“Ehrenamtliche Betätigung verleiht Schlüsselkompetenzen”

Am 15. September 2008 war Staatssekretär Georg Wacker live im Chat des Baden-Württembergischen Kultusministeriums in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. In 90 Minuten beantwortete er zahlreiche Fragen zum Thema "Ehrenamt".

Moderator: Gleich zu Beginn die Frage an unseren Gast: Herr Wacker, können wir starten?

Georg Wacker: Jawohl.

ninive: Mal ganz allgemein gefragt: Was unternehmen Sie, um das Ehrenamt in Baden-Württemberg zu fördern?

Georg Wacker: Das Ehrenamt muss auf der politischen Bühne stets präsent sein. Im Ministerrat und in den Regierungsfraktionen ist das Ehrenamt bzw. das unentgeltliche Engagement der Menschen für die Gesellschaft häufig Thema. Auch bei den anstehenden Haushaltsberatungen werden die unterschiedlichen Förderbereiche des Ehrenamts insofern berücksichtigt, als dass voraussichtlich keine Kürzungen vorgenommen werden.

Colonel Kurtz: Hallo Herr Wacker, eine tolle Sache mit dem Chat hier! Was könnten wir denn in Ostdeutschland von euch Schwaben in puncto Ehrenamt lernen?

Georg Wacker: Die Sparsamkeit würde ich nicht als Beispiel erwähnen. Ich empfehle Ihnen gerne, die Vereinsstruktur unseres Landes genau anzuschauen. In vorbildlicher Weise engagieren sich Menschen aus allen Altersgruppen in den unterschiedlichen Bereichen des Ehrenamts. Der Freiwilligensurvey der Bundesregierung aus dem Jahr 2004 belegt, dass wir eine hervorragende Engagementquote in unseren ehrenamtlichen Strukturen haben: 42 Prozent aller Baden-Württemberger engagieren sich auf diesem Feld. Also: Es gibt gute Gründe für Sie, nach Baden-Württemberg zu kommen, um sich hier umzuschauen – und bitteschön nicht nur in Schwaben!

Moderator: Zwei Fragen zum gleichen Thema:

Ratio83: Die Bewerbungsfrist für den Echt gut!-Ehrenamtswettbewerb ging am 12. September zu Ende. Können Sie schon etwas zu den eingesendeten Beiträgen sagen?

Georg3: Wie viele Beträge wurden zum Echt gut!-Ehrenamtswettbewerb eingesendet? Was sind das für Beiträge?

Georg Wacker: Wir sind bisher sehr zufrieden. Vor kurzem lief der Anmeldeschluss ab. Uns liegen nunmehr ca. 1.100 Bewerbungen vor. Damit haben wir eine vielfältige Auswahl für die Preisverleihung. Allerdings werden die Jurien in den sechs Kategorien eine Gewinnerauswahl im Zeitraum ab Mitte Oktober treffen. Eine Mitwirkung per Internet ist ab diesem Zeitraum möglich.

Ishta: Wieso gibt es keine bezahlte Freistellung für politische Bildung in Baden-Württemberg, so dass Ehrenamtliche auch Wochenseminare oder Tagesveranstaltungen besuchen können?

Georg Wacker: Eine bezahlte Freistellung für ehrenamtliche Tätigkeiten oder für Bildungsmaßnahmen nimmt das Land nicht vor. Allerdings darf ich darauf verweisen, dass Baden-Württemberg eine vorbildliche Lösung gefunden hat, ehrenamtlich Engagierten einen Rechtsanspruch für eine unentgeltliche Beurlaubung zu gewähren. Das Gesetz zur Stärkung des Ehrenamts in der Jugendarbeit wurde erst vor wenigen Monaten verabschiedet mit dem Inhalt, dass Ehrenamtliche mit Vollendung des 18. Lebensjahres zehn Tage unentgeltlichen Urlaub in Anspruch nehmen können und Jugendliche mit Vollendung des 16. Lebensjahres und Auszubildende fünf Tage, mit dem Ziel, ehrenamtlichen Tätigkeiten nachzugehen.

tachauch: Schön wäre doch auch, wenn eine unbezahlte Freistellung immer möglich wäre. Leider sieht die Realität ganz anders aus.

Georg Wacker: Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Allerdings hat eine solche Regelung nur Sinn, wenn sich Beschäftigte und Unternehmen einvernehmlich auf einen Zeitraum verständigen, in dem sich der Ehrenamtliche im Rahmen seiner Freistellung engagiert. Eine Freistellung gegen den Willen des Arbeitgebers zu beantragen befördert nicht unbedingt ein gutes Beschäftigungsklima. Letztlich muss der Arbeitgeber das ehrenamtliche Engagement des Beschäftigten aus innerster Überzeugung mittragen.

tachauch: Leider haben zu viele Jugendliche zu viel Angst, diesen Sonderurlaub zu beantragen. In vielen Unternehmen wird den Ehrenamtlichen bei Genehmigung des Sonderurlaubs auch gleich vermittelt, dass dies eine einmalige Ausnahme bleiben muss.

Georg Wacker: Ich nehme diese Sorgen nicht selten wahr. Allerdings mache ich gerade den jungen Erwachsenen Mut, auf die Notwendigkeit des ehrenamtlichen Engagements hinzuweisen, denn ehrenamtliche Betätigung verleiht Schlüsselkompetenzen, beispielsweise die Aneignung von Führungsqualitäten, wovon auch der Arbeitgeber profitiert. Darauf sollten die Antragsteller auch hinweisen.

Moderator: Unsere Chatterinnen und Chatter interessieren sich weiter für den Ehrenamtswettbewerb Echt gut!:

juniper: Was für Beiträge zum Wettbewerb wurden denn in den letzten Jahren prämiert? Können Sie da ein paar Beispiele nennen?

Peter Enis: Haben Sie auch schon einige Kuriositäten bei Echt Gut! erlebt?

Georg Wacker: Darf ich Ihnen den Tipp geben, einfach auf die Homepage dieses Wettbewerbs zu schauen. Dort finden Sie die Wettbewerbe der letzten Jahre und auch Beispiele der verschiedenen Preisträger. Die Adresse lautet: www.echt-gut-bw.de.

Moderator: Im Vorfeld konnten unsere Chatterinnen und Chatter darüber abstimmen, welche Fragen Ihnen besonders wichtig sind. Diese schaffte es auf Platz 1:

Susanne: Ehrenamt trifft oft auf Professionalität und es entstehen Spannungsverhältnisse. Wie kann ich mich als Ehrenamtliche verhalten, um nicht ausgenutzt zu werden. Gibt es eine Art Schiedsstelle für derartige Anliegen?

Georg Wacker: Ehrenamt und Professionalität sollen sich ergänzen. Es gibt viele Bereiche, wo Professionelle auf Ehrenamtliche angewiesen sind. Beispielsweise gibt es nicht wenige Bibliotheken, wo das qualifizierte Fachpersonal ehrenamtliche Helferinnen und Helfer auch mit qualifizierten Aufgaben einbezieht. Jeder Ehrenamtliche soll Mann oder Frau genug sein, mit Selbstbewusstsein das Engagement zu vertreten. Wenn dies geschieht, ist eine Ausnutzung weitgehend ausgeschlossen. Eine Schiedsstelle für Konfliktfälle kenne ich nicht. Im konkreten Fall hilft immer noch die direkte Aussprache.

Nibbler: Tauschen Sie sich auch mit den Kollegen aus den anderen Bundesländern aus – der "Ehrenamts"-Stammtisch?

Georg Wacker: Sie äußern eine interessante Idee. Ich hätte nichts gegen einen Ehrenamtsstammtisch auf Länderebene. Allerdings habe ich leider die Erkenntnis, dass auf Regierungsebenen der Länder in wenigen Fällen Ehrenamtsbeauftragte existieren. Ich möchte nicht alleine an einem solchen Stammtisch sitzen.

Ishta: Unentgeltliche Beurlaubung kann sich privat kaum ein Ehrenamtlicher leisten, es sei denn seine Organisation, für die er aktiv ist, zahlt den Ausfall. Eine vorbildliche Lösung würde ich dies nicht nennen!

