Expertenchat mit der DFG zum Thema BSE

Moderator:

Sehr geehrter Herr Professor Winnacker, Herr Professor Pohlenz und
Herr Professor Simon, im Namen der Deutschen Forschungsgemeischaft und
von politik-digital heiße ich Sie herzlich willkommen! Wir freuen
uns, heute einen Chat mit ausgewiesenen Experten veranstalten zu können,
um so mehr als dass es um ein schwieriges Thema geht: Wahnsinn BSE: Was
tut die Forschung? Die Fragen werden sicher zahlreich sein, deswegen legen
wir gleich los:
Brad: BSE: Was ist das eigentlich für eine Krankheit?
JoachimPohlenz: BSE ist eine Krankheit des Rindes. Eine Krankheit bei der es zu Auflösungserscheinungen
im Gehirn kommt – mit der Folge, dass die Tiere schreckhaft sind und sich
ungewöhnlich verhalten.
Krudio: Wie werden BSE und CJK übertragen? – Evtl. auch über Körperflüssigkeiten?
JoachimPohlenz: Die BSE wird durch Aufnahme von kontaminierten Rinderfutter übertragen,
nach oraler Aufnahme über den Verdauungstrakt. Eine Übertragung
durch Körperflüssigkeiten ist bisher nicht bekannt.
Moderator: An Prof. Winnacker:
g810975: Erik Maronde fragt: Wie ernst zu nehmen sind andere Ursachen als Prionen
für BSE ?
ErnstL.Winnacker: Alle Evidenz spricht dafür, dass Prionen die Ursache für
BSE sind.
Moderator: und wir bleiben bei Prof. Winnacker…
Krudio: Wie ist der Zusammenhang zw. BSE und CJK?
JoachimPohlenz: Es wird aus englischen Forschungsberichten beschrieben, dass
Menschen die an der neuen Variante der CJD erkrankt sind, durch das BSE
Agens infiziert wurden, weil man Anhaltspunkte hat, dass bei Gehirnuntersuchungen
dieser Probanden ein Verteilungsmuster im Gehirn nachzuweisen ist, dass
dem der BSE entspricht
Moderator: Eine kurze klärende Zwischenfrage:
Krudio: Als Laie frage ich mich und jetzt sie: Was sind Prionen?
ErnstL.Winnacker: Prionen ist ein Ausdruck für infektiöse Proteine. Proteine
sind Eiweißbestandteile unseres Körper, und sind normalerweise
nicht infektiös. Die Prionen wirken dadurch, dass sie in zwei Varianten
vorkommen, einer natürlichen, die harmlos ist, und einer infektiösen,
die die Eigenschaft hat, die natürliche Variante in die infektiöse
Form umzuwandeln.
wolfi: Frage an Professor Winnacker: Bestünde die Möglichkeit, dass
das BSE-Prion nicht in der Lage ist. sich an das entsprechende (gesunde)
menschliche Prion anzulagern und diesem die krankheitsauslösende Raumstruktur
aufzuzwingen?
ErnstL.Winnacker: Das BSE Prion kann in der Tat nicht an jede Art von Prionen anlagern,
im Falle des menschlichen Prions ist dies aber der Fall. Vielleicht ergänzend:
BSE Prionen können Schafprionen erkennen, auch Katzen etcc. Aber bislang
ist von Hund und Pferd nichts bekannt.
Jo: Wie sieht die Prognose darüber aus, inwiefern BSE-Erreger irgendwann
auch bei Schweinen und Hühnern nachgewiesen werden können ?
JoachimPohlenz: Beim Huhn sind experimentelle Untersuchungen durchgeführt, die
bisher negativ verlaufen sind.
Moderator: Und bei anderen Tieren?
ErnstL.Winnacker: Es gibt soviel Tiere!
Moderator: ok, Schweine und Schafe z.B?
JoachimPohlenz: In zoologischen Gärten sind Kudus Antilopen und andere Wildwiederkäuer
nachweislich erkrankt, ebenso Feliden das sind katzenartige Chitas und
Ozelot sowie Löwen und Pumas
OrtwinSimon: Bei Schweinen sind orale Infektionsversuche negativ ausgegangen. Intrazerebrale
Infektionen dagegen waren möglich. In der Praxis sind auch bei älteren
Tieren (Sauen, Eber) keine Infektionen bekannt.
TB: Wie erklären Sie es sich, dass in den meisten Betrieben mit BSE
immer nur ein Tier positiv getestet wurde?
JoachimPohlenz: Es ist bekannt, dass viele Tiere aus einer gleichen Altersgruppe nicht
in die Zucht kommen. Wir sehen die Krankheit nur bei älteren Tieren.
Entsprechend kann nur ein geringer Prozentsatz erkranken, außerdem
ist die Verdünnung der im Futter vorhandenen Infektionsmasse sehr
groß, so dass nur wenige Tiere das Agens aufnehmen.
g446673: Hat man schon Anhaltspunkte über die infektiöse Dosis? Im
Rinderfutter ist der Tiermehlanteil relativ gering und darin sind sicher
nicht viele Prionen enthalten, und doch sind Rinder infiziert worden.
JoachimPohlenz: Die Dosis scheint gering zu sein. Nur wenige Gramm von positiven Gehirnmaterial
reichen aus, um eine Infektion zu erzeugen, aber das Agenz muß sich
in den Körperzellen anreichern, um dann im Gehin oder Rückenmarksmaterial
gefangen infektiös zu sein
OrtwinSimon: Infektionsversuche aus Großbritannien haben gezeigt, dass etwa
ein Gramm Gehirnmasse erkrankter Tiere ausreicht, auf getrocknete Futtermittel
bezogen (Tiermehl) würde das einer Menge von 200 Miligramm entsprechen.
Moderator: Bleiben wir beim Futter, Herr Professor Simon:
Slide: Warum wird nun Tiermehl verboten? Und ist das überhaupt sinnvoll?
Wird das BSE-Erreger eliminieren?
OrtwinSimon: Tiermehl ist deshalb verboten, weil es als ursächlicher Träger
des Agens betrachtet wird. Das Verbot bezog sich zunächst seit 1994
in der EU auf Tiermehle zur Verfütterung an Wiederkäuer. Dabei
handelte es sich um Produkte aus Säugetiergewebe. Gegenwärtig
gilt ein generelles Verbot von Futtermitteln die tierische Proteine enthalten
(Außnahme Milchprodukte) zur Verfütterung an alle Nutztiere.
Dies ist eine Vortsichtsmaßnahme.
g898646: Wie ist BSE in den Milchaustauscher der Kaelber geraten?
OrtwinSimon: Milchaustauscher werden gegenwärtig als Möglichkeit zur BSE-Übertragung
diskutiert. Milchaustauscher enthalten neben Milcheiweißen tierische
Fette. Das können auch Rindertalg oder Knochenfette gewesen sein.
Eine Kontamination mit Proteinen aus Risikomaterial kann nicht ausgeschlossen
werden.
Moderator: bleiben wir bei der Milch….
Slide: Kann ich mich auch durch Milchprodukte infizieren?
JoachimPohlenz: Englische Untersuchungen haben gezeigt, dass Milch und Milchdrüsengewebe
das BSE Agens nicht enthält
judymobil: Ist es möglich, dass BSE über andere Fleischsorten übertragen
werden, bei deren Tieren die Krankheit aber nicht ausbricht?
JoachimPohlenz: Das BSE Agens ist bisher noch nie im Fleisch nachgewiesen und man darf
annehmen, dass das für alle Tierspezies gilt.
pete: Würden Sie mir nun raten, Fleisch von ökologisch betriebenen
Höfen zu kaufen oder ist da kein Unterschied bzgl. des BSE-Risikos?
JoachimPohlenz: Sie können wählen welches Fleisch auch immer sie möchten
OrtwinSimon: Wenn die Frage eher auf die Häufigkeit des Auftretens voon BSE
abzielt, so ist abzuschätzen dass die Gefährdung durch Produkte
aus dem Ökologischen Landbau weniger wahrscheinlich ist.
