“Fußballer nicht allzu ernst nehmen”

Am 7. August 2007 war Jens Kirschneck vom Fußball-Magazin 11 Freunde und dem 11 Freunde-Blog „Block 11" Gast in der Blogsprechstunde von politik-digital.de und den Blogpiloten. Er sprach über mögliche Auf- und Absteiger in der neuen Bundesligasaison und die Chancen finanzschwacher Clubs.

Moderator: Hallo und herzlich willkommen zur Blogsprechstunde, dem Chat von politik-digital.de und den Blogpiloten. Herr Kirschneck, können wir anfangen?

Jens Kirschneck: Aber sicher. Hallo, liebe Fragesteller.

Jens Kirschneck
Jens Kirschneck
Redakteur beim Fußball-Magazin
11 Freunde
und Blogger beim 11 Freunde-Blog "Block
11
"

Moderator: Unsere Nutzer konnten
bereits im Vorfeld Fragen stellen und bewerten. Die Fragen mit den
meisten Stimmen eröffnen heute den Chat. Hier ist Nummer eins:

fußballkönig: Wie steht ihr eigentlich
zu den anderen Fußball- und Sportblogs, Fooligans
etwa oder allesaußersport?
Konkurrenz oder nette Kollegen?

Jens Kirschneck: Nein, als Konkurrenz sehen wir das ganz sicher
nicht. Eher ist es für uns eine Quelle der Inspiration, weil
die Blogger ja oft auch eine Sicht auf den Fußball haben,
der vom Mainstream abweicht.

Maik: Wie würdest du eure Nische von „11
Freunde“ und eurem Blog beschreiben? Also wie grenzt ihr euch
von Institutionen wie Kicker oder Sport-Bild ab?

Jens Kirschneck: Bei 11 Freunde geht es nicht in erster Linie um
Namen und Zahlen, sondern die Emotionen, die der Fußball hervorruft.
Wichtig ist die Fanperspektive, ein weiterer zentraler Punkt ist
Humor. Außerdem gönnen wir uns gerade im Heft Texte in
einer Länge, die in anderen Publikationen absolut unüblich
sind. Fotostrecken und Reportagen über zehn Seiten und mehr.

Ralf: Wie gelingt es, die Begeisterung für
einen Sport ins Internet zu übertragen?

Jens Kirschneck: Das ist gar nicht so einfach. Wir versuchen es
bei 11freunde.de. mit einem
bunten Potpourri. Ein Mix aus aktuellen Meldungen, Fotogalerien,
bizarren Listen (zum Beispiel „die zehn furchtbarsten Trainerentlassungen“).
Hinzu kommen das Forum, Filmchen und natürlich der Blog. Insgesamt
darf es um Himmels Willen nicht zu trocken sein.

general: Warum bloggt ihr überhaupt?

Jens Kirschneck: Wir sind seit einem Jahr dabei, 11freunde.de als
Ergänzung zum Heft deutlich aufzuwerten. Es soll ein Fußballportal
sein, das alle Formate abdeckt. Und dazu gehört auch der Blog,
der bei uns ja sehr bildlastig ist.

Eric: Wie seid ihr denn auf die Idee zur Rubrik
„Dicke Ex-Profis " gekommen?

Jens Kirschneck: Ich weiß leider nicht, wer von uns das verbrochen
hat. Aber es ist ein gutes Beispiel für den 11-Freunde-Humor:
Das Spiel ernst nehmen, aber nicht unbedingt und immer seine Protagonisten.

eman resu: Hat die 11 Freunde-Redaktion Favoriten
unter den Clubs?

Jens Kirschneck: Oh ja, das hat sie. Vier aus
dem engeren Zirkel sind Fans von Arminia
Bielefeld
. Hängt unter anderem damit zusammen, dass die
beiden Magazingründer ursprünglich aus Bielefeld kommen
und dort ein Arminia-Fanzine herausgegeben haben. Man kann deshalb
sagen: Arminia-Fan zu sein ist hier zwar nicht direkt Einstellungsvoraussetzung,
aber es erleichtert die Sache ungemein.

elfer: Plauder doch mal aus dem Nähkästchen:
Was sind so die skurrilsten Fangeschichten, die man im Redaktionsalltag
mitbekommt?

Jens Kirschneck: Dazu reicht mir schon ein Blick ins Nachbarbüro.
Unser Chefredakteur Philipp Köster hatte mal ein Gerichtsverfahren
am Hals, weil er, mehr aus Ungeschick als Bosheit, mal einen Stadionzaun
beim FSV Salmrohr niedergerissen hat (ist aber längst verjährt).
Außerdem erzählt er immer wieder gerne die Geschichte
vom Fanbus ohne Toilette, der in einen Autobahnstau geriet. Sämtliche
Insassen suchten hektisch nach brauchbaren Behältnissen, um
den Blasendruck abzulassen, worauf zwei 14-Jährige ängstlich
die Tupper-Dosen umklammerten, in die Mutti die Wurststullen gepackt
hatte.

Moderator: Kommen wir mal zur neuen Bundesliga-Saison:

Maik: Nimm uns die Angst: Wird der FC Bayern ganz
oben einsam seine Kreise ziehen, wie alle befürchten?

Jens Kirschneck: Das glaube ich nicht. Zwar haben die Bayern den
besten Kader, aber wer hätte in der letzten Saison gedacht,
dass der VfB Stuttgart so einen Lauf haben würde. Diesmal würde
ich sagen: Habt ein Auge auf Dortmund und Leverkusen, im Ernst.
Haben sich beide ausgezeichnet verstärkt.

Moderator: Nochmal zum Thema Deutscher Meister:

soccer: Welche Strategie bringt den Titel? Bayerns
Kaufrausch, Schalkes Eingespieltheit oder doch wieder Stuttgart?

Jens Kirschneck: Ich würde Bremen nicht vergessen, auch wenn
sie derzeit ein bisschen die Seuche haben. Grundsätzlich verringert
ein Kaufrausch wie der vom FC Bayern allerdings die Meisterschaftschancen
nicht gerade. Da muss man nur mal nach England gucken, wo der Unterschied
zwischen den reichen und weniger reichen Klubs so groß ist,
dass die Tabelle seit Jahren zementiert ist. Auf den ersten vier
Plätzen immer nur Chelsea, Manchester United, Liverpool und
Arsenal.

Moderator: Auf ein ähnliches Thema zielt auch die nächste
Frage:

fever: Benachteiligen solche Einkauftouren der
„großen" Vereine nicht die kleineren? Hat nur noch
der Chancen auf den Titel, der das meiste Geld hat?

Jens Kirschneck: Grundsätzlich ist das so. Aber weil es in
Deutschland die Zentralvermarktung der TV-Gelder gibt, sind die
Unterschiede nicht so krass wie in anderen Ländern und auch
der VfB Stuttgart kann mit ein bisschen Glück Meister werden.

Maik: In England kaufen sich zunehmend milliardenschwere
Unternehmer in Klubs ein und zerstören mit ihren schwindelerregenden
Angeboten den Transfermarkt. Droht das auch der Bundesliga?

Jens Kirschneck: Vorerst nicht, weil die Vereine in Deutschland
anders organisiert sind, die Deutsche Fußball Liga (DLF) die
Zügel relativ straff in der Hand hält und einen Karl-Heinz
Rummenigge zur Ordnung ruft, wenn er zu weit voran prescht. Aber
grundsätzlich leben wir im Zeitalter der Globalisierung, deshalb
würde ich mit langfristigen Prognosen sehr vorsichtig sein.

runkel: Welcher Verein sollte denn Ihrer Meinung
nach dieses Jahr unbedingt aufsteigen?

Jens Kirschneck: Also, ich habe vor einiger Zeit mal eine Reportage
über die TuS Koblenz gemacht und finde die seitdem ziemlich
putzig. Aber zäumen wir das Pferd mal andersherum auf: Köln
muss aufsteigen (sonst kriegen sie, glaube ich, ein finanzielles
Problem). Gladbach sollte aufsteigen (sonst kippt die Stimmung).
Und die ehrgeizigen Hoffenheimer wollen unbedingt.

Dieter: Was hältst Du persönlich von
den Plänen, dass künftig der DFB-Pokalsieger in der Champions-League
spielen soll?

Jens Kirschneck: Halte ich nicht so viel von. Ich glaube, ein UEFA-Cup-Platz
ist für sechs gewonnene Spiele Belohnung genug. Obwohl es vielleicht
die einzige Chance für meinen Lieblingsklub Arminia Bielefeld
wäre, jemals Champions League zu spielen.

barcelona_fc: Wie siehst du das Experiment mit
Alleinherrscher Felix Magath in Wolfsburg?

Jens Kirschneck: Ist das wirklich solch ein gewagtes Experiment?
In England ist solch eine starke Figur bei den meisten Klubs gang
und gäbe. Aber ich halte Felix Magath eh nicht für solch
eine Lichtgestalt, dass er aus Wolfsburg plötzlich einen Titelkandidaten
macht.

