“Es gibt keine einheitliche Generation”

Am 30. Mai war Rolf Schulmeister, Gründer des Interdisziplinären Zentrums für Hochschuldidaktik der Universität Hamburg und Initiator des Studiengangs „Master of Higher Education“, zu Gast im e-teaching.org-Expertenchat. Er beantwortete unter anderem die Frage, ob es die so genannte "Net Generation" gibt.

 

Moderator:
Hallo und herzlich willkommen zum e-teaching.org
Expertenchat. Heute können Sie Prof. Schulmeister von der Uni Hamburg Ihre
Fragen zum Thema "Gibt es eine Net-Generation" stellen. Hier ist es jetzt 14
Uhr. Herr Schulmeister, können wir starten?

Rolf Schulmeister:
Ja gerne.

Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Net-Generation?


Moderator:
Zum Einstieg die ganz allgemeine Frage, die auch die Überschrift
für den heutigen Chat ergab: Gibt es Ihrer Ansicht nach eine
Net-Generation?

Rolf Schulmeister:

Nein, es gibt viele verschiedene Menschen, aber keine
einheitliche Generation, die man mit einem einheitlichen Merkmal beschreiben
kann.

Silf:
Sie scheinen ja nicht der These anzuhängen, dass die
Net-Generation anders lernt als vorangegangene Studentengenerationen. Woran
machen Sie das fest?

Rolf Schulmeister:

Ich habe in dem Aufsatz etwa 45 empirische
Untersuchungen analysiert und festgestellt – es kommen immer mehr
Untersuchungen zu tage – ich habe dabei festgestellt, dass die neuen Medien
bei den Kindern dem Spiel dienen, den Jugendlichen zur Kommunikation, und
bei den Erwachsenen der Übergang vom Kommunizieren zum Lernen schwierig ist.
Dies ist offenbar auch ganz verständlich, da das Hauptziel der Jugendlichen
die Kommunikation mit den Peers ist. Das ist uns allen bekannt. Weniger
bekannt war, dass sie ihre vielen Erfahrungen im Umgang mit dem Computer
nicht auf das Lernen übertragen.

mehmann:

Dass die Net-Generation existiert, hat aber doch durchaus auch
empirischen Bestand, oder? Wenn man an die ARD-ZDF-Online-Studien denkt, so
wird ein starker Zuwachs der Nutzung multimedialer Inhalte klar. Das gesamte
Freizeitverhalten ändert sich. Das muss doch Auswirkungen auf das Lernen
haben.

Rolf Schulmeister:

Diese These wird immer wieder vertreten. Es ist aber
ein Denkfehler enthalten. Die Tatsache, dass Jugendliche und Kinder heute
viel mehr mit Medien zu tun haben, bedeutet nicht, dass sie dadurch geprägt
sind. Es kommt auf das Motiv an, mit dem sie dieses Medium nutzen. Und sie
nutzen diese Medien durchaus mit der gleichen Motivation, mit der
Jugendliche früher die Kontakte mit Gleichaltrigen wahrgenommen haben. Wir
sind ja auch nicht, nur weil wir mit dem HiFi aufgewachsen sind, eine HiFi
-Generation, oder diejenigen, die mit dem Kofferradio aufgewachsen sind,
eine Kofferradio-Generation.

mehmann:
Nachfrage: Glauben Sie, dass Jugendliche nicht durch die
Nutzung neuer Medien geprägt sind? Ernsthaft?

Rolf Schulmeister:

Glaube ich ernsthaft. Ich glaube, die Jugend nutzt
die Medien mit ihren Lebenseinstellungen. Und nur die Wenigsten sind
ernsthaft der Sucht verfallen. Die Meisten nutzen die Medien mit ihren
eigenen Lebensmotiven, zu den Zwecken, die sie auch ohne Medien haben, also
Freundschaft oder Kontakt.

RUBeL:
Sicher müssen Studierende spezielle Studien-Kompetenzen mit
Medien erwerben, ebenso wie wissenschaftliches Schreiben. Aber sie tun sich
leichter, sind unbefangener als Ältere bei der Einarbeitung in ein LCMS
[Anm. der Redaktion: Learning Content Management System] usw. M.E. doch eine
Generationenfrage!

