“Eigene Erfahrungen Grundpfeiler für Medienkompetenz”

Am Montag, den 03. März 2008, war Dr. Marianne Merkt, Dekanin des neuen Studiengangs "Master of Higher Education" am Zentrum für Hochschuldidaktik an der Universität
Hamburg, zu Gast im eTeaching.org-Chat in Kooperation mit politik-digital.de. Sie beantwortete Fragen rund um das Thema "Qualifizierung".

Moderator: Hallo liebe Nutzer, herzlich willkommen im e-teaching.org Expertenchat. Heute ist Dr. Marianne Merkt vom Zentrum für Hochschuldidaktik an der Universität Hamburg unser Gast. Sie betreut dort als Dekanin den Studiengang Master of Higher Education. Frau Merkt, können wir beginnen?

Marianne Merkt: Ja, gerne.

 

Marianne Merkt
Dr. Marianne Merkt,
Dekanin für den "Master of Higher Education"

 

Vorteile des Weiterbildungsstudiengangs Master of Higher Education

Fryl: Welche Vorteile hat man, wenn man auf sein Studium noch den Master of Higher Education aufsetzt?

Marianne Merkt: Vor allen Dingen hat man Vorteile, wenn man im Bereich von Studienreformprojekten oder E-Learning Projekten arbeitet, dann kommen ganz neue Anforderungen auf die Hochschullehrenden zu. Das ist eine neue Zielgruppe, die sich besonders für den Master of Higher Education interessiert.

Facts und Infos zum Studiengang

Illiana: Was unterscheidet den Master of Higher Education von anderen weiterführenden Studiengängen?

Marianne Merkt: Der Master of Higher Education ist ein hybrider Weiterbildungsstudiengang, er ist berufsbegleitend. Hybrid heißt, dass man mit jedem Hochschulabschluss als Voraussetzung zum Master of Higher Education zugelassen wird. Ausnahme ist der Bachelor-Abschluss, der reicht als Zulassungsvoraussetzung nicht aus. Berufsbegleitend bedeutet, dass die Teilnehmenden als wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrbeauftragte oder Juniorprofessoren in der Hochschullehre tätig sind und ihre eigene Lehre im Weiterbildungsstudium weiterentwickeln möchten.

Wickie: Welche Vorbilder für den Master of Higher Education gibt es im Ausland? Welche Erfahrungen konnten Sie übernehmen?

Marianne Merkt: Es gibt im Ausland keine Weiterbildungsangebote im Bereich der Hochschuldidaktik, die mit einem Masterabschluss beendet werden. Es gibt aber in den anglo-amerikanischen Ländern seit langem die Tradition, sich für die Hochschullehre weiterzubilden.
Die „Center for Teaching and Learning" in Amerika bspw. bieten Workshops für Lehrende und auch für Studierende im hochschuldidaktischen Bereich an. Ebenfalls aus Amerika haben wir das Konzept übernommen, dass unsere Teilnehmenden ein Lehrportfolio in Form einer Masterarbeit schreiben, womit sie ihre eigene Lehre dokumentieren und reflektieren. Was durch die Masterakkreditierung im Master of Higher Education neu dazugekommen ist, ist, dass über die Entwicklung des eigenen Lehrhandelns hinaus jetzt die theoretischen Bezüge wichtiger geworden sind. Das heißt, die Teilnehmer entwickeln nicht nur ihr eigenes Lehrhandeln weiter, sondern können am Ende des Studiums ihr eigenes Lehrhandeln und die Lernprozesse der Studierenden auch auf theoretischem Hintergrund beschreiben und begründen.

Anne: Wie muss man sich den Ablauf des Studiums vorstellen? Welche Module gibt es neben Mediendidaktik und was lernen die Studierenden so?

