuhaben:

joker: Hm, wenn wir über Einsatz in Lehrveranstaltungen
reden, sind dann alle Studien willens "Autoren" zu werden.
Wie schaffe und erhalte ich dazu die Motivation?

Oska: Viele Schüler sind ja nicht grade motiviert,
zu lernen. Können Onlinemedien Ihrer Meinung hier Abhilfe schaffen?
Durch welche Motivation?

Katja: Ich habe den Eindruck, dass sich eigentlich
nicht so viel ändert: zwar ist Social Software leicht zu bedienen,
aber es ist immer noch nur ein winziger Prozentsatz, der zum Beispiel
an Wikis mitschreibt. Wie motiviere ich also zum Beispiel auch gerade
im Bildungsbereich zur aktiven (!) Nutzung?

Stephan Mosel: Die Motivation ist nicht über
Nacht "einfach da". So kann man dies zum Beispiel in kleineren
Schritten lernen. Einen kurzen Blogeintrag zu schreiben oder einen
Satz in einem Wiki zu ergänzen beispielsweise. Wichtig erscheint
mir, dass der/die NutzerIn selbst einen Vorteil von der Nutzung
erfährt und sie daher nicht als reine Belastung oder Zwang
erlebt.

Suppenkasper: Wie sind die Lehrer denn gegenüber
den Möglichkeiten der Bildung mit Hilfe Neuer Medien eingestellt?

Stephan Mosel: Lehrer im Bezug auf Schule wenden
soweit mir bekannt ist bislang wenig Social Software an. Das kann
einerseits daran liegen, dass da noch nicht die erforderlichen Kompetenzen
und Ressourcen zur Verfügung stehen. Andererseits scheint mir
Social Software auch dann von eher geringer Bedeutung, wenn es um
feste Lehrpläne und Curricula geht, die dann mit einem Test
und einer Note abgeschlossen werden. Die Stärke von Social
Software kommt dann zum Tragen, wenn es auch um das "Wie"
und nicht mehr nur um das "Was" des Lernens geht.

maho: Gibt es über die Altersstruktur von
Social-Software-Anwendern bereits Erfahrungswerte bzw. empirische
Studien? Ist dies nicht nur etwas für die sogenannte „Digital
Natives“ (insbesondere bezogen auf Blogs, Wikis, Podcasting
etc.)?

Stephan Mosel: Soweit mir bekannt ist, sind NutzerInnen
von Social Software in der Tat bei eher jüngeren NutzerInnen
anzutreffen. Ob sich das Konstrukt von "Digital Natives"
allerdings halten lässt, erscheint mir fraglich.

Bussy65: Wie kann man Social Software als Bildungsinstrument
in Firmen benutzen?

Stephan Mosel: Dies könnte man beispielsweise
nutzen, indem Berichte oder Kontakte zwischen Mitarbeitern nicht
nur in eher isolierten Word-Dokumenten festgehalten werden. Sondern
eben im Intranet eine Möglichkeit finden, diese beispielsweise
dort abzulegen und auch gegenseitig zu kommentieren.

gastmart: Wie sehen sie den Zusammenhang von Medienkompetenz
und Social Software?

Stephan Mosel: Social Software erfordert ein gewisses
Verständnis der kooperativen Produktion von Inhalten und Wissen.
Diese aber kann sich letztendlich erst durch die Nutzung und auch
das herumexperimentieren mit Social Software etablieren.

eiger: Gibt es eine Art „Best Practice Toolkit“
für den Einsatz im Bildungswesen? Wie findet man heraus, was
am besten für den eigenen Bedarf geeignet ist? Gerade wenn
das nötige technische Verständnis nicht vorhanden ist?

