Franzosen wollten im Wahlkampf mitreden

Am Montag, den 23. Juli, beantworteten Kerstin Plehwe, Vorsitzende der Initiative ProDialog, und der Politikberater Mario Voigt von Blueberry Consulting im ProDialog-Chat Fragen der User zum Dialog mit den Wählern im Französischen Präsidentschaftswahlkampf.

Moderator: Herzlich willkommen zum ProDialog-Chat! Thema ist am heutigen Montag das politische Marketing am Beispiel des Frankreichwahlkampfes unter anderem mit Blogs, Communities und Co. Zu Gast im Chat sind die Kommunikationsexpertin Kerstin Plehwe, Vorsitzende der Initiative ProDialog, und der Politikberater Mario Voigt von Blueberry Consulting Frau Plehwe, Herr Voigt, sind Sie bereit?Mario Voigt und Kerstin Plehwe

Mario Voigt: Ja.

Kerstin Plehwe: Ja, mit Freude.

Moderator: Hier die erste Frage:

go_figure: Warum immer wieder der Hype ums Internet? Sarkozy gewann wegen der besseren Strategie und klareren Botschaft, oder?

Mario Voigt: Technik und Botschaften gehen Hand in Hand. Richtig ist, dass Sarkozy erfolgreich über Themen wir Integration und Einwanderung emotionalisiert hat. Gleichzeitig hat er es geschickt verstanden, den modernen Internetwahlkampf in das enge Dach französischer Wahlkampfregulierung einzubinden: „Message over mechanics".

Kerstin Plehwe: Und um auf das Thema Hype zu kommen: Genau darum soll es eigentlich nicht gehen. Für Deutschland wird es darauf ankommen, jenseits des Hype die Chance des Internets für den politischen Dialog mit dem Wähler zu nutzen.

Kerstin Plehwe und Rik Spirka
Tipper Rik Spirka mit Kerstin Plehwe während des Live-Chats

Moderator: An den letzten Satz von Herrn Voigt fügt sich diese Frage an:

Wahlkämpfer: Lässt sich über Internet-Kampagnen tatsächlich die Wahlbeteiligung steigern? Sind die inhaltlichen Aussagen und Programme der Kandidaten/Parteien nicht relevanter als das Übermittlungsmedium?

Kerstin Plehwe: Auch wenn aus Frankreich keine wissenschaftlichen Zahlen vorliegen, die beweisen, dass die Wahlbeteiligung dank des Interneteinsatzes gesteigert wurde, so wissen wir aus vorangegangenen Studien, dass sich Wählermobilisierungen über die Dialogmedien Brief, Internet und Telefon deutlich steigern lassen.

Mario Voigt: Wer heutzutage effektiv kommunizieren will, muss eine person-to-person-Kommunikation aufbauen. Nur so können Botschaften durch das Informationsdickicht gelangen. Dabei ist das Internet das effektivste und kostengünstigste Medium.

daniel: Haben Sie untersucht, inwieweit der Einsatz moderner Wahlkampfmittel inhaltliche Aussagen der Kandidaten ersetzen konnte?

Mario Voigt: Im Präsidentschaftswahlkampf 2007 vertrauten knapp 42 Prozent dem Fernsehen, 33 Prozent der nationalen Presse und 21 Prozent dem Internet. Gerade die höher qualifizierten Meinungsmacher nutzten das Internet und die nationale Presse.

Mario Voigt
Mario Voigt verfolgt den Live-Chat am Computer

Moderator: Eine Frage, die sich direkt mit der Studie beschäftigt („Moderner Wahlkampf und politisches Marketing am Beispiel der Präsidentschaftswahlen in Frankreich
2007"):

Audrey: Wie sind Sie für Ihre Studie methodisch vorgegangen? Welche Quellen haben Sie genutzt?

Kerstin Plehwe: Es wurden sowohl eine Medienrecherche als auch intensive Interviews mit den relevanten Wahlkämpfern geführt und erste wissenschaftliche Studien zum Beispiel zum Internetverhalten herangezogen. Die Studie ist übrigens für Interessierte kostenlos unter
www.prodialog.org
abrufbar.

Mario Voigt: Diese Studie leistet einen wichtigen Beitrag, moderne Wahlkampfmöglichkeiten, die sich auch für Deutschland ergeben können, vergleichend im französischen
Präsidentschaftswahlkampf beobachten zu können.

stift: Glauben Sie, die Wahl der Medien war entscheidend für den Ausgang der Wahl?

Mario Voigt: Unterschiedliche soziale Gruppen haben ein unterschiedliches Medienverhalten. Dies gilt besonders in einem stark regulierten Medienmarkt wie in Frankreich. Für das Internet gesprochen, finden sich dort besonders hochqualifizierte und sozial aktive Menschen, die daher für die Wahlkampfplaner wichtige Kommunikatoren waren.

Moderator: Okay, wir haben zwei Sorten von Fragen verstärkt hier: Die einen fragen nach Übertragbarkeit der Studie auf andere Länder, die anderen Fragen wollen genaueres
über den französischen Wahlkampf wissen. Wir fangen mal mit dem Frankreich-Wahlkampf an, um die Basis-Infos zu haben:

SecretAgentMan: Welche neuen Phänomene gibt es im französischen Internetwahlkampf?

Mario Voigt: Es gibt eine sehr starke Konzentration auf web-basierte Video- und Fernsehangebote. Sarkozy schuf 17 eigene Kanäle unter einer Internetdomain, die sowohl ihn als Person, sein Programm als auch die Auseinandersetzung mit der Gegnerin beinhalteten. Quasi für jeden Geschmack ein Angebot. Damit umging Sarkozy den sehr stark normierten Fernsehwahlkampf und schuf einen eigenständigen TV-Kanal.

Kerstin Plehwe: Spannend ist auch, dass beide Kandidaten das Thema Partizipation intensiv in ihrem Wahlkampf eingebettet haben. Ségolène sprach sogar von der partizipativen Demokratie.

Fiona.fr: Setzt ein Wahlkampf, der auf Dialogkommunikation und Online-Partizipation basiert, nicht eine partizipative politische Kultur voraus (wie sie in Frankreich verfassungsrechtlich verankert, in Deutschland jedoch begrenzt ist)? Wie glaubwürdig wären daher partizipative Elemente in deutschen Wahlkämpfen?

Kerstin Plehwe: Wir sehen parteienübergreifend auch in Deutschland den Trend zur Nutzung stärkerer partizipativer Elemente. Auch wenn die politische Kultur hierzulande sicher anders als in England oder Frankreich ist, so weiß doch die Politik, dass nur über eine Kommunikation, die Vertrauen schafft und Wähler stärker einbindet, erfolgreiche politische Kommunikation in der Zukunft gewährleistet werden kann.

Mario Voigt: Ein Beispiel: In Frankreich existierten rund 40.000 Blogs zum Thema „Präsidentschaftswahlkampf". In Frankreich existiert eine reichhaltige Kultur an politischer Teilhabe und Kommentierung. Die Bürger wollen mitreden und Dialog zu den politisch Handelnden aufbauen. Das Internet kann dazu eine mögliche Brücke sein.

globblo: Royal hat mehr auf Partizipation gesetzt als Sarkozy – es scheint ihr nichts genützt zu haben. Oder hat es ihr sogar geschadet?

Kerstin Plehwe: Meiner Meinung nach lagen bei Frau Royal andere Ursachen vor, zum Beispiel der interne Rückhalt in der Partei, Schwächen im Bereich Außenpolitik et cetera. Nichtsdestotrotz haben ihre politischen Gegner versucht, ihr hohes Maß an partizipativen Elementen als eigene Einfallslosigkeit darzustellen. Dennoch sehen wir auch beim Gewinner eine so hohe Zuwendung zum Dialog mit den Bürgern über alle Kanäle, dass deutlich wird, dass Partizipation und Dialog heutzutage unumgänglich
sind.

Mario Voigt: Royal hat es nicht verstanden, dem Wähler ein klares inhaltliches Profil anzubieten. Sarkozy hat zwar polarisiert, aber er hat auch mobilisiert – durchaus eine Lektion für Deutschland.

uncle benz: Hat Royal vielleicht einfach zu lange gewartet, bis sie ein ausgearbeitetes Programm präsentiert hat? Die Wähler mitentscheiden zu lassen ist ja ganz schön,
aber gehörten zu den vertrauensbildenden Maßnahmen nicht auch eigene Standpunkte?

Kerstin Plehwe: Guter Punkt und hier ist sicherlich einer der Kritikpunkte an der Strategie von Frau Royal.

Mario Voigt: Wer keinen eigenen Standpunkt hat, kann auch kein eigenes Angebot formulieren. Gerade als Sozialistin musste sie bestimmte soziale Themen ansprechen, die in ihrem Konzept von partizipativer Demokratie durchaus zu kurz kamen. Als Lektion kann man daher verstehen, eigene Angebote formulieren, aber trotzdem ein Höchstmaß an Beteiligung und Einbindung von Bürgern ermöglichen.

Moderator: Ein großer Teil der Fragen, die jetzt hier eingehen, fragen nach der Übertragbarkeit des französischen Wahlkampfes auf die Situation in Deutschland. Zunächst Frau Plehwe: Ist es übertragbar?

