Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der Internet-Kommunikation

(7. Juli 2006) Die uralte Maxime Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich scheint in Zeiten von World Wide Web, Email und weltweiter Vernetzung nicht mehr zu gelten. Blogito, ergo sum – Ich blogge, also bin ich lautet der Trend im Internet. Dieser Grundsatz ziert auch das Cover des neuen Sammelbandes vom “Netzwerk Recherche” (“nr”), der kürzlich erschienen ist.

Auf der Titelseite ist ein Mann zu sehen, der in einem spartanisch eingerichteten Raum mit abgedunkelten Fenstern sitzt und den Satz in seinen PC tippt. Das Bild passt thematisch zum Buch, beschäftigt sich dieses doch mit Trends und Gefahren der Online-Kommunikation. Eine Gefahr wird im Titelbild nämlich auch angedeutet: die soziale Isolation von Internet- oder Weblog-Freaks.

Unter dem Titel „Online-Journalismus. Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der Internet-Kommunikation“ wird dann auch folgerichtig auf verschiedene – positive wie negative – Aspekte des Journalismus im Netz eingegangen. Dass dabei vor allem die Weblogs im Vordergrund stehen, mag Zufall sein; es wird jedoch ohne Zweifel der Beliebtheit des Formats gerecht.

Was sonst häufig in öden Protokollen zusammengefasst wird, ist hier leserfreundlich aufgemacht: das Buch beinhaltet die Ergebnisse einer Kommunikations-Fachtagung des ‚nr’. Zu Beginn des Sammelbandes wird eine originelle Zusammenfassung der Beiträge angeboten. Statt einfache Inhaltsangaben niederzuschreiben, werden die Texte in Form von Blog-Postings präsentiert und sind als solche bereits mit einigen Statements des Webloggers Jan Michael Ihl „gewürzt“. Das ist eingängig und ein guter Service, weil der Leser direkt einschätzen kann, welche der folgenden Texte für ihn interessant sein können.

Ausgangspunkt des Buches ist die Frage, was im Onlinejournalismus möglich ist – was gibt es schon und was ist in Zukunft denkbar? Das berührt auch das Problem, was überhaupt unter Onlinejournalismus zu verstehen ist. Dieser Aspekt wird an verschiedenen Stellen im Sammelband diskutiert, vor allem bezogen auf die Frage: Sind Weblogs Journalismus? Um die aufgeworfenen Fragestellungen adäquat zu beantworten, werden unterschiedliche Themenkomplexe bearbeitet, die sich grob in vier Kategorien einteilen lassen.

• Einige Autoren setzen sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Protests und des Austausches von Interessen im Internet auseinander und stellen diverse (Polit)Kampagnen vor. Dabei wird vor allem das Problemfeld der (Gegen-) Öffentlichkeit im Netz behandelt.

• Über Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen und NGOs berichten drei Autoren, die aus der beruflichen Praxis kommen. Kathrin Voss berät NGOs in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und promoviert derzeit zu diesem Thema. Ulrich Müller berichtet in seinem Aufsatz von Erfahrungen, die er beim Aufbau einer eigenen Watchdog-Organisation gemacht hat. Und auch Klaus Eck ist als Unternehmensberater beruflich mit der Öffentlichkeitsarbeit verbunden; darüber hinaus betreibt er das bekannte Weblog „PR-Blogger“. Er untersucht in seinem Beitrag den Einsatz von Weblogs in der PR, etwa in Form von CEO-Blogs.

• Der Bereich Journalismus und digitale Medien beschäftigt sich mehrheitlich mit dem Aufkommen von Weblogs und ihrem Nutzen für professionellen Journalismus.

• Das Thema Onlinejournalismus im Allgemeinen wird anhand von Beispielen vorgestellt. So referiert Julia Bönisch über den Stellenwert von Spiegel Online. Der Beitrag profitiert von den praktischen Erfahrungen, die die Autorin bei Spiegel Online gesammelt und in einer Diplomarbeit an der Universität Eichstätt ausgewertet hat. Christoph Schultheis berichtet von seiner Arbeit beim BILDBlog. Auch die neuen Arbeitsbedingungen für Videojournalisten im Internet werden betrachtet.

In den einzelnen Beiträgen des Sammelbandes werden diese vier Ansätze immer wieder verknüpft. Ole Reißmann präsentiert beispielsweise Weblogs als Angebot der Gegenöffentlichkeit und Günter Metzges, Initiator der Online-Plattform Campact, stellt die Protestmedien einer NGO vor.

Die Autoren arbeiten mit zahlreichen Belegen und Zitaten aus wissenschaftlicher Literatur. Dennoch nehmen wissenschaftliche Formulierungen nicht Überhand. Vielmehr wird der insgesamt gut verständliche Text zusätzlich durch Cartoons und die Nennung von beispielhaften Webseiten aufgelockert. Dass in den einzelnen Texten häufig dieselben Beispiele angeführt werden, ist kein Nachteil, sondern trägt zu einer Art „Verknüpfungswissen“ bei. Der Leser erkennt, dass ein Angebot thematisch nicht nur mit einem der oben vorgestellten Themenkomplexe gekoppelt ist. Stattdessen setzen die Autoren ihre Beispiele in der Regel mit mehr als einem Themenfeld in Bezug: So wird die politische Kampagnenplattform MoveOn aus den USA sowohl als Exempel für die Entwicklung von Gegenöffentlichkeit im Internