“Die Spiele an China abzugeben war ein Fehler”

Am Mittwoch, 30.4.08, war Thomas Hölzl vom Chinawatchblog zu Gast in der Blogsprechstunde von politik-digital.de und den Blogpiloten. Er sprach über den Tibetkonflikt, die Berichterstattung des Westens über China und einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele.

Moderator: Hallo und herzlich willkommen in der Blogsprechstunde, dem Chat von politik-digital.de und den Blogpiloten. Heute ist Thomas Hölzl, Blogger beim Chinawatchblog, unser Gast.
Ab 19:00 Uhr geht es los, Ihre Fragen können Sie gerne auch jetzt schon stellen.
So, bei uns ist es jetzt 19:00 Uhr. Kurze Frage an unseren Gast: Können wir starten?

Thomas Hölzl: Ja, ich bin bereit.

 

Thomas Hölzl
Thomas Hölzl,

 

Moderator: Hier kommt die erste Frage:

Tron: Sollen deutsche Sportler die Spiele boykottieren?

Thomas Hölzl: Das muss jeder Sportler für sich selbst entscheiden. Für sinnvoll halte ich es kaum, da für den verzichtenden Sportler ein anderer nachrückt. Dann lieber vor Ort aktiv werden.

Moderator: Passend dazu:

Thorsten: Käme ein Boykott der Olympischen Spiele nicht einer Isolation Chinas UND Tibets gleich und damit alle Chancen auf eine positive Entwicklung vertan?

Thomas Hölzl: Es gibt viel Für und Wider. Die Lage der Tibeter wird durch einen Boykott sicherlich nicht verbessert. Die chinesische Regierung würde die Schuld natürlich wieder in Richtung Tibet schieben und auf ihrer Haltung beharren, was die Lage nicht einfacher macht.

Sammy: Wie könnte man denn vor Ort aktiv werden?

Thomas Hölzl: Es gibt bereits einige Aktionen, beispielsweise das Freundschaftsband oder 9fingersfortibet. Da die Sportler aber während der Wettkämpfe nicht politisch aktiv sein dürfen, bedarf es der Phantasie der Athleten

Moderator: Unsere Nutzer konnten schon im Vorfeld Fragen stellen und bewerten. Diese Frage wurde am besten bewertet:

leona: Sollten Sport und Politik nicht insofern voneinander getrennt werden, dass man da von einem Boykott des Sportgeistes wegen Abstand nimmt?

Thomas Hölzl: In meinen Augen war es ein Fehler, die Spiele überhaupt an China zu geben. Es mag mir nicht eingehen, warum man die Chinesen schon damit belohnt hat, bevor überhaupt etwas geschehen ist. Zu hoffen, dass sich dauerhaft etwas ändern wird, dürfte ein wenig naiv sein. Ich fürchte, wenn Olympia vorbei ist, wird wahrscheinlich das Rad zurückgedreht und die Verbesserungen, die es bis jetzt in China gibt (und die gibt es wirklich) sind Vergangenheit. Die Sache mit dem Boykott ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt viel Für und Wider. Ein Boykott ist aber wohl nicht wahrscheinlich und so sollten die Sportler Protestaktionen starten, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu bewerkstelligen sind und die Reporter müssen kritisch und mit offenen Augen berichten.

Naar: Wie kann China sich vor den Augen der Welt vielleicht rehabilitieren?

Thomas Hölzl: Da kommt es darauf an, bei wem in der Welt. Will man in der westlichen Welt rehabilitiert werden, gibt es bestimmte Regeln, die unser zivilisiertes Zusammenleben eben ausmachen. Da passen Unterdrückung, Ausbeutung, Umweltzerstörung und Technologieklau eben nicht ins Bild. Gerade heute habe ich erst wieder eine dpa-Meldung gelesen, nach der die Körper exekutierter Menschen ans Ausland verkauft wurde. Solange sich da nicht grundlegend etwas ändert, wird das schwer.

Frauke: Sind die Olympischen Spiele dieses Jahr nicht eine Farce, schon bevor sie begonnen haben?

Thomas Hölzl: Man muss zwei Seiten unterscheiden: Politisch werden die Spiele von der chinesischen Führung zur Propaganda ausgeschlachtet werden, wo es nur geht. Da gilt es von den Sportlern gegenzusteuern.
Zum anderen die sportliche Seite: China ist in der Vergangenheit schon mehrmals wegen Dopingvergehen aufgefallen. Mit den Spielen im eigenen Land hat man da natürlich noch einen "Heimvorteil". Wenn ein Dopingkontrolleur ins Land kommt, wissen die Sportler schon vorher Bescheid und können entsprechend reagieren. Alles in allem werden es sicherlich keine so lockere und freudige Spiele wie vor vier Jahren. Trotzdem wird das chinesische Volk begeistert sein und für eine gute Stimmung an den Sportstätten sorgen.