Kerstin Plehwe: Wie immer im Leben ist eine Eins-zu-Eins-Kopie nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Aber ein genaues Hinsehen auf die bereits angesprochenen spannenden Elemente der Dialogmedien-Nutzung lohnt schon. Man darf auch nicht vergessen, dass Frankreich eine Rekordwahlbeteiligung verzeichnen konnte, wir in Deutschland aber immer weitere Tiefpunkte in der Wahlbeteiligung zu verzeichnen haben. Deswegen kommen auch wir Deutschen um die Umsetzung der Grunderkenntnis, dass Dialog mobilisiert, nicht herum.

Moderator: Herr Voigt, wollen Sie ergänzen?

Mario Voigt: Der französische Wahlkampf lehrt uns für die deutsche Perspektive vier Dinge: Erstens: Message over mechanics – Polarisierung und Emotionalisierung durch Themen und Person steigert das Interesse und die Wahlbeteiligung. Zweitens: Es kommt zu einer Konvergenz der Medien. Der kostengünstige Kommunikationskanal Internet bietet neue Möglichkeiten, alte Formate wie das Fernsehen zu erweitern. Drittens: Eine Vermittlung von Lebensstilen der Kandidaten trägt zur Personalisierung bei. Ob in zahlreichen selbst geschriebenen Büchern oder durch die Kamera ins Web übertragen: Die Kandidaten wählen geschlossene Kommunikationskanäle, um sich selbst vorzustellen. Viertens: Ein response-orientierter Dialogaufbau ermöglicht Hightech mit Hightouch, wo sich Online- und Offlinebereich gegenseitig ergänzen.

Kerstin Plehwe: … und sogar gegenseitig verstärken. Darüber gibt es auch entsprechende Studien.

Moderator: Nochmal Vergleich Deutschland-Frankreich:

Knietschig: Lassen sich die Voraussetzungen in Bezug auf Internetwahlkampf (Breitbandanschlüsse, Internetnutzung) vergleichen? Wer hatte die bessere Ausgangsposition für einen Internet-gestützten Wahlkampf?

Moderator: Übrigens zum gleichen Thema auch diese Frage:

june: Wie unterscheiden sich denn französische von deutschen Internetnutzern? Können Sie dazu was sagen?

Mario Voigt: Frankreich und Deutschland haben annähernd vergleichbare Voraussetzungen. Richtig ist, dass in Frankreich der Grad der Internetbeteiligung etwas höher liegt: Etwa 3,5 Millionen Franzosen betreiben regelmäßig ein Blog. Die Franzosen sind mit rund 150.000 regelmäßigen Nutzern in Second Life eine der größten drei Communities
(zusammen mit den USA und Deutschland).

Kerstin Plehwe: Unterschiedlich sind auch die Parteien und die Nutzung ihrer Webseiten zu betrachten. In Deutschland, so zeigt eine aktuelle dimap-Studie, schneiden die Parteien leider schlecht bei denen ab, die politische Informationen im Internet suchen. Nur drei Prozent besuchen dafür die Webseiten der Parteien, das ist in Frankreich anders.

Moderator: Zwei Fragen zur Besonderheit des französischen Wahlkampfes und den auferlegten Sende-Restriktionen:

sarko: Laut Ihrer Studie sind in Frankreich die Möglichkeiten für einen Wahlkampf über Fernsehen und Print viel stärker reguliert als in Deutschland. Was könnte deutsche Politiker animieren, das Internet stärker für den Wahlkampf zu nutzen, wenn sie hier ihre Positionen übers TV verbreiten können und damit auch mehr potentielle Wähler erreichen?

feunzt: Das Internet ist in Frankreich auch deshalb so wichtig gewesen, weil es so restriktive Möglichkeiten gibt, für eine Partei zu werben. So ist die Zahl der Plakate und TV-Werbezeit streng reglementiert; im Internet ist das noch nicht der Fall. Ist das Internet deshalb so wichtig gewesen?

Kerstin Plehwe: Vollkommen richtig, genau das zeigt auch das Ergebnis der Studie, die ProDialog in Zusammenarbeit mit Blueberry erstellt hat.

Mario Voigt: Deutsche Politiker werden nach eigenständigen Möglichkeiten suchen, an den konventionellen Medien vorbei direkte Kommunikation zu betreiben. Dabei ist das Internet die kostengünstigste Alternative, die zudem einen response-orientierten Dialogaufbau ermöglicht.

Moderator: Ein Kapitel der Studie beschäftigt sich auch mit Massen-Mailversendungen:

globblo: Direct Mail geht in Frankreich nicht, schreiben Sie in ihrer Studie. Wie ist das in Deutschland?

Kerstin Plehwe: In Deutschland ist das anders. Auch deswegen gewinnen die Parteien zunehmend Vertrauen in die Dialogformen Brief, Telefon und Internet.