Rolf Schulmeister:

Das ist vollkommen richtig. Das betrifft aber nicht
nur die Jüngeren, sondern auch die Älteren, die schon länger mit Computern
arbeiten, insbesondere wenn sie mit Computern aufgewachsen sind. Ich benutze
Computer seit 1976. Es ist richtig, dass, wer längere Zeit mit Geräten
umgeht, diese auch besser beherrscht. Dies ist allerdings eine triviale
Erkenntnis, die dummerweise nicht bedeutet, dass die Kompetenz zur Nutzung
der Funktionen dieser Medien damit wirklich gewachsen ist. Es lässt sich
feststellen, dass selbst bei Jugendlichen, die häufig mit Computern
arbeiten, die Kompetenz zur Beurteilung ihrer Suchergebnisse oder der
Information nicht gestiegen ist. Im Gegenteil, es gibt Gruppen, die die
Glaubwürdigkeit des Wissens, das aus dem Internet kommt, zu hoch
einschätzen.

supporter:
Es gibt natürlich auch schon viele ältere Menschen, die
das Netz nutzen. Aber die Nutzung ist doch ganz schön unterschiedlich: Die
Senioren mailen und halten Kontakt zur Familie, junge Menschen versuchen im
Netz neue Leute kennen zu lernen.

Rolf Schulmeister:
Das ist richtig, es ist immer wieder
feststellbar. Noch gibt es Unterschiede zwischen den Altersstufen. Aber es
ist in den letzten fünf Jahren offensichtlich geworden, dass die
Unterschiede zu den Älteren nivelliert werden. Also, die etwas leichtere
Zugangsweise führt dazu, dass sich auch die Älteren an die Medien wagen, mit
denen sie nicht aufgewachsen sind.

Uuf:
Müsste man nicht, anstatt über ganze Generationen zu
diskutieren, die Zielgruppenfrage wieder in den Vordergrund stellen? Ist
diese Zielgruppe nicht in jedem Studiengang grundverschieden und durch
Kriterien wie Sozialisation geprägt?

Rolf Schulmeister:

Völlig richtig. Genau das ist die Hauptthese meiner
Entgegnung auf die Thematik der Net-Generation. Das ist die Frage, die wir
uns immer wieder stellen: Das ist die Diversität. Es wird brisant werden
dadurch, dass wir in allen Bereichen feststellen, dass die sozialen
Unterschiede die Chancen determinieren, also auch die Bildungschancen. D.h.
die so genannte soziale Kluft, die digitial divide, ist eines der
wichtigsten Themen, wenn wir über Verschiedenheit reden. Das hat PISA
gezeigt, das zeigt auch die Diskussion der Hochschulpolitik nach Bologna und
das zeigt auch die Diskussion des Themas „Gibt es eine Net-
Generation?"

Lara:
Wird sich nicht erst später zeigen, ob es eine Net-Generation
gibt? Z.B. weil die jetzige Studi-Generation ein ganz anderes Verhältnis zur
Informationsverfügbarkeit entwickelt?

Rolf Schulmeister:
Die Grundthese ist doch, dass es eine Generation
in diesem Sinne gar nicht geben kann, sondern nur verschiedene Gruppen.
Darum wird sich die Gruppe der nächsten Generation auch nicht als
geschlossene Gruppe empfinden. Eine zweite These ist die, dass es immer
selbstverständlich und alltäglich ist, wie man in der Umgebung lebt, in der
man aufwächst. Währenddessen besagt die These der Net-Generation das
Gegenteil, dass sie etwas anderes seien, beispielsweise veränderte Hirne
hätten, eine andere Kultur, eine andere Psyche usw. Und das ist widerlegt
worden. Ich habe in meinem Aufsatz auch deutlich gemacht, dass auch
Versuche, bspw. Multitasking als Merkmal einer Generation zu bezeichnen,
verkehrt wären, weil es einfach ein Gewöhnungsprozess ist. Ebenso kann man
nicht sagen, dass die Ungeduld im Umgang mit diesen Geräten nur einer
Generation zukommt. Jedem Benutzer erscheint ein älteres Gerät als
langsam.

