Medienforschung in der Mediendemokratie

Das Dilemma der Dynamik

Auch wenn in den Publikationen aufgrund der Produktionszyklen zwangsläufig ein Aktualitätsschnitt in Kauf zu nehmen ist, bleibt, was aus verlegerischer Sicht verständlich ist, mit Problemen behaftet. Die Nähe des Publikationstermins zum Wahlkampf erhebt – bei aller gebotenen und formulierten Vorsicht – den Anspruch, eine aktuelle Kommentierung neuster Entwicklungen und Formate leisten zu können. Dabei steht selbst die empirische Absicherung und theoretische Einordnung der Medienanalysen des 98er Wahlkampfes in Deutschland, der Präsidentschaftswahlen 2000 in den USA und der Parlamentswahlen 2001 in Großbritannien noch unter dem Vorbehalt der Vorläufigkeit. Um diesem Dilemma einer adäquaten Analyse dynamischer Wandlungsprozesse in den Medien und der politischen Kommunikation zu begegnen – zumal wenn die eigenen Befunde eben dieser sich verändernden Rezeptionsdynamik der Medien unterliegen –, wird verständlicher Weise der rettende Anker eines tragfähigen Oberbegriffs gesucht. Dieser scheint mit der Definition und Deutung der Medialisierungshypothese gefunden zu sein, die je nach Geltungsanspruch und analytischer Reichweite auf „Politische Akteure in der Mediendemokratie“ (Rössler/Schatz/Nieland), „Parteien in der Mediendemokratie“ (Alemann/Marschall) oder den „Medienkanzler“ (Meng) zugeschnitten wird.

 

Der Medienkanzler

Der Autor Richard Meng, selbst stellvertretender Studioleiter des Berliner Büros der Frankfurter Rundschau, nimmt in seiner Bilanz über vier Jahre rot-grüne Regierung nicht nur politische Inhalte und deren Inszenierung ins Visier, sondern auch den Generations- und Stilwechsel an der politischen Spitze der Berliner Republik. Anhand der Orte (Medienmetropole, Regierungsparlament, Kanzlerpartei) und der politischen Großereignisse der Legislaturperiode wird der Wandel des Kanzlerneulings zum „System Schröder“ nachgezeichnet. Bereits die Anlehnung an die Metapher, die eigentlich den 16 Jahren Regierungshandeln und 25 Jahren Parteivorsitz seines Amtsvorgängers vorbehalten ist, lässt Zweifel an der analytischen Tragweite der Gegenüberstellung einer persönlichen Medienbiographie und der Transformation des politisch-medialen Komplexes aufkommen, die in einem „für die Bundesrepublik neuen, stark medial ausgerichteten Machtsteuerungssystems“ münden soll. Auch wenn Meng seine Darstellung um ausgewählte Kabinettsbiographien (Schily, Eichel, Scharping) anreichert, lässt er letztlich immer alle Fäden beim Medienkanzler Schröder zusammenlaufen. Die Ambivalenz zwischen politischem System und Medienwelt wird durch die Methode der Personalisierung jedoch nur scheinbar aufgelöst. Dies kann bei einem Protagonisten wie Gerhard Schröder auch kaum verwundern, dessen „System“ – wenn überhaupt – im Erkennen und Ergreifen von politischen Gelegenheiten und der Nutzung von Medienereignissen zu erkennen ist. Der publikationsbedingte Verzicht auf den Bundestagswahlkampf 2002 wirkt sich hier nicht nur negativ aus, weil damit beispielsweise das neue Format der Fernsehduelle ausgeblendet bleibt, deren Zustandekommen ebenso wenig vorhersehbar war wie die mittelmäßige Medienperformance des Medienkanzlers. Eine Bilanz der Legislaturperiode muss vor allem aufgrund der offen beleibenden Frage des Machterhalts durch Medien zwangsläufig unvollendet bleiben, insbesondere dann, wenn auf der Gegenseite ein altbekanntes Mediensystem von Allensbach bis Springer die Rückgewinnung seiner Deutungsmacht erprobt.