JoachimPohlenz: Die gilt nur solange im ökologischen Landbau garantiert wird,
dass keine Einträge, die nicht betriebseigen sind, in die Nahrungsmittelkette
der Tiere erfolgen.
OrtwinSimon: Nach den Richtlinien, die in den meisten Verbänden des ökologischen
Landbaus gelten, hat die Aufzucht von Kälbern mit Vollmilch zu erfolgen,
vorzugsweise der Mutter. Tiermehle sind ohnehin nicht zulässig.
g218636: Wie wahrscheinlich ist die Infektion , wenn ich Fleisch von einem erkrankten
Tier esse?
JoachimPohlenz: Eine solche Infektion wäre genau so ungefährlich wie von
einem nichterkrankten Tier, solange es sich nur um das Fleisch handelt.
Slide: Kann ich eigentlich testen lassen, ob ich mich bereits infiziert habe?
JoachimPohlenz: Es gibt bisher keinen Test für Tiere und meines Wissens auch nicht
für Menschen, die diese Krankheit erkennen könnten, bevor Krankheitssymptome
auftreten
Moderator: Und noch mal Herr Pohlenz:
g388333: Müssen wir in Deutschland mit nCJK-Erkrankungen rechnen bzw. liegen
schon Verdachtsfälle vor?
JoachimPohlenz: Ja. Bisher liegen keine Verdachtsfälle vor. Man muß grundsätzlich
damit rechnen, weil auch eine Infektion bei Reisen ins Ausland durchaus
möglich ist
Moderator: Zur Prävention:
g472781: Gibt es bereits irgendwelche Ansätze, das Prion mittels Antikörpern
zu markieren und über das Immunsystem zu zerstören?
ErnstL.Winnacker: Es gibt in der Tat Antikörper, aber noch keine Ansätze, mit
deren Hilfe Prionen zu zerstören.
Moderator: Eine Impfung wird also in absehbarer Zeit nicht möglich sein?
ErnstL.Winnacker: Nein! Einige Arbeitsgruppen denken aber über Therapien nach. Dies
allerdings steht erst ganz am Anfang.
g481542: Frage an alle: Können Sie ausschliessen, dass es die nvCJD nicht
auch schon in früheren Zeiten gab und zumindest teilweise nur das
Ergebnis einer jetzt vorhandenen bzw. verbesserten Diagnostik ist?
JoachimPohlenz: Wir können das nicht ausschließen. Es hat aber seit vielen
Jahren – in Deutschland ganz besonders, aber auch weltweit – ein
CJD Monitoringsystem gegeben und dabei sind derartige Befunde nicht aufgefallen
Moderator: Möchte noch jemand ergänzen?
JoachimPohlenz: Es gab in Frankreicht Fälle von jungen Menschen , die nach Verabfolgung
von Wachstumshormon, das aus Hirnanhangsdrüsen von Erwachsenen,
die erkrankt waren, hergestellt wurde im früheren Lebensalter erkrankten
ErnstL.Winnacker: Inzwischen wird Wachstumshormon gentechnisch hergestellt, so dass diese
Gefahr nicht mehr besteht.
g141550: Wenn CJK durch BSE übertragen wird, müssten dann nicht schon
mehr Menschen an CJK erkrankt sein oder rechnet man mit einer starken Zuhnahme
dieser Erkrankung ?
ErnstL.Winnacker: Die Inkubationszeit für diese Art von Krankheiten ist sehr lang,
genaues aber ist nicht bekannt. In England gab es bislang 91 Fälle.
Wir wissen aber nicht, ob dies der Anfang eines wirklichen Ausbruches ist.
Dies wird man wohl erst 2004-2005 richtig einschätzen können.
Moderator: Bleiben wir bei Ihnen, Herr Winnacker und bei den Prionen
Telopher: Wieso werden Prionen in den Medien als infektiös dargestellt,
obwohl eine direkte Übertragung noch nie nachgewiesen werden konnte?
ErnstL.Winnacker: In Tierversuchen ist es mit infektiösem Material gemacht worden.
