“Das Problem ist, dass e-Learning nicht oben auf der Agenda von Bologna steht”

Am Freitag, 27. Oktober,
war Birgit Henneke, Expertin für die Einführung von Bachelor
und Master-Studiengängen in Deutschland, zu Gast im E-Teaching.org
Live-Chat in Kooperation mit politik-digital.de.
Sie sprach mit den Nutzern über den Bologna-Prozess und die
Rolle, die e-Learning dabei spielt.

Moderator: Liebe Nutzerinnen und
Nutzer von e-teaching.org, willkommen zum e-teaching.org Live-Chat.
Zu Gast ist Birgit Hennecke, Expertin für die Einführung
von Bachelor und Master-Studiengängen in Deutschland. Einen
schönen guten Tag Frau Hennecke und vielen Dank, dass Sie Zeit
für uns haben. Können wir beginnen?

Birgit Hennecke: Ja, gerne und herzlichen Dank
für die Einladung.

Moderator: Können Sie uns erklären,
was sich hinter dem Begriff des Bologna-Prozesses verbirgt?

Birgit Hennecke: Der Bologna-Prozess zielt ab
auf die Harmonisierung des europäischen Hochschulraumes, d.h.
die Mobilität von Studierenden und Lehrenden soll verbessert
werden, die Studiengänge und -abschlüsse an europäischen
Hochschulen sollen vergleichbarer werden. Die Vision ist, dass Studierende
problemlos innerhalb ihres Studiums von Oslo bis nach Barcelona
und von London bis nach Bukarest ihren Studienplatz wechseln können
und die Studienleistungen überall gleichermaßen anerkannt
werden.

Z_P1a/8Xy: Seit wann gibt es die Initiative?

Birgit Hennecke: Seit 1999. Im Juni 1999 haben
sich damals Bildungsministerinnen und -Minister aus noch 29 Ländern
in Bologna zusammen gefunden und haben die gemeinsame Erklärung
unterschrieben. Hier wurde auch schon die Zeitvorgabe der Umsetzung
des Prozesses bis 2010 festgelegt. Heute sind es übrigens 46
Länder.

Moderator: Wird es nach dem Jahr 2010 ein Nachfolgeprojekt
geben?

Birgit Hennecke: Es wird sicherlich nötig
sein, aber ich weiß es nicht. Ich hoffe es.

Kurator: Wer ist in der Politik verantwortlich
für die Einhaltung der hochschulpolitischen Rahmenvorgaben
in Bezug auf den Bologna-Prozess?

Birgit Hennecke: Einige Rahmenvorgaben (Zugänge
und Abschlüsse) sind beim Bundesministerium für Bildung
und Forschung angesiedelt. Die wesentliche Gestaltung obliegt aber
den Kultusministern der Länder.

Z_P1a/8Xy: Welche politischen Absichten stehen
hinter dem Vorhaben Bologna-Prozess?

Birgit Hennecke: Vorrangig die Internationalisierung
der Hochschullandschaft, die Herstellung von Mobilität von
Studierenden und Lehrenden, mehr Transparenz der Studiengänge
und -abschlüsse.

europeunited: Ist der Bologna-Prozess ursprünglich
für die Schaffung einer europäischen Harmonisierung gedacht
gewesen oder spielt dieser Gedanke hier überhaupt eine Rolle?

Birgit Hennecke: Ja, das ist das wesentlichste
Element.

Aford: Von welchen Ländern wird die Harmonisierung
der Hochschullandschaft denn mitgetragen?

Birgit Hennecke:
Das sind wie gesagt 46 mehr oder weniger
europäische Länder von Island bis Russland, von Norwegen
bis Zypern.

Heurist: Eines der Ziele des Bologna-Prozesses
ist die internationale Mobilität auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.
Haben Sie hierzu Zahlen, inwieweit sich die Bereitschaft der Absolventen
geändert hat?