Stephan Mosel: Das ist sehr fall-spezifisch. Zunächst
müsste geklärt werden, ob es eher um die Produktion gemeinsamer
Inhalte geht oder die Etablierung von Netzwerken. So kann man zum
Beispiel eine Social-Networking-Plattform wie OpenBc zur Vernetzung
nutzen oder aber man setzt eben ein eigenes Wiki oder Weblog auf,
um Texte zu produzieren.

Dunja: Halten Sie es für sinnvoll, wenn Social
Software-Komponenten wie Weblogs oder Wikis als Add-on Funktionalität
in geschlossenen Lern-Management-Systemen angeboten werden?

Stephan Mosel: Dies kann zu Beginn der Auseinandersetzung
mit Social Software durch die Teilnehmenden sinnvoll sein. Denn
so kann man eher mal rumtesten und ausprobieren, ohne eine potentiell
weltweite Leserschaft zu haben. Die breiteste Wirkung entfaltet
Social Software aber dann, wenn sie allgemein über das Internet
einer möglichst großen Gruppe von Interessenten gegenüber
offen ist.

Peter: Was ist das Erfolgsrezept, um Social Software
zu etablieren. Was ist die "kritische Teilnehmermasse"?

Stephan Mosel: Das kann man so absolut nicht beantworten.
Je spezifischer ihr Interesse ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit,
auf möglichst großen, offenen Plattformen Personen mit
ähnlichen Interessen zu finden.

Suppenkasper: Spielt E-Learning für Deutschland
eine große Rolle? Wie sieht die Nutzung in unseren europäischen
Nachbarstaaten aus?

Stephan Mosel: Zum Stand des E-Learning allgemein
im europäischen Vergleich kann ich nur wenig sagen. Bei der
Nutzung von Weblogs scheint Deutschland im Vergleich eher klein
dazustehen, aber die deutsche Wikipedia ist beispielsweise die größte
regionalisierte Wikipedia, also mit einer anderen Sprache als englisch.

Moderator: In Bezug auf den Bildungssektor:

Dosenfutter: Was kann "online", was
"offline" nicht vermag?

Stephan Mosel: Online können Sie Personen
mit ähnlichen spezifischen Interessen finden, die es in ihrem
direkten Umfeld vielleicht nicht gibt. Ebenso können Sie durch
die Transparenz dieser Netzwerke dann Bekannte von Bekannten im
Web finden, die ähnliche Ambitionen haben. Social Software
kann auch im Bezug auf die schiere Fülle von Information im
Web eine Art Filterfunktion haben. So finden Sie dann eher das,
was sie auch interessiert. Ein Link-Tipp kann da zum Beispiel unter
Umständen ergiebiger sein als eine Suche mit Suchmaschinen.

Dunja: Wenn Social Software neue Freiheitsgrade
eröffnet, gibt es doch sicher auch neue Probleme. Was kann
denn schief gehen?

Stephan Mosel: Das alte Problem lautet natürlich
Spam. Je offener eine Plattform ist, desto eher wird dort auch versucht,
Spam abzuladen. Weiterhin muss Personen an den Inhalten messen die
von ihnen sichtbar werden, was aber dem zugrunde liegende Motive
nicht unbedingt sichtbar macht. Last but not least gibt es nur wenig
inhaltliche Kontrolle. Sie müssen User-generierte Inhalte also
stets kritisch prüfen.

Raffael Noer: Mittlerweile finde ich, dass durch
Social Software zu viele (nicht brauchbare) Informationen produziert
werden. Wie kann man die Inhaltsqualität erhöhen?

Stephan Mosel: Wenn Sie NutzerInnen von Personal-Publishing-Systemen
mit usergenerated Content haben, ist dies ein zwangsläufiger
Effekt. Hier kommen dann eben die Filterfunktionen von zum Beispiel
Social Bookmark Managers oder Weblogs zum Tragen. Oder aber Site
wie Slashdot oder digg.com, die Ihnen anzeigen, welche Inhalte andere
UserInnen als besonders relevant erachten.