Georg Wacker: Leider ist es zu früh, erste Erfahrungen nach der Novellierung des oben beschriebenen Gesetzes vorzunehmen. Da ich viele Ehrenamtliche kenne, die selbst einen Teil ihres Jahresurlaubs für z.B. die Betreuung von Jugendlichen in Ferienlagern verwenden, bin ich hier nicht pessimistisch. Grundsätzlich möchte ich betonen, dass der Staat die Aufgabe hat, den Rahmen für das ehrenamtliche Engagement zu schaffen. Allerdings beinhaltet Ehrenamt nicht, dass die öffentliche Hand ein Entgelt für dieses Engagement entrichtet.

Rainer Wolfcastle: Was ist denn der "Geheimtipp", um sich ehrenamtlich zu engagieren, also was sollte mehr in die Öffentlichkeit gerückt werden?

Georg Wacker: Eine positive Lebenseinstellung kann zu diesem Engagement führen. Ich beobachte, dass vermehrt soziale Einstellungen zu mehr Engagement führen und dass auch etwas Selbstzweck zu diesem Engagement führt. Denn immer mehr junge Menschen erkennen, dass neben schulischen Qualifikationen auch Eigenschaften, die man beispielsweise im Sportverein oder in der kirchlichen Jugendarbeit erwirbt, für den beruflichen Werdegang von Nutzen sein können. Von Unternehmen höre ich, dass vermehrt bei Bewerbungsgesprächen auch nach solchen Aktivitäten gefragt wird, also ist etwas Selbstzweck für die Übernahme einer ehrenamtlichen Funktion durchaus legitim.

juniper: Wie sollte dieser vom Staat geschaffene Rahmen denn nach Ihren Wünschen aussehen?

Georg Wacker: Ich spreche nicht nur von Wünschen, sondern auch von der Realität. Erst vor kurzem hat der Bundesgesetzgeber unter Mitwirkung der Länder die Steuergesetzgebung dahingehend verändert, dass Ehrenamtliche deutlich davon profitieren. Der Landesgesetzgeber fördert ganz bewusst die außerschulische Jugendbildungsarbeit, damit die verbandliche Jugendarbeit die Möglichkeit hat, Ehrenamtliche für ihre Aufgaben zu qualifizieren. Übrigens hat die Landesregierung zu Beginn dieser Legislaturperiode trotz großer Haushaltszwänge mit dem organisierten Sport und der organisierten Jugendarbeit Solidarpakte geschlossen, die unter anderem zum Inhalt haben, dass bis zum Ende dieser Legislaturperiode keine Einsparungen vorgenommen werden. Das sind Beiträge der Politik für den Rahmen, der für das Ehrenamt notwendig ist.

Melfi: Wird es die Ehrenamtsgala weiter geben?

Georg Wacker: Ja! Die Ehrenamtsgala für den diesjährigen Wettbewerb "Echt gut! – Ehrenamt in Baden-Württemberg" findet am 16. Januar 2009 statt.

schnarchi: Herr Wacker, ich finde es gut, dass Sie die Fragen im Live-Chat nicht scheuen. Ich selbst bin im Computerbereich beschäftigt und bislang nicht ehrenamtlich engagiert. Gibt es Möglichkeiten, meine EDV-Fähigkeiten hier zu nutzen oder müsste auch ich Glühwein verkaufen und Sandsäcke füllen? :)

Georg Wacker: Ich glaube schon. Mittlerweile hat jeder Verein oder andere ehrenamtliche Initiativen einen Internetauftritt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass diese Aktiven gerne auf Ihre Unterstützung bauen würden. Ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass unter Umständen der betreffende Verein viel Geld sparen könnte. Darf ich Sie weiterempfehlen?

Ishta: Da ich beruflich überwiegend außerschulische Jugendbildungsarbeit organisiere, kann ich Ihnen sagen, dass ich die Förderung des Landesgesetzgebers nicht spüre!

Georg Wacker: Dazu müsste ich Näheres über Ihr Tätigkeitsfeld wissen, um Ihnen präzise sagen zu können, welche Förderungen Sie in Anspruch nehmen könnten.

Schekker: Was glauben Sie, woran es liegt, dass man in Deutschland mit ehrenamtlichen Tätigkeiten keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt? In den USA ist das ganz anders – da ist jeder gerne ein Volunteer!