Über den
Begriff der Generation allgemein



Moderator:

Noch zweimal generell zu Generationenfrage:

lenzen:
Glauben Sie denn, dass es überhaupt schon eine "Generation"
gegeben hat, die als solche gelabelt wurde? Es ist ja auch schwer, von der
„68er Generation" oder der „89er Generation" oder von der „Generation Golf"
zu reden.

Lou:
Gibt es dann auch keine 68er Generation, keine Baby Boomer
usw.? Generation bedeutet ja nicht, dass alle gleich sind.

Rolf Schulmeister:
Generation als Metapher ist etwas anderes, als
eine Behauptung über eine Kohorte von Menschen, die einen Zeitraum von 20
bis 30 Jahren abdecken. Ich habe auch die Kohorte geschichtswissenschaftlich
untersucht und festgestellt, dass die 68er-Generation immer eine Minderheit
gewesen ist.

joker:
Ok, es gibt nicht die Net-Generation. Treumann (2007) hat
sieben Nutzertypen, was die Diversität bestätigt. Trotzdem scheint dies eine
andere Diversität zu sein, als vor zehn Jahren. Und wie kann diese
Diversität beim Lehren/Lernen aufgenommen werden?

Rolf Schulmeister:
Es ist eigentlich ein uraltes Problem der
Pädagogik. Seit der Zwergschule redet die Pädagogik über innere
Differenzierung im Unterricht. Das Hauptthema, über das wir heute
diskutieren, ist nicht die Generation, sondern die Verschiedenheit. Man
stellt immer wieder fest, dass alle Benutzer der Neuen Medien in
verschiedene Gruppen zerfallen. Aus Gründen der Motivation, der
Sozialisation, der Kognition, des Lernstils, der interkulturellen Herkunft,
der ethnischen Herkunft usw. Die Pädagogik reagiert darauf mit innerer
Differenzierung. In der Hochschule reden wir vom offenen Lernen und von
offenen Lernsituationen, um dieser Verschiedenheit gerecht zu werden. Leider
fehlen in vielen Bereichen die Mittel, dies auch umzusetzen.

Nutzug
von Medien und Diensten durch Studierende


mhz:
Mehrere hunderttausend Studis sind bei StudiVZ aktiv. Was
machen die da eigentlich? Gibt es da empirische Daten? Meine Vermutung:
StudiVZ ist eine riesige Partnerbörse.

Rolf Schulmeister:

Ich habe dazu keine Daten und würde auch nicht gerne
Vermutungen dazu anstellen. Das sollte vielleicht Psychologen vorbehalten
bleiben. Aber Sie haben einen richtigen Hinweis gemacht, dass deutlich wird,
dass nach wie vor die Kommunikation auch für über Zwanzigjährige ein
wichtiges Thema ist. Und dass auch für diese Gruppe von Menschen die
Kommunikation mit den neuen Medien wichtiger ist als das Lernen.

Lou:
Spricht nicht für die Net-Generation, dass heute auf sozialen
Plattformen die Art von virtuellen Lerngemeinschaften entstehen, die man
früher vergeblich versucht hat künstlich zu initiieren? Rolf

Schulmeister:
Es spricht nicht für die Net-Generation, es spricht
für einige wenige Studierende, die erkannt haben, dass man in diesen
Gemeinschaften sinnvoll miteinander umgehen, Informationen austauschen kann,
vielleicht auch lernen kann. Aber auch nur vielleicht. Denn viele dieser
Gemeinschaften bestehen nur im Austausch. Der größte Teil, von denen, die
sich daran beteiligen, entspricht dem Typ des LURKERs. Also die Leute, die
von dem Wissen anderer profitieren, aber nicht dazu beitragen wollen.

Lou:
Anmerkung zu den LURKERn: Profitieren nicht am Ende doch jene,
die Wissen aufarbeiten und bereitstellen mehr als die passiven
Konsumenten?