Moderator: Zwei Fragen zu Wikis als Social Software:

__Must__: Welche Rolle spielen Wikis in der Bildung?
Gibt es Ihrer Meinung nach Bereiche, in denen Wikis im Bildungsbereich
nicht geeignet sind?

Fragensteller: Macht Social Software auch dann
Sinn, wenn es sich um Willensbildungsprozesse handelt? Wie kann
man hier mit Hilfe von Wikis auf ein "richtiges" Ergebnis
kommen?

Stephan Mosel: Wikis scheinen mir dann wenig geeignet,
wenn es darum geht, auch die Identitäten der NutzerInnen sichtbar
zu machen. So lassen sich Inhalte in Wikis eher mühsam einzelnen
AutorInnen zuschreiben. Sinnvoll sind Wikis dann, wenn gemeinsam
Inhalte gesammelt werden, die sich aus vielen kleineren Fragmenten
zusammensetzen. Die Frage nach den Willensbildungsprozessen habe
noch nicht ganz verstanden.

Nuch: Gibt es nennenswerte staatliche Förderprogramme
für E-Learning, oder wer sind die Hauptakteure?

Stephan Mosel: Da bin ich gerade überfragt.
E-Learning an Unis wird forciert, und die Unis müssen hierfür
Gelder investieren. Social Software und E-Learning sind aber zwei
verschiedene Dinge, so kommt ja beileibe nicht in jedem E-Learning
Szenario auch Social Software zum Einsatz.

Bussy65: Wagen Sie eine Prognose für die
Konsequenzen im Bildungssystem, die aus der Einführung von
Social Software resultieren werden? Wie sieht das elektronische
Bildungssystem in Deutschland in zehn Jahren aus?

Stephan Mosel: Zehn Jahre sind eine lange Zeit.
So scheinen mir die Entwicklungen im Bereich der Social Software
in den letzten drei Jahren schon erheblich. Zu hoffen bleibt, dass
die Entwicklung mehr in Richtung offener, nachhaltiger Netzwerke
geht, welche nicht an eine feste Veranstaltungsform gebunden sind.

Moderator: Sie sind ja als Betreiber des Bildungsblogs
auch mit der Praxis gut vertraut. Hierzu ein paar konkrete Fragen:

ieasy: Welche Funktionen können Weblogs denn
in der Bildung einnehmen?

Stephan Mosel: Weblogs dienen der Etablierung
einer virtuellen Präsenz und machen ihre AutorInnen als Personen
sichtbar. Weiterhin kann das Schreiben von Weblogs einen reflexiven
Charakter haben, und man begegnet relativ schnell vielen Menschen
mit ähnlichen Interessen. Das BildungsBlog ist da ja als Community-Blog
eine Besonderheit, da es eine Art Sammelpunkt für verschiedene
Personen ist und durch Link-Hinweise eine Filterfunktion ausübt
und vielleicht ein gutes "Sprungbrett" zu themenrelevanten
Inhalten im WWW ist.

Dunja: Was war für Sie das Motiv, mit dem
Bloggen anzufangen?

Stephan Mosel: Ich glaube das war eine Mischung
aus Langeweile vor den etablierten Medien im Netz, den großen
Portalen und statischen Seiten. Durch das Bloggen habe ich dann
in relativ kurzer Zeit viel Feedback bekommen und viele Kontakte
zu Menschen mit ähnlichen Interessen geknüpft.

Dunja: Wie ist denn die Geschichte vom Bildungsblog?
Hat es als Einzelaktivität angefangen? Und ab wann haben andere
Personen angefangen, sich dafür zu interessieren bzw. selbst
mitzuschreiben?

