“Die Sache mit StudiVZ war nicht geplant”

Am 8. Mai war Jörg-Olaf Schäfers
von YAMB.BETA2 zu Gast in der Blogsprechstunde von politik-digital.de
und den Blogpiloten. Er diskutierte mit den Nutzern über die
Grenzen seiner Öffentlichkeit, seinen Streit mit StudiVZ und
die Glaubwürdigkeit kommerzieller Blogger.

Moderator: Hallo und herzlich willkommen zur Blogsprechstunde
von politik-digital.de in Kooperation mit den Blogpiloten. Heute
zu Gast: Jörg-Olaf Schäfers. Der Medienwissenschafts-Student
bloggt auf YAMB.BETA2 und auf medienrauschen.com. Bekannt wurde
er, als er Sicherheitsmängel im StudiVZ aufdeckte. Um 16.00
Uhr geht es los. Ihre Fragen können Sie gerne jetzt schon stellen,
wir Moderatoren sammeln sie und leiten sie dann an Jörg-Olaf
Schäfers weiter. Viel Spaß im Chat.Jörg-Olaf Schäfers

Moderator: So, hier ist es 16.00 Uhr. Olaf, können
wir anfangen?

Jörg-Olaf Schäfers: Klar, gerne

Moderator: Im Vorfeld haben die Nutzer bereits
Fragen stellen und darüber abstimmen können. Die drei
Fragen mit den meisten Bewertungen starten jetzt den Chat: Hier
die erste:

Nutzer2: Wie reagieren Kollegen und Bekannte,
wenn sie in deinem Blog auftauchen?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich vermeide, allzu
private Dinge zu bloggen, vor allem, wenn sie Bekannte betreffen.
Ich frage da sogar bei Fotos und hasse selber nichts mehr, als wenn
jemand auf einer Party rumknippst, um die Bilder anschließend
ins Netz zu stellen. Ziemlich strange ist es übrigens, wenn
einen in der Uni oder auf der Straße wildfremde Menschen anlächeln
oder vorwurfsvoll anschauen, weil sie etwas im Blog gelesen haben
– und man weiß einfach nicht, warum. Oder in Gesprächen,
wenn man auf Dinge aus dem Blog angesprochen wird, die man selber
längst wieder vergessen hat. Da fühlt man sich irgendwie
nackt.

Moderator: Dazu eine direkte Nachfrage:

Kawumm: Warum hältst du deine Person so zurück?
Willst du unerkannt bleiben?

Jörg-Olaf Schäfers: Nein, das nicht.
Aber ich muss auch nicht unbedingt mein Privatleben komplett in
die Öffentlichkeit eines Blogs verlagern.

Nutzer1: In einem Kommentar hast du angedeutet,
das Blog eventuell löschen zu wollen, wenn du eine neue Stelle
suchen solltest. Ist das Ernst gemeint? Könnte dein Blog ein
Jobkiller sein?

Jörg-Olaf Schäfers: Mein privates Blog
war ursprünglich als öffentlicher Schmierzettel gedacht,
nie als Plattform für durchrecherchierte Geschichten oder „Veröffentlichungen",
wie zum
Beispiel medienrauschen. Es ist, glaube ich, wie bei Kneipengesprächen:
Abends in vertrauter Rund sind die oft großartig. Monate später
aus dem Zusammenhang gerissene Details können aber zu bösen
Missverständnissen führen. Blame Google ;)

Moderator: Nachfrage zu medienrauschen:

data: Wie bist du dazu gekommen, bei medienrauschen
zu bloggen?

Jörg-Olaf Schäfers: Das war im Sommer
2004. Damals kam das Thema Blogs gerade erstmals in Mode. Ich war
einfach neugierig ;).

Moderator: Kannst du noch mehr dazu erzählen?
Von wem ging da die Initiative aus?

Jörg-Olaf Schäfers: So genau weiß
ich das gar nicht mehr. Ich glaube, ich kannte ein oder zwei Leute,
die bereits für medienrauschen schrieben. Ich glaube, ich habe
mich einfach mit einer kurzen Mail bei Thomas Gigold beworben und
gefragt, ob ich mitschreiben darf.

Lakota: Wie unterscheiden sich deine Inhalte von
YAMB.BETA2 von denen auf medienrauschen?

Jörg-Olaf Schäfers: Yamb war als mein
ganz persönlicher Sandkasten gedacht. Für Blogbasteleien,
Scripte, die Akzeptanz von Werbung und verschiedenen Stilformen,
und so weiter. Also alles das, was ich bei medienrauschen nicht
hätte tun können, ohne mich richtig unbeliebt zu machen.

Moderator: War als Sandkasten gedacht? Hat sich
das denn verändert?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich wusste damals
nicht, wie oder ob es sich entwickelt. Die Geschichte mit StudiVZ
zum Beispiel war ja nicht geplant.

Moderator: Stichwort StudiVZ:

lachsack: Hattest du damit gerechnet, mit deiner
Kritik an StudiVZ so viele Reaktionen loszutreten?

Jörg-Olaf Schäfers: Nein, überhaupt
nicht. Anfangs habe ich nur ziemlich naiv ein paar Dinge notiert,
die mir merkwürdig vorkamen. Als die Diskussion dann Öffentlichkeit
bekam, entstand ein ganz eigentümlicher Druck. Plötzlich
war da sowas wie eine Verantwortung, Usern und Betreibern gegenüber.
Ich habe ziemlich oft überlegt, was ich in welcher Form schreiben
kann. Und wem.

student: Wie haben eigentlich die Betreiber von
StudiVZ auf deine Recherchen reagiert?

Jörg-Olaf Schäfers: Ziemlich spät
und wohl auch nur aus der Überlegung, dass das, was ich schreibe
nicht gerade förderlich für die Bilanz ist. Wobei, mit
Arash Yalpani aus der Technik hatte ich kurz vorher schon Kontakt.
Das lief auf einem durchaus fairen und offenen Level.

Moderator: Was kamen da genau für Reaktionen?

Jörg-Olaf Schäfers: Von StudiVZ?

Moderator: Ja.

Jörg-Olaf Schäfers: Mmh, darüber
darf ich doch gar nicht sprechen ;). Nun Arash hat zum Beispiel
kurz die Situation erklärt. Das war imo [meiner Meinung nach,
Anm. d. Red.] für beide Seite eine akzeptable Grundlage. Zumindest
hilfreicher, als einfach loszuschreiben. Bei den anderen Gesprächen
ging es sicher auch darum, auszuloten, was meine Motivation ist.
Und wie man eventuell gegensteuern könnte.

Rullermunk: Warum darfst du denn nicht darüber
reden?

Jörg-Olaf Schäfers: Wir haben vereinbart,
dass Details der Gespräch unter den Beteiligten bleiben. Sich
daran zu halten, finde ich fair.

Adrian: Mehr Insiderdetails über die Recherchen
bitte (musst ja keine Namen nennen) – hattest du Informanten?

Jörg-Olaf Schäfers: Sicher. Das Problem
dabei war, dass jemand, wo man recht schnell auf eine Verbindung
kommen konnte, sich lange aus der Sache herausgehalten hat.

Sebastian: Kennst du dich mit Journalismus und
Recherchieren aus?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich hoffe doch.
Auch wenn ich kein klassisch ausgebildeter Journalist bin. In meinem
Studium ist das nur ein Teilbereich.

stiller: StudiVZ läuft ja trotz allem ganz
gut. Woran liegt das? Haben die Nutzer kein Interesse mehr am Schutz
ihrer Daten?

Jörg-Olaf Schäfers: Es funktioniert,
weil es wunderbar einfach ist. So wie Google früher. Die Nutzer
denken oftmals nicht an so abstrakte Dinge wie Datenschutz. Wobei
sich die Situation meiner Meinung nach ein bisschen verändert
hat. Zumindest in meinem Bekanntenkreis haben viele ihre Profile
angepasst/bereinigt und achten nun schon darauf, was sie von sich
veröffentlichen.

stupidusername: Hattest du eigentlich Kontakt
zu Don Alphonso, der auch über StudiVZ recherchiert hat? Habt
ihr euch abgesprochen?

Jörg-Olaf Schäfers: Nun ja ;). Ist ja
kein großes Geheimnis, dass Don und ich keine großen
Freunde waren und wohl auch nicht werden. Natürlich gab es
während der Geschichte und auch heute noch immer mal wieder
Kontakt. Ausgetauscht haben wir uns auch immer wieder, wobei ich
seine Information vielleicht noch kritischer geprüft haben,
als die anderer. Trotzdem hat er natürlich einen guten Job
gemacht und einige interessante Dinge ausgegraben.

Rcok: Was würdest du anders machen, wenn
dir wieder so ein Coup wie mit StudiVZ gelingt?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich habe das nie
als Coup gesehen und hätte auf die „Prominenz" dadurch
auch gerne verzichtet. Das Problem war auch, dass ich zu Beginn
überhaupt nicht wusste, wie es sich entwickelt. Da bin ich
an einige Dinge eventuell zu oberflächlich herangegangen.

teichtier: Was hatte die Prominenz denn für
Nachteile?

Jörg-Olaf Schäfers: Man muss sich andauernd
erklären: Warum man Dinge tut, was die Motivation ist, ob man
keine anderen Hobbys hat und so weiter. Und letztendlich ist da
plötzlich eben auch so eine diffuse Verantwortung. Man schreibt
nicht mehr für 50 Bekannte, sondern für 5000 und mehr
unbekannte Leser. Von möglichen juristischen Konsequenzen mal
abgesehen. Da geht es ja auch um eine Menge Geld.

Moderator: Direkte Nachfrage zu den Userzahlen:

rik42: Hat sich die StudiVZ-Geschichte eigentlich
langfristig auf deine Userzahlen ausgewirkt? Also heute noch?

Jörg-Olaf Schäfers: So genau habe ich
das gar nicht beobachtet. In der Hochphase waren es sicherlich weit
mehr als im (ohnehin schwachen) Sommer zuvor. Inzwischen, wo ich
mich nicht mehr so mit dem Thema beschäftige, sind es gut ein
Drittel weniger als im damaligen Durchschnitt.

Moderator: Kleiner Themawechsel, (fast) weg vom
StudiVZ, hin zu neueren Plattformen:

Trapper: Was hältst du von Nico Lummas neuem
Projekt Shoppero?
Ein zweites StudiVZ, was den Datenschutz angeht?

Jörg-Olaf Schäfers: *seufz* Ich habe
mich bisher noch nicht näher mit dem Portal beschäftigt.
Einfach, weil mit diesen Empfehlungsportalen generell nicht viel
anfangen kann. Und technisch, nun ich halte nicht viel von „release
early, release often", diesem angeblichen Web 2.0-Paradigma.
Fehler passieren nun mal, aber man muss sie nicht künstlich
provozieren. Mmh, vielleicht kommt aber noch ein weiteres Problem
dazu: Dieser offene Dialog, ein fehlerhaftes Projekt vorzustellen
und mit Hilfe einer Community zu entwickeln, scheint in Deutschland
nicht zu funktionieren: fehlerhaft = unfertig, noch nicht komplett
durchgetestet.

Moderator: Gibt es internationale Beispiele, wo
das besser funktioniert?

Jörg-Olaf Schäfers: In den USA soll
es besser funktionieren. Ich mag nun ungern schreiben, dass wir
in Deutschland dazu neigen „Dinge kleinzumachen" .oder
„kaputtzuschreiben". Aber manchmal wundert mich schon,
wie da auf Projekte oder Leute eingeprügelt wird.

repoda: Ist Deutschland also nicht bereit für
diese ganzen Beta-Testphasen?

Jörg-Olaf Schäfers: Keine Ahnung, das
müsste man mal näher untersuchen.

Dutchfries: Was hältst du eigentlich von
(bezahlter) Arbeit im Web 2.0 – oder funktioniert das Ganze nur
nach dem Prinzip Andere arbeiten lassen (AAL)?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich habe überhaupt
kein Problem damit, mich bezahlen zu lassen. Es muss nur immer klar
sein, wer bezahlt und warum. War das missverständlich? Klar,
war es. Ok, ich würde natürlich nicht alles machen, aber
wenn zum Beispiel ein McWinkel eine Spielekonsole testet oder andere
Autos ist das für mich solange ok, wie die Hintergründe
dieser Deals transparent sind.

Candarel: Verlieren Blogger ihre Glaubwürdigkeit,
sobald das Ganze einen kommerziellen Aspekt bekommt?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich glaube nicht.
Viel schlimmer ist es, wenn man seine Leser an der Nase herumführt
oder ein Blog rein aus kommerziellen Erwägungen führt.

parttimer: Die Blogosphäre ist in solchen
Fällen aber meistens höchst ungnädig – schnell wird
hier negativ geschrieben. Oft auch voreilig, oder?

Jörg-Olaf Schäfers: Ja, das ist eine
Sache, die mich immer wieder irritiert. Wenn Kritik gerechtfertigt
ist, darf sie auch gerne hart sein. Mitunter habe ich aber das Gefühl,
dass das da eher Selbstgerechtigkeit im Spiel ist.

Moderator: Ich glaube, die nächste Frage
spielt auf die Ck-Parfüm-Kampagne in Weblogs an:

parttimer: Ist die Blogosphäre in deinen
Augen so machtvoll, dass sie Dinge kaputtmachen kann (siehe In2
et cetera)?

Jörg-Olaf Schäfers: Schwierige Frage.
Ich glaube nicht, dass ein einzelner „A-Blogger" (schrecklich,
oder?) ein Thema alleine runterschreiben kann. Wenn eine Geschichte
wirklich stinkt, kann die Blogosphäre aber durchaus für
einigen Rummel sorgen. Da Dinge schnell und leichtfertig übernommen
werden, weil die Situation („wir" vs. „der Gegner")
eindeutig zu sein scheint.