Mario Voigt: Ohne diese direkte Kommunikation werden Parteien in Zukunft nicht effektiv mit ihren Wählern kommunizieren können, da die Streuungsverluste im Fernsehmarkt
zu groß und zu teuer geworden sind.

globblo: Nochmal zu Direct Mailings: Deutsche Parteien haben hier noch Berührungsängste. Warum? Haben Adresshändler dem Thema ein „unseriös "-Image verschafft?

Mario Voigt: Die deutschen Parteien sehen Direct Mailings als sinnvolle Ergänzung des bisherigen Kommunikationsmixes an. Zudem nutzen sie es schon in der regelmäßigen Mitgliederkommunikation.

feunzt: Was ist besser für Parteien: Daten für Mailings selber sammeln oder im großen Stil kaufen?

Kerstin Plehwe: Am sinnvollsten ist sicherlich eine Mischung. Innerhalb der Partei gibt es vielfältige Möglichkeiten der Datengenerierung. Aber auch außerhalb gibt es wertvolle Quellen zur Anreicherung und Erweiterung der Basis an Interessierten.

Mario Voigt: Deutsche Parteien kommen in vielfältigen Veranstaltungsformen mit dem Bürger in Dialog. Insofern wäre es nachlässig, nicht einen dauerhaften Kontakt mit einer Adressgewinnung aufzubauen. Zugleich können große Adressanbieter wie die Deutsche Post oder Schober Information Group spannende und wichtige Zusatzlieferanten sein.

jockl-g: Gibt es denn Parteien, die schon ein bisschen weiter sind in Deutschland als andere – in Sachen elektronischer Wahlkampf?

Mario Voigt: Die Frage überlasse ich Frau Plehwe als „überparteiliche" Chat-Diskutantin gern ;-)

Kerstin Plehwe: Man sieht quer durch die Parteienlandschaft spannende und auch erste viel versprechende Ansätze .So haben zum Beispiel die Grünen bereits bei der letzten Bundestagswahl Partizipation im Hinblick auf die Parteiprogrammgestaltung ermöglicht, die FDP hat intensiv die verschiedensten Dialogmöglichkeiten zur Stärkung des Bürgerfonds genutzt, die CDU wiederum hat für die jungen Zielgruppen bei der letzten Wahl hoch innovative mobile Dialogangebote initiiert.

Mario Voigt: Doch noch ein kurzer Einwurf: Die CDU hat bereits im Wahlkampf 2002 mit wahlfakten.de eine internetbasierte Rapid-Response-Zentrale gehabt. Das haben sich sogar die amerikanischen Wahlkämpfer abgeschaut.

Moderator: Zum Schluss noch diese:

melone: Herr Voigt, was empfehlen Sie den deutschen Parteien für den nächsten Bundestagswahlkampf angesichts der Ergebnisse der Studie?

Mario Voigt: Mut zur Emotionalisierung. Vertrauen in moderne Techniken. Und das Bewusstsein, dass der Bürger an der Politik teilhaben will.

Moderator: Wo sehen Sie die Zukunft des Wahlkampfes, Frau Plehwe?

Kerstin Plehwe: Ich kann die drei Punkte von Herrn Voigt nur bestätigen. Und aus der Kenntnis der Parteien heraus um den Punkt „Mut zum Inhalt" ergänzen. Dialog braucht Inhalt und Kontinuität. In beiden Bereichen ist in Deutschland noch viel Luft nach oben.

Moderator: Liebe Nutzer! Wir kommen zum Ende dieses Chats. Die Stunde ist schon wieder vorbei. Herzlichen Dank für Ihre Fragen! Das Transkript wird auf der Seite www.prodialog.org sowie auf der Seite www.politik-digital.de veröffentlicht, so dass Sie weitere interessiere Personen darauf hinweisen können. Sehr geehrte Frau Plehwe, sehr geehrter Herr Voigt: Auch an Sie ein herzliches Dankeschön dafür, dass Sie eine Stunde lang Fragen beantworteten! Ein kurzes Schlusswort?

Kerstin Plehwe: Vielen Dank an alle Chatbesucher und unseren Moderator. Wir bleiben jetzt zunächst im beginnenden amerikanischen Wahlkampf mit unserem Wahlkampfblog am Ball.

Mario Voigt: Herzlichen Dank für die interessanten Fragen und für die rege Beteiligung! Es hat sich gezeigt, dass es in Deutschland ein hohes Interesse an modernen Wahlkampfformen gibt. Ich würde mich freuen, weiter mit Ihnen im Dialog zu bleiben. Herzlichen Dank an das Team von politik-digital.de!

Kerstin Plehwe: Natürlich gerne auch bei einer der nächsten Live-Veranstaltungen der Initiative ProDialog!

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