Rolf Schulmeister:

Das ist völlig klar. Diejenigen, die Wissen
konstruieren, haben natürlich die Nase vorn. Diejenigen, die Wissen nur
rezipieren, da bleibt unklar, was sie davon rezipieren. Aber für manche
Zwecke der Kommunikation und der Kooperation beim Lernen ist es
ausgesprochen unglücklich, wenn einige Lernende nicht zu den Lernprozessen
beitragen, weil dann die Last nur bei den Wenigen liegt, die diesen Vorgang
aktiv tragen.

Moderator:

Ein Kommentar:

Lara:
Meine wenig computeraffine Schwester organisiert zu meiner
Verwunderung in einem Lehramtsstudium viel über StudiVZ. Da geht es um
Inhalte, nicht (nur) um Geschwätz.

Rolf Schulmeister:

Ja. Es gibt in StudiVZ die Möglichkeit, geschlossene
Gruppen zu organisieren, die sich mit Lerninhalten auseinandersetzen. Das
ist aber noch selten der Fall. Man sieht aber auch, dass andere Medien, in
denen aktive Teilhabe gefördert wird, wenig genutzt werden, zum Beispiel die
Möglichkeit für Kommentare in Weblogs.

heikoidensen:

Wie ist die Rolle der Lehrenden in den vernetzten
Lernprozessen? Moderator? Coach? Lernbegleiter?

Rolf Schulmeister:
Ich weiß ja nicht, was die drei Begriffe alles
konnotieren. Ich verstehe Moderator und Lernbegleiter als das Gleiche. Ich
kenne Leute, die unter Coach nichts anderes verstehen als Lernbegleiter. Um
es konkret zu beschreiben: Ich verstehe meine Rolle als Moderator so, dass
ich die Entstehung der selbstständigen Lernprozesse der Studierenden von
vorne bis hinten erkennen und damit auch begleiten kann. So kann ich am Ende
der Arbeit genau wissen, wie die Studierenden zu ihren Ergebnissen gekommen
sind, welche Schritte sie gemacht haben und dass ich ihnen in allen Stufen
dieses Prozesses geholfen habe.

heikoidensen:
Hat sich die Art und Weise des Diskurses durch die
vernetzten Lern- und Kommunikationsweisen fundamental geändert – Stichwort
Diskurskritik? Nicht nur über die neuen Medien, sondern mittels der neuen
Medien als Werkzeuge: Wer spricht? Was ist eine Quelle? Wahrheit? Oder:
Schwarmdenken? Kollaborative Wissens- und Diskursnetzwerke?
Autorenschaften?

Rolf Schulmeister:
Ich halte das zum jetzigen Zeitpunkt eher für
eine Hoffnung, denn eine Realität. Die Chancen für Diskurse sind durch die
Vernetzung gestiegen, einfach weil es mehr Kontakte dadurch gibt. Aber die
Qualität der Diskurse ist durch das Medium bis heute noch behindert. Man
kann in Präsenzsituationen einmal durch die zusätzlichen nonverbalen und
paralinguistischen Signale, die man erhält, intensiver aufeinander eingehen
und feststellen, an welchen Stellen Diskurse notwendig sind. Und man kann im
unmittelbaren Umgang auch besser prüfen, wann man in den Diskurs einsteigen
und wie lange man ihn durchhalten muss. Andererseits hat das Medium durch
die Persistenz der Kommunikation die Chance, im asynchronen Modus einen
langfristig wertvollen Diskurs zu fördern.

Einsatz von Medien in der
Lehre

phlo:
Wie sieht für Sie eine ideale Verknüpfung von Internet,
Lehrenden und Lernenden aus?

Rolf Schulmeister:

Diese Frage führt wieder zurück auf die Frage der
Diversität. Es gibt keine ideale Lösung. Es gibt Situationen, in denen die
Medien nur im Präsenzunterricht auftreten, und es gibt Situationen, in denen
die Medien den Präsenzunterricht ersetzen. Die Verschiedenheit der
unterschiedlichen didaktischen Szenarien begründet sich auch durch
unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen, unterschiedliche Inhalte,
und es begründet sich durch die unterschiedliche Position im Curriculum. Es
gibt also verschiedene Szenarien. Jedes Szenario braucht eine andere
Konstellation für das Verhältnis von Präsenz und virtuellem Lernen.

phlo:

Während wir darüber diskutieren, ob es möglich ist Laptopklassen
einzurichten, gibt es sie durch Initiativen, wie OLPC (Anm. der Redaktion:
One Laptop per Child) oder Intel’s Classmate doch schon in Entwicklungs- und
Schwellenländern. Werden wir überholt?

Rolf Schulmeister:

Wenn wir die Kritik in den USA an No Child Left
Behind sehen, haben wir noch viel zu tun. Das Echo ist nicht durchweg
positiv. Es war ein Propagandaplan, der nur wenigen Schulen geholfen hat.
Dasselbe gilt für die Versuche, die von Microsoft oder Intel usw. gemacht
wurden. Das sind Experimente. Die, wenn sie gut wissenschaftlich untersucht
werden, sicherlich interessante Ergebnisse erbringen können, aber für die
Breite nichts erbracht haben.

Moderator:

Nun die Frage, die in unserer Vorab-Phase die meisten Stimmen
bekam:

Ich:

Ist es nicht ganz normal, dass Computer für Schule und Uni nur als
Mittel zum Zweck genutzt werden? Ein Buch lese ich ja privat auch anders und
aus anderen Gründen als für den Unterricht.

Rolf Schulmeister:

Genau, das hatten wir aber schon so ähnlich
beantwortet. Kinder, die mit Geräten aufwachsen, werden diese auch benutzen.
Für meine Generation war der Fernseher neu. Da haben wir über den Nutzen des
Schulfernsehens diskutiert. Natürlich gab es Kinder, die exzessiv Fernsehen
nutzten. Es muss sich in jeder Epoche wieder eine Ethik entwickeln, der
Umgang mit Innovation herauszubilden. Und wir sind gerade dabei, dieses
bezogen auf die Medien zu tun. Aber wie ich feststelle, werden diese Medien
für die Zwecke genutzt, die dem Entwicklungsstand der Kinder und
Jugendlichen entsprechen. Insofern kann man von einer Alltäglichkeit und
Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesen Medien ausgehen.

Gast 22:

In welchen Bereichen soll man denn Computer in der Schule / in
der Uni benutzen? Wo ist der von Ihnen gesehene Mehrwert?

Rolf Schulmeister:

Mehrwert ist eine andere Frage, die wiederum
differenziert beantwortet werden muss: Ökonomisch, Zeitersparnis, mehr
Information. Es gibt aber auch Mehrwert durch Multimedia und es gibt einen
Mehrwert, den man als didaktisch bezeichnet, wenn er für das Lernen Vorteile
bietet. Solche Vorteile sehe ich beispielsweise in dem Bereich, in dem ich
arbeite, der Gebärdensprache. Ich habe willkürlichen Zugriff auf Filme, eine
visuelle Sprache. Naturwissenschaftler sehen einen Mehrwert darin, dass es
Experimente in anderen Ländern gibt, auf die sie über das Internet zugreifen
können, so genannte entfernte Labore. Andere wiederum, wie die
Sprachwissenschaftler, holen sich einen Mehrwert daraus, dass sie auf
Originalsprachdaten jederzeit Zugriff haben. Der Mehrwert ist also nach der
Art der Inhalte, der Lernziele und dem Anlass des Lernens zu
differenzieren.

Medienkompetenz als Voraussetzung für Lehren und Lernen


Toschko:

Sind Sie der Meinung, dass schon in den Grundschulen Umgang mit
den Internet gelernt werden muss?

Rolf Schulmeister:
Da die Sechsjährigen bereits zu Hause mit
Computern umgehen, sollte der Computer auch bereits in der 1. Klasse einen
Platz finden. Ob das in einer so genannten Computerecke oder Laptopklasse
stattfindet, das muss noch herausgefunden werden.

Soma: Was muss sich an den Schulen und Unis verändern, damit der Transfer
von Medienkompetenz gelingt?