Birgit Hennecke: Es gibt noch relativ wenig statistische
Angaben zu Bachelor-Absolventen und deren Verhalten in Bezug auf
den ausländischen Arbeitsmarkt. Das wird sicher noch einige
Jahre dauern.. Ich gehe aber davon aus, dass sich durch eine stärkere
internationale Ausrichtung des Studiengangs auch die Motivation
von Studierenden, die vielleicht schon Auslandspraktika gemacht
haben, erhöhen wird, auch im Ausland zu arbeiten.

anna: Wie sieht die Umsetzung von Bologna in der
Realität aus? Wie kommen Hochschulen, Lehrende und Studierende
damit zurecht?

Birgit Hennecke: Immer besser. Aber es gibt noch
viele Herausforderungen. Viele Hochschulen müssen mehrere Aspekte
der Reform gleichzeitig bewältigen. Zum Beispiel müssen
die Prüfungsverwaltungen viel mehr Aufgaben übernehmen.
Die Studierendenverwaltung verändert sich, die Curriculumsentwicklung
verändert sich komplett. Und auch die Lehrenden sind mit neuen
Aufgaben konfrontiert. Da all dies gleichzeitig passieren muss,
ohne dass die Hochschulen zusätzliche Mittel oder Personal
bekommen, bewegt sich manches langsamer, als es vielleicht 1999
gewünscht war.

Next one please: Welche Fortschritte und Erfolge
hat es denn bisher gegeben?

Birgit Hennecke: Es sind bis zu diesem Wintersemester
ca. 45 % aller deutschen Studiengänge in die Bachelor- und
Masterform überführt worden und die Tendenz ist steigend.
Alle deutschen Hochschulen haben einen Bologna-Koordinator/Koordinatorin,
der sich vor Ort um die Herausforderungen des Bologna-Prozesses
kümmert. Die Reform ist mittlerweile auf der operativen Ebene
angekommen.

anna: Wie können die Studierenden sich in
den Bologna-Prozess einbringen?

Birgit Hennecke: Das ist eine gute Frage. Über
den Weg von studentischen Organisationen wie den FZS oder ESIB,
die sehr aktiv den Prozess mitgestalten. Und vor Ort an den Hochschulen
hören wir eigentlich immer wieder die Klage, dass bei dem Wunsch
von Fachbereichen, ihre Studierenden bei der Curriculumsentwicklung
zu beteiligen, sie häufig auf Desinteresse stoßen. Ansprechpartner
wären hier z.B. die Studiendekane, die sich sicher über
interessierte Studierende freuen.

e-learnerin: Wieso heißt der Prozess eigentlich
‘Bologna’?

Birgit Hennecke: Weil er 1999 in der italienischen
Stadt Bologna angestoßen wurde.

korea: In Deutschland ist Bildung Ländersache
– ist das ein Hindernis für den Bologna-Prozess? In anderen
Ländern ist man da durch zentralistische Regierungen doch sicher
schneller handlungsfähig, oder?

Birgit Hennecke: Wir hoffen sehr auf die gute
Zusammenarbeit der Kultusministerkonferenz nach der Föderalismusreform.

Möhnke: Bologna ist ein bürokratisches
Monster, das schwer vermittelbar ist. Was tut die Hochschulrektorenkonferenz,
um die guten Ansätze des Prozesses öffentlichkeitswirksam
zu promoten?

Birgit Hennecke: Die Hochschulrektorenkonferenz
hat extra zwei Projekte dafür angestoßen – die Servicestelle
Bologna und das Kompetenzzentrum Bologna, um den Prozess aktiv zu
unterstützen. Diese Projekte sind zuständig für die
persönliche Beratung von Fragenden aus der Hochschule, für
die Veranstaltungsorganisation zum Thema, für die Herausgabe
von Publikationen und für die Vernetzung der verschiedenen
Akteure im Bologna-Prozess. Das sind unter anderem die schon genannten
Bologna-Koordinatoren. Im Kompetenzzentrum sind zudem 21 Beraterinnen
und Berater koordiniert, die an 21 Hochschulstandorten nur für
die Umsetzung des Bologna-Prozesses delegiert sind.

anna: Werden die Lehrenden bei der Umsetzung von
Bologna ausreichend unterstützt?