Parteien in der Mediendemokratie

Ulrich von Alemann und Stefan Marschall wollen in ihrem Sammelband „Parteien in der Mediendemokratie“ die Grenzen und Möglichkeiten der Parteien in der modernen Mediengesellschaft aufzeigen. Durch die Fokussierung auf die Parteienkommunikation, die gleiche Gewichtung von Massenmedien und Internet sowie die Auswahl des Personals aus Politik- und Medienwissenschaften sowie aus etablierten und Nachwuchswissenschaftlern gelingt es, eine oft beklagte wissenschaftliche Lücke an der Schnittstelle von Politik- und Kommunikationsforschung zu schließen. Das Verhältnis von Parteien und Medien charakterisieren die Herausgeber dahingehend, dass sie Parteien wie Medien als „Organisationen des so genannten intermediären Bereichs“ definieren. Sie vermitteln demnach beide zwischen Entscheidungsträgern und Bürgern indem sie die Sphären der Darstellung und Herstellung von Politik verkoppeln. „In dieser Vermittlungseigenschaft sind beide komplementär, nicht substituierend.“ Die „Medialisierung“ der Gesellschaft führt demnach zu einer „Medialisierung“ der Politik und Parteiendemokratie, die aber weder eine völlige Auflösung alter Strukturen noch eine Substituierung der Kernfunktionen von Parteien durch die Medien zur Folge hat. Im Umkehrschluss ist aber auch nicht zu erwarten, dass die Parteien mit alten oder neuen Medien die Funktionen der Öffentlichkeitsherstellung in ihren Zuständigkeitsbereich verlagern können. Nach Meinung der Autoren ist vielmehr ein erneuter Strukturwandel angezeigt, der zu den bestehenden Teilöffentlichkeiten eine komplementäre hinzufügt, die jedoch ebenso nachhaltig durch das Zusammenwirken von Parteien und Medien geprägt sein wird.

Akteure in der Mediendemokratie

Unter dem Begriff der „Mediendemokratie“ lassen sich einerseits die Tendenzen einer Amerikanisierung, Personalisierung, Professionalisierung politischer Kommunikation relativ konfliktfrei subsumieren. Andererseits wird der Anspruch der politischen Kommunikationsforschung proklamiert, „vom Nischendasein zur Forschungsperspektive in politikwissenschaftlichen Kernbereichen“ vorzudringen, wie es Ulrich Sarcinelli in dem Sammelband „Akteure in der Mediendemokratie“ von Rössler/Schatz/Nieland formuliert. Hier werden die Erträge der gemeinsamen Jahrestagung 2001 des Arbeitskreises Politik und Kommunikation der DVPW und der Fachgruppe Kommunikation und Politik der DGPuK in Erfurt dokumentiert. Ob sich die „Politiker in den Fesseln der Medien“ befinden, wie die Herausgeber im Untertitel in Anlehnung an ein Zitat des Verfassungsrichters Wolfgang Hoffman-Riem fragen, oder ob umgekehrt die Rituale der Wahlkampfkommunikation die Medien okkupieren, wird hier aber nicht wirklich alternativ diskutiert. Dies verwundert angesichts der immensen Schnittmenge der Autoren mit der Publikation von Alemann/Marschall. Der Ansatz und das Ergebnis scheint daher vor allem dem Anspruch geschuldet, einen Überblick aller Akteure zu präsentieren, die von Medialisierung betroffen oder an ihr beteiligt sind, und die Auswirkungen in den jeweiligen Teilbereichen zu überprüfen. Damit steht jedoch die Ambivalenz im Verhältnis von Medien und Politik nicht mehr im Mittelpunkt. Eine Konsequenz daraus ist, dass – gewollt oder ungewollt – eine starke Medialisierungshypothese propagiert wird, die einen bestimmenden Einfluss der Medien auf die politischen Akteure und Prozesse nahe legt. „Unter dem Eindruck der Dynamik aktueller technologischer Innovationen im Übergang zur Mediengesellschaft geraten die herkömmlichen Strukturen und Prozesse der politischen Meinungs- und Willensbildung immer mehr unter Anpassungsdruck“, so die Herausgeber.

