‘Der islamische Fundamentalismus hat mit dem Islam wenig zu tun.’

Chat mit Prof. Udo
Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg


Udo Steinbach
Ist der Islam böse oder sind wir vorurteilsgeprägt? Diese Frage beschäftigt
seit dem 11. September die Öffentlichkeit. Den Fragen der Chatter stellte
sich am 20. September der 1943 geborene Prof. Dr. phil. Udo Steinbach, seit
1976 Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg und gefragter
Islamexperte.

Gleich die erste Frage betraf den mittlerweile notorischen Begriff des
"Kampfes der Kulturen". Steinbach lehnte ihn als Schlagwort ab, ergänzte
jedoch: "Die Entwicklung der letzten Tage machen mich skeptisch, ob wir
nicht doch in so etwas wie einen Kampf der Kulturen hineindriften. Die
extremistisch islamische Seite spricht vom Dschihad, ein Begriff der
kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in der
Frühzeit des Islam. Präsident Bush auf der anderen Seite spricht vom
Kreuzzug, dass heisst vom Kampf der westlichen Kultur gegen den Islam wie im
11. und 12. Jahrhundert. Solche Rhetorik heizt Emotionen an und erste
Reaktionen von Feindseligkeit sind bereits erkennbar."

Auf den Zusammenhang zwischen der verbreiteten Armut in den arabischen
Ländern und dem islamischen Radikalismus angesprochen, bestätigte Steinbach:
"Ganz gewiss ist dies ein wichtiger Faktor. Die Unterschichten haben ihr
Vertrauen in die politische Führung verloren. Ideologien wie Sozialismus und
Kommunismus haben keine Erleichterung gebracht und die Probleme nicht
gelöst. So flüchtet man nun in die Verheissung der Religion."

Er kritisierte die Medien für ihr mangelhaftes Fingerspitzengefühl in dieser
gespannten Situation: "Die Bilder, die kämpfende und aufgewiegelte Muslime
zeigen, sind insbesondere für das Fernsehen besonders ergiebig. Sie schaffen
auf unserer Seite das Gefühl der Bedrohung durch den Islam und der Abwehr
der Muslime. Demgegenüber sind friedliche Muslime kein Thema der Medien."
Angst entsteht also auch hier in erster Linie durch mangelnde Bildung: "Wir
wissen nicht genug vom Islam, vieles was wir zu wissen glauben, entspringt
interessengeleiteter Propaganda. Es wäre dringend erforderlich, dass an den
Schulen mehr über den Islam gelehrt wird."

Auf den wahrscheinlich bevorstehenden Vergeltungsschlag der USA
angesprochen, rechtfertigte Steinbach grundsätzlich das Recht, sich gegen
einen terroristischen Angriff zur Wehr zur setzen. Er bestand jedoch auf dem
Prinzip der Verhältnismässigkeit: "Aus einem im Prinzip berechtigten Schlag
darf kein Racheakt werden, auch muss in jedem Fall vermieden werden, dass
aus einer Militär-Aktion ein kriegerischer Flächenbrand wird."

Der heute meistgesuchte Terrorist der Welt, Osama Bin Laden, hatte für
Steinbach jenseits der tatsächlichen Schuldfrage eine zusätzliche Bedeutung:
"Es ist schwer zu sagen, inwieweit er für diesen Terrorakt die unmittelbare
Verantwortung trägt. Ganz gewiss hat er Helfershelfer und Mittelsmänner, die
im operationalen Geschehen tiefer verstrickt sind, als er selbst. Auf der
anderen Seite hat er es verstanden über zwei Jahrzehnte (zunächst mit
Unterstützung der USA) ein weltweites Netz des Terrors aufzubauen, über das
auch der Terrorakt in New York durchgeführt worden ist. Die Ausschaltung Bin
Ladens soll zugleich eine Symbolfigur vernichten, die für
islamisch-religiöse Gewalttätigkeit und besondere Brutalität steht."

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