Marianne Merkt: Zusätzlich zum Abschlussmodul werden die vier Module Planungskompetenz, Leitungskompetenz, Methodenkompetenz und das eben schon erwähnte Modul Medienkompetenz angeboten. Die Studierenden lernen eine Vielfalt von Methoden kennen, beispielsweise den Einsatz von Rollenspielen oder Simulationen in der Hochschullehre. Sie lernen ihr Kommunikationsverhalten und die Interaktion mit den Studierenden anhand von Kommunikationsmodellen, beispielsweise dem "inneren Team", zu entwickeln. Und in dem genannten Modul Medienkompetenz lernen sie, Blended-Learning Szenarien für ihre Hochschullehre zu konzipieren oder Lernmodule zu entwickeln oder auszuwählen, die einen Mehrwert für das Lernen und Lehren in der Hochschule mit sich bringen. Am Ende des Studiums haben die Teilnehmenden gelernt, ein Evaluationskonzept für ihre eigene Lehre zu entwickeln, sie haben gelernt, sich mit Kolleginnen und Kollegen über didaktisch sinnvolle Methoden, beispielsweise des Prüfens, auszutauschen und Hospitationen und Team-Teaching als Bestandteil ihres professionellen Handelns zu verstehen.

Anne Thillosen: Wie lange dauert der Studiengang? Wo wird er angeboten?

Marianne Merkt: Die Regelstudienzeit des Studiengangs beträgt zwei Jahre. Der Studiengang wird an der Universität Hamburg angeboten vom Zentrum für Hochschule und Weiterbildung, das bekannter ist unter dem ehemaligen Namen "Interdisziplinäres Zentrum für Hochschuldidaktik".
Zwei Jahre Regelstudienzeit bedeutet, dass wir als Studienanbieter sicherstellen müssen, dass die Teilnehmenden das Studium in zwei Jahren abschließen können. Die Studierenden entscheiden aber selbst, wie lange sie für das Studium brauchen. Die Reihenfolge der vier oben genannten Module kann frei gewählt werden. Die Lehrveranstaltungen sind als Workshops konzipiert. Zusätzlich wird mit den Lehrenden ein Leistungsnachweis vereinbart. Die Workshops und Leistungsnachweise sind nicht benotet. Die Modulprüfungen finden jeweils am Ende jedes Semester statt. Die Endnote setzt sich dann zusammen aus den Noten der vier Modulprüfungen, der Benotung der Masterarbeit und der mündlichen Abschlussarbeit.

Chris: Es gibt also keine Obergrenze an Semestern?

Marianne Merkt: Nein, es gibt keine Obergrenze, da sich die meisten der Teilnehmenden ja in einer Qualifikationsphase befinden. Der weitaus größte Teil der Studierenden sind wissenschaftliche Mitarbeiter und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, die promovieren. Es wäre ein unnötiger Druck, wenn der Studiengang in zwei Jahren abgeschlossen werden müsste.

Moderator: Zwei Fragen zur Zielgruppe des Studiengangs:

Horst: An wen richtet sich das Studium genau? Junge Hochschullehrende? Juniorprofessoren?

joker: Eigentlich richtet sich der Master doch an (zukünftige) Hochschullehrende. Haben die nicht genügend andere Abschlüsse, als dass sie noch einen Master brauchen?

Marianne Merkt: Die Zielgruppe ergibt sich ziemlich genau aus den Zulassungsvoraussetzungen. Zum Einen muss ein Hochschulabschluss nachgewiesen werden und zum Zweiten ist es erforderlich, die Einbindung in eine Hochschule nachzuweisen. Diese kann in Form eines Arbeitsvertrages über einen Lehrauftrag oder eines Arbeitsvertrages über eine wissenschaftliche Mitarbeit bestehen. Ebenso gilt als Nachweis die Bestätigung der Betreuenden oder des Betreuers über eine Doktorarbeit oder eine Habilitation. Das heißt, Zielgruppe ist der wissenschaftliche Nachwuchs. Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren gehören ebenso zur Zielgruppe.
Zur zweiten Frage: Diese Frage geht in die Richtung "Professionalisierung in der Hochschullehre". Hochschullehrende sind in Deutschland als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler professionalisiert und ausgebildet. Diese Ausbildung war auch durchaus ausreichend, solange Hochschullehrende in direkten Kontakt kleine Studierendengruppen unterrichten konnten.
Bezeichnenderweise haben sich Hochschuldidaktische Zentren in den 1970er Jahren mit Einführung der Massenuniversitäten etabliert. Die Hochschullehre hat sich sehr weit ausdifferenziert. Die Studentenzahlen, die von den Hochschullehrenden zu betreuen sind, sind enorm gestiegen und ein einzelner Hochschullehrender wird heutzutage kaum noch einen einzelnen Studierenden über den gesamten Hochschulverlauf betreuen. Hinzugekommen sind neue Formen der Kommunikation und der Wissensvermittlung durch E-Learning. Für diese neuen Strukturen und Formen gab es bisher keine Ausbildung im Hochschulbereich und gerade mit der Einführung der Bologna -Strukturen zeigt sich, dass hochschuldidaktisches Wissen und eine hochschuldidaktische Ausbildung zusätzlich zur Kernprofessionalisierung als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler erforderlich geworden ist.

muk82: Eignet sich der Studiengang auch für Lehrerinnen und Lehrer?

Marianne Merkt: Wir haben eine ganze Reihe von Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftlern im Studiengang, die Weiterbildung zielt aber in erster Linie auf Hochschullehrer und Weiterbildung. Insofern ist die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern nicht das eigentliche Ziel des Weiterbildungsstudiums.

Lama: Ist der Master of Higher Education tatsächlich berufsbegleitend zu schaffen? Die meisten wollen bzw. können sicher nicht noch mehrere Jahre neben dem Beruf studieren.

Marianne Merkt: Unsere Zielgruppe ist der Beweis dafür, dass es zu gehen scheint. Wir haben aktuell 130 Teilnehmer im Studiengang. Insofern denke ich, es ist durchaus machbar, berufsbegleitend zu studieren.

simone: Wird ein "Shift from Teaching to Learning" angestrebt? Wie viel Theorie, wie viel Praxis enthält der Studiengang?

Marianne Merkt: Eigentlich ist unser hochschuldidaktisches Paradigma gerade genau andersherum. Die Schrift der Bundesassistentenkonferenz, mit der die Hochschudidaktik gegründet wurde, hatte den Titel "Forschendes Lernen – Wissenschaftliches Prüfen". Die Motivation und das Interesse der Teilnehmenden ernst zu nehmen und für die Lernprozesse zu nutzen, ist uns ein wesentliches Anliegen. Diese Einstellung spiegelt sich auch im Workshopkonzept wieder, in dem die aktive Teilnahme der Studierenden ein wichtiges konzeptionelles Element ist.

Arbeitsmarktchancen

cytbar: Gibt es schon Erfahrungen, wie Absolventen des Master of Higher Education auf dem Arbeitsmarkt angenommen werden?

Marianne Merkt: Ja, die gibt es, da der Studiengang in seinem Vorläufermodell schon seit 1999 besteht. Rückmeldungen haben wir von einer Reihe von Teilnehmenden, die ins Ausland gegangen sind, z.B. als Assistence Professor nach Amerika, als Lecturers nach England oder in Drittmittelprojekte nach Finnland. Ein weiterer Teil von Teilnehmenden hat bspw. mit der Qualifikation des Masters oder dem davor angebotenen Zertifikat Stellen in E-Learning-Projekten bekommen oder in Stellen, in denen eine didaktische Qualifikation erforderlich war, wie z.B. Professorenstellen für "Didaktik der Biologie". Eine weitere Zielgruppe sind Teilnehmende, die sich dafür entscheiden, in der Hochschuldidaktik selbst weiter zu arbeiten.

E-Learning im Studiengang Master of Higher Education

Perlhuhn: Welche Erfahrungen machen sie mit Einsatz von E-Learning beim Studiengang?

Marianne Merkt: Vielleicht kann ich das an einem Beispiel besonders gut deutlich machen: Uns ist es nicht wichtig, die neuen Medien , z.B. Web 2.0 -Tools einzusetzen, weil es diese gibt, sondern wir setzen sie dann ein, wenn sich für uns daraus ein Mehrwert für die Lernprozesse und das Lehren ergibt. Die Portfolios der Teilnehmenden im abschließenden Praxisbegleitseminar wurden im Zertifikatsstudium noch in Papierform erstellt, das heißt, wenn die Teilnehmenden sich darüber austauschen wollten, dann mussten für den nächsten Workshop von allen Portfolios Kopien gemacht werden und die entsprechend Lesezeit eingeplant werden. Mit Umstellung des Konzepts als E-Portfolio entwickeln die Teilnehmenden ihre ersten Ideen und Ansätze in einem gemeinsamen virtuellen Raum und haben die Aufgabe, sich schon sehr früh gegenseitig schriftliches Feedback zu geben. Die Rückmeldung der Teilnehmenden war immer wieder, dass sie aus diesen Feedbackaufgaben besonders viel für ihre eigenen Konzepte gelernt haben.