Rolf Schulmeister:

Man kann feststellen, dass wir für unsere zukünftigen
Hochschullehrer eine wichtige Aufgabe haben. Sie müssen von vornherein in
Lehre und Lernen die neuen Medien einbeziehen. Sie müssen selber Kompetenz
im Umgang mit diesen Medien demonstrieren. Dies gilt insbesondere für die
Lehre in den Schulen – nicht nur in Informatik – weil wir feststellen, dass
die Schüler aus den Schulen – wenn sie in die Hochschule kommen – kein
Verlangen danach haben, die Medien für das Lernen einzusetzen. Diese
Voraussetzung ist aber bereits in der Schule zu legen.

AlexaHof:
Also zählt es für die Medienkompetenz einer Person nicht
nur, mit den neuen Medien umgehen zu können? Man muss also noch ein tieferes
Verständnis dafür entwickeln?

Rolf Schulmeister:
Die Neuen Medien sind ja nur Träger von
Information und Wissen, das, worauf es eigentlich ankommt, sind eben Wissen
und Information. Und da haben wir ein semantisches Problem. Wie beurteilen
wir dieses Wissen und was fangen wir damit an? Dasselbe gilt für die
Kommunikation. Wir können diese Geräte für die eingelebte Kommunikation
nutzen. Aber wenn wir einen Diskurs führen, müssen wir Information und
Kommunikation bewerten und beurteilen.

sabbatical08:

Der zentrale Lernstoff, der vermittelt werden muss, um
junge Menschen den Computer sinnbringend einsetzen zu lassen, ist nicht
Medienkompetenz, sondern Quellenkompetenz – wie ist die Qualität einer
Quelle zu beurteilen. Sehen Sie das auch so?

Rolf Schulmeister:
Das ist richtig, das ist die Definition, die
Dieter Baacke aus Bielefeld mal formuliert hat und die heute noch in der
Untersuchung der Bielefelder in dem Buch von Treumann und Meister et al.
veröffentlicht wurde.

Moderator:
Wie ist es denn Ihrer Erfahrung nach um die
Quellenkompetenz der Studierenden bestellt? Rolf Schulmeister: Es hat eine
sehr umfassende Untersuchung des University College London zusammen mit der
British Library gegeben, die dieses Problem sehr gründlich untersucht hat.
Danach sieht es nicht gut aus mit der Beurteilungskompetenz der
Studierenden. Ich selbst kann nur über meine Studierende reden. Ich habe
jetzt eine größere Untersuchung vor. Mich wundert aber, dass die
Studierenden einem Menschen, der offensichtlich kompetent ist, Plagiate
vorlegen.

Moderator:
Ein Kommentar zur Quellenkompetenz:

freakofhouse:
Also ich hab zu Beginn des Studiums einen Quellen-Kurs
belegt, das war es. Da ging es den Lehrenden eher um die korinthenkackerisch
richtige Zitierweise als um die Einschätzung der Qualität einer Quelle. Dann
darf man sich doch nicht wundern.

Rolf Schulmeister:
Völlig richtig, natürlich.

Moderator:
Noch einmal zurück zur Diversität und
Quellenkompetenz:

AlexaHof:

Aber basiert nicht jeder Studiengang – so verschieden diese
auch sind – auf gewissen Grundkompetenzen? Ob ich nun Informatik, Biologie
oder Germanistik studiere – die Kompetenz der Quellenkritik oder
Quellenbewertung/ Recherche gehört doch unabhängig vom Fach zur
Grundausstattung eines Studierenden. Ihre Meinung?

Rolf Schulmeister:

Ja und Nein. Einerseits kann man von so genannten
heuristischen/methodischen Kompetenzen reden, die in allen Studiengängen
gleich sind. Andererseits muss man in den Fächern mit unterschiedlich
methodologisch strukturierten Inhalten umgehen. Und diese bedingen
natürlich, dass man die Grundfertigkeiten auch variieren muss. Die neuen
Studiengänge nach Bologna sehen ja hier einen Teil vor, den wir als
Schlüsselkompetenzen oder Berufskompetenzen bezeichnen. Diese sollen in
Zukunft verstärkt ausgebildet werden. Dafür sollen etwa 15 Prozent des ECTS
vorgesehen werden.