Das wirkliche Experiment, dass das Koch’sche Postulat erfüllen würde,
fehlt bislang. Wichtig ist die Beobachtung, dass Prion-Gen- freie Tiere
keine Krankheit bekommen.
g446673: Was ist die Aufgabe von nichtkrankmachenden Prionen?
ErnstL.Winnacker: Vielleicht sollte ich ergänzen. Das Koch’sche Postulat würde
bedeuten, dass man mit hochgereinigten Prionen auch tatsächlichen
infizieren kann.
Moderator: Weiss man also gar nicht genau, wofür Prionen "gut" sinde?
ErnstL.Winnacker: Nicht wirklich. Aber man kann natürlich ganz allgemein davon ausgehen,
dass die Evolution solche Gene längst eliminiert hätte, hätten
sie nicht doch irgendeine Bedeutung.
g810975: Erik Maronde fragt: 1.)Wie geht es nach den veränderten Prionen
weiter in der Pathogenese? 2. Gibt es Menschen, die genetisch gegen das
neue CJK gefeit sind, so wie bei HIV ?
JoachimPohlenz: Es ist aus englischen Untersuchungen bekannt, dass aus allen bisher
erkannten Fällen eine genetische Prädisposition vorliegt und
zwar codieren diese auf dem Codon 129 für eine bestimmte Arminosäurebindung.
Dies ist in der Homozygotie nur bei etwa 40% in der englischen Bevölkerung
der Fall
ErnstL.Winnacker: Ergänzend: Zur Frage 1: Das infektiöse Prion ist extrem unlöslich
und verdrängt gewissermaßen die Nervenzellen, tötet sie
bei dieser Gelegenheit, so dass es zu diesen schwammartigen Erscheinungen
im Gehirm kommt. Zur Frage 2: Homozygote Individuen sind solche, die zwei
identische Kopien eines Gens tragen. Bei Rindern ist die Genetik der Empfänglichkeit
für BSE nicht bekannt. Bei Schafen hinwieder gibt es Untersuchungen
zur Genetik der Empfänglichkeit gegenüber Scrapie, des lange
bekannten Schafwahnsinns (Traberkrankheit).
g472781: Wie erklärt es sich, das das BSE-Prion von der Magensäure
nicht denaturiert wird und warum durchquert es die Blut-Hirn-Schranke?
JoachimPohlenz: Man weiß, dass Anteile des Prionproteins selbst gegen die Proteinnase
K resistent sind – worauf der Test beruht.
Moderator: Könnten Sie das etwas allgemeinverständlicher formulieren?
ErnstL.Winnacker: Ergänzend: Proteines K ist ein Gemisch von Eiweißspaltenden
Enzymen, das noch viel aktiver ist, als alles, was im Magen in dieser Hinsicht
vorkommt.
OrtwinSimon: Das ist übrigens nicht ein Einzelfall, auch von anderen Proteinen,
die als Futterzusatzmittel eingesetzt werden (z.B. Betaglucanasen) ist
bekannt, dass sie bis Ende Dünndarm aktiv bleiben.
FaustGymnasium-10b: Warum kann man Prionen nicht bekämpfen?
JoachimPohlenz: Prion-Proteine sind bisher im Blut nicht nachgewiesen. Ihr Weg vom
Darm ins Gehirn ist bisher nicht sicher bekannt, eventuell benutzen sie
perineuronale Lymphscheiden, um an den Hirnstamm zu gelangen
ErnstL.Winnacker: Prionen sind zunächst einmal keine klassischen Erreger. Sie vermehren
sich also nicht. Was passiert ist, dass die Masse an Prion im Gehirn konstant
bleibt, aber nach und nach in eine unlösliche Form umgewandelt wird.
Dieser Umwandlungsprozess müßte zu einer Bekämpfung beeinflusst
werden. Zu diesem Zweck müßte man ihn im Reagenzglas beherrschen.
Dies ist bislang nicht wirklich der Fall.
Moderator: Eine Frage an Herrn Pohlenz…
Milchproduzent aus S-H.: Wann ist der Test am lebenden Tier möglich?
