Was eine Bundestagswahl entscheidet

Betrachtungen einzelner Ereignisse, die eine Wahl beeinflussen, gibt es zuhauf. Doch eine umfassende Darstellung einer Bundestagwahl ist selten. Das Buch „Bundestagswahl 2002. Eine Untersuchung im Zeichen hoher politischer Dynamik“ vereint die Beiträge namhafter Autoren der Sozialforschung und gibt den Lesern einen Gesamteindruck über den Verlauf der Bundestagswahl 2002. Sonja Domeyer hat das Buch für politik-digital.de gelesen.


Während des Bundestagswahlkampfs 2002 sah alles nach einem Regierungswechsel aus, die regierende rot-grüne Koalition schien chancenlos. Doch innerhalb weniger Wochen konnte die Koalition das Blatt aus einer scheinbar aussichtlosen Situation heraus wenden und ab dem 22. September 2002 eine weitere Legislaturperiode regieren. Wie war das möglich? Welche Gründe haben den Wähler dazu bewegt seine Meinung zu ändern? Die Antwort ist kompliziert, da Menschen ihre Entscheidungen treffen nachdem sie vorhandene Vor- und Nachteile abgewogen haben. Sie bilden sich ihre Meinung indem sie sich einen Überblick über das Ganze verschaffen. Das Buch „Bundestagswahl 2002. Eine Untersuchung im Zeichen hoher politischer Dynamik“ bietet eine umfassende Gesamtdarstellung und Analyse konkreter Einzelereignisse, die die Wähler in ihrer Entscheidungsfindung für die Bundestagswahl 2002 beeinflusst haben. Es hilft, das Verhalten der Wähler retrospektiv zu verstehen.

14 Teile eines Ganzen

In den einzelnen Aufsätzen werden sowohl die langfristigen Entwicklungstrends der Gesellschaft und das daraus resultierende Wahlverhalten erörtert, als auch die Wirkungen der TV-Duelle, der Irak-Krise und der Elbe-Hochwasser-Katastrophe. In insgesamt 14 Kapiteln wird dem Leser ein empirisch fundierter Überblick über die Einzelereignisse und Faktoren geboten, die auf den Wähler ein Wirkungspotential ausstrahlen. Dabei betrachten die Autoren diese zeitlich nicht punktuell, sondern kontinuierlich, um der Dynamik des Wahlkampfes gerecht zu werden. Den Einstieg finden die Autoren mit der Entstrukturierung des Wählermarktes. Darauf folgt eine Bestandsaufnahme der Bundestagswahl 1998 und eine Bewertung des politischen Willenbildungsprozesses zwischen 1998 und 2002. Das fünfte Kapitel handelt von der Umsetzung der Resultate für die Bundestagswahl 2002, die sich aus der Analyse des Wahlkampfs 1998 ergeben haben. Die Kapitel sechs bis acht beschäftigen sich mit Wahrnehmung und Bewertung der Wahlprogramme, die Problemlösungskompetenzen von Parteien und Politikern und die Images von Spitzenkandidaten. Der Einsatz von konkreten Werbemitteln wird im neunten Kapitel thematisiert. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und Argumente der Analyse erfolgt im zwölften Kapitel, die empirischen Befunde werden im dreizehnten Kapitel zusammengefasst, bevor es im letzten Kapitel um einen Ausblick in die Wählermobilisierung geht.

Wie viel Wirkung darf sein?

Die Personalisierung in der Mediendemokratie findet in den TV-Duellen ihren Höhepunkt. Die Autoren widmen sich diesem Thema ausführlich in dem Kapitel „Die TV-Duelle: Events ohne Effekt?“. Durch eine telefonische Befragung der forsa.ominet-Datenbasis konnten Rückschlüsse auf das Wirkungspotential der beiden Spitzenkandidaten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber gezogen werden. Vorraussetzung dafür ist selbstverständlich, dass diese Duelle überhaupt von den Wählern wahrgenommen wurden; mehr als 25 Prozent der ca. 60 Millionen Wahlberechtigten hatten mindestens eines der beiden TV-Duelle gesehen. Aufgrund dieser Basis ließ sich mit Hilfe einer Regressionsanalyse ein Einfluss auf die Wahlentscheidung der Zuschauer durch die Eindrücke des Schlagabtausches feststellen. Ausschlaggebende Faktoren waren hier das allgemeine Auftreten, rhetorische Fähigkeiten und die Selbstpräsentation der Kandidaten. Berücksichtigt wurden in der Analyse auch die ursprüngliche Kandidatenpräferenz und die Parteiidentifikation. Grundsätzlich wurde das zweite TV-Duell von den Zuschauern als lockerer und flüssiger wahrgenommen, da die Moderatoren während des ersten Duells auf RTL und SAT1 zu sehr auf die Vorgaben zur Durchführung der jeweiligen Parteien geachtet hatten. Der empirische Nachweis der Beeinflussung der Wähler durch TV-Duelle sollte durchaus kritisch betrachtet werden. Denn anders als im Ursprungsland der TV-Duelle wird in der Bundesrepublik nicht in einem präsidentiellen System, welches eine Personalisierung der Politik erfordert, regiert.

Der Nutzen von Katastrophen im Wahlkampf

Welche Wirkungen der Irak-Krieg bzw. das Elbe-Hochwasser auf die Wahlentscheidung der Bürger für die Bundestagswahl 2002 gehabt haben, wurde in der Öffentlichkeit ausgiebig diskutiert. Auch Markus Quandt fragt sich in seinem Aufsatz, ob die Impulse, die diese beiden Ereignisse mit sich brachten, für den Wahlausgang entscheidend waren. Immerhin lagen die beiden großen Volksparteien in den Umfragewerten wenige Tage vor dem 22. September 2002 noch Kopf an Kopf. Zu berücksichtigen ist hierbei, wie im Kapitel 2 des Buches beschrieben, das Wählerverhalten im allgemeinen von kurzfristigen Faktoren bestimmt wird. Wird nun eine Thematik besonders durch die Medien aufgegriffen und von der Öffentlichkeit wahrgenommen, können politische Einschätzungen und Einstellungen von Wählern dadurch beeinflusst werden. Die Wirkung liegt nach Quandt nicht in der Thematik selbst, sondern in der Präsenz der Akteure, die die Brisanz einer Thematik mit sich bringt.

Die dargestellten Informationen, die oft mittels Tabellen, Grafiken und Bildern gut veranschaulicht werden, sind für ein fachkundiges Publikum bestimmt. Zwar sind die Texte in einfacher, lebendiger Sprache verfasst, doch werden sie durchgehend ausführlich durch sozialwissenschaftliche Methoden bestätigt. Für Nicht-Akademiker sind zumindest die methodologischen Aspekte ohne Vorkenntnisse nur schwer zu erschließen. Für interessierte Leser bietet die Bibliographie einen ersten Überblick zur Orientierung über die Thematik der Bundestagswahl 2002. Dagegen scheint sie für wissenschaftliches Arbeiten inhaltlich jedoch nicht ausreichend zu sein.

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