Chat mit Werner Weidenfeld

WernerWeidenfeld: Hallo es geht los
Moderator: Lieber Herr Prof. Weidenfeld wir freuen uns ganz besonders Sie heute im
BOL-Chat begrüßen zu dürfen!. Wir freuen uns auf eine spannende
Chat-Stunde. Viel Spaß!
Frumm: Wie sehen Sie den Parteispenden Skandal in Bezug auf die deutsche Demokratie?
WernerWeidenfeld: Dies löst eine tiefe Verwundung der politischen Kultur in Deutschland aus
FrankRitter: Haette Schäuble nicht gestern zurücktreten sollen?
WernerWeidenfeld: Dies hätte die Nachfolgegeneration in der Führung der Union mit den alten Schwierigkeiten belastet.
Moderator: dh er ist ein Übergangsvorsitzender bis alles aufgeklaert ist?
WernerWeidenfeld: ja, genau so ist es!
Moderator: Wie lange wird sich in Ihren augen das Drama noch hinziehen?
WernerWeidenfeld: Das wird noch eine längere Zeit dauern, bis der Gesamtkomplex so weit
es geht aufgeklärt ist, da die Beteiligten offenbar kein umfassendes
Interesse an völliger Aufklärung zeigen, wird dies sicherlich noch
ziemlich lange dauern.
ManfredGerlich: Wie sehen sie das Verhalten der anderen partein in Bezug auf die CDU? (Aussage von gestern von Herrn Struck)
WernerWeidenfeld: Ich empfinde die Einlassungen der übrigen Parteien bisher als relativ
moderat. Dies deutet darauf hin, daß sie das Problem einer Grauzone in
der Parteienfinanzierung nicht nur bei der CDU vermuten. Lediglich bei
der Forderung nach Neuwahlen in Hessen scheinen mir die anderen
Parteien über das sachlich gebotene Ziel hinauszuschießen.
moinwerner: Wird ueberhaupt alles zu klaeren sein. Im Morgenmagazin sah heute ein
Kohl-Biopgraph ziemlich schwarz, weil er meinte solange Kohl nichts
sagt (und er wird nichts sagen!) wird die geschichte niemals aufgeklärt
WernerWeidenfeld: Die Sachverhalte werden zum Teil auch auzuklären sein, ohne das Kohl
sein Wissen weitergibt. Schließlich ist er nicht der Einzige, der über
die Informationen verfügt.
Parteispende: Warum kann Kohl nicht gezwungen werden die Namen der Spender zu nennen?
WernerWeidenfeld: Dazu steht kein Instrument zur Verfügung.
Parteispende: Wen vermuten Sie hinter den Spendern?
WernerWeidenfeld: Keine Ahnung.
Annakarenina: Vermuten Sie also, daß auch die SPD oder die Grünen Gefahr laufen in eine Spendenaffäre verwickelt zu sein ?
WernerWeidenfeld: Auszuschließen ist so etwas nicht.
moinwerner: Was halten Sie von Gerüchten, die eine Verbindung zwischen der jetzigen
und der Flick-Affäre ziehen? Ist Kohl als großer Staatsmann überhaupt
noch tragbar? Sollte man ihn nicht wirklich mal härter, sprich
strafrechtlich angehen? Ich habe das Gefühl, dass er längst nicht mehr
"von dieser Welt" ist….
WernerWeidenfeld: Ich schließe nicht aus, dass Restgelder von damals im Ausland geparkt
wurden. Im Blick auf die Konten der hessischen CDU wird dies ja
gegenwärtig geprüft.
pab: Wen sehen Sie in der Verantwortung, die CDU aus ihrer fundamentalen Krise herauszuführen?
WernerWeidenfeld: Dies wird erst die nächste Führungsgeneration tun können, die mit den
Problemen der alten Ära in keinerlei Verbindung steht. Also ist Geduld
angezeigt, Wahlniederlagen der CDU inklusive.
Pelztier: Welche Empfehlungen würden Sie den Landesparteien für ihre derzeitigen Wahlkämpfe geben ?
WernerWeidenfeld: Glaubwürdige Entrüstung mit klaren Sachperspektiven verbinden.
