Wir sind das Netz: Kommentar des Autors

Die auf politik-digital.de erschienene Besprechung des Buches “Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern“ von Sonja Bonin kommentiert der Autor Erik Möller.

Kritisch merkt Sonja Bonin an, dass im Buch die alten Medien
“verteufelt” werden, und die “klassischen Medien mit nichts anderem als Zensur und Manipulation beschäftigt zu sein scheinen.”

Zweifellos haben Medien in der Vergangenheit fantastische
Aufklärungsarbeit geleistet. Nicht umsonst findet sich im ersten Kapitel eine Vorstellung der Undercover-Journalistin Nellie Bly, die Ende des 19. Jahrhunderts die furchtbaren Zustände in einem amerikanischen Irrenhaus aufdeckte. Auch die Arbeit Günter Wallraffs wird beispielhaft beschrieben, ebenso nehme ich Bezug auf frühe Untergrundmedien wie Samisdat und auf Pioniere der Medientheorie.

Eine ausführliche Geschichte des investigativen Journalismus würde ich auch gerne einmal lesen – Buchtipps nehme ich dankbar entgegen. Doch diese vereinzelten Erfolge zu sehr in den Vordergrund zu stellen, wäre grob irreführend in einer Welt, in der Krieg, Hunger, Epidemien, Umweltzerstörung, Genozid, Totalitarismus, religiöser Fundamentalismus und die Bedrohung durch Megatonnen-Wasserstoffbomben und biologische Waffen nach wie vor existieren. Resignation oder gar Selbstzufriedenheit sind nicht angebracht. Der schöne Schein muss zerschlagen werden, die Arroganz und Naivität der eigenen gefühlten Sicherheit muss einem globalen Problembewusstsein weichen.

Denn ohne Zweifel für jeden kritischen Medienbeobachter stellt die
massive Machtkonzentration der Medien in den Händen weniger eine
Bedrohung für die freie Meinungsbildung dar. Diese Feststellung, die im Buch auch empirisch untermauert wird, als “naiv” oder abgedroschen abzukanzeln, sehe ich als Beispiel für die tatsächlich naive Präferenz für eine Scheinwelt, in der offensichtliche Probleme mit kindlicher Insistenz geleugnet oder ausgeblendet werden.

Deshalb habe ich im ersten Kapitel dann auch Themen genannt, die ganz konkret in den traditionellen Medien zu kurz kommen, vom internationalen Rüstungshandel über den Alltag in Entwicklungsländern zur politischen und wirtschaftlichen Einflussnahme der Ölindustrie, etwa bei der Unterstützung für Diktatoren und Todesschwadronen. Es fällt mir auf, dass diese Liste im ersten Kapitel bisher in keiner Rezension aufgegriffen worden ist.

Das zeigt mir schon deutlich, dass es hier auch um Tabus geht. Ich bin mir sicher, dass der eine oder andere Leser eine solche Aufzählung im Wortsinne “peinlich” finden dürfte, sich also wirklich unangenehm berührt fühlt. Wer aber beim Lesen einer Liste verschwiegener Probleme Bauchschmerzen bekommt, sollte sich einmal fragen, woher dieses Gefühl stammt – und ob es nicht mitunter deckungsgleich mit den Interessen der Problemverursacher ist.

Wer den tatsächlichen Einfluss und “Bias” der Medien auf solider
empirischer Basis verstehen und ergründen möchte, dem empfehle ich als Einstiegslektüre “Manufacturing Consent” von Noam Chomsky. Kein anderes mir bekanntes Buch zeigt mit derartiger Akribie – detaillierte Tabellen vergleichen, mit wie vielen Zeitungszentimetern welches Thema behandelt wird – wie zumindest die amerikanischen Medien systematisch bestimmte Themen ignorieren. Und wer eine Prise medialer Realität in Deutschland möchte, der gebe doch einfach einmal bei news.google.de die Phrase “notwendige Reformen” ein: beeindruckend, wie viele Medien der Tages- und Wochenpresse sich diese ganz und gar nicht objektive Darstellung zu eigen machen. Auch ein bisschen googeln nach der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” fördert Interessantes zu Tage.

Sicherlich kann mein Buch hier nur Denkansätze liefern. Ich halte es
aber umgekehrt für höchst naiv und gefährlich, sich nicht eingehend mit dieser Problematik zu befassen. Genau darin liegt die Hauptgefahr für die “Civil Society” – und nicht in den von der Rezensentin im nächsten Satz genannten Themen:

“Probleme wie Pornographie und Waffenhandel im Internet werden nur am Rande gestreift.”