Stephan Mosel: Das ist eigentlich aus reinem Zufall
entstanden. Als der Weblog-Hoster twoday.net in Österreich
im Beta-Betrieb gestartet ist, habe ich eben ein Weblog zum Testen
angelegt. Und es sollte ein Themen-Weblog sein, da ich schon ein
persönliches Blog hatte. Nur waren damals deutschsprachige
Hoster noch eher selten. Dann habe ich da gesehen, dass es die Möglichkeit
gibt, das Bildungsblog jedem als Autor zugänglich zu machen,
und war von dieser Funktion sofort begeistert. Es sollte auch so
ein Einstiegspunkt für Leute sein, die kein eigenes Blog haben,
aber wohl etwas interessantes zu sagen haben, das auch von anderen
gehört werden sollte.

Moderator: Eine Nachfrage von aGog:

aGog: Sie sagten, Sie haben schnell Kontakt zu
anderen Menschen bekommen – lag das daran, dass Sie sehr früh
dran waren, oder würde das genauso auch heute noch klappen?

Stephan Mosel: Das ist eine gute Frage! Ich glaube
der Zeitpunkt war schon recht günstig. Heute erscheint es mir
aufgrund der Menge an Weblogs etwas schwieriger. Dennoch denke ich,
dass dauerhaftes Bloggen auf jeden Fall so oder so relativ schnell
zu Kontakten mit ähnlichen Interessen führt. Man macht
sich beim Lesen eines Weblogs recht schnell Gedanken zur dahinter
stehenden Person, so meine Erfahrung.

joker: Wen beziehungsweise wie viele erreichen
Sie denn damit?

Stephan Mosel: Das ist nur schwer messbar. Soweit
mir bekannt ist, dürften es im Falle des BildungsBlogs vielleicht
einige wenige hundert Menschen sein, die dort mehr oder minder regelmäßig
hereinschauen. Im Falle meiner anderen Weblogs sind es mehr. Aber
diese haben weniger eng umrissene Themen, die nicht fachlicher Natur
sind.

Moderator: Für wie wichtig halten Sie die
Persönlichkeit, die in die Blogbeiträge einfließt,
für den Erfolg des Weblogs?

Stephan Mosel: Um dauerhaft gelesen zu werden,
erscheint mir das recht wichtig. Ein Weblog ist ja eher selten ein
Community-Blog. Die meisten Blogs haben einen Autor. Da macht man
sich natürlich auch ein Bild von der Person hinter dem Computer.

Dunja: Was ist das Besondere an einem Gruppenblog?
War von Anfang an klar, dass das Bildungsblog kein Einzelkämpfer-Projekt
werden sollte?

Stephan Mosel: Ja, das war von Anfang an klar.
Ein offenes Gruppenblog hat den Vorteil: Man kann auch etwas einstellen,
wenn man gar kein eigenes Blog hat oder haben möchte. Und falls
man schon eines hat, erreicht man mit dem BildungsBlog vielleicht
noch mal ganz andere Leute als die Leserschaft des eigenen Blogs.

Dunja: Welche Vorteile hat für Sie das Netzwerken
über das Bildungsblog?

Stephan Mosel: Erst einmal ist ein Vorteil, dass
die Inhalte quasi zu mir kommen:) Es macht Spaß Neues im eigenen
Blog zu lesen. Weiterhin trifft man eben recht schnell auf neue
Kontakte mit ähnlichen Interessen.

patricia: Wie wichtig ist, wenn man mit Blogs
Erfolg haben möchte, die Stilfrage? Muss man dazu erst einmal
das Schreiben lernen?

Stephan Mosel: Wenn man Blogs im Kontext des Lernens
und Netzwerkens einsetzen möchte, erscheint mir eine gewisse
Stilsicherheit unabdingbar! Dafür ist ein Mindestmaß
an „Digital Literacy“ erforderlich.

Dunja: Mit welchen Fallen und Hürden müssen
Neulinge rechnen, die sich in der Blogosphäre umtun wollen?

Stephan Mosel: Zunächst einmal muss man etwas
herumexperimentieren, um den eigenen Stil zu finden. Weiterhin kann
Kritik durch andere Weblog-AutorInnen mitunter etwas heftig ausfallen.