Serdar: Zur Schäubles Spendenannahme: Ich Frage mich warum eine so hohe Spende
von 100.000 DM Bar übergeben wird und nicht überwiesen wird.
WernerWeidenfeld: Gute Frage! Solche hohen Bargeldsummen sind üblicherweise ein Indiz für intransparenten Erwerb des Geldes.
LynX: Kann es sein, daß Kohl in Wirklichkeit ganz andere Dinge verschweigt,
die ihn noch ins Gefängnis bringen würden? Nur so erklärt sich, daß so
ein stolzer Mann mal schnell seinen Ehrenvorsitz an den Nagel hängt!
WernerWeidenfeld: Meine Interpretation ist: Kohl nimmt eine Güterabwägung vor. Er
kalkuliert welche der beiden Alternativen den größeren Schaden
anrichten würde. Offenbar schätzt er den Schaden einer Offenlegung als
größer ein.
zeitenwechsel: Wen verbinden Sie denn mit der nächsten Führungsgeneration? Christian Wulff, Friedrich Merz?
WernerWeidenfeld: Mein Favorit ist Friedrich Merz.
webwolf: Verhindert die Entscheidung des Parteivorstandes, Schäuble zu halten
und im Falle seines Rücktritts mitzutreten nicht einen grundlegenden
Neubeginn, oder ist eine solche Krisenbewältigung in mehreren Stufen
sinnvoll?
WernerWeidenfeld: Man muß die Entwicklung in mehreren Etappen sehen. Unter Schäuble wird
die Aufklärung versucht. Erst dann macht ein Führungswechsel mit einer
langfristigen Perspektive Sinn.
Pelztier
kann es nicht fassen, daß der CDU-Vorstand Herrn Schäuble im Amt hält, haben sich damit nicht alle unglaubwürdig gemacht ?
WernerWeidenfeld: Pelztier: Siehe dazu meine vorherige Antwort!
Moderator: sorry,
timbotheduck: Sind sie schon mal als Berater für Parteien zu diesem Thema hernagezogen worden?
WernerWeidenfeld: Nein
Moderator: Würden Sie einen Auftrag (beispiel CDU) annehmen?
WernerWeidenfeld: Nein.
popster: Eine Frage an den Europa-Experten: Was halten eigentlich unsere
nachbarn von dem Skandal bzw. wird er auch Auswikungen auf unsere
Position in der EU haben?
WernerWeidenfeld: Bei den Nachbarn gibt es eine Mischung aus Überraschung und
Gelassenheit. Einerseits hat man so etwas in Deutschland nicht
vermutet, andererseits sind die Nachbarstaaten wie Frankreich und
Italien Skandale fast alltäglich gewöhnt.
r89869: Ich finde Ihre Antworten großartig! Ich werde mir Ihre Bücher noch intensiver als bisher anschauen!
Haku345: Wie haben Sie denn die Rolle der CDU als Oppositionspüartei in Ihrem
Buch eingeschätzt? Im Moment gibt es ja 0 Opposition, d.h. die SPD kann
machen was sie will. Was ist eigentlich mit der FDP los?
WernerWeidenfeld: In meinem Buch gehe ich auf alle diese Fragen ein. Im Kern geht es
allerdings um die unterschiedlichen Politikverständnisse und Weltbilder
der Ära Kohl im Vergleich zur Generation von Bundeskanzler Schröder.
Ich freue mich über das große Interesse an meinen Büchern und darf eine
anregende Lektüre wünschen.
Moderator: Haben Sie die letzte Frage von Haku345 noch?
WernerWeidenfeld: Vielen Dank für diesen Hinweis! Die FDP droht in Vergessenheit zu
geraten. Ihre einzige Chance besteht nun zur Anlaufstelle enttäuschter
bürgerlicher Wähler zu werden.
webwolf: Wie ist das Dilemma aufzulösen, daß der CDU droht, bei konsequenter
Anwendung der Gesetze bankrott zu gehen, andererseits (bei Schonung der
Partei) aber sicherlich das Vertrauen der Bürger in unser System
schwinden dürfte?
