Theorie des Onlinejournalismus: Es besteht Forschungsbedarf

Das Internet hat alles verändert. Freunde finden, Freunden schreiben, Freunde treffen – all das geht heute virtuell. Wir verändern das Netz, und das Netz verändert uns. Das ist klar. Wie aber geht es mit den Journalisten um? Wie reagieren die Informationsmacher auf das neue Medium? Sehen Sie es als Chance oder Bedrohung? Und: Wie verändert das schnelle Medium Internet den schnell sein müssenden Journalismus?

Thorsten Quandt (Juniorprofessor an der FU Berlin) und Wolfgang Schweiger (Vertretungsprofessor an der TU Dresden) haben als Herausgeber des Bandes „Journalismus online – Partizipation oder Profession?“ Antworten auf diese Fragen gesucht. Die 18 Beiträge reichen von der wissenschaftlichen Darstellung der Journalismusforschung zum Thema Internet zu ganz praktischen Beschreibungen von Podcasting oder Weblogs. Unter den Autoren finden sich Elvira Steppacher (ifp-Geschäftsführerin), Christoph Neuberger (Professor in Münster) und Dirk von Gehlen (Chefredakteur von jetzt.de).

Online-News mit eigener Sprache

Was haben die Autoren für den politischen Journalismus herausgefunden? Online-Nachrichten sind nicht einfach ins Netz transferierte Zeitungen. So schreibt Thorsten Quandt: „Im Online-Bereich bekommt der Leser ein deutlich anders akzentuiertes Nachrichtenrepertoire zu sehen, und auch die Tonalität der Berichterstattung weicht vom Print ab. Die Qualität von Online-Nachrichten liegt damit nicht einfach in der Ausnutzung aller technologischen Optionen. Vielmehr scheinen die webbasierten Nachrichten eigenständige, medienspezifische Themenstrukturen und Sichtweisen abzubilden.“ Dadurch würden sie sich, so der Autor, nach und nach von den traditionellen Medien (insbesondere dem Print-Bereich) abnabeln. Sie finden eine eigene Identität und Sprache.

Journalistischer Qualitätsverlust

Wie wird für politische Berichterstattung recherchiert? Antwort: Über Google. Dabei nutzen Journalisten fast ausschließlich die Standard-Suchfunktion, fast nie „Google News“ und noch seltener andere Suchmaschinen. Fast immer wird nur die erste Ergebnisseite überfolgen – die dritte Seite wird nie mehr in Betracht gezogen. Nicht beantwortet wird die Frage, ob sich Journalisten „fast blind“ auf Google verlassen. Normalnutzer tun das nämlich. Unumstritten ist, dass sich unreflektiertes Googlen negativ auf die journalistische Qualität auswirken kann. Ob es das auch tut, und wie; darüber besteht noch Forschungsbedarf. Leider werden diese Fragen im Band nicht beantwortet.

„Danaergeschenk Google“

Wenig sauber recherchiert sind auch die Aussagen über eine vermeintliche Manipulation der Trefferlisten. Was über die Methoden der Suchmaschinenoptimierung zu lesen ist, ist naiv – und teilweise falsch. Die Optimierung von Webseiten wird pauschal als „externe Manipulation“ bezeichnet. Dabei dienen gerade diese Maßnahmen dazu, das Web kundenfreundlicher zu machen. Inhalte sollen passgenauer gefunden werden, zum Beispiel durch das Google Webmaster Tool. Google erhebt auch keine Platzierungsgebühren für vordere Ränge. Nicht belegt ist auch die heikle Aussage, dass Suchmaschinen Bereiche des Internets vernachlässigen, „die nur schwer zu erfassen“ ist. Wenn im Buch also die Forderung laut wird, dass die Nutzung von Suchmaschinen Teil der journalistischen Ausbildung werden muss, sollte das am besten auch für einige Professoren gelten. Krone der Absurdität ist, dass der akademische Elfenbeinturm sogar Galtungs „strukturelle Gewalt“ von 1975 aus der Mottenkiste holt, um darunter das „Danaergeschenk Google“ zu subsumieren.

Begrenzte Partizipation

Aussagekräftiger sind die Beiträge über Weblogs. Immer mehr Menschen arbeiten journalistisch im Netz – in den USA vor allem Nicht-Journalisten. Einer der erfolgreichsten Weblogs der USA (dailykos) wird von einem jungen hispanischen Juristen betrieben. Er hat täglich fast eine halbe Million Besucher. Zum Vergleich: Bildblog.de hat gerade mal 40.000 Besucher. Leser können sich oft durch Kommentarfunktionen beteiligen. Das tun sie in politisch spannenden Zeiten – bei Wahlen – oder auch großen Tragödien. Elvira Steppacher zeigt in einem Beitrag, wie der Fall Natascha Kampusch in den Weblogs der großen österreichischen Medien von den Lesern begleitet wurde – und damit auch einen Rückkanal an die Redaktionen bildete. Partizipation pur? Ein wenig. Als viele Leser schrieben, nun sei es doch genug und man solle Frau Kampusch in Ruhe lassen, reduzierten einige Medien die Berichterstattung tatsächlich. Trotzdem: Nie haben Mitarbeiter der Zeitungen oder Sender, die solche Möglichkeiten der Leserteilnahme geschaffen hatten, auf Stellungnahmen der User geantwortet. Auch unwahre Behauptungen wurden redaktionsseitig nicht richtiggestellt. Wie es scheint, haben Journalisten noch Probleme damit, wenn Leser das einfordern, was sie selbst von der Politik wollen – Partizipation.

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