Birgit Hennecke: Da gibt es verschiedene Aspekte.
Viele Lehrende fühlen sich mit der zusätzlichen Arbeit,
die auf sie zukommt, ziemlich allein gelassen. Aber es gibt auch
Hochschulen, die sehr aktive Unterstützungsangebote für
ihre Lehrenden institutionalisiert haben, sei es kurzfristig zusätzliches
Personal in den Studierenden- und Prüfungsverwaltungen oder
jene genannten Bologna-Beraterinnen und –Berater,
die den Lehrenden unter die Arme greifen. Die schon genannten Projekte
der Hochschulrektorenkonferenz bieten ebenso ihre Unterstützung
vor Ort an. Aber es bräuchte sicher weitaus mehr Fortbildungsangebote
und strukturelle Maßnahmen und auch zusätzliches Geld.

Moderator: Eine Nachfrage vom Nutzer ‘frager’
auf die Frage von Möhnke:

frager: Das hört sich alles eher bürokratisch
an, da hat Möhnke schon recht. Was ist der Output?

Birgit Hennecke: Der Output sind geschultere Lehrende,
wissendere Curriculumsentwickler, sensibilisierte Hochschulleitungen,
viel mehr Berücksichtigung von didaktischen Fragen in der Curriculumsentwicklung
wie z.B. die sogenannte Kompetenzorientierung, ein viel stärkeres
Interesse an Qualitätsentwicklungsfragen an den Hochschulen
und zum Teil das Angehen von lange anstehenden Problemen.

e-learnerin: Wie wird eigentlich den Personen
mit Diplom Rechnung getragen? Gibt es hier eine Regelung, die besagt,
dass das Diplom dem Master entspricht (im Ausland wird es nur als
Bachelor anerkannt)?

Birgit Hennecke: Ja, es gibt eine Regelung. In
der ländergemeinsamen Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz
gibt es eine klare Aussage zur Gleichwertigkeit der Abschlüsse.
Hier wird allerdings unterschieden nach Diplomabschlüssen an
Fachhochschulen und Universitäten: „Bachelor-Abschlüsse
verleihen grundsätzlich dieselben Berechtigungen wie Diplomabschlüsse
an Fachhochschulen. Masterabschlüsse verleihen dieselben Berechtigungen
wie Diplom- und Magisterabschlüsse an Universitäten und
gleichgestellten Hochschulen."

Boschlektor Mostar: Gibt es speziell zur Kompetenzorientierung
interessante Publikationen?

Birgit Hennecke: Ja, es gibt einige. Hier verweise
ich auf die Bibliothek der Hochschulrektorenkonferenz, die auch
von Nicht-HRK-Mitgliedern benutzt werden kann. Man kann die Bibliothek
anmailen oder anrufen, die Nummer finden sie unter http://www.hrk.de.

Helga Maria Schneide: Wie wird die Initiative
Bologna denn von den Nichtteilnehmenden Ländern bewertet? Gibt
es in anderen Ländern der Welt ähnliche Projekte?

Birgit Hennecke: Ja, gibt es. In Lateinamerika
wird der Bologna-Prozess sehr intensiv beobachtet und freundlich-kritisch
begleitet. Auch asiatische Hochschulen stehen in einem intensiven
Austauschprozess. Zudem sind viele ehemalige Sowjetrepubliken in
intensivem Austausch zum Bologna-Prozess, u.a. auch mit der Internationalen
Abteilung der Hochschulrektorenkonferenz.

Moderator: Kommen wir zum Thema e-Learning im
Bologna-Prozess:

tmennig-FU-Berlin: Wie viel e-Learning braucht
Ihrer Ansicht nach Bologna?