Frodo: Wie wird der Studiengang von Lehrenden wahrgenommen? Gibt es viel Misstrauen gegenüber dem Einsatz "neuer" Medien?

Marianne Merkt: Die Einstellung zum Studiengang hat sich an der Universität Hamburg sehr stark geändert – im Kontext eines größeren Projekts, KoOp. Das Projekt war ein E-Learning Strategieprojekt der Hamburger Hochschulen, mit dem E-Learning nachhaltig in der Hochschullehre verankert werden sollte. Das Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung hatte die Aufgabe, eine E-Learning-Strategie für die Universität Hamburg mit zu entwickeln und die Fakultäten bei der Entwicklung eigener E-Learning-Strategien zu beraten. Wesentliche Themen bei den Beratungen waren die Probleme der Bologna-Reform, insbesondere die Schwierigkeiten, die Studierenden bei geringer Lehrkapazität und geringen Ressourcen gut zu betreuen und die zusätzliche Prüfungslast durch die studienbegleitenden Prüfungssysteme in den Griff zu bekommen.
Hier haben die Beratungen des ZHW zu neuen Ansätzen mit Hilfe von E-Learning geführt.
Das hat dazu geführt, dass vor allem die Leitung der Fakultäten die hochschuldidaktische Weiterbildung des Studiengangs Master of Higher Education als sehr hilfreich einschätzen und ihren Mittelbau dazu motivieren, daran teilzunehmen.

muk82: Inwieweit ist für eine inhaltliche, aber auch technische Betreuung während der Selbstlernphasen gesorgt?

Marianne Merkt: Die inhaltliche Betreuung übernehmen die Lehrenden, während der asynchronen Phase ist es meiner Erfahrung nach sehr wichtig, eine sehr klare Aufgabenstellung zu formulieren und die Termine gut und verständlich mitzuteilen. Eine wesentliche didaktische Erfahrung ist jedoch, dass die Studierenden durch eine kooperative Aufgabenstellung in der asynchronen Phase dazu angeregt werden, sich untereinander auszutauschen. Von diesem inhaltlich bezogenen Austausch lernen die Teilnehmenden sehr viel. Die technische Betreuung wird uns zum Teil vom Rechenzentrum abgenommen, wenn es sich um Lernplattformen handelt, die an der Universität Hamburg etabliert sind. Da wir aber immer wieder mit neuen Technologien experimentieren, beispielsweise mit Virtual Classroom Software oder Wikis, müssen wir die technische Betreuung für solche Konzepte selbst übernehmen.

Illiana: Was bedeutet Blended Learning ?

Marianne Merkt: Der Ausdruck Blended Learning kommt eigentlich aus der Weiterbildung aus der Wirtschaft. Nach dem "Hype" des Online-Lernens hat man dort sehr schnell festgestellt, dass es bestimmte Aspekte von Präsenzlehren und -lernen gibt, die nur sehr schwer in Online-Arrangements übertragen werden können. Das heißt, man hat versucht, die positiven Seiten der Präsenzlehre oder -weiterbildung mit den positiven Seiten des Online-Lernens zu verbinden. Dafür hat sich dann der Begriff "Blended", also wörtlich übersetzt gemischtes Lernen, durchgesetzt. Das Online-Lernen hat erst sehr viel später in der Hochschullehre Eingang gefunden und das Gewicht ist sehr viel stärker auf der Präsenzlehre geblieben.

Anne Thillosen: Was ist ein Lehrportfolio?

Marianne Merkt: Lehrportfolios wurden im angloamerikanischen Raum eingeführt, um Bewerbern für die Hochschullehre die Möglichkeit zu geben, ihre Lehre zu dokumentieren, ihre Konzepte darzulegen und auch etwas über ihre Bildungsideen zu beschreiben. Das Lehrportfoliokonzept enthält zwei verschiedene Aspekte, die ganz wesentlich für den Einsatz im Studiengang Master of Higher Education sind. In der Prozessphase bei der Erstellung des Lehrportfolios dient die Portfolioarbeit als Reflektionsinstrument und nach Fertigstellung des Portfolios tritt der Produktaspekt stärker in den Vordergrund. Das heißt, die Studierenden im Studiengang Master of Higher Education dokumentieren im Lehrportfolio ihre Bildungsidee, das Verhältnis von Forschung und Lehre, wie es sich selbst für ihre eigene Lehre darstellt .
Sie beschreiben beispielsweise innovative Seminarkonzepte, dokumentieren ihr Engagement für die Lehre, z.B. in Gremienarbeit oder im ehrenamtlichen oder Freizeitbereich und entwickeln ein Konzept, wie sie die Qualität ihrer eigenen Lehre verbessern wollen.