Georg Wacker: Ich muss Ihnen leider widersprechen: Die bundesweiten Untersuchungen ergeben, dass gerade wir in Baden-Württemberg einen Zuwachs von Ehrenamtlichen haben. Der oben erwähnte Freiwilligensurvey der Bundesregierung ergab, dass sich nach der Untersuchung im Jahr 1999 39 Prozent der Bürger ehrenamtlich engagierten und im Jahr 2004 42 Prozent. Auch der Anteil der Jugendlichen ist in diesem Zeitraum gestiegen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Formen des Engagements sich gewandelt haben. Die dauerhafte Bindung für das ehrenamtliche Engagement hat nachgelassen, dafür aber das projektorientierte Engagement zugenommen. Dies hat viele Gründe: Beispielsweise ist es für viele Berufstätige schwierig, regelmäßig Wochenstunden für das Ehrenamt zur Verfügung zu stellen, wenn die Arbeitszeiten in zunehmendem Maße unregelmäßig werden und gleichzeitig die notwendige berufliche Mobilität zunimmt. Diese Begründung ist nur ein Beispiel für das veränderte Verhalten im Bezug auf das Ehrenamt. Nach der letzten Umfrage des Freiwilligensurveys haben sich nur 26 Prozent der Befragten geäußert, sich nicht unentgeltlich engagieren zu wollen.

Rrrrrolf: Wie ist es denn um die Qualitätssicherung der ehrenamtlichen Tätigkeiten bestellt? Ist da jeder Verein für sich selbst verantwortlich oder gibt es auch eine Art übergreifende Kontrolle?

Georg Wacker: Eine staatliche Kontrolle gibt es natürlich nicht. Es steht auch dem Staat nicht zu, den autonomen Verbänden und Trägern des Ehrenamts auf die Finger zu klopfen. Die meisten ehrenamtlichen Bereiche in unserem Land sind verbandlich organisiert und die Verbände entwickeln für ihre Arbeit vor Ort, die häufig im Verein geschieht, Standards und damit Qualitätsmaßstäbe, die zu beachten sind.

Ishta: Super, wir sollen uns heute darüber freuen, dass keine weiteren Einsparungen vorgenommen werden, anstatt mehr Geld zu investieren. Wenn rechte Parteien wieder Aufwind haben, wird dann gefragt, wo die Ehrenamtlichen sind, die außerschulische Jugendbildung machen? Ich bekomme fast nur Studenten, die in der Lage sind, ihre Arbeitszeiten selbst zu gestalten.

Georg Wacker: Vielleicht haben extreme Parteien deswegen in Baden-Württemberg geringere Chancen als anderswo, weil Kommunen und Bundesland Baden-Württemberg ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung ehrenamtlicher Strukturen gerichtet haben. Es gibt natürlich Bereiche, wo wir zusätzliches Geld für das Ehrenamt in die Hand nehmen. Beispielsweise setzen wir einen besonderen Schwerpunkt in das Jugendbegleiterprogramm, wo Menschen aller Altersgruppen am Entwicklungsprozess von Schulen beteiligt werden, die dort ergänzende Angebote unterbreiten. Natürlich muss der Haushaltsgesetzgeber auf finanzpolitische Prioritäten setzen. Unmittelbar vor der Sommerpause hat der Ministerrat eine Bildungsoffensive BW beschlossen mit einem finanziellen Umfang von ca. 500 Millionen Euro für die nächsten Jahre. Wenn dieses Paket auch nicht unmittelbar dem Ehrenamt zugute kommt, wirken diese Maßnahmen dennoch zur Stärkung der Bildung präventiv gegen Radikalismus.

R.N. Amt: Welche Programme haben sich für die Förderung des Ehrenamts am besten bewährt?

Georg Wacker: Unmittelbare Vergleiche sind schwer möglich. Wir haben beispielsweise ein Schülermentorenprogramm, wo Jugendliche ab 14 Jahren auf Führungsaufgaben vorbereitet werden. Seit 1999 läuft dieses Programm mit großem Erfolg. Ca. 20.000 Schülermentoren wurden bisher ausgebildet. Daneben gibt es beispielsweise die Förderung von Jugendbildungsreferenten, die für die Jugendverbände die konzeptionelle Arbeit gestalten. An diesen beiden Beispielen sehen Sie, dass unmittelbare Vergleiche der Einzelmaßnahmen schwer möglich sind.