Die politischen Akteure geben diesem Druck bewusst nach oder erliegen ihm einfach, wenn sie als Kanzler, Regierungssprecher, Partei, Wahlkampftberater oder Wahlkreiskandidat von den Chancen der Massenkommunikation gefesselt werden. Eher indirekt wirken die Wahrnehmungsmuster, die auch bei den politischen Akteuren als Rezipient öffentlicher Medienkommunikation ausgeprägt werden. Hier skizziert Helmut Scherer mit seinem Beitrag ein interessantes und vernachlässigtes Forschungsfeld. Nach Luhmann wissen wir alles, was wir von der Gesellschaft und der Welt wissen, fast ausschließlich von den Massenmedien. Aber ebenso haben wir selbstverständlich auch die Funktions- und Wirkungsweisen des Mediensystems verinnerlicht und wissen nach welchen Regeln man sich in ihnen reproduziert.

Macht der Bilder und Rituale

Diesen Zusammenhang haben die Fernsehduelle auf eindringliche Weise vorgeführt. Einerseits stellen sie einen Quantensprung in der Medialisierung der Wahlkampfkommunikation dar. Andererseits haben es die politischen Akteure – hier vor allem die Kampagnenführer – verstanden, den Medien ein Korsett an Reglementierungen anzupassen, das auf die Ziele und Bedürfnisse der Parteien und Kandidaten im Wahlkampf abgestimmt war. Diesen Befund bestätigen auch Hans-Georg Soeffner und Dirk Tänzler für die Inszenierung von Wahlparteitagen im Hinblick auf die Berichterstattung in den Medien. In ihrem Beitrag für den Sammelband „Wahl-Kämpfe“, der von Andreas Dörner und Ludgera Vogt hausgegeben wurde, und in dem die rituellen – und damit nachhaltig wirkenden – Aspekte des Wahlkampfes in den Mittelpunkt gerückt werden, beschreiben sie die „Krönungsmesse“ für Gerhard Schröder auf dem Leipziger Parteitag der SPD 1998. In ihrer Analyse decken sie auf, dass die mediale Berichterstattung über den Wahlparteitag trotz der kritischen Attitüde nichts anderes als eine „Hofberichterstattung“ liefert. „Die Medienvertreter erliegen selbst der Macht der schönen Bilder und haben kein adäquates Medienformat zur Bewältigung der neuen Realität.“

Die Medien unterliegen demnach also denselben Zwängen, die sie gegenüber politischen und gesellschaftlichen Akteuren in einer Mediendemokratie aufstellen. Dadurch bleiben sie jedoch extrem berechenbar, ebenso wie die eingeschliffenen Rituale der Wahlkampfkommunikation nicht durch ihre Übertragung in neue Medienformate an Bedeutung und Durchschaubarkeit verlieren. Ein Umstand – so scheint es –, den sich wissenschaftliche Akteure jedoch erst bewusst machen müssen, wenn in die Wahlkampfinszenierungen auf der Medienbühne verwickelt werden.

Ulrich von Alemann/ Stefan Marschall (Hg.): Parteien in der Mediendemokratie. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002, 444 Seiten, 29,90 Euro.


Andreas Dörner/ Ludgera Vogt (Hg.): Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002, 200 Seiten, 10 Euro.


Richard Meng: Der Medienkanzler. Was bleibt vom System Schröder? Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002, 247 Seiten, 10 Euro.


Patrick Rössler/ Heribert Schatz/ Jörg-Uwe Nieland (Hg.): Politische Akteure in der Mediendemokratie. Politiker in den Fesseln der Medien? Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002, 375 Seiten, 29.90 Euro.

Erschienen am 18.09.2002

Kommentar verfassen