Medienkompetenz von Studierenden und Hochschullehrenden

Maria: Lässt sich Medienkompetenz eigentlich noch definieren oder ist es bei den vielen neuen Entwicklungen eher ein bewegliches Ziel, das schwer zu erfassen ist?

Marianne Merkt: Die Frage ist, was man mit einer Definition erreichen möchte. Wenn ich Medienkompetenz definieren möchte, um die Einzelbestandteile der Medienkompetenz herauszufinden, dann habe ich vielleicht das wissenschaftliche Ziel, mir darüber klar zu werden, was das Spezifische der Medienkompetenz im Kompetenzbereich ist. Vielleicht möchte ich auch als möglicher Arbeitgeber herausfinden, ob ein Bewerber Kompetenzen mitbringt, die ich für einen bestimmten Arbeitsbereich suche. Unter hochschuldidaktischer Perspektive habe ich ein ganz anderes Ziel: Mit einer Definition von Medienkompetenz möchte ich beschreiben, was eine Hochschullehrende oder ein Hochschullehrender braucht und können muss, um neue Medien und E-Learning in der Lehre gewinnbringend einsetzen zu können. Dann wäre es wichtig, dass die Hochschullehrenden ihre eigene Lehre unter didaktischen Aspekten analysieren können, verstehen, wie die Lernprozesse der Studierenden unterstützt werden können und Erfahrungen haben, wie neue Medien und E-Learning sich dabei in spezifischen Situationen auswirken.

Koolio: Gibt es Grundpfeiler von Medienkompetenz, die jeder Studierende und Lehrende drauf haben sollte?

Marianne Merkt: Ich denke, das Wichtigste sind wirklich die eigenen Erfahrungen. Ich habe vor acht Jahren die ersten Online-Seminare mit Hochschullehrenden durchgeführt und dabei eine besondere Lernumgebung aus Kanada eingesetzt. Damals fiel es den teilnehmenden Hochschullehrenden sehr schwer, sich in der Chatkommunikation zurecht zu finden, sie waren verwirrt von den sich ständig überkreuzenden " Threads ", sie konnten den unterschiedlichen Strängen kaum folgen, viele waren damit überfordert, die Beiträge der Moderatoren heraus zu filtern. Wenn ich mir den Chat heute anschaue, dann hat von den Teilnehmenden hier offensichtlich niemand mehr ein Problem damit und das würde ich als einen Teilbereich von Medienkompetenz bezeichnen. Das heißt, ein wesentlicher Grundpfeiler der Medienkompetenz ist es, eigene Erfahrungen mit einem neuen Medium gemacht zu haben, sei es synchrones oder asynchrones Kommunizieren, sei es die Einstellung zu Wikis und deren Veränderbarkeit, oder sei es zu neuen Möglichkeiten wie Second Life.

Illiana: Mit welchen Methoden vermitteln Sie den Studierenden Medienkompetenz?

Marianne Merkt: Wir sprechen von einer Inhalt-Form-Methoden-Korrespondenz.
Wir bieten den Teilnehmenden z.B. im Seminar „Entwickeln von Blended-Learning-Szenarien" die Möglichkeit, ein eigenes Konzept für ihre eigene Lehrveranstaltung zu entwickeln. Während des Workshops setzen wir dafür eine Lernplattform, z.B. WebCity, ein. Das heißt, die Teilnehmenden probieren kleine Teile ihres Konzepts in der Rolle der Lehrenden mit den anderen Teilnehmern des Workshops in der Rolle der Studierenden aus. In einer ersten Phase setzen sich die Teilnehmenden mit Methoden auseinander, die ihnen für den Einsatz auf einer Lernplattform besonders geeignet erscheint, z.B. die Aufgabe, ein Mindmapping zum eigenen Sprachenlernen zu erstellen und dieses als Bild den anderen Teilnehmenden im Diskussionsforum zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet, die Teilnehmenden machen selbst in der Rolle der Studierenden Erfahrungen in der Lernplattform und mit den Schwierigkeiten, die Präsenz-Zeiten des Workshops mit den asynchronen Zeiten zwischen den Workshoptagen zu verbinden und haben am Ende des Workshops ein kleines Konzept für ihre eigene Lehrveranstaltung entwickelt, was sie in die eigene Lehre mitnehmen können.