Birgit Hennecke: Bologna kann e-Learning sehr
gut gebrauchen, meiner Meinung nach. Das Problem ist nur, dass e-Learning
nicht weit genug oben auf der Agenda von Bologna steht. Es gibt
ja viele gemeinsame Berührungspunkte zwischen e-Learning und
den Bologna-Notwendigkeiten.

e-learnerin: In welchem Zusammenhang stehen e-Learning
und Bologna?

Birgit Hennecke: Wie schon gesagt, gemeinsame
Ziele sind die Förderung von Mobilität und Internationalisierung,
die Selbststeuerung des Lernens, die Orientierung an den Kompetenzen,
die die Studierenden erwerben können und das "automatische"
Erwerben von zusätzlichen Kompetenzen von den Studierenden
neben dem eigentlichen Fachwissen. Für beide gemeinsam gilt
die Basis des Paradigmenwechsels "vom teaching zum learning".

Moderator: Zwei ähnliche Fragen:

StephanMosel: Wo und wie sehen Sie die Rolle von
e-Learning im Bologna-Prozess?

veronika: Welche Bedeutung hat nun eigentlich
tatsächlich e-Learning bei ‘eBologna’?

Birgit Hennecke: Ganz konkret bei der Unterstützung
von Joint-Degrees oder Joint-Programs, d.h. gemeinsame Studiengänge
an Hochschulen verschiedener Nationen,
oder auch bei der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen.

Katrin Windolf: Inwieweit wird die Bedeutung und
Rolle von e-Learning bei den Entscheidungsträgern erkannt und
gefördert?

Birgit Hennecke: Ich glaube, dass die Potentiale
hier noch nicht ausgeschöpft sind.
Die Probleme von Bologna bewegen sich noch so sehr an den Wurzeln,
dass über e-Learning bisher noch nicht viel diskutiert wurde.

e-learnerin: Mich interessiert, inwieweit Bologna
Dozenten dazu motivieren kann, e-Learning in der Lehre einzusetzen,
und ob es dazu Bestimmungen gibt im Bologna-Verfahren.

Birgit Hennecke: Soweit ich weiß gibt es
keine Bestimmungen. Aber die Motivation kommt vielleicht durch den
erhöhten Druck, der auf Lehrende durch viele zusätzliche
Aufgaben zukommt, indem sie sich z.B. durch e-Teaching Tools bei
den studienbegleitenden Prüfungen Erleichterung verschaffen.

Birgit Hennecke: Ein Beispiel wären digitale
Lernertagebücher statt Abschlussprüfungen.

Bernhard Hiegl: Wie sehen Sie die Notwendigkeit
und den Einsatzrahmen sogenannter E-Portfolios?

Birgit Hennecke: E-Portfolios als von den Studierenden
selbst gesteuerte Lerninstrumente finde ich ein ausgezeichnetes
Instrument. Es gibt keine Vorgaben und Bestimmungen, da ist der
gestalterische Spielraum der Lehrenden gefragt.

Müller: Welche Formen des e-Learning werden
an den Hochschulen, die den Bachelor eingeführt haben, praktiziert?

Birgit Hennecke: Dazu gibt es noch keine generelle
Erhebungen oder Untersuchungen. Ich weiß nur von der anderen
Seite, dass es häufig Probleme gibt bei der Akkreditierung
von e-Learning-Modulen. Diese Form des Lernens und Lehrens wird
von den Akkreditierern häufig nur dem Fernstudium oder Weiterbildungsmastern
zugeordnet. In grundständigen Bachelorn führen sie noch
häufig zu Irritationen.

Moderator: Eine Nachfrage von e-learnerin:

e-learnerin: Nachfrage: Ist irgendwo festgelegt,
dass die neuen Studiengänge e-Learning Veranstaltungen enthalten
müssen?

Birgit Hennecke: Nein.

jokerle: Vom „teaching zum learning“
heißt mehr Eigenverantwortlichkeit der Lernenden. Wie ist
das mit Verschulungstendenz bei Bologna vereinbar?