Dann streife ich sie jetzt einmal etwas ausführlicher. Zunächst einmal
ist Pornographie für Erwachsene legal. Man kann sie mögen oder nicht, aber unsere moderne Gesellschaft akzeptiert sie schon seit langem. Das gilt sogar in den prüden USA, wo die Zugangsbeschrän-kungen lockerer gehandhabt werden als in Deutschland.

Was die Wirkung von Pornographie auf Kinder und Jugendliche angeht, so habe ich mich bereits in der Vergangenheit intensiv mit der Thematik befasst, unter anderem in Vorträgen vor der Humanistischen Union in Mainz und dem Kongress der European Federation of Sociology in Berlin. Dabei referierte ich auf der Basis einer von mir durchgeführten Analyse die Ergebnisse der Medienwirkungsforschung der vergangenen 30 Jahre. Die Zusammenfassungen können auf meiner Homepage nachgelesen werden (scireview.de/efs/, scireview.de/vortrag/).

Um es kurz zu machen – die Beweislage, dass ein Kind oder ein
Jugendlicher durch das Betrachten eines (gewaltfreien) Sexualakts
irgendeinen Schaden nimmt, ist mit Verlaub gesagt äußerst dürftig.
Insofern weigere ich mich, mir die Problematisierung der Pornographie als Ganzes zu eigen zu machen. Wenn die Autorin an Kinderpornographie dachte und “Pornographie” schrieb (ein häufiger Fehler), ist die Sachlage natürlich anders.

Aber auch hier pflege ich eine differenzierte und kritische Ansicht, die
sich z.B. in meinen Artikeln “Computer sind Waffen” und “Kinder sind
Pornos” niederschlug, in denen ich über eine Tagung der damals noch “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften” genannten Institution berichtete (Link 1; Link 2).

Zunächst einmal wird das Thema massiv seitens der Politik
instrumentalisiert, um Zensur und Kontrollen, gerade im Internet,
durchzusetzen. Da es sich um ein Tabuthema handelt, ist es ideal dazu geeignet. Und das Beste: Man kann danach sagen, die Bürger hätten es ja so gewollt — schließlich haben die Medien zuvor durch eine oftmals hysterische und sachlich falsche Berichterstattung für Stimmung gesorgt.

Natürlich ist die sexuelle Misshandlung von Kindern ein grauenvolles
Delikt. Das gleiche gilt übrigens für die nichtsexuelle Misshandlung von Kindern, die bis auf wenige Ausnahmefälle weit geringere Aufmerksamkeit erfährt. Weder kriminologische Untersuchungen noch therapeutische Erfahrungen bestätigen jedoch das Vorurteil, die Situation habe sich durch das Internet signifikant verschlimmert. Was sich zweifellos erhöht hat, ist die Verbreitung kinderpornographischer Inhalte. Das hängt aber auch nicht allein mit dem Internet zusammen, sondern insgesamt mit dem technologischen Fortschritt, etwa der Möglichkeit, Tausende von Bildern auf eine DVD zu brennen.

Die These, die Verbreitung von Kinderpornographie führe zwangsläufig zu höheren Inzidenzraten sexueller Delikte, ist bislang ohne Beleg. Man könnte sogar umgekehrt spekulieren, dass die große Verfügbarkeit von kinderpornographischem Material im Gegenteil die Nachfrage nach neuem Material senkt, da die pädophilen Konsumenten nicht wie zuvor direkt mit Produzenten in Kontakt treten müssen, sondern sich z.B. in Peer-to-Peer-Netzen Fotos und Videos herunterladen. Eine Analogie zu anderen Inhalten wäre geschmacklos, aber nicht falsch. Die Probleme mit der “Anfix-Hypothese”, Konsumenten von Kinderpornographie steigerten
sich zu immer härteren Materialien, habe ich im Übrigen in den o.g.
Artikeln diskutiert.

Schließlich bin ich der Meinung, dass man auch darüber reden können muss, was Kinderpornographie eigentlich ist: Nacktfotos von 13jährigen? Gewalttätige sexuelle Misshandlungen von kleinen Kindern? Virtuelle 3D-Bilder oder Photoshop-Ergebnisse, bei deren Produktion kein Kind zu Schaden kam? Leider werden diese völlig verschiedenen Arten kinderpornographischer Inhalte oft in der Presse gleichgestellt. Wenn man realisiert, dass Pädophile auch eigene Fantasien einfach als Geschichten niederschreiben, oder sich im Katalog Babyfotos ausschneiden können, wird klar, wie absurd diese Vermischung ist.