JoachimPohlenz: Kürzlich wurde berichtet, dass voreilige Mitteilungen hierüber
nicht der Wahrheit entsprechen und wir vor Mitte des Jahres 2002
keine zuverlässige Nachweismethode zu erwarten haben
Sue: Meine Frage: Ist es nicht möglich, am lebenden Tier Rückenmark
zu punktieren, um dann dieses auf BSE-Erreger zu untersuchen?
JoachimPohlenz: Man müßte im Hirnstammbereich testen und dieser ist so schwer
zugängig, dass das nicht ohne schwerwiegende Folgen für das Tier
bleiben würde
TB: Ist es wirklich sinnvoll, bei einem nachgewiesenen BSE Fall den gesamten
Stall zu räumen, oder könnte man da systematischer Vorgehen?
JoachimPohlenz: Die emotionale Frage gibt dem Landwirt die Möglichkeit, alle Tiere
zu entfernen und so hat er keine Nachteile und wird nicht aus der Gesellschaft
ausgeschlossen. Bei einer Neubestückung seines Bestandes kann er wieder
Milch und Fleich/Tiere verkaufen. Die fachliche Beurteilung
rechtfertigt die totale Tötung aller Tiere nicht unbedingt, weil wir
wissen, dass nur einzelne Tiere erkranken Aber in Deutschland ist bisher
in 2 Fällen nachgewiesen, dass auch 2 Tiere aus einem Bestand betroffen
waren
Moderator: hier wird Protest laut:
wolfi: An Professor Pohlenz: Ihre Aussage ist falsch. Ein Mainzer Universitäts-Professor
hat eben einen solchen Test seit 18.01.2001 in Tübingen zur Zulassung
vorliegen!
JoachimPohlenz: Das ist ein erfreulicher Fortschritt :-)
Moderator: Kennen Sie den Test?
JoachimPohlenz: Nein! Es wäre gut, wenn sich der Erfinder/Entdecker in diese Diskussion
einschaltet
Moderator: Solange noch mal zur Ernährung, Herr Simon:
pete: Ist argentinisches Rindfleisch sicher? Wenn ja – warum?
OrtwinSimon: Da wir die Ernährung der Tiere in Argentinien von hier aus nicht
beurteilen können, ist die Frage so nicht zu beantworten. Sofern es
sich um eine extensive Haltung handelt, ohne Zufütterung, ist es als
sicher zu betrachten.
Jo: Wie ist die Tatsache zu begründen, dass tierische Fette, die theoretisch
in Lebensmitteln eingesetzt werden dürfen, für best. Futtermittel
nicht mehr zugelassen sind ?
OrtwinSimon: Die Gesetzgebung in Deutschland hat versucht, durch das umfangreiche
Verbot von Proteinen und Fetten tierischer Herkunft jegliche Kontaminationen
und Verwechslungsmöglichkeiten auszuschließen. Prinzipiell sollte
für die Zukunft in Deutschland und in der EU die Option offen gehalten
werden, Futtermittel, die aus Schlachtabfällen mit Lebensmittelqualität
stammen, einsetzen zu können. In der EU ist der Einsatz von tierischen
Fetten übrigens nicht verboten
g189607: Viele der Tiere in den 90’ern wurden auch mit Wachstumshormonen behandelt,die
aus den Drüsen erkrankter Tiere stammen könnten. Wurde dieser
Infektionsweg ebenfalls in der Forschung berücksichtigt ?
JoachimPohlenz: Ja, die Pharmazeutische Industrie ist sich seit vielen Jahren über
diese kritische Frage im klaren. Es wurde vorher bereits darauf hingewiesen,
dass heute Hormone syntetisch hergestellt werden
OrtwinSimon: Sämtliche Hormone zum Zweck der Leistungsförderung sind in
der gesamten EU seit Ende der 80er-Jahre verboten – dies im Gegensatz zur
U.S.A.
Moderator: Der grosse Rahmen:
g586464: Fällt BESE unter die Definition "Tierseuche"? Wenn nein – sind
dann aus der Seuchenbekämpfung abgeleitete Methoden zur Eindämmung
und Kontrolle der Krankheit akzeptabel?