Haiko: Bei uns wächst die Angst vor China als Weltmacht, wie stehst du dazu bzw. was ist deine Meinung dazu?

Thomas Hölzl: Keine Frage: China ist eine aufstrebende Weltmacht. Dazu hat sie Atomwaffen und eine Führung, die keine demokratischen Grundregeln kennt. Allerdings haben die Mächtigen erkannt, dass sie ohne Europa, Russland und die USA nicht überleben können. Die UdSSR seinerzeit hat sich komplett vom Rest der Welt abgekapselt, das wird China nicht machen, zu eng sind die wirtschaftlichen Verflechtungen. Zu eng die Abhängigkeiten.

Mario: Verhält sich Deutschland korrekt gegenüber China?

Thomas Hölzl: Richtiges Verhalten – puh – es gibt wohl kein allgemeingültiges Rezept. Sieht man es aus dem Blick der Wirtschaft, sind wir zu kritisch. Aus Sicht der Menschenrechtler sind wir zu harmlos. Frau Merkel hält sich bisher vornehm zurück, kritisiert kaum, empfängt aber den Dalai Lama und provoziert die chinesische Führung damit umso mehr. Die chinesische Kultur unterscheidet sich grundlegend von unserer. Die Chinesen sind sehr leicht verschnupft und bei harter Kritik schalten sie eher auf stur. Gefragt wird also eher stille Diplomatie sein, nur fürchte ich, unsere Politiker gehen da mit zu wenig Elan an die Sache.

Haiko: Dürfen andere Nationen denn so einfach den Zeigefinger gegen China erheben? Interventionen sind ja quasi ausgeschlossen, wie können andere Länder vielleicht für mehr Demokratie und Menschenrechte in China sorgen?

Thomas Hölzl: Ja, sie müssen sogar. China will Handel mit uns treiben. Da können wir auch verlangen, dass sie sich an Grundregeln halten, die die Weltgemeinschaft vor vielen Jahren festgelegt hat.

Moderator: Kommen wir zur Berichterstattung über China und den Tibetkonflikt:

Noog: Die Tibeter haben sich ja nicht ganz unschuldig verhalten und wohl auch gewalttätig randaliert. Kommen Sie in den Medien zu gut weg?

Thomas Hölzl: Das Volk in Tibet wird seit Jahrzehnten unterdrückt. Der Dalai Lama predigt schon immer Gewaltverzicht. Irgendwann steht jedes Volk gegen seinen Unterdrücker auf.
Trotzdem waren es nur vereinzelte, die gewalttätig wurden, wie viele es waren, wird man nie wirklich erfahren. Unsere Medien verurteilen aber meiner Meinung nach zu Recht das chinesische Militär, wenn auch die Berichterstattung ein wenig zu subjektiv wurde.

Moderator: Nachfrage dazu:

Chan: Hallo Thomas, ich bin selber Chinese in Deutschland und finde es schade, wie einseitig hier über mein Land berichtet wird. Wie siehst du das?

Thomas Hölzl: Die deutsche Presse polarisiert schon immer gerne. Auch seriöse Medien verfallen in den Boulevardstil, wenn es Quoten bringt. Gerade der Fackellauf in Paris mit der Gewalt gegen die Rollstuhlfahrerin hat gezeigt, dass auch gerne mal etwas ignoriert wird, wenn es gerade nicht in die Nachrichtenstimmung passt. Da wird gerne mal die Objektivität vergessen. Auch wir müssen uns da manchmal am Riemen reißen.

Sullivan: Durch die Nachrichten gewinnt man immer den Eindruck, China stünde kurz vor dem Kollaps (Rohstoffe, Überbevölkerung etc.). Wie siehst du das?

Thomas Hölzl: Der Überbevölkerung steuert man seit Jahren rigide entgegen und hat den gewünschten "Erfolg". China treibt aber seit Jahren einen gewaltigen Raubbau an der Natur und an seinem Volk. Für den wirtschaftlichen Erfolg werden Flüsse hemmungslos mit Abwasser vergiftet und ganze Landstriche in Stauseen versenkt. Die Bauern werden einfach enteignet und wer protestiert, landet im Gefängnis. Irgendwann wird sich das rächen.

Somoli: Glaubst du an eine chinesische Volks-Revolution?

Thomas Hölzl: Nein, das Volk hat keine Möglichkeit, sich objektiv zu informieren.
Ein organisierter Widerstand ist nicht möglich. Jeder Protest wird blutig nieder geschlagen.
Ich glaube auch, das Massaker am Platz des himmlischen Frieden ist auch den Chinesen noch gut im Gedächtnis.

Ogada: Welche Rolle, glaubst du, spielen Blogs bei der Berichterstattung aus China/Tibet?