Branich: Wie sind Aufwandsentschädigungen für Ehrenämter zu versteuern?

Georg Wacker: Der Bundesgesetzgeber hat erst kürzlich die Übungsleiterpauschale erhöht. Jährlich kann ein Betrag bis zu 2.100 Euro steuerlich geltend gemacht werden. Daneben gibt es die Ehrenamtspauschale von jährlich 500 Euro. Diese wurde erst neu eingeführt. Wenn Sie konkrete Fragen haben, setzen Sie sich bitte mit dem Vereinssachbearbeiter Ihres Finanzamtes in Verbindung. Nach Vorgabe des Finanzministeriums BW hat jedes Finanzamt einen unmittelbaren Ansprechpartner für Ehrenamtliche und Vereine.

verein: Mal eine Frage aus Vereinssicht: Sie sagen, dass sich recht viele Menschen ehrenamtlich engagieren. Dennoch schwinden bei unserem kleinen Sportverein die Mitglieder – und die Bereitschaft, auch am Wochenende mal undankbarere Aufgaben zu übernehmen. Wie könnten wir da entgegenwirken?

Georg Wacker: Landesweit ist gerade beim Sport kein Rückgang der Ehrenamtlichen zu verzeichnen. Die Mitgliederzahlen steigen. Allerdings kann es durchaus geschehen, dass in einzelnen Vereinen die Engagementquote nachlässt. Das kann besondere Gründe haben, die vor Ort zu suchen sind. Um Ihnen hier Ratschläge zu geben, müsste ich Ihre Vereinsstruktur und vor allem das örtliche Umfeld genauer anschauen. Ich biete Ihnen gerne an, dass wir hier in einen brieflichen Kontakt treten, damit ich Ihnen konkret nach Studium Ihrer besonderen Situation antworten kann.

Rrrrrolf: Gibt es eigentlich nur in Baden-Württemberg einen Ehrenamtsbeauftragten oder gibt es den auch in anderen Bundesländern? Was waren die Beweggründe, diese Stelle einzurichten?

Georg Wacker: Mir ist nicht bekannt, dass andere Bundesländer auf Regierungsebene einen Ehrenamtsbeauftragten eingesetzt haben. Allerdings haben alle Bundesländer in der Administration jeweilige Ansprechpartner. In der vorletzten Legislaturperiode des Landtags hat Ministerpräsident Erwin Teufel zum ersten Mal einen Ehrenamtsbeauftragten berufen. Unser jetziger Kultusminister Helmut Rau hatte damals das Amt inne. Damit wird die besondere Bedeutung des Ehrenamts für die Landesregierung betont.

El: Warum wurde die Unterstützung des Projekt JES (Jugend engagiert sich) durch die Landesstiftung nicht fortgeführt? Denn nun wurde zum Beispiel in Stuttgart das sehr erfolgreiche Projekt eingestellt.

Georg Wacker: Die Landesstiftung Baden-Württemberg hat die Aufgabe Impulsförderungen vorzunehmen. Deswegen werden Projekte in der Regel nur auf Zeit bewilligt. Das Ziel der Förderung ist es, eine Entwicklung vor Ort anzustoßen. Aus diesem Grund war dieses Projekt JES von Anfang an zeitlich befristet.

rare: Wie sollen Jugendliche für ehrenamtliche Tätigkeiten gewonnen werden, wenn sie an vier von fünf Wochentagen Unterricht bis 17.15 Uhr haben? Meine Tochter musste deshalb ihre Vereinstätigkeit aufgeben.

