Internetradio – das Ende eines Hypes?

Das Internetradio galt in Zeiten der Goldgräberstimmung als das Radio der Zukunft. Jeder sollte sein eigenes Programm bestimmen und on demand abfragen können – natürlich kostenlos. politik-digital.de hat den Internetradio-Experten Prof. Klaus Goldhammer zu den Hypes und Flops der Vergangenheit und den Chancen für die Zukunft des Internetradios befragt

politik-digital.de: Zu Beginn der so genannten ‘New Economy’ wurde eine große Nachfrage nach dem “neuen” Internetradio prognostiziert. Was waren die größten Hypes zu Beginn der Webradios?

Klaus Goldhammer: Plötzlich war es über das Internet möglich, eine unendliche Vielzahl von Radiostationen ins Rennen zu schicken. Man war nicht mehr an die sehr geringe Bandbreite des UKW-Spektrums gebunden, die in aufwändigen Verfahren vergeben werden. Statt dessen hatte jeder auch mit sehr geringen Mitteln die Möglichkeit, einen eigenen Sendern, ein eigenes Programm zu verbreiten. Und noch viel reizvoller erschien die Möglichkeit, das Programm zu personalisieren, also auf die eigenen Vorlieben zuschneiden zu können. Gleichzeitig profitierte man natürlich als Rezipient von der großen Zahl an Webradiosendern, die einem alles bot: Von tibetanischer Gongmusik bis zu afrikanischem Freejazz.

politik-digital.de: Es sind so viele Ideen aufgetaucht und wieder verschwunden – was waren die größten Irrglauben der Webradioszene?

Klaus Goldhammer: Einer der größten Irrtümer war sicherlich, dass man mit einem Webradio nicht nur schnell ein neues Programm aufbauen, sondern auch schnell dankbare Werbepartner finden würde, um die Investitionen schnell rückverdienen könnte. Und noch seltener wurde bedacht, dass es für Internet-Broadcaster keine Senderflatrate gibt, wie im klassischen Rundfunk. Dies heißt: Jeder zusätzliche Nutzer bedeutet zusätzlichen Datentraffic und damit zusätzliche Kosten. Diese Linearität bekommt man ab einem bestimmten Punkt schwer in den Griff. Viele Radiostationen verschwanden daher genauso schnell wie sie kamen.

politik-digital.de: Wie können Webradios ihre multimediale Plattform besser ausnutzen und statt einfacher Audiostreams einen echten Mehrwert bieten?

Klaus Goldhammer: Mit zunehmenden Bandbreiten gibt es mehr und mehr die Möglichkeit, neben den Audiostreams auch Bilder, Musikvideos oder TV-Werbespots mitzusenden und so das anzubieten, was die Musiksender immer seltener tun und die Plattenlabel zunehmend anbieten. Musik und Bewegtbild im Doppelpack. Gleichzeitig gibt es auch bezüglich des individuellen Zuschnitts der Musik auf den Hörer noch echtes Entwicklungspotenzial.

politik-digital.de: Die Idee des personalisierten Internetradio gab es ja schon früher. Was ist denn aus dieser Idee geworden?

Klaus Goldhammer: Das Internet bietet dem User eine riesige Auswahl von Radiosendern mit allen erdenklichen Stilrichtungen, so dass tatsächlich jeder die Möglichkeit hat ein Programm nach eigenem Geschmack auszuwählen. Abseits der „klassischen“ Streams kann der User bei verschiedenen Sendern zudem eine Vorauswahl der angebotenen Bands treffen (falls man z.B. gerne Brit-Pop hört, aber die Band Oasis nicht mag, kann man diese somit „aus dem Programm klicken“). Ein „echtes“ auf den einzelnen Hörer zugeschnittenes Individualradio steht jedoch noch aus, hätte aber sicher seinen Reiz.

politik-digital.de: Welchen Anteil hat Internet-Radio am Gesamtmarkt heute, gibt es verlässliche Hörerzahlen? Stellen Internet-Radios überhaupt einen spürbaren Werbemarktanteil dar?

Klaus Goldhammer: Im Vergleich zur Gesamthörerzahl der einzelnen Sender liegt die Hörerzahl der Internetstreams im Promillebereich. Sie dienen den klassischen Radiostationen in erster Linie als Marketinginstrument für den Offline-Sender, so dass diese eher dazu beitragen, die Werbeerlöse des klassischen Senders zu erhöhen. Verlässliche Hörerzahlen gibt es dabei nicht. Manche Sender in den USA sprechen aber davon, dass sie bis zu 60 oder 80.000 parallele Hörer haben. Das ist schon recht ordentlich.

politik-digital.de: Woran liegt es denn, dass Radio nach wie vor so wenig über Internet genutzt wird – ist das Angebot nicht qualitativ genug, ist die Technik nicht ausgereift, oder sind die Zuhörer schlichtweg zu bequem?

Klaus Goldhammer: Tatsächlich liegt die Qualität der Radiostreams zu weiten Teilen unterhalb der eines normalen Radios. Zum anderen verfügen viele User bisher noch nicht über die nötigen Bandbreiten, um einen Radiostream dauerhaft abspielen zu können. Bei einer Modemverbindung kommt die Kostenfrage hinzu. Viele Streams sind zudem oft überlastet (so bietet Radio Eins beispielsweise nur 500 Hörern die gleichzeitige Nutzung), so dass man sich nicht jederzeit einwählen kann. Insgesamt ist der Zugriff im Vergleich zum Radio recht umständlich und zeitaufwändig. Außerdem ist das Internet an vielen Orten an denen klassischerweise das Radio genutzt wird (Auto/Badezimmer/Küche) in weiten Teilen noch nicht präsent. Aber wenn Sie sich umhören, was junge Menschen mit einem DSL-Anschluss so treiben, ist Internet-Radio schon oftmals dabei.

politik-digital.de: Werden Webradios und klassische Radiosender Ihrer Meinung nach auf längere Sicht verschmelzen?

Klaus Goldhammer: Bereits jetzt ist nahezu jeder klassische Radiosender auch im Internet vertreten. Aber eine „Verschmelzung“ ist das nicht, sondern die Erschließung eines neuen Vertriebsweges. Das Internet stellt für das klassische Radio in erster Linie doch ein Marketinginstrument (zur Gewinnung von Marktforschungs-ergebnissen sowie zur Hörer-Bindung) dar. Darüber hinaus werden aber die ausschließlich im Web vertretenen Sender auch weiterhin einen großen Teil der Webradionutzer auf sich ziehen. Gleichzeitig wird auf absehbare Zeit auch das klassische Radio in der jetzigen Form erhalten bleiben.

politik-digital.de: Haben die Webradios Ihrer Meinung nach eine Zukunft? Und wie könnte sie aussehen??

Klaus Goldhammer: Wenn eventuell in fünf bis zehn Jahren wir in jedem einen Breitband-Internetzugang über DSL- oder Kabel als Flatrate haben, und im Wohnzimmer ein Computer steht auf dem die eigene Musik und Videosammlung verwaltet und das Fernsehprogramm gesteuert wird, so wäre es auch nicht unwahrscheinlich, dass in diesem Bereich ein gewisser Teil des Radioangebotes auch irgendwann aus dem Internet genutzt wird – Wenn nicht bis dahin iTunes und Konsorten die modernere Form des Radios geworden sind. Ein vollständiger Ersatz des klassischen Radios wird es aber wohl auch auf längere Sicht nicht werden. Bis es soweit ist, wird das Webradio im Sinne eines Meso-Mediums, das kleinere sehr spezielle Zielgruppen mit einem ausgesuchten Programm erreicht, parallel zum klassischen Radio weiter bestehen. Und weiter gilt das ökonomische Grundproblem, das es zu lösen gilt: Jeder zusätzliche Nutzer bedeutet zusätzliche Kosten. Eine Million Hörer möchte ich über das Internet nicht finanzieren müssen.

Prof. Klaus Goldhammer ist Professor für Medienwirtschaft an der Rheinischen Fachhochschule in Köln und Geschäftsführer der Medienberatung Goldmedia GmbH Media Consulting & Research

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