Birgit Hennecke: Dies ist ein hervorragendes Instrument
gegen die Verschulungstendenz. Dieser sogenannte Paradigmenwechsel
setzt aber auch eine wirkliche Curriculumsveränderung voraus,
eine Bereitschaft der Lehrenden, von der bisher normalen Input-Orientierung
wegzugehen und sich stärker an dem zu orientieren, was als
Kompetenzen bei den Lernern heraus kommen kann. Dies setzt auch
voraus, dass Lehrende neue Lehrformen ausprobieren.

Katrin Windolf: Wie hoch ist Ihrer Erfahrung nach
die Akzeptanz dieses Lernmediums bei den Studenten?

Birgit Hennecke: Die Akzeptanz der Studierenden
hängt sehr stark von der Vermittlung der Lehrenden ab. Ist
e-Teaching für die Lehrenden selbstverständlich, so akzeptieren
dies auch die Studierenden.

jokerle: Bologna ist Mehrarbeit, e-Learning ist
Mehrarbeit. Gibt es ein Anreizsystem, sich da zu engagieren?

Birgit Hennecke: Mehr Anreizsysteme wären
sicherlich wünschenswert, in beiderlei Hinsicht. Vor allem
für die Lehrenden. Dies ist vor allen Dingen Hochschulsache.
Einige Hochschulleitungen fördern den Bologna-Prozess sehr
stark an ihrer Hochschule und schaffen z.B. Anreizsysteme, indem
sie die Akkreditierungsprozesse aus zentralen Mitteln bezahlen und
dies nicht den Fachbereichen überlassen. Es gibt auch entsprechende
pekuniäre oder ideelle Anreizsysteme an Hochschulen im Bereich
e-Learning. Aber es ist der Autonomie der einzelnen Hochschule überlassen,
diese beiden Bereiche mit noch mehr Anreizsystemen zu versehen.

Katrin Windolf: Womit hat diese Verkennung des
e-Learning-Potenzials denn Ihrer Meinung nach zu tun?

Birgit Hennecke: Mit der Gleichzeitigkeit von
unglaublich vielen Prozessen und Herausforderungen, die die Hochschulen
förmlich überrollen. Sie müssen sich mit den Auswirkungen
der Föderalismusreform beschäftigen, mit Globalhaushalten
und Zielvereinbarungen. Gleichzeitig sollen sie die Systeme für
die Auswahl von Studierenden entwickeln. Sie müssen sich mit
der Verwaltung der Studiengebühren beschäftigen und gleichzeitig
ihre gesamten Curricula verändern. Da ist e-Learning eben nur
ein kleiner Bereich von sehr vielen.

Moderator: Gibt es gerade im Bereich e-Learning
und Bologna internationale Best-Model Practice-Kooperationen?

Birgit Hennecke: Ja. Mir fällt das Kompetenznetz
Skandinavistik ein, das an den Universitäten Basel, Freiburg,
Straßburg und Tübingen angesiedelt ist. Mit ihrem blended
learning-Konzept können sie die kleinen Skandinavistiklehrstühle
an allen Hochschulen erhalten. Es gibt noch weitere Joint-Degree-Programme,
die e-Learning benutzen. Z.B. ein Joint-Degree-Masterstudiengang
an der Fachhochschule Frankfurt. Genaueres finden Sie auf der Internetseite

http://www.fh-frankfurt.de/.

Moderator: Hier noch ein Kommentar zum Thema e-Learning:

e-teacher: Zur Frage der e-learnerin: Meine Erfahrungen gehen dahin,
dass e-Learning bislang weder in den Hochschulleitungen noch bei
den Lehrenden als wichtiges Element des Selbststudiums erkannt und
begriffen wurde.

master: Ist denn e-Learning nicht auch im Weiterbildungsbereich
wirtschaftlich interessant für die Hochschulen? Gibt es Anreize,
sich da zu engagieren (z.B. finanzielle Hilfen, wenn ein e-Learning-Programm
aufgesetzt wird)?