Natürlich ist es abartig, wenn Erwachsene kleine Kinder sexuell begehren oder gar Gewaltfantasien hegen. Es muss aber doch immer an allererster Stelle die Frage stehen: Wie können Kinder am besten vor sexueller Misshandlung geschützt werden? Ich glaube nicht, dass Medien oder Politik ein ernsthaftes Interesse daran haben, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach besteht die Antwort nicht in einer verschärften Zensur des Internet.

Wir müssen verstehen, warum Pädophile pädophil sind, und wie sie durch Therapie von der Misshandlung von Kindern abgehalten werden können. Dass die dafür notwendige Versachlichung des Themas nicht stattfindet ist wiederum primär das Verschulden der Medien. Statt dessen fördern sie eine “Schwanz-ab”-Mentalität, die dann wiederum von der Politik mit entsprechenden Gesetzentwürfen nach Schily-Manier beantwortet werden kann.

So traurig das Thema ist, das nachfolgende Beispiel der Rezensentin
entlockte mir dann doch ein leichtes Schmunzeln: “Waffenhandel im
Internet”. (Witzig: die Rezension auf politik-digital.de ist derzeit in
Google an erster Stelle für diese Suchabfrage.) Man sollte vielleicht
doch einmal einen Blick auf die Liste der größten Rüstungsexporteure der Welt werfen und sich die Frage stellen, woher etwa Saddam Hussein seine chemischen Waffen bekam, für deren Gebrauch er jetzt vor Gericht steht.

Rüstungskontrolle ist gerade in Deutschland zu allererst ein ganz und
gar innenpolitisches Thema, das mit dem Internet nun wirklich nicht viel zu tun hat. Das ist offensichtliche Stimmungsmache, und diese zu
übernehmen, ohne das um Größenordnungen bedeutsamere Thema
Rüstungsexport (und Umgehung von Exportkontrollen) auch nur
anzuschneiden (schon ein Hinweis etwa auf die immer noch ausstehende Ächtung von Landminen durch die USA oder den florierenden globalen Kleinwaffenhandel hätte ja genügt), ist genau das, was mir die Rezensentin unterstellt: “naiv und unkritisch”. Wer wissen will, wie schamlos auf dem internationalen Parkett mit Waffen und Söldnern Handel betrieben wird, dem empfehle ich die Lektüre z.B. von “Private Warriors” von Ken Silverstein.

Ich lasse mir viele Vorwürfe machen — etwa Tabulosigkeit, Zynismus,
Pathos und den übermäßigen Gebrauch von Passiven. Naiv und unkritisch zu sein gehört nicht dazu. Auch nicht bei den Entwicklungen, die ich bespreche. Ich habe im Buch beispielsweise sehr deutlich gemacht, dass ich mir unter einer Medienrevolution mehr vorstelle als
Pubertäts-Tagebücher oder einfallsloses Wiederkäuen von Nachrichten bestehender Medien. Und es dürfte wohl keinen anderen ausführlichen Artikel über GNU/Linux im Netz geben, der als Beispiel für die mitunter zu findende idiotische Verblendung innerhalb der Open-Source-Bewegung ein Foto einer öffentlichen Verbrennung von Microsoft-Handbüchern zeigt und auch einzelne Fanatiker beim Namen nennt.

Ganz wie beim oben angesprochenen Thema investigativer Journalismus wäre es aber grob irreführend, etwa den gerichtlich nachgewiesenen massiven und wiederholten Monopolmissbrauch durch Microsoft und die von wahnwitzigen Patenten auf einfachste Mechanismen ausgehende Bedrohung für Entwickler freier Software nicht in aller Klarheit und Deutlichkeit zu dokumentieren. Es geht dabei niemals um blinde Verteufelung, sondern wieder um die Zerstörung von schönen heilen Scheinwelten.