Equnix: Wenn Sie die Medienkompetenz von Dozierenden beurteilen müssten, wie würde dieses Urteil ausfallen? Sollten für alle angehenden Hochschuldidaktiker Seminare in Medienkompetenz Pflicht sein?

Marianne Merkt: Ich würde eine Weiterbildung nie zur Pflicht machen wollen. Ich denke aber, dass sich Hochschullehrende viele Möglichkeiten versperren, wenn sie sich mit dem Einsatz neuer Medien nicht auseinander setzen. Neue Medien sind für die jetzige Studierendengeneration ziemlich selbstverständlich und wenn wir nicht aufpassen, dann entstehen sehr schnell zwei Parallelwelten:
Die Hochschullehre im Semesterwochen-Rythmus in Räumen an der Uni und die Studierenden, die sich sehr schnell virtuell vernetzen, dort ihre sozialen Kontakte suchen, sich zu Lerngruppen und in der Freizeit verabreden und kommunizieren. Es wäre für beide Gruppen sinnvoll, wenn diese Welten selbstverständlicher zusammenwachsen würden.

Jan: Wie kommt es eigentlich, dass viele Hochschullehrer noch nicht einmal die Grundlagen drauf haben, z.B. gut gestaltete PowerPoint -Folien?

Marianne Merkt: Da würde ich sagen, das liegt an der fehlenden hochschuldidaktischen Weiterbildung. Es liegt auch daran, dass die hochschuldidaktische Weiterbildung seit Bestehen der hochschuldidaktischen Zentren ein Nischenleben geführt hat. Und es liegt daran, dass an deutschen Hochschulen traditionell erst die wissenschaftliche Qualifikation kommt, dann sehr lange nichts und dann irgendwann die Lehre. Diese Wertigkeit ist mit dem Bologna-Prozess in Bewegung geraten und durch die Studienreformprozesse und die Prozesse, die im Hintergrund als Organisationsentwickung und Veränderung der Hochschullandschaft aktuell stattfinden, wurde die Hochschullehre wieder zu einem wichtigeren Punkt an Hochschulen gemacht.

Jochen: Welchen Beitrag kann den Medienkompetenz dazu leisten, die Hochschullehre zu verbessern?

Marianne Merkt: Wir sehen Medienkompetenz als ein Teil der hochschuldidaktischen Kompetenz. Das heißt, erst wenn man den spezifischen Lerngegenstand und die spezifischen Lernprozesse in einer spezifischen Lehrveranstaltung verstanden hat, kann man sich überlegen, wie neue Medien und E-Learning gewinnbringend eingesetzt werden können. Die Medienkompetenz besteht dann natürlich auch darin, einschätzen zu können, was sich durch ihren Einsatz verändert.
Veränderungen finden ja nicht nur in den Inhalten statt. Durch den Einsatz von Lernmodulen gibt es eine neue Aufteilung in beispielsweise Selbststudienphasen, in denen Lernmodule eingesetzt werden können und in Phasen asynchronen Arbeitens, in denen ein erster Austausch unter den Studierenden erfolgen kann, so dass dann die Präsenzveranstaltungen genutzt werden können , um die Ergebnisse der Selbststudienphase und der Arbeitsgruppenphasen zusammenzuführen und weiterzuentwickeln.

Didaktik in der Hochschullehre

merlot: Didaktik ist ja so eine Sache – bräuchte jeder Hochschullehrer einen Master of Higher Education?

Marianne Merkt: Ich denke nicht, dass jeder Hochschullehrende einen Master of Higher Education braucht. Wenn Hochschullehrende Weiterbildungsworkshops in Hochschuldidaktik nutzen, um ihre Lehre weiter zu entwickeln, dann ist das für einen Großteil der Hochschullehre völlig ausreichend. In dem Moment aber, wo es um innovative Ansätze um Projekte um Studienreformen und Veränderungen der Strukturen geht, ist eine Ausbildung wie der Master of Higher Education von großem Nutzen.

