Internet revolutioniert das Gesundheitssystem

Der Soziologe und Gesundheitsökonom Frederik Tautz beschreibt in seinem Einführungswerk „E-Health und die Folgen“ Auswirkungen der Gesundheitskommunikation im Netz auf unser Gesundheitssystem

Mit dem Internetboom Mitte der 1990-er Jahre beginnen Laien erstmalig im WWW nach gesundheitsrelevanten Informationen zu suchen. Die Informationsfülle im Netz entspricht dem Wissensbedarf der Patienten, die sich häufig unzureichend von ihrem Arzt beraten fühlen. Zwar bedienen auch die traditionellen Massenmedien, wie Rundfunk und Printmedien, den Wunsch ihrer Rezipienten nach Gesundheitsthemen, aber die spezifischen Eigenheiten des Internets entfalten eine größere Wirkung: Weltweite Informationen stehen zur Verfügung, Online-Berichte sind nicht an Sendezeiten gebunden, der User bestimmt über Hyperlinks selbst, wie tief er sich mit einem Thema auseinandersetzen möchte.

Damit erfüllt das Internet nicht nur Kriterien eines Massenmediums, sondern auch Merkmale interpersonaler Kommunikation. Ähnlich wie beim Telefon, kann z. B. per eMail exklusiv mit einer Person kommuniziert werden.

E-Health
Die Verbindung Internet – Medizin ist älter als „E-Health“. Erstmals 1997 taucht der Begriff E-Health in der Wirtschaft auf. Eine eindeutige Definition existiert nicht, jedoch soll die Wortschöpfung vermitteln, dass mit dem Zusammenspiel etwas Neues mit Chancen und Risiken entsteht.

Veränderungen im Gesundheitswesen
Die Gesundheitskommunikation im Internet trifft auf einen veränderten Gesundheitsbegriff. Da Menschen heute nicht mehr an akuten Krankheiten, wie etwa einer Lungenentzündung, sterben, sondern an chronisch-degenerativen Leiden, definieren sich Gesundheit und Krankheit nicht länger als absolute Zustände, sondern als ein Kontinuum. Die Medizin entwickelt sich weg von kurativer Behandlung hin zu Prävention. Hier ist die Mitarbeit des Patienten entscheidend. Auch wird Gesundheit subjektiv unterschiedlich empfunden, so dass die bevormundende Arzt-Patient Beziehung überholt ist.

Vorteile der Gesundheitskommunikation im Netz
Viele Patienten wünschen sich detailliertere Informationen von ihrem Arzt, trauen sich aber häufig nicht, nachzufragen. Die besondere Struktur des WWW ermöglicht diesen Patienten nach ihren individuellen Bedürfnissen selbst nach weiterführenden Materialien zu suchen.

Gerade bei der Vermittelung von Präventionsmaßnahmen entscheidet die persönliche Ansprache über Erfolg und Misserfolg. Interaktive Anwendungen im Netz befolgen diese Forderung und führen wegen ihrer Anonymität zu besseren Ergebnissen. Insbesondere für den Bereich der Selbsthilfegruppen kann das Internet unterstützend wirken. Die Hemmschwelle im anonymen Netz ist niedriger, räumliche Entfernungen sind kein Hinderungsgrund mehr.
Schließlich kann das Internet allgemein zu einer besser aufgeklärten Bevölkerung beitragen.

Nachteile der Gesundheitskommunikation im Netz
Das Internet verlang einen aktiven Konsumenten, der sich seine Information selbst sucht. Die traditionellen Redakteursaufgaben werden an den User abgegeben. Viele sind damit jedoch überfordert. Erschwerend hinzukommt, dass keine einheitlichen Qualitätsstandards für Content existieren. Schließlich ist das Internet kein Massenmedium – und wird es wohl wegen einer beachtlichen Anzahl Offliner auch nie werden.

Auswirkungen des Internet
Mit Hilfe einer Expertenbefragung stellt Tautz sieben Thesen über die zukünftige Entwicklung von E-Health auf:

– Hausärzte werden künftig ihre Patienten bei der Internetrecherche nach geeigneten Information unterstützen.

– Die Arzt-Patienten Beziehung entwickelt sich zu einer wirklichen Partnerschaft mit gegenseitiger Kompetenzanerkennung

– Patienten suchen im Netz nach möglichen Therapien und wählen ihren behandelten Arzt danach aus

– Seriöse Angebote im Internet zu Gesundheitsthemen werden von einer großen Öffentlichkeit genutzt. In der Folge verbessert sich die allgemeine Gesundheitsprävention.

– Die meisten realen Selbsthilfegruppen werden durch Online-Angebote ersetzt.

– Bei leichten Erkrankungen suchen die Menschen Hilfe im Internet.

– Eine offizielle Institution oder Regulierungsbehörde prüft die Online-Angebote zum Thema Gesundheit.

„E-Health und die Folgen“ ist ein gelungenes Einstiegswerk in die Thematik. Frederik Tautz überzeugt durch seine klare und unkomplizierte Ausdrucksweise. Zahlreiche Verweise auf empirische Untersuchungen unterstützen die eigenen Schlussfolgerungen des Autors.

 

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