Auch an Wikipedia habe ich schon viel harte Kritik geübt, meist jedoch
in Form konstruktiver Lösungsvorschläge, da das Projekt dafür in der
Regel offen ist. Trotzdem ist es z.B. bemerkenswert, dass es auch nach fast 5 Jahren immer noch nicht den schon sehr früh beschworenen Peer-Review-Mechanismus für Artikel gibt. Die Qualität der Artikel hat eine enorm große Schwankungsbreite, und manchmal ist der Einfluss von Lobbygruppen deutlich spürbar. Wikipedia ist in dieser Hinsicht jedoch sehr selbstkritisch. So findet sich etwa in der englischen Ausgabe ein harter Text mit dem Titel “Criticism of Wikipedia”, der auch Außenseiterpositionen ausführlich wiedergibt.

Schließlich begleite ich auch das von mir initiierte Projekt Wikinews
analytisch und habe versucht, Stärken und Schwachstellen auszuloten. Um es ganz klar zu sagen: Ich bin weder mit der Technik noch mit den Inhalten von Wikinews zufrieden — wir müssen hier noch deutlich besser werden, um eine Alternative darzustellen. Ob das mit diesem Modell überhaupt möglich ist, wage ich noch nicht zu prognostizieren. Ich finde aber Wikinews persönlich spannender als viele andere Bürgerjournalismus-Projekte, die auf sachliche Richtigkeit, Objektivität und Stil oft wenig Wert legen.

Und zur nahe liegenden Frage, warum ich als Autor nicht selbst die
“Geschenke-Ökonomie” für die Veröffentlichung meines Buches nutze: ganz einfach – weil sie noch nicht existiert. Gerade in Deutschland mangelt es an der Verbreitung der dazu erforderlichen elektronischen
Zahlungssysteme, wie aber auch an Plattformen, die zur Verbreitung und Bewertung von freien Inhalten genutzt werden könnten. Dieser Wandel vollzieht sich nur sehr langsam, und je aufwändiger ein Werk ist, desto schwieriger ist es, von klassischen Verwertungsmodellen Abstand zu nehmen. Die Entscheidung für eine freie Lizenz etwa ist nicht allein mir überlassen – der Verlag möchte da ein Wörtchen mitreden. Wir verhandeln hier schon seit einiger Zeit über eine beiderseitig akzeptable Lösung und werden hoffentlich bald zu einer Übereinkunft kommen.

Vor fünf jahren ging ich davon aus, dass die neue Ökonomie der
Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit schon viel früher entstehen wird.
Während es vor allem in den USA einige beeindruckende Erfolgsgeschichten gibt (vielleicht Material für ein neues Buch oder zumindest eine tiefgreifendere Analyse), kann von einer eigenständigen Ökonomie noch kaum eine Rede sein. Ob diese möglich ist, wird sich zeigen. Ich bin davon überzeugt, bin aber auch bereit, meine Ansichten zu revidieren. Auch alternative Vorschläge existieren, bei denen kein Teenager wegen “Raubkopien” ins Gefängnis wandern muss — etwa die “Kultur-Flatrate”, eine monatliche Abgabe, die zur freien Nutzung von Inhalten aller Art ermächtigen würde und deren Gesamtsumme entsprechend eines intelligenten
Schlüssels verteilt würde.

So schwierig es manchmal ist, einen gewissen Optimismus gönne ich mir dennoch. Das mag man für naiv halten — oder aber auch staunend feststellen, wie unterschiedlich die Welt 2005 doch schon von der Welt 1985 ist, und dass uns möglicherweise noch weitaus tiefgreifendere Umwälzungen in den nächsten 20 Jahren bevorstehen. Wikipedia ist das beste Beispiel dafür, wie fundamental Neues praktisch aus dem Nichts entstehen kann. Im letzten Kapitel habe ich deutlich gemacht, dass es kaum möglich ist, realistische Prognosen über positive oder negative Technikfolgen abzugeben.

Optimismus ist deshalb natürlich nicht unbedenklich. Solange man ihn als Chance auf positive Veränderung begreift und nicht als ihre
Unvermeidlichkeit (und damit als Rechtfertigung für die eigene
Untätigkeit), halte ich ihn dennoch für eine sehr gesunde und
motivierende Geisteshaltung.

Mit dieser Replik möchte ich im Übrigen keineswegs den insgesamt
positiven Ton der Buchbesprechung ins Gegenteil interpretieren. Vielmehr ist es mir wichtig, deutlich zu machen, dass ich mir der verschiedenen Problem- und Spannungsfelder durchaus bewusst bin und ich auch keineswegs schon jubelnd dabei bin, die Revolutionsfahne zu hissen. Den kritischen Blick zu schärfen, sowohl für die “neue Welt” als auch für die alte, das ist eines der Anliegen meines Buches.

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