ReGina: Sie schrieben vorhin, dass Weblogs im
Vergleich zur Wikipedia bei weitem nicht so angenommen werden. Haben
Sie dafür eine Erklärung?

Stephan Mosel: Nicht wo wirklich. Man sollte sich
da hüten, von "typisch deutsch" zu sprechen. Vielleicht
erleben sich aber die AutorInnen von Weblogs etwas exponierter als
in Wikis, und haben Bedenken Fehler zu machen.

patricia: Was sind die Erfolgsfaktoren von Blogs?
Fleiß, das richtige Network, das richtige Thema zur richtigen
Zeit?

Stephan Mosel: Mir scheint es wichtig, dass man
relativ regelmäßig etwas schreibt, und sich mit Gleichgesinnten
durch gegenseitige inhaltliche Bezüge wie auch durch Blogrolls
u.ä. vernetzt.

Dunja: Was sind die spannendsten Aspekte der Blogosphäre?

Stephan Mosel: Das spannendste scheint mir zu
sein, dass es eben für immer mehr Personen immer leichter wird,
selbst Inhalte zu transportieren, die auch von anderen gefunden
und gelesen werden. Eine redaktionelle Kontrolle findet nicht mehr
statt.

Raffael Noer: Wie viele aktive, offene Blogs und
Wikis gibt es eigentlich schätzungsweise im Bildungsbereich?

Stephan Mosel: Da fehlen mir die Zahlen. In Deutschland
scheint die Szene noch relativ überschaubar zu sein. Unlängst
wurde im WeiterbildungsBlog eine Liste mit 20 deutschsprachigen
Edu-Blogs veröffentlicht, die mir ein guter Einstiegspunkt
zu sein scheint.

Backenfutter: Es gibt doch dieses neue Modewort
Edublogging. Könnten Sie mir das mal bitte erklären?

Stephan Mosel: Edublogging ist letztendlich nichts
anderes als der Versuch, Weblogs im Bildungsbereich nutzbar zu machen.
Das können Sie unterscheiden zwischen Weblogs die *über*
Bildung und Lernen schreiben, und Weblogs, die direkt im Umfeld
eines Kurses o.ä. *zum* Lernen verwendet werden.

Moderator: Gibt es dafür ein paar prominente
Beispiele?

Stephan Mosel: Weblogs über Lernen und Bildung
habe ich ja schon genannt. Im Umfeld eines Kurses können sie
beispielsweise als Lerntagebuch eingesetzt werden.

Dunja: Wie eng ist die Vernetzung per Blogroll
tatsächlich? Entstehen darüber persönliche Beziehungen?

Stephan Mosel: Das können sie, müssen
sie aber nicht zwingenderweise. Aber man sieht, welche Weblogs es
vielleicht zu ähnlichen Themen noch gibt. Auf jeden fall wird
derjenige, den Sie mittels einer Blogroll verlinken dies früher
oder später auch wahrnehmen.

patricia: Wie lange halten sich Weblogs, beziehungsweise
ist die Kurzlebigkeit sozusagen vorprogrammiert?

Stephan Mosel: Da das Phänomen der breiteren
Nutzung von Weblogs noch relativ jung ist, lässt sich darüber
wenig sagen. Nur relativ wenige Weblogs sind älter als drei
Jahre.

rrrArrr: Gibt es eine zentrale Plattform, wo alle
Bildungsblogs gelistet sind? Einen Wegweiser?

Stephan Mosel: Nicht das ich wüsste. Letztendlich
ist das auch eine Definitionsfrage, wo ein EduBlgo aufhört
und ein persönliches oder thematisch offeneres Weblog beginnt.
Die bereits erwähnte Liste mit 20 relativ prominenten deutschen
Edu-blogs scheint mir aber ein guter Einstiegspunkt zu sein. Den
Link finden Sie im BildungsBlog oder direkt bei WeiterbildungsBlog.de

Raffael Noer: Gibt es eigentlich auch Blog-Fights
in der Blogosphäre der Edublogger? Oder alles heile Welt?