WernerWeidenfeld: die CDU darf jetzt keinen Milimeter von einem radikalen Aufklärungskurs
abweichen, sonst ist ihre Glaubwürdigkeit auch für die nächste
Generation dahin. Mit einem Bankrott der CDU rechne ich nicht.
bugs: Können Sie sich Alternativen zum bestehenden politischen System
vorstellen? Mr scheint gerade die Institutionalisierung durch
Berufspolitiker ein Hauptproblem der derzeitigen politischen Misere (in
allen Parteien) und der verbreiteten Politikverdrossenheit der Bürger
zu sein.
WernerWeidenfeld: Man sollte Defizite einzelner Personen nicht zur Systemfrage
hochstilisieren. In jedem System wird es Verfehlungen geben. Wichtig
ist, dass Regeln vorliegen, die Aufklärung möglich machen.
Frumm: Wie sind Sie zur Politik-wissenschaft gekommen?
WernerWeidenfeld: Das ist eine vielschichtige Frage. Es kamen mehrere Erfahrungen
zusammen. Auslöser war die Beschäftigung mit dem Nazionalsozialismus in
der Schule.
Frumm: Benutzen Sie selber das Internet fuer Buch-Recherchen?
WernerWeidenfeld: Ja.
Frumm: Welche aktuellen Plaene haben Sie grade?
WernerWeidenfeld: Ich werde morgen nach Israel fliegen, weil ich mich auch mit dem
Friedensprozess im Nahen Osten befasse. Als nächstes größeres Buch
plane ich zusammen mit Karl-Rudolph Korte das Handbuch:
Deutschland-Trends. Es wird eine umfassende Bestandsaufnahme der
Probleme und Zukunftsperspektiven unseres Landes beinhalten. Es wird im
Jahr 2001 erscheinen.
gazza: Hatta die Nato nach Ihrer Ansicht das Recht, im Kosovo einzugreifen, und sollte sie dies in Tscheschenien wiederholen?
WernerWeidenfeld: Diese Frage ist sehr kompliziert und nicht mit wenigen Sätzen zu
beantworten. Ich empfehle zu solchen Grundsatzfragen die Lektüre der
von mir herausgegebenen Zeitschrift "Internationale Politik". Dies ist
das führende Fachorgan zu Ihrem Themenfeld.
Student: Beispiel Italien: Da hat sich nach einem etwa vergleichbaren fall eine große Partei aufgelöst. Ist das auch für die CDU denkbar?
WernerWeidenfeld: Nein, dazu fehlt der CDU die emotionale Energie.
BigB: Gibt es nicht schon genug Regeln, die Aufklärung möglich machen, nur dass die CDU sich noch nicht traut? (Stichwort: Beugehaft)
WernerWeidenfeld: Zwangsmittel dieser Art befinden sich nicht in der Hand einer Partei, sondern nur in der Zuständigkeit der Rechtsorgane.
r89869: Wer sollte der naechste Kanzlerkandidat der Union werden? Doch nicht etwa Stoiber????
WernerWeidenfeld: Dies ist jetzt eine völlig unzeitgemäße Frage. Die CDU steckt im tiefem
Jammertal, da wirkt die Frage nach einem Kanzlerkandidaten skuril.
ManfredGerlich: Zu der Antwort von eben: Es ist doch aber nicht wahrscheinlich, daß
Rechtsorgane diese Massnahme gegen Helmut Kohl anwenden, oder?
WernerWeidenfeld: Ich halte dies für höchst unwahrscheinlich, zumal die rechtliche
Substanz der Vorwürfe gegen Kohl persönlich höchst ungeklärt sind.
Student: kann es sein, dass die CDU von Biedenkopf etc. (Rebellen) nun mehr beeinflusst wird? Evtl. sogar Spaltung?
WernerWeidenfeld: Nein!
r89869: Was müßte passieren, damit die CDU noch Wahlsiege bei den nächsten Landtagswahlen einfahren kann?
WernerWeidenfeld: Dazu reicht meine Phantasie nicht aus.
Moderator
lacht
Teahage: Glauben Sie, das ein Ministerpräsident (Koch) nichts von den Finanzen seiner Partei wußte ?