Thomas Hölzl: Blogs haben den großen Vorteil, dass sie frei sind. Klar beziehen wir unser Wissen auch aus den großen Medien, müssen uns aber nichts darum scheren, ob uns ein Chefredakteur einheizen könnte. Ich glaube auch, dass die Blogszene besser vernetzt ist und man so Infos kommen kann, die sonst vielleicht untergehen. Natürlich besteht eine Gefahr, dass wir Falschmeldungen aufsitzen, aber davor ist man bei der Süddeutschen auch nicht sicher, wie die Geschichte mit den Visa für Studenten gezeigt hat. Was wir aber auf jeden Fall machen, ist dass wir eine Diskussion anfachen.

Markus: Wie seid ihr auf die Idee eines Chinawatchblogs gekommen?

Thomas Hölzl: Die Idee hatte ich schon, als der Aufstand in Burma war. Die Tibetkrise war jetzt der Auslöser. Wenn man die Wirtschaftnachrichten hört, könnte man meinen, China sei ein Goldesel für die deutsche Wirtschaft. Vor ein paar Jahren gingen bei uns hier in Bayern viele Firmen nach Tschechien und in die Slowakei, weil man sonst ja nicht mehr hätte überleben können. Jetzt muss man nach China. Dass bereits schon wieder ein paar Firmen drüben aufgeben, weil sich das Engagement nicht rentiert hat, leist man kaum. Zusammen mit Olympia also genug Themen, um zu schreiben.

Antje: Ihr kommt ja im Blog ziemlich boykottmäßig rüber, glaubt Ihr nicht, dass so Aktionen wie das Freundschaftsband oder 9fingersfortibet mehr bringen?

Thomas Hölzl: Wir haben Tibet nur als Startschuss für das Blog genommen. Uns geht es nicht nur um Tibet, denn die Menschenrechte werden auch in allen anderen Landesteilen in fast jeder Beziehung verletzt. Es geht auch nicht darum, was mehr oder weniger bringt. Ausschlaggebend ist die gemeinsame Solidarität. Ob sich das durch ein Bändchen oder durch eingeklappte Finger äußert, ist egal. Wichtig ist nur, dass es auf der ganzen Welt verstanden wird, worum es bei den Aktionen überhaupt geht.

Sandra: Kennst du gute, möglichst neutrale Quellen zu China? Also halbwegs objektive Berichterstattungs-Portale?

Thomas Hölzl: Mein Stammsender im Radio ist Bayern2. Die recherchieren sehr gut und haben gute Telefoninterviews. Von den großen Zeitungen kann ich die Neue Züricher Zeitung empfehlen. In deren Feed findet man fast täglich Meldungen, die sich in der Schreibweise doch ein wenig von Spiegel, Stern oder SZ unterscheiden. Die NZZ ist übrigens auch eine meiner ersten Quellen, wenn es um Afrika geht. Dazu dann noch Blogs nach Wahl, die Suchmaschinen geben da viel her.

Moderator: Unsere letzte Frage für heute:

Faber: Wie soll es nach den Olympischen Spielen mit dem Chinawatchblog weitergehen? Was plant ihr noch?

Thomas Hölzl: Wie gesagt, Tibet war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlauf gebracht hat. Mir liegt gerade der Umweltschutz sehr am Herzen. Immer mehr gentechnisch veränderte Lebensmittel aus dem Land der Mitte kommen bei uns in den Handel. Dazu dann der Kapitalismus in Reinkultur, der unseren westlichen Wirtschaftbossen gerade recht kommt.
Wie es leider so oft ist, muss hinter den wirtschaftlichen Beziehungen alles andere anstehen. Da muss es ein Umdenken geben und ich glaube, bis das so weit ist, müssen wir noch viele Beiträge schreiben. Um das Ganze auch nicht zu eintönig werden zu lassen, versuchen wir auch immer wieder, qualifizierte Gastschreiber zu bekommen, die ein wenig mehr Einblick in das Land haben.

Moderator: So, das waren 60 Minuten Blogsprechstunde. Vielen Dank an unsere Nutzer für die vielen Fragen. Und ganz besonderen Dank an unseren Gast Thomas Hölzl. Das Protokoll dieses Chats können Sie in Kürze auf den Seiten von politik-digital.de und bei den Blogpiloten nachlesen. Das letzte Wort für heute hat unser Gast:

Thomas Hölzl: Vielen Dank auch von mir, das war eine ganz neue Erfahrung und ich würde mich freuen, wenn ich viele Besucher von heute zukünftig auch auf unserer Seite begrüßen dürfte. Jeder darf bei uns kommentieren und im Gegensatz zu China wird bei uns nicht zensiert.

Moderator: Wir wünschen allen noch einen schönen Abend und sagen Auf Wiedersehen!

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