Stephan Mosel: Grundsätzlich scheint es mir
in fachlich beziehungsweise thematisch orientierten Weblogs weniger
Streitigkeiten als in thematisch offeneren, persönlichen Blogs
zu geben. Aktuell sind mir jedenfalls keine Konflikte bekannt.

CC3: Das unleidige Thema Privacy: Gibt’s
damit Probleme im Bildungsbereich?

Stephan Mosel: Wie viel Sie von sich im Web preisgeben
können Sie ja selber entscheiden. Im Bezug auf Social Networking
Sites scheint es da aber in der Tat Bedenken zu geben, wie viel
Daten man von sich preisgeben will. Im Bezug auf einen inhaltlichen
Beitrag in einem Weblog oder Wiki scheint mir das weniger Gewicht
zu haben.

G&G: Und wie sieht es mit "Unterwanderung"
durch größere Anbieter aus, die ihre eigenen Angebote
in Edublogs unterzubringen versuchen? Gab es damit schon Probleme?

Stephan Mosel: Ja, gerade in Community-Blogs kann
die Grenze zur Werbung leider fließend sein. Die muss dann
im Einzelfall entschieden werden. Durch die Kommentarfunktion ist
es ja jedem Leser möglich, sich zu den Inhalten zu äußern.
Plumpe Werbung geht also sehr schnell nach hinten los.

Alexander B.: Um immer auf dem neuesten zu sein:
wie viele Blogs abonnieren Sie zur Zeit?

rik: Welche Blogs lesen Sie denn eigentlich regelmäßig
und warum?

Stephan Mosel: Ich habe momentan sehr wenig Zeit
und komme nicht so viel zum Lesen wie ich möchte. In meinem
Feedreader finden sich ca. 300 Feeds, aber mehr als 30 davon lese
ich momentan kaum regelmäßig.

Moderator: Letzte Frage: Wird E-Learning in Deutschland
in den kommenden zehn Jahren zu entscheidenden Änderungen im
Bildungssystem führen?

Stephan Mosel: Ich glaube nicht, dass die Technologie
per se das Bildungswesen revolutionieren wird. Denkbar ist aber
schon, dass gerade durch den Einsatz von Social Software im E-Learning
offenere Lernformen gefunden werden, welche weniger an den kursorischen
Charakter einer Veranstaltung anknüpfen als dies derzeit der
Fall ist.

Moderator: Unsere Zeit ist um. Vielen Dank für
Ihr Interesse und Dank an Herrn Mosel für den Chat! Das Protokoll
des Chats finden Sie in Kürze auf www.E-Teaching.org. Unsere
Bitte um Verständnis an jene, die wir heute mit ihrer Frage
nicht berücksichtigen konnten. Unter der URL http://uc.iwm-kmrc.de/uc/socialsoftware
bitten wir alle Teilnehmer des Chats um Feedback zu den Community-Events
von E-Teaching.org.

Der nächste E-Teaching.org Live-Chat findet am 27. Oktober
ab 14.00 Uhr statt. Dann stellt sich Birgit Hennecke, Referentin
im Kompetenzzentrum Bologna der Hochschulrektorenkonferenz, Ihren
Fragen zum Thema "Wie viel E-Learning braucht Bologna?"
E-Teaching.org wünscht allen Beteiligten noch einen schönen
Tag!

Zum Thema "Social Software" können Sie in der E-Teaching.org-Community
weiter diskutieren – wir haben hierzu ein Forum
eingerichtet. Bitte beachten Sie, dass Sie in der Community eingeloggt
sein müssen, um selbst Beiträge verfassen zu können!

Stephan Mosel: Vielen Dank für
Ihre Fragen und Ihr Interesse!

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