Georg Wacker: Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihre Tochter an vier bis fünf Wochentagen verpflichtenden Unterricht bis ca. 17.00 Uhr besucht. Die Einteilung des Nachmittagsunterrichts ist auch eine Frage des Stundenplanmanagements. Ich kann Ihnen nur berichten, dass viele Schulen, beispielsweise Ganztagesschulen die ehrenamtlichen Angebote der Vereine berücksichtigen oder gar in den Schulbetrieb einbinden. Damit muss nicht zwingend ein Widerspruch entstehen zwischen dem Nachmittagsunterricht und dem ehrenamtlichen Engagement. Auch in diesem Fall müsste ich genau Ihre Schule kennen, um eine Einschätzung darüber vorzunehmen, inwieweit den Jugendlichen Zeit verbleibt, sich ehrenamtlich zu betätigen.

godzilla110: Stehen ähnliche Projekte wie JES für die Zukunft im Raum?

Georg Wacker: Die Landesstiftung hat Bildungsprojekte als Schwerpunkte ihres Förderkatalogs. Es ist durchaus möglich, dass in der neuen Förderperiode neue Konzepte zur Einbindung des bürgerschaftlichen Engagements entwickelt werden. Über die neue Förderperiode im nächsten Jahr wird im November entschieden.

Geheimagent Dr. Kwai: Könnten Sie dem Herrn Ministerpräsidenten nicht einmal vorschlagen, eine Initiative im Bundesrat für bundesweite Förderung des Ehrenamts zu starten?

Georg Wacker: Ich habe oben das Paket vorgestellt, das die steuerliche Entlastung der Ehrenamtlichen vorsieht. Dieses Entlastungspaket ist in einigen wesentlichen Punkten auf die Initiative Baden-Württembergs zurückzuführen. Gerade kürzlich hat die Landesregierung eine Bundesratsinitiative beschlossen, wo die Haftungsrisiken für Vereinsvorstände reduziert werden sollen. Ob wir hier eine Mehrheit im Bundesrat finden, ist noch nicht absehbar. Natürlich hat auch der Bund Ehrenamtsförderprogramme, beispielsweise den Bundesjugendplan. Bei konkretem Interesse können Sie sich beim Bundesministerium für Familien, Frauen, Senioren und Jugend informieren.

Heinz Wager: Wie kann man eine Bürgerstiftung gründen? Welche gesetzliche Regelungen sind zu beachten und wo bekommt man Unterstützung?

Georg Wacker: Auch hierüber können Sie sich im Internet präzise informieren. Die Internetadresse lautet: www.die-deutschen-buergerstiftungen.de

Pott: Ich stelle immer wieder fest, dass sich Menschen zwar engagieren wollen, aber keine Bereitschaft zeigen z.B. an Schulungen oder Fortbildungen. Wie erreicht man eine zuverlässige Verbindlichkeit?

Georg Wacker: Die Verbände des Ehrenamtes, beispielsweise die Verbände des Sports, der Laienmusik und des Naturschutzes, legen großen Wert auf Fortbildungsangebote für ihre Funktionsträger vor Ort. Sie werben auch dafür. Sicher gibt es für den einen oder anderen eine Hemmschwelle, eine solche Fortbildung zu besuchen. Aber diejenigen, die die Zeit dafür aufbringen, bereuen diese Maßnahmen in den seltensten Fällen. Man muss einfach Überzeugungsarbeit dafür leisten, dass beispielsweise Fortbildungen für Jugendleiter nicht nur dem jeweiligen Verein zugute kommen, sondern auch einen persönlichen Gewinn bedeuten.

maurice: Vernichtet das Ehrenamt volle sozialversicherungspflichtige Stellen?

Georg Wacker: Nein, das ist mir nicht bekannt. Dort, wo Ehrenamtliche beispielsweise bei Sozialeinrichtungen mit einbezogen werden, ersetzen sie keine professionelle Kräfte. Sie sind ergänzend tätig. Die beruflichen Standards verbieten es, auf Professionalität zu verzichten.

nataku: Herr Wacker, wie stellen Sie sich das Zukunft des Ehrenamts vor? Was würden Sie sich wünschen?

Georg Wacker: Ich wünsche mir, dass eine neue Untersuchung ergibt, dass wieder mehr Menschen sich im Ehrenamt engagieren. Diese Entwicklung kann nur eintreten, wenn in zunehmendem Maße die Menschen aller Altersgruppen erkennen, dass sie persönlich davon profitieren.