Birgit Hennecke: Ja, das ist auch der Bereich,
in denen die Hochschulen e-Learning als neues Potenzial erkennen
werden. Durch die Möglichkeit, auch Weiterbildungsmaster anbieten
zu können, wachsen die Potentiale der wissenschaftlichen Weiterbildung
enorm. Da die Zielgruppen hier fast immer berufstätig sind,
ist e- oder blended-Learning ein notwendiges Instrument. Mir sind
zur Zeit keine Anreize bekannt. Aber ich bin sicher, dass sich hier
Hochschulen einen lukrativen Markt erobern werden.

Moderator: Es gibt noch eine Nachfrage nach den
Kooperationen im Bereich e-Learning:

Boschlektor Mostar: Existieren Kooperationen auch
mit Osteuropa und speziell mit Germanistik-Lehrstühlen?

Birgit Hennecke: Für konkrete Nachfragen
verweise ich auf die internationale Abteilung der Hochschulrektorenkonferenz,
z.B. Herrn Smolarczyk oder Frau Assenmacher. Die können ganz
konkrete Projekte in diesem Bereich benennen.

Ellen Fetzer: Der Prozess führte ja teilweise
zu einer Reduktion von Lehrinhalten. Wäre e-Learning eine Chance,
europäische Kooperationen zu fördern, so dass auch selten
gelehrte Inhalte eine Zukunftschance haben?

Birgit Hennecke: Zum Teil. Die Lehrenden spezifischer
Inhalte müssten bereit sein, mit e-Learning und e-Teaching
umzugehen. Grundsätzlich sehe ich aber die großen Chancen
von e-Learning bei der Unterstützung von europäischen
Kooperationen. Welche selten gelehrten Inhalte sind denn gemeint,
Ellen Fetzer?

Bernhard Hiegl: Welche konkreten Nachteile haben
Hochschulen langfristig zu erwarten, die sich bewusst gegen e-Learning
entscheiden, weil sie es zwar aus Gründen der Personalknappheit
für nötig aber aus didaktischer Sicht für schlechter
als klassische Lehrformen halten?

Birgit Hennecke: Ich glaube, dass sie zur Zeit
keine Nachteile haben, dass sie perspektivisch aber gerade im Bereich
der internationalen Kooperationen strukturell schlechter gestellt
sind.

schröder: Noch mal zu Forschungs- und Bildungsmarketing:
Wer muss eigentlich für den Bildungsstandort werben: Der Bund,
die Länder oder die Hochschulen selbst?

Birgit Hennecke: Durch die zunehmende Autonomie
der Hochschulen ist dies primär Aufgabe der Hochschulen selbst.
Diese stehen ja auch im Wettbewerb miteinander. Für die Präsentation
der deutschen Hochschulen insgesamt sind auch die Länder und
der Bund zuständig. Hier sind natürlich auch Wissenschaftsorganisationen
wie die Hochschulrektorenkonferenz gefragt.

trier: Die Engländer, Amerikaner, aber auch
die Australier machen uns vor, wie man Ausländer an Hochschulen
lockt. Dabei vermute ich, dass das oft nicht mit Qualität der
Lehre, sondern mit selbstbewusstem Auftreten der Unis und Marketing
zu tun hat. Machen die Hochschulen hier da alles richtig?

Birgit Hennecke: Da würde ich ihre Vermutung
teilen. Zumindest hängt sicherlich einiges auch von den Marketingstrategien
ab. Aber z.B. durch das Gate-Projekt, das bei der Hochschulrektorenkonferenz
und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) angesiedelt
ist, entwickeln die deutschen Hochschulen ja eine Marketingstrategie.
Etwas mehr Bewusstsein für ihre Repräsentation nach außen
täte den deutschen Hochschulen sicherlich ganz gut.

veronika: Durch die Modularisierung kommen immer
mehr Prüfungen auf die Lehrenden zu. Sind ‘e-Prüfungen’
nicht auch ein wichtiger Bestandteil? Was sagen Sie dazu?