Knick Knack: Wann kommt der Punkt, an denen Agenturen
erst die Blogger um deren Gnade fragen, ob etwas ok ist und dann
die Kampagne starten?

Jörg-Olaf Schäfers: Vermutlich nie.
Allerdings sind Blogger recht gute Trüffelschweine mit einem
Gespür für neue Themen und Entwicklungen. Das wird ja
auch schon von vielen Journalisten genutzt.

Moderator: Zu den A-Bloggern:

teichtier: Findest du A-Blogger schrecklich oder
das Wort ?

Jörg-Olaf Schäfers: Ich finde, dass
die Klassifizierung dem Kulturphänomen Blogs nicht gerecht
wird. Mag sein, dass es in Deutschland vielleicht 50 Blogger gibt,
die Themen vorgeben können, daneben gibt es aber noch gut 30.000
mehr oder weniger aktive Blogger, die nicht weniger „wichtig"
sind. Allenfalls aus Sicht von Menschen, die Meinung machen oder
beeinflussen wollen. Das funktioniert über Blogs aber glücklicherweise
nur bedingt.

Moderator: Kommen wir mal zu deinem eigenen Blog:

Frodondo: Was sind denn deine persönlichen
Lieblingsthemen aus dem Medienbereich?

Jörg-Olaf Schäfers: Puh…Eigentlich
komme ich ja mehr so aus der Video-/Fernseh-Ecke. Und natürlich
rege ich mich auch furchtbar gerne über schlechtes Fernsehen
auf. Ist ja Volkssport. Netzthemen natürlich auch, damit habe
mich mich ja die letzten acht Jahre beschäftigt. Die ganzen
Business-Sachen interessieren mich dabei weniger. Eher was Medien
für die Menschen bedeuten, wie sie sie beeinflussen

Mr. BCT: Nutzt dir dein Medien-Studium in irgendeiner
Form für das Blog?

Jörg-Olaf Schäfers: Natürlich,
auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat. Ich schreibe in meinem
privaten Blog oft einfach drauf los. Ganz grundsätzlich achte
ich aber schon auf Dinge wie Recherche, versuche juristische Fallen
zu umgehen (Urheberrecht, Persönlichkeitsrechte … ) und nicht
zuletzt hoffe ich, auch ein Gefühl dafür zu haben, was
man besser nicht schreibt.

karfunkel: Welche Medienblogs findest du besonders
gelungen?

Jörg-Olaf Schäfers: Ui, das von Florian
Steglich
zum Beispiel entwickelt sich prima. Stefan
Niggemeiers
privates Blog mag ich auch, den Popkulturjunkie
immer mal wieder. Bei der Tagesschau merkt man auch schön,
dass da Menschen sitzen, die wissen, wovon sie reden – auch im Job.
Ach, und Wortfeld
von Alexander Svensson und viele viele mehr.

repoda: Wie bewegst du dich eigentlich im Internet
– was surfst du an und wie lange?

Jörg-Olaf Schäfers: Darf ich den Joker
ziehen? Natürlich bin ich jeden Tag viel zu lange im Netz.
Einmal schon in der Uni, im Job, oft auch noch privat. Außerdem
bin ich ich wohl ein Newsjunkie. Das heißt, ich lese viele
Newsticker, vieles inzwischen via RSS. Kommunikation mit Bekannten,
Freunden und Kollegen meist über IRC (Internet Relay Chat)
oder Instant Messenger wie Jabber.

Moderator: Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft:

Flitzer: Eine Zukunftsprognose bitte: Wie sieht
das Internet in einem Jahr aus (gerne auch in fünf Jahren)?

Jörg-Olaf Schäfers: *lach* Ich habe
keinen blassen Schimmer. Grundsätzlich würde ich mir natürlich
wünschen, dass wir alle das Netz besser verstehen und nutzen
lernen. Nicht nur Leute, die nachmittags hier bei Poldi an einem
Chat teilnehmen können, sondern wirklich alle Menschen. Aber
ich befürchte, dass das noch ein weiter Weg werden könnte.

Moderator: Das war die Blogsprechstunde von politik-digital.de
in Kooperation mit den Blogpiloten. Nächste Woche chatten wir
mit Nico Lumma über seinen Blogdienst blogg.de, über shoppero.com
und sein Weblog Lummaland, wieder von 16.00 bis 17.00 Uhr. Jetzt
vielen Dank an Olaf für seine Zeit und seine Antworten. Das
letzte Wort gebührt dem Gast:

Jörg-Olaf Schäfers: Oh, schon vorbei?
Dann bedanke ich mich natürlich bei meinen Gastgebern und allen
Teilnehmern. Ich hoffe, es war nicht zu chaotisch. Ein bisschen
stressig ist sowas ja immer ;).

 

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