Ishta: Nochmal zurückzukommen auf das Gesetz zur Stärkung des Ehrenamts: In den 18 Monaten hatte ich gerade zwei Fälle, in denen Jugendliche dies in Anspruch genommen haben. Wobei ich einer der größten Organisationen im Landesjugendring angehöre. Daher habe ich Interesse zu erfahren, wann Sie eine Zwischenbilanz des neuen Gesetzes ziehen möchten?

Georg Wacker: Mit dem Vorstand des Landesjugendrings habe ich besprochen, dass wir nach einem gewissen Zeitraum eine erste gemeinsame Bestandsaufnahme vornehmen. Sie werden es mir sicher nicht verdenken, wenn ich Sie auf diesem Weg darauf verweise, dass der Landesjugendring Ihnen sicher gerne diese Informationen übermittelt. Ich bin persönlich sehr daran interessiert, die Wirkung des Gesetzes zu untersuchen.

Schekker: Was halten Sie von einer Verpflichtung für eine "ehrenamtliche" Tätigkeit? Man hat ja früher schon mal darüber diskutiert, da fast alle jungen Männer zur Bundeswehr mussten, Frauen aber nicht. Ist so ein "Zwang" mit der "Ehre" des Amtes vereinbar?

Georg Wacker: Ich sehe die Notwendigkeit nicht. Der Vergleich mit dem Grundwehrdienst hinkt, da mittlerweile die wenigsten jungen Männer im wehrpflichtigen Alter verpflichtend in den Grundwehrdienst einberufen werden. Die Gesellschaft muss die Reife haben, selbst zu erkennen, dass jeder Einzelne seinen individuellen Beitrag für die Gemeinschaft erbringen muss.

ollo: Aus den USA kenne ich es, dass durch zentrale kommunale Einrichtungen der Schritt zur ehrenamtlichen Tätigkeit viel geringer war, als er das hier ist. Wer ein paar Stunden frei hat, der kann dort hin gehen und von jetzt auf gleich etwas tun, etwa alte Leute bespaßen. Wäre dies kein Ansatzpunkt für Baden-Württemberg?

Georg Wacker: Wenn Sie sich spontan sozial betätigen wollen, haben Sie sicher die Möglichkeit ein Altenheim in Ihrer unmittelbaren Nähe aufzusuchen. Wenn Sie dort Ihre Hilfe zeitweise anbieten, kann ich mir gut vorstellen, dass man Ihr Angebot dankbar aufgreift.

clows: Herr Wacker, sind Sie ehrenamtlich tätig?

Georg Wacker: Ja, ich bin ehrenamtlich Landesvorsitzender des Bibliotheksverbandes Baden-Württemberg. Darüber hinaus betreue ich ehrenamtlich verschiedene Funktionen in der CDU. Bevor ich im Jahr 1996 Landtagsabgeordneter wurde, habe ich verschiedene Funktionen im kulturellen Bereich wahrgenommen. Begonnen habe ich mit 16 Jahren erste ehrenamtliche Erfahrungen in der kirchlichen Jugendarbeit (KJG) zu sammeln.

Bernd Schuster: In einigen Bezirken Berlins laden die Bezirksämter ihre Ehrenamtlichen zu Veranstaltungen ein, auf denen auch Prominente ehrenamtlich auftreten. Für die Ehrenamtlichen ist solch eine Art Dankeschön für die Arbeit sehr wichtig. Es zeigt, dass auch von offizieller Seite eine Wertschätzung erfolgt.

Georg Wacker: Ich stimme Ihnen zu. Öffentliche Ankerkennung ist für die Ehrenamtlichen sehr wichtig. Unser landesweiter Wettbewerb "echt gut! – Ehrenamt Baden-Württemberg" soll besonders diesem Zweck dienen. Daneben bieten viele Kommunen solche Veranstaltungen an, um besonders Engagierte zu würdigen. Gerade der Internationale Tag des Ehrenamtes am 5. Dezember bietet hierfür für viele Kommunen Anlass.

Moderator: Das waren 90 Minuten Internet-Live-Chat auf www.ehrenamt-bw.de. Vielen Dank an unsere Chatterinnen und Chatter für die Fragen und vielen Dank an Staatssekretär Georg Wacker für die Antworten. Das Chatteam wünscht allen Beteiligten noch einen schönen Abend!

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