Fabian: Wie motiviert man HS-Lehrende, sich für Didaktik zu interessieren?

Marianne Merkt: Hochschullehrende sind dann motiviert, sich mit Hochschuldidaktik auseinander zu setzen, wenn ihnen deutlich wird, dass ihnen die Hochschuldidaktik hilft, ihre eigenen ihnen wichtigen Lerngegenstände und wissenschaftlichen Positionen den Studierenden mitzugeben und wie sie problematische Situationen, die sich ihnen in der Lehre stellen, besser lösen können. Ein hochaktuelles Beispiel ist die Gestaltung der studienbegleitenden Prüfungen, die eine viel höhere Relevanz in der Hochschullehre bekommen haben.

Fabian: Ist ein Qualifizierungsprogramm für Hoschschuldidaktik nicht zu unspezifisch? Wie werden die Fachdidaktiken berücksichtigt?

Marianne Merkt: Das ist eine sehr alte Auseinandersetzung der Hochschuldidaktik mit den wissenschaftlichen Disziplinen. Wenn man die hochschuldidaktischen Paradigmen ernst nimmt, dann beschäftigt sich die Hochschuldidaktik damit, wie Forschung und Wissenschaft den Studierenden kommuniziert, erklärt, verständlich gemacht werden kann und wie sie daran teilhaben können. Das heißt, als Hochschuldidaktiker kommen wir gar nicht umhin, uns als erstes mit den Inhalten der Lehre der Teilnehmenden auseinander zu setzen, bevor wir uns damit beschäftigen können, wie die Lernprozesse der Studierenden unterstützt werden können. Wir müssen also immer fachspezifisch vorgehen. Trotzdem gibt es übergreifend Aspekte, die der Hochschuldidaktik sehr wichtig sind, wie beispielsweise die Auseinandersetzung in interdisziplinären Workshops mit den Wissenschafts- und Fachkulturen unterschiedlicher Disziplinen. Sozusagen der Blick über den Tellerrand, der in einer heutigen Wissenschaftskultur besonders wichtig ist.

Erfahrungen mit dem Studiengang

Moderator: Als letzte Frage für heute:

simone: Den Studiengang gibt es jetzt ja schon eine Weile. Haben auch die Studiengangsanbieter etwas dazu lernen können? Können Sie uns an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lassen?

Marianne Merkt: Wir haben eine ganze Menge in den letzten zehn Jahren gelernt. Eine wesentliche Erfahrung war, dass es wichtig ist, die Perspektive der Teilnehmenden in die Weitergestaltung von Studiengängen mit einzubeziehen. Eine weitere wesentliche Erfahrung ist, dass der Austausch der Lehrenden im Studiengang untereinander, die ständige Diskussion darüber, wie z.B. Modulprüfungen am besten durchgeführt werden müssen, damit sie auch didaktisch sinnvoll sind – oder wie wir es bewerkstelligen können, dass die Flexibilität in der Wahl der Lehrveranstaltung für die Teilnehmenden erhalten bleibt – zwischen Teilnehmenden, Lehrenden und Leitenden des Studiengangs ein wesentliches Qualitätsmerkmal bei der Weiterentwicklung des Studiengangs gewesen sind.
Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist, dass Forschungsprojekte am ZHW über die forschenden Personen, die gleichzeitig Workshops im Studiengang anbieten, in die Lehre des Studiengangs integriert werden.

Letzte Worte

Moderator: Das waren 90 Minuten e-teaching.org-Expertenchat. Vielen Dank an Marianne Merkt für Ihre Antworten. Und natürlich vielen Dank an unsere Nutzer für die vielen Fragen. Frau Merkt, vielleicht noch ein Schlusswort?

Marianne Merkt: Im Moment ist in den Hochschulen in Deutschland sehr, sehr viel in Bewegung. Für viele unserer Kolleginnen und Kollegen sind diese Veränderungen bedrohlich. Ich denke, dass gerade diese Veränderungen, so hart wie die Belastungen sind, die sich daraus ergeben, aber auch viele Chancen eröffnen. Wir versuchen, diese Chancen für die Hochschullehre aus Sicht der Hochschuldidaktik möglichst gut zu nutzen. Ich würde mir wünschen, dass wir mit diesem Engagement möglichst viele Hochschullehrende anstecken können.

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