Moderator:

Ist denn die Mehrheit der Lehrenden von der Medienkompetenz
schon weit genug, um Computer-Unterricht anzubieten?

Rolf Schulmeister:

Nein, also wir reden ja heute noch davon, dass wir
noch immer die Fünf-Prozent-Hürde überspringen wollen. Ich denke, dass es
wohl keinen Professor gibt, der nicht mit dem Computer umgehen kann. Aber ob
er/sie sinnvolle Möglichkeiten erkannt hat, im Unterricht die Medien zu
nutzen, das ist eine andere Frage.

derkieler: Was sind denn die wichtigsten (neuen) Schlüsselkompetenzen
jetziger Studienanfänger? Rolf Schulmeister: Wie bereits gesagt, sollen ja
jetzt die Schlüsselkompetenzen gefördert werden in der Annahme, das
Studenten mit wenig Kompetenzen aus der Schule kommen. Ich hätte gerne
Schlüsselkompetenzen wie Neugierde, Skepsis, forschendes Verhalten, mehr
Geduld mit Ungewissheiten oder Unsicherheiten, das Warten auf die Wahrheit,
da hätte ich gerne mehr davon.

Zur
Institution Hochschule allgemein

phlo:
Können die Universitäten denn mit der rasanten technischen
Entwicklung überhaupt mithalten und somit gewährleisten, immer adäquate
Lehrmittel zu Verfügung zu stellen.

Rolf Schulmeister:

Das war vor zwanzig Jahren – aus Preisgründen – viel
schwieriger als heute. Heute ist in den Hochschulen die Offenheit gegenüber
den Medien groß und die Preise sind günstig. Ich denke, es gibt keine
Schwierigkeiten in dieser Hinsicht. Das Thema hat einen weiteren Aspekt: Es
geht um Geräte und um Software. In dem Bereich, über den wir reden, also
Web2.0, ist ja die Software kostenlos. Das Problem ist eher die Software,
die wir für die Forschung brauchen. Da gibt es sehr spezielle und sehr teure
Software.

s.thurner:

Ist nicht ein zentrales Problem, dass Hochschulen eher
innovationsfeindlich sind, wenn es um die Reform der inneren Strukturen geht
("der Muff von 1000 Jahren unter den Talaren") ;-) Rolf

Schulmeister:

Zu dem letzten Spruch habe ich eine sehr enge Verbindung;
ich war anwesend, als das geschah. Aber: Hochschulen sind aus verschiedenen
Gründen sehr träge Institutionen. Sie haben es einerseits mit Studiengängen
zu tun, die über Jahrzehnte laufen sollen, zweitens haben sie einen
verbeamteten Lehrkörper, drittens weil wir kein Evaluationssystem haben,
viertens weil es keine Leistungsbelohnungssysteme gibt. Von daher ist
verständlich, dass die Hochschulen ihre Innovation im Wesentlichen durch den
immer wieder rein kommenden Nachwuchs beziehen.

Zum E-Learning Markt
allgemein

lottad:
Der E-Learning Markt und der ganze
Werkzeug-Instrumentarienkasten des E-Learnings ist total unübersichtlich.
Ist eine Marktklärung und auch eine Etablierung von Standards in dem Bereich
zu erwarten? Wünschen Sie das?

Rolf Schulmeister:
Ich glaube nicht Letzteres. Es haben sich schon
Marktführer herausgebildet. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, um die
Übersichtlichkeit zu erhöhen, z.B. die von Baumgartner und meine. Es gibt
auch Versuche, Standards zu entwickeln, beispielsweise die von IMS und
IEEE. Und die meisten Produzenten von Software orientieren sich auch an
diesen Standards. Es gibt zwar auch Bereiche ohne Standards. Aber es ist
davon auszugehen, dass auch diese bald geschlossen werden.

Moderator:

Das waren gut 70 Minuten e-teaching.org-Expertenchat. Vielen
Dank an Herrn Schulmeister für seine Antworten und natürlich vielen Dank an
unsere Nutzer für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen leider nicht
alle stellen konnten.

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