JoachimPohlenz: Die BSE ist nicht von Tier zu Tier übertragbar. Trotzdem
ist die Maßnahme diese wenig gut erkannte Krankheit, die in England
ein seuchenhaften Verlauf angenommen hatte, durch unsere Maßnahmen,
die man durch die Tierseuchengesetzgebung hat, zu maßregeln. Es gibt
keine andere Wahl. Zum zweiten Teil der Frage muß man sich überlegen,
dass durchaus das Schweizer Modell der Kohortentötung eine sinnvolle
Maßnahme sein kann – das bedeutet, dass in einem Bestand in dem ein
erktanktes Tier festgestellt wird, wie folgt gemaßregelt wird: Direkt
verwandte Tiere zu dem Tier werden getötet, ebenso wie die Tiere aus
dem Jahrgang davor und danach, weil man annimmt, dass diese mit gleichen
Jungtierfutter gefüttert wurden. In der Schweiz liegen mit dieser
Methode gute Erfahrunge vor. Man kann auf die Art ein drittel Verlust von
Tieren akzeptieren und es bleibt genetischen Potential aus der Herde erhalten
M@xx: Woher weiß ich, ob ich mit Prionen infiziert wurde?
ErnstL.Winnacker: Dies ist leider nicht nachzuweisen.
Segel: Ich habe gehört, dass es auch in den USA erste Fälle von
BSE gibt. Ist das richtig und würde die Gefahr evtl auch auf das argentinische
Rindfleisch übergehen können ?
JoachimPohlenz: Es wurde in der FT vor einer Woche mitgeteilt, dass diese Möglichkeit
besteht. Dies ist bisher nicht bewiesen.
Moderator: Kommen wir mal zum Engagement der Forschung:
g835013: Wieviel Gelder werden insgesamt von der Bundesregierung, den Ländern
und der EU für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt?
ErnstL.Winnacker: In England wurden seit Anfang der Seuche 140 Millionen Pfund zur Verfügung
gestellt. Die DFG hat in den vergangenen zehn Jahren zu neurodegenerativen
Erkrankungen DM 30 Millionen und seit 1994 zum Thema Prionen rund 6.5 Millionen
ausgegeben. Zudem sind von der EU eine Reihe von Projekten gefördert
worden, wahrscheinlich in ähnlicher Größenordnung. Derzeit
werden in den Ländern zum Teil größere Projekte aufgelegt,
deren Größenordnung noch nicht genau bekannt ist.
pete: Gibt es seit der BSE-Krise eine Forschungsinitiave? Vom Bund initiert
und gefördert? Hat die Wissenschaft vorher geschlafen?
ErnstL.Winnacker: Die DFG hat schon seit langem junge Wissenschaftler zu entsprechenden
Labors in der EU geschickt. In diesem Lande werden seit über 10 Jahren
Projekte zum Thema Prionenkrankheiten gefördert. Die Zahl der Arbeitsgruppen
ist allerdings in der Tat nur gering. Wegen der langen Inkubationszeit
ist die Forschung extrem aufwendig Die Forschung ist auch mit Sicherheitsrisiken
behaftet. Zudem war infektöses Material nicht zugänglich. Eine
größere Forschungsinitiative gibt es demnächst in München.
Samuel: Warum ist die Forschung mit Sicherheitsrisiken behaftet?
ErnstL.Winnacker: Weil das Material infektös ist, und in Sicherheitslabors gearbeitet
worden ist. Im Prinzip könnten sich Mitarbeiter infizieren, wovor
sie geschützt werden müssen
Moderator: kurzer Zwischenschub:
wolfi: An Herrn Professor Pohlenz: bei dem Erfinder und Entdecker handelt
es sich um Herrn Professor W.E.G. Mueller, Universitaet Mainz
JoachimPohlenz: Ich danke für diesen Hinweis.
ChristianKoth: Was wird in Deutschland in Jahr 2001 für BSE-Forschung zur Verfügung
stehen?