Birgit Hennecke: Sie wären sicherlich eine
Entlastung. Darauf bin ich oben bereits zum Teil eingegangen. Die
Möglichkeiten hier sind vielfältig. Hier könnten
digital gestützte Tests geschrieben werden oder studienbegleitend
kleine Prüfungen, z.B. durch Multiple Choice, vereinfacht werden.
Wichtig ist hier die Bereitschaft der Lehrenden, die Prüfungen
wirklich studienbegleitend (!) durchzuführen und nicht ausschließlich
am Ende eines Moduls.

anna: Welches Potenzial steckt für die Hochschulen
in Europa als Markt für den Export von ‘Bildungsdienstleistungen’?

Geophys: e-Learning war Ihr Schwerpunktthema.
Was mich interessieren würde: Welche Ausmaße hat das
im Hochschulbereich inzwischen angenommen? Ich erinnere mich an
Prognosen, dass der Bereich ein milliardenschwerer Markt (für
die Anbieter) werden sollte. Ist dem so?

Birgit Hennecke: e-Learning ist noch kein milliardenschwerer
Markt geworden. Allerdings beschleunigt der Bologna-Prozess die
Notwendigkeit der hochschulweiten digitalen Vernetzung an der Schnittstelle
von Studierendenverwaltung und Lehre. Ich glaube, dass dies eine
zukunftsträchtige Branche sein könnte. Natürlich
kann Bologna auch den europaweiten Export von Bildungsdienstleistungen
beschleunigen. Dies ist zur Zeit aber noch kein Spielfeld für
die Haupt-Bologna-Akteure, soweit ich weiß.

gido: Wie sieht der typische Arbeitstag einer
Bologna-Beraterin aus?

Birgit Hennecke: Ich bin keine Bologna-Beraterin
im Wortsinne. Der Begriff ist "belegt" mit den schon benannten
21 Delegierten an ausgewählten Modellhochschulen. Wenn Sie
meinen Arbeitstag meinen, besteht er häufig in der Beantwortung
von E-Mails, in der Entwicklung von Evaluationsverfahren, in der
Vorbereitung von Vorträgen und in der Projektierung von Veranstaltungen.

Moderator: Kommen wir zur letzten Frage für
unseren heutigen e-teaching.org Live-Chat:

haerka: Wo sind eigentlich die Grenzen von e-Learning?
Man kann doch nicht alle Curricula damit abdecken?

Birgit Hennecke: Stimmt. Es geht sicherlich grundsätzlich
um die Ergänzung von Curricula mit e-Learning-Modulen. Ich
würde auch eher für blended-Learning, also für eine
Mischung von e-Learning und Präsenzlehre, plädieren. Das
macht zumindest für die meisten deutschen Hochschulen mit einem
hohen Anteil von Präsenzlehre mehr Sinn.

Moderator: Das waren 90 Minuten e-teaching.org
Live-Chat. Unsere Zeit ist um. Vielen Dank für Ihr Interesse
und Dank an Frau Hennecke für den Chat! Das Protokoll des Chats
finden Sie in Kürze auf http://www.e-teaching.org. Unsere Bitte
um Verständnis an jene, die wir heute mit ihrer Frage nicht
berücksichtigen konnten. Unter der URL http://www.e-teaching.org/community
können Sie weiter über dieses Thema diskutieren. Der nächste
e-teaching.org Live-Chat findet am 20. November ab 10.00 Uhr statt.
Dann stellt sich Wolfgang Coy, Professor für Informatik, Ihren
Fragen zum Thema "Open Access und Open Content". e-teaching.org
wünscht allen Beteiligten noch einen schönen Tag!

Birgit Hennecke: Ich danke allen Beteiligten für
ihre rege Teilnahme und für die interessanten Fragen. Mir hat
es sehr viel Spaß gemacht und Sie haben mich ganz schön
auf Trab gebracht. Falls Sie noch weitere Fragen haben, können
Sie sich auch gerne unter meiner E-Mail-Adresse hennecke@hrk.de
an mich wenden. Ich danke für die Einladung zum Chat und für
die gute Moderation und wünsche noch einen schönen Tag.

Kommentar verfassen