Kutowski: Wie siehst Du die Chancen für die
Ost-Clubs in Liga eins und zwei diese Saison?

Jens Kirschneck: Ich fürchte, dass es Rostock und Cottbus
in der 1. Liga sehr schwer haben werden, ebenso Hertha BSC, wenn
ich die mal mit rein rechnen darf. Jena und Aue gehören in
der 2. Liga nicht unbedingt zu den Aufstiegsfavoriten. Könnte
sein, dass es nach Jahren der Konsolidierung diesmal wieder einen
herben Rückschlag für die Ostvereine gibt.

Moderator: Eine Nachfrage zur Herta:

Maik: Die verschuldete Berliner Hertha hat ja
die halbe Mannschaft verscherbelt und holt jetzt nur junge Talente.
Kann das gut gehen oder kickt der Hauptstadtklub 2008 in Liga zwei?

Jens Kirschneck: Das ist ein viel interessanteres Experiment als
das mit Felix Magath in Wolfsburg, finde ich: ein Komplettumbau,
weil die Teamchemie nicht stimmte. Trainer Favre hat nach einer
bestimmten Anlaufzeit ja meist Erfolg gehabt. Aber wird man ihm
die Zeit geben?

Moderator: Gibt man Bundesligatrainern heute eigentlich generell
recht wenig Zeit, um sich mit einer Mannschaft einzugrooven?

Jens Kirschneck: Ja, das ist so. Binsenweisheit: Es hängt
halt viel Geld dran. In der 2. Liga halbiert sich der Etat eines
Profiklubs. Das Geschäft ist von der Angst vor dem Abstieg
und anderen Katastrophen regiert.

barcelona_fc: Wie weit ist die Bundesliga weg
von den Top-Ligen Europas?

Jens Kirschneck: Na ja, sagen wir mal, die UEFA-Fünfjahreswertung
lügt nicht. In England oder Spanien wird viel schneller gespielt,
teilweise auch in Frankreich. So kommt es, dass ein Ribéry
hier manchen wie vom anderen Stern erscheint [gemeint ist der französische
Fußballspieler Franck Ribéry, Anm. d. Red.]. Aber man
darf auch nicht vergessen: Die Bundesliga an sich funktioniert.
Toller Zuschauerzuspruch, meistens spannend. Die Frage ist doch:
Will man zwei, drei Kandidaten auf die Champions-League-Krone und
dafür in Kauf nehmen, dass der Rest nicht mehr konkurrenzfähig
ist?

Moderator: Noch mal zurück zum Weblog:

nur10freunde: Inwieweit gab es auf dem Block 11-Blog
schon mal Hooligans?

Jens Kirschneck: Vielleicht nicht unbedingt beim Blog, aber gelegentlich
in unserem Forum. Wir sind halt ein fanorientiertes Magazin. Grundsätzlich
kümmert sich 11 Freunde aber wohl zu sehr um das Spiel an sich,
um für Hooligans attraktiv zu sein.

Torben: Mal ganz subjektiv: Welcher Bundesligaverein
hat denn das beste Weblog?

Jens Kirschneck: Karlsruher SC. Den macht nämlich unser Praktikant
Christoph Ries. Ries selbst sagt: Borussia Dortmund (schwarz-gelb).

barcelona_fc: Welchen Stadionbesuch wirst du nie
im Leben vergessen?

Jens Kirschneck: WM 1990, Mailand: Deutschland gegen Holland 2:1.
Das Spuckspiel (Rijkard vs. Völler).

Moderator: Das waren 60 Minuten Blogsprechstunde mit Jens Kirschneck
von den 11 Freunden. Danke an alle Nutzer für die Fragen und
natürlich herzlichen Dank an Jens Kirschneck für die Antworten.
Nächste Woche, am 14. August, 16.00 bis 17.00 Uhr, chatten
wir mit Redakteuren der Radiosendung Blogspiel.
Das Protokoll dieses Chats gibt es in Kürze auf den Seiten
von politik-digital.de und den Blogpiloten. Das letzte Wort für
heute hat unser Gast. Bitte, Herr Kirschneck:

Jens Kirschneck: Vielen Dank für die interessanten Fragen,
hat Spaß gemacht. Ich wünsche euch allen da draußen
einen schönen Saisonstart, ist ja jetzt auch mal gut mit der
Sommerpause.

Kommentar verfassen