ErnstL.Winnacker: Bayern wird ein 12 Mio Programm für zwei Jahre auflegen, Baden-Würtemmberg
15 Millionen für 5 Jahre, der Bund hat eine größere Summe
angekündigt. Bei der DFG wissen wir es nicht genau. Es kommt auf die
Anträge an, die eingereicht werden. Das BMBF hat angekündigt,
für dieses Jahr und für nächstes Jahr DM 15 Mio zur Verfügung
zu stellen, die gleiche Summe stand in den vergangenen fünf Jahren
zur Verfügung.
Moderator: Und zum Abschluss noch mal ganz praktisch:
g790390: Welche Nahrungsmittel sollte man nicht mehr essen?
JoachimPohlenz: Gehirn, Rückenmark, Auge, und lymphatisches Gewebe aus dem Darm
Moderator: Guten Appetit ;-))
JoachimPohlenz: Es handelt sich dabei um die als SRM spezifierte Risikomaterialien,
die besonders behandelt werden und nicht in die Nahrungskette gelangen
können.
g64829: Wann können wir mit einem Medikament gegen BSE / Creuzfeld-Jakob-Krankheit
rechnen und welche Firmen entwickeln dieses?
ErnstL.Winnacker: Daran wird gearbeitet. Die Fortschritte sind langsam, in einem der
letzten Nature-Hefte fand sich dazu ein Bericht. Einzelheiten über
Firmen sind uns nicht bekannt.
marco: Warum hat man das Verfüttern von Tiermehl erlaubt?
OrtwinSimon: Tiermehle werden in Deutschland etwa schon seit 80 Jahren hergestellt.
Der ursprüngliche Grund war, dass es eine Seuchenbekämpfungsmaßnahme
war. Die Rohstoffe die zur Herstellung verwendet werden, sind zu etwa 10
% Kadaver gewesen, der Rest waren Schlacht-Nebenprodukte. Auf Grund des
hohen Eiweiß-Gehaltes, der günstigen Aminosäuren-Zusammensetzung
und des hohen Anteils an verfügbaren Phosphors stellen sie hochwertige
Futtermittel dar. Sie wurden übrigens schon anfang des vergangenen
Jahrhunderts als Futtermittel auch an Wiederkäuer und Pferde eingesetzt.
Moderator: So, zur letzten Frage. zum Abschluss ;-))
Veganer: Essen sie selbst denn noch Fleisch ?
JoachimPohlenz: Ja! Ich esse Fleisch und esse auch Rindfleisch
OrtwinSimon: Das geht Sie zwar nichts an, aber ich sage in diesem Falle: Ja.
ErnstL.Winnacker: Ja, ich esse sogar noch deutsches Rindfleisch, kaufe es aber in einem
Laden, von dem ich glaube, dass die Herkunft des Fleisches gut kontrolliert
ist.
Moderator: Sehr geehrter Herr Professor Winnacher, Herr Professor Pohlenz und
Herr Professor Simon, vielen, vielen Dank für den spannenden Chat.
Es sind sehr viele Fragen unbeantwortet geblieben, von ganz grundlegenden
bis zu sehr wissenschaftlichen… Weitere Infos finden alle, die noch offene
Fragen haben unter www.dfg.de/foerder/pge. Das Transkript dieses Chats
können Sie nachlesen bei der DFG und bei politik-digital. Vielen Dank
und hoffentlich "auf Wiederchat"!
ErnstL.Winnacker: Schlussbemerkung: Wir bedanken uns für das große Interesse
und hoffen, wir konnten die Fragen zu ihrer Zufriedenheit beantworten.
OrtwinSimon: Auch mir hat dieser Chat Spaß gemacht, leider bestand offensichtlich
wenig Interesse an den zukünftigen Fütterungsstrategien unserer
landwirtschaftlichen Nutztiere. Die Ernährung ist aber gesichert.
JoachimPohlenz: Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass die Öffentlichkeit
sachlich informiert wird und bin erfreut, dass diese Information auf diesem
Wege möglich wurde.
ErnstL.Winnacker: Die DFG hofft, dass ihre Bemühungen zur Finanzierung der Forschung
auf diesem Gebiet bald zu Durchbrüchen führen.

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