WernerWeidenfeld: Keine Ahnung. Ich möchte nicht bloß spekulieren.
popster: Beschaeftigen Sie sich auch mit dem Internet und den Auswirkungen auf die Politik (siehe z.B. zur Zeit das CDU-Forum)
WernerWeidenfeld: Ja, dazu besteht an meinem Forschungsinstitut, dem Centrum für
angewandte Politikforschung ein großes Forschungsprojekt. Informieren
Sie sich doch dazu auf der Website des Centrums: www.cap.uni-muenchen.de
Annesofia: Sind Sie für Neuwahlen in Hessen?
WernerWeidenfeld: Nein. Die Legitimation durch die Bürger erfolgte im Blick auf bestimmte
politische Positionen, nicht im Blick auf die Finanzierung von
Werbemitteln.
popster: Zu dem Buchprojekt. was sind denn die grossen Probleme Deutschlands ausser dem Spendensumpf?
WernerWeidenfeld: Die Überschriften der Hauptkapitel sind: Geschichtsbewußtsein,
Wirtschaftswelt und soziale Ordnung, Gesellschaft, Kultur, Politik.
Details später.
BigB: Wie sehen Sie unsere Zukunft in der Informationsgesellschaft? Hinken wir international hinterher?
WernerWeidenfeld: Europa hinkt hinterher, aber wir holen auf. Ich bin nicht pessimistisch.
Haku345: Sehen Sie die Entwicklung Europas optimistisch oder eher pessimistisch
Haku345: uups gerade schon geantwortet
Moderator: sorry Herr Weidenfeld… das ging eben zu schenll
popster: Glauben Sie Herrn Schäuble bzw. was halten Sie von den jüngsten Äußerungen Schreibers zur Person Schäuble?
WernerWeidenfeld: Ich halte Schreiber für weit unglaubwürdiger als Schäuble.
Pelztier: inwiefern wird gegen Kohl ermittelt, genießt er nicht noch Immunität wegen seines Bundestagsmandates ?
WernerWeidenfeld: Nein, die Immunität ist aufgehoben worden.
FrankRitter: Ich finde es klasse, daß jemand wie Sie in diesen chat kommt. (Auch
wenn es fast nur über die Spendensumpf Affäre geht. Gruss aus der
Schweiz
webwolf: Sicher ist Herr Schreiber unglaubwürdig und eine ziemlich üble Person,
aber ist es nicht wahrscheinlich, daß er noch irgendwelche dunklen
Machenschaften auspackt??? Welches Interesse leitet den Mann zur Zeit,
so düstere Drohungen auszusprechen?
WernerWeidenfeld: Seine Eitelkeit!
Haku345: Haetten Sie selbst interesse an einem Leben als Politiker bzw. stehen Sie einer Partei nahe, wenn ich das fragen darf?
WernerWeidenfeld: Nein, ich habe mich bewußt für die Politikwissenschaft und nicht für
ein eigenes politisches Mandat entschieden. Die aktuellen Ereignisse
bestätigen mir nachträglich die Richtigkeit meiner damaligen Überlegung.
Moderator: Lieber Herr Prof. Weidenfeld, wir bedanken uns bei Ihnen im Namen von
BOL und politik-digital für diesen sehr spannenden Chat! Und würden sie
gerne noch zu einem abschliessenden statement zum Thema politik &
Internet bitten. Gruss aus Hamburg und Berlin!
webwolf: Gruß auch von den Kölnern!!! War genial!!!
mielein: und aus münchen !
WernerWeidenfeld: Vielen Dank dem Moderator und BOL und Politik digital für diese schöne
Kommunikationsmöglichkeit. Mein Statement lautet: Politik in der
Informationsgesellschaft wird selbst durch die anschwellende
Informationsflut verunsichert und überfordert. So stellt sich die
Frage, wie aus dieser Flut handlungsorientiertes und
zukunftsgestaltendes wissen für die Politik gefiltert und gewonnen
werden kann, für die Entscheider in der Politik mit ebenso grosser
Dringlichkeit wie für die Manager in Industrie und Unternehmen. Servus
aus München. Werner Weidenfeld

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