Klimakonferenz: “Ein großes taktisches Spiel”

Live von der Klimakonferenz in Kopenhagen beantwortete Claudia Buckenmaier, Leiterin des ARD-Studios in Stockholm, im tagesschau-Chat am 16.12. 2009 die Fragen der User von tagesschau.de und politik-digital.de. Sie berichtete von ihren Eindrücken und Erlebnissen rund um den Klimagipfel in der dänischen Hauptstadt.

Moderator: Herzlich Willkommen zu zum Chat live aus Kopenhagen von der UN-Klimakonferenz. Als Gast begrüßen wir unsere ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier. Sie leitet nicht nur das Fernsehstudio Stockholm – sie koordiniert hier in
Foto: NDR/Marcus Krüger
Kopenhagen auch die aktuelle Fernsehberichterstattung für die ARD. Durch ihre Arbeit im Studio Stockholm hatte sie in der Vergangenheit auch vielfach Gelegenheit, die Auswirkungen des Klimawandels in Nordeuropa mit eigenen Augen zu sehen. Claudia Buckenmaier wird nun 30 Minuten lang Fragen rund um ihre Arbeit und die UN-Klimakonferenz beantworten. Nun die erste Frage: HarHotsvim möchte wissen, wie sich die Journalisten vor Ort über Hintergründe und Auswirkungen des Klimawandels informieren? 

Claudia Buckenmaier: Wir informieren uns vor allem, indem wir möglichst viel mit allen möglichen Teilnehmern reden: Delegierten, Politikern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Außerdem gibt es jeden Tag unzählige Pressekonferenzen. Seit dieser Woche, der so genannten heißen Phase, bieten Minister auch Informationsgespräche an, so dass wir auch einen etwas besseren Einblick in die geschlossenen Runden bekommen.

Sebastian: Welche Lobbygruppen sind besonders stark vertreten und welchen Einfluss haben sie auf die Delegierten bzw. auf die Ergebnisse?

Claudia Buckenmaier: Die Gruppen, die seit Beginn der Konferenz am deutlichsten in Erscheinung treten, sind natürlich alle Umweltorganisationen, allen voran die bekanntesten wie Greenpeace, WWF etc. Ich will keine ausschließen, da sie alle wichtig sind. Sie machen Aktionen, machen auf sich aufmerksam: bunt, schrill, lebendig – es kann sie niemand übersehen, auch nicht die Politiker.

DonPedro: Wer ist Ihnen auf der Klimakonferenz eigentlich am negativsten in Sachen Lobbyismus aufgefallen?

Claudia Buckenmaier: Wenn ich ehrlich bin, eigentlich niemand. Die Gespräche waren immer interessant. Man hatte nie das Gefühl, dass sich etwas zu sehr aufdrängt. Trotzdem kann das an Punkten passiert sein, die sich meiner Kenntnis einfach entziehen. Diese Konferenz ist unglaublich weitläufig, man kann nicht überall gleichzeitig sein.

volkmey: Sitzen auf diesen Pressekonferenzen auch wirklich Verhandlungsführer oder werden Sie mit "billigen" wohlformulierten Sätzen durch Dritte hingehalten?

Claudia Buckenmaier: Nein, es sitzen wirklich Verhandlungsführer in den Pressekonferenzen. Sehr ergiebig ist in der Regel die Pressekonferenz von Ivo de Boer, der wirklich versucht, alle Fragen sehr differenziert und – man hat den Eindruck – auch ehrlich zu beantworten. Da diese Pressekonferenz immer recht früh am Tag ist – also gegen Mittag – gibt es einem immer eine gute Grundlage für die Konferenzen oder Auftritte der anderen Verhandlungsführer. Auch die USA und die EU, meist auch die G77, stellen sich regelmäßig den Fragen.

bureaustud: Frau Buckenmaier, haben Sie das Gefühl, die beteiligten Nationen sind wirklich ernsthaft zu Bekenntnissen in puncto Klimaschutz bereit?

Claudia Buckenmaier: Eine große Glaubensfrage. Doch, ich denke schon. Die Europäer auf jeden Fall. Gerade der schwedische Umweltminister, der zur Zeit die EU vertritt, kommt da sehr glaubwürdig rüber. Und dann natürlich vor allem all die kleinen Länder, die sonst so selten gehört werden. Die kleinen Inselstaaten, die wirklich physisch bedroht sind durch den Klimawandel, und die Entwicklungsländer generell. Unsicherer bin ich mir da bei China. Die Auftritte waren bisher immer etwas seltsam. Sie haben sich als Fürsprecher der Entwicklungsländer präsentiert, aber wenn es um ihre eigenen Verpflichtungen ging, wurden sie sehr wortkarg. Und mit den Amerikanern ist das ähnlich.

volkmey: Eine Frage zum Inhalt der Gespräche: Gibt es bereits einen ersten Katalog an konkreten Maßnahmen, über den nun verhandelt werden kann?

Claudia Buckenmaier: Das irgendwo Traurige ist, dass es die beiden Themenblöcke sind, die seit Beginn der Konferenz wichtig sind: zu wieviel CO2-Emissionsreduzierungen verpflichten sich die einzelnen Länder und wieviel Geld können die Entwicklungsländer als Unterstützung für den Klimaschutz erwarten.

Alex: Welche Vorhaben werden konkret von den Schwellenländern in Sachen Klimaschutz geplant? Diese sollen ja von den "reichen" Ländern gefördert werden. Worin wird nun genau das Geld investiert?

Claudia Buckenmaier: Es soll zum Beispiel in die Nutzung erneuerbarer Energien investiert werden. Oder zum Schutz des Regenwaldes, zur Wiederaufforstung. Der Knackpunkt bei den erneuerbaren Energien kann sein, dass alle wissen, dass die Unternehmen der Industrieländer dabei natürlich kräftig profitieren können, weil sie neue Absatzmärkte finden. Das stimmt manche skeptisch, dass die Hilfsangebote wirklich so ernsthaft gemeint sind. Bedenken, die man aus dem Kreis der Entwicklungsländer immer mal wieder hört.

Meno: Wenn es denn zu einer Regelung bezüglich der CO2-Emissionsverminderung kommt, wie wird diese Emissionsverminderung in jedem Land objektiv überprüft?

Claudia Buckenmaier: Das steht jetzt auch zur Verhandlung. Die Teilnehmer der Konferenz wollen fast alle klare, eindeutige Überprüfungsmechanismen, auf die sich alle einigen, denen sich alle unterwerfen. Wie sie genau aussehen sollen: auch das soll hier verabredet werden. Aber genau da haben wiederum die USA und China große Probleme. Sie wollen einen von ihnen selbst nicht mehr kontrollierbaren Überprüfungsmechanismus nicht zulassen.

Anja: Wie erklären Sie sich die geringen sachlichen Fortschritte auf der Klimakonferenz: Liegt es an den Interessengegensätzen oder sind sie dem Warten auf die Staats- und Regierungschefs geschuldet?

Claudia Buckenmaier: Ein bisschen schon. Alle starren wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Ankunft der Regierungschefs. Das war das eine Hindernis. Das nächste ist aber tatsächlich, das bisher keinerlei Zugeständnis von den zwei wichtigen Akteuren gemacht wurde, von den jetzt schon so oft erwähnten USA und China. Das hat viele dazu gebracht, abzuwarten: Kommt nun was oder nicht, wer bewegt sich zuerst, wer verliert zuerst? Ein großes taktisches Spiel. Das hat gestern der UN-Generalsekretär dann ganz klar kritisiert und gefordert, damit müsse jetzt Schluss sein.

Gilo: Was wird von Barack Obama erwartet? Sind die Hoffnungen in ihn durch die Realitäten der letzten Monate verflogen oder ist er noch der "Klimamessias"?

Claudia Buckenmaier: Ich glaube, es gibt schon etliche Kratzer an diesem Image. Trotzdem ruhen auf seinem Erscheinen hier große Hoffnungen. Der mächtigste Staatschef der Welt muss doch was bewegen können, so bekommt man immer wieder den Eindruck. Allerdings wissen auch alle hier, unter welchen enormen innenpolitischen Zwängen er steht. Die Hoffnung ist trotzdem da, dass er mit einer Überraschung aufwartet und dadurch neue Bewegung in ein momentan etwas verhärtetes Verhandlungsspiel bringt.

Alise: Welche Folgen hätte ein angesichts der bestehenden Differenzen mögliches Scheitern des Klimagipfels und wie kann dies abgewendet werden?

Claudia Buckenmaier: Da will ich jetzt gerne unseren deutschen Umweltminister zitieren, der heute morgen wieder betont hat: Ein Scheitern können wir uns nicht leisten. Wir müssen hier zu einem Ergebnis kommen, die Zeit läuft uns davon. Damit ist er nicht alleine. Das sagen hier alle, egal wie unterschiedlich ihre Positionen sind. Und ob sie selbst wirklich etwas tun, um Bewegung in die Verhandlungen zu bringen? Das ist ja das manchmal doch Verrückte hier: Viele Lippenbekenntnisse und nicht immer können wir definitiv sagen, sind sie wirklich aufrichtig ernst gemeint.

Amplifyer: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass am Ende der Klimakonferenz ein gemeinsamer Text steht, der das Klima effektiv schützt, von allen unterzeichnet wird und somit das Kyoto-Protokoll ablöst?

Claudia Buckenmaier: Ich glaube nicht daran, dass das Kyoto-Protokoll schon hier abgelöst wird. Viele Entwicklungsländer beharren darauf, dass sie das Kyoto-Protokoll mit all seinen Schwächen aber auch Stärken behalten wollen. Solange es keinen anderen rechtlich verbindlichen Vertrag gibt. Deshalb wird momentan auf zwei Ebenen verhandelt. Es könnte gar sein, dass am Ende zwei Texte stehen. Aber uns wird immer wieder von den unterschiedlichsten Seiten versichert, dass das alleine kein Scheitern bedeuten müsse, solange der Text am Ende so verbindlich sei, dass man ihn nur noch in die entsprechende Rechtsform gießen müsse. Ich selbst bin noch etwas skeptisch, ob das praktikabel ist.

Philipp: In welchem Zeitraum nach der Konferenz wird Ihrer Meinung nach ein rechtlich verbindlicher Vertrag entwickelt werden?

Claudia Buckenmaier: Die Verhandler wollen das hier verbindlich beschließen. Häufig genannt wird die Spanne von maximal sechs Monaten. Man will nicht, dass es außer Kontrolle geht, aber ob sich die 130 Regierungschefs darauf einlassen werden?

Romema: Wie werden die großen Demonstrationen und die gelegentlichen Gewaltausbrüche von den Delegierten und den Bürgern wahrgenommen?

Claudia Buckenmaier: Die große Demonstration vom Samstag hat hier bei den Delegierten und den Politikern großen Eindruck hinterlassen. Das haben sie uns mehrfach erzählt. Sie wollen sich aber nicht festlegen, ob sie das in ihrem Handeln beeinflusst. Zu den Gewaltausbrüchen muss man sagen, dass die Bevölkerung doch sehr irritiert auch ist über die dänische Polizei. Die meisten haben den Eindruck, dass sie zu hart durchgreift. Heute morgen erzählte ein Kollege, dass die Polizei in Busse ging, um die dort Mitreisenden zu fragen, wo sie eigentlich hinfahren wollen, um eventuell frühzeitig Störer herausziehen zu können. Das wird von vielen als Übergriff empfunden und heftig kritisiert, übrigens auch hier auf der Konferenz.

Fandango: Ich habe den Eindruck, dass die gewaltsamen Proteste in den Medien (auch in der ARD) mehr Raum bekommen, als die friedlichen Mahnwachen etc. Wie kommt man aus diesem Aufmerksamkeitsdilemma raus, dass wenige Randalierer mehr kontroverse Schlagzeilen produzieren als Hunderttausende, die friedlich agieren (mit einer Kerze im Fenster o.ä.)?

Claudia Buckenmaier: Ich kann da jetzt nur über meine Arbeit reden. Ich hab nicht den Eindruck, dass wir seit Beginn der Klimakonferenz den gewaltsamen Protesten einen größeren Raum geben als den friedlichen. Gestern zum Beispiel hatten wir Bilder aus der Nacht davor nur in einer frühen Ausgabe der Tagesschau mit verarbeitet. Wir haben die ganze Zeit über die verschiedenen Aktivisten, die hier auf der Konferenz friedlich demonstrieren, mit integriert und sie dem Verhandlungsprozess gegenüber gestellt. Am vergangenen Samstag haben wir zum Beispiel eine Kieler Demonstrantin für die Tagesthemen begleitet. In dem Stück tauchte die Randale nur am Rand auf, denn sie war an dem Tag eine klare Randerscheinung. Aber generell haben sie natürlich recht: Man muss sich das immer wieder in der journalistischen Arbeit vergegenwärtigen, dass man sich nicht von ein paar Bildern zu sehr in eine Richtung drängen lässt.

Moderator: Liebe Chat-Teilnehmer leider ist unsere Zeit schon fast um. Wir kommen nun zur letzten User-Frage:

volkmey: Gibt es eigentlich eine Sondersendungen der ARD zu diesem Gipfel, auf dem die Bevölkerung aktuell informiert wird?

Claudia Buckenmaier: Seit Beginn der Konferenz gibt es auf EinsExtra und auf tagesschau.de die Klimaschau, 15 Minuten jeden Tag frisch zum aktuellen Stand auf der Klimakonferenz. Außerdem plant die ARD am Freitagabend um 23.45 Uhr (das ist zumindest mein letzter Stand, bitte überprüfen in den Tageszeitungen) ein Spezial zum Abschluss der Konferenz. Eine Art Bilanz, Rückblick, Ausblick.

Moderator: Liebe Claudia Buckenmaier, Sie müssen nun wieder los, um die Fernsehzuschauer der ARD weiter über den Stand der Verhandlungen hier in Kopenhagen zu unterrichten. Wir danken Ihnen ganz herzlich, dass Sie sich Zeit genommen haben, die Fragen unserer User zu beantworten und wünschen Ihnen für den weiteren Verlauf der UN-Klimakonferenz alles Gute. Ein herzliches Dankeschön auch allen Chat-Teilnehmern und Fragern für das Interesse. Viele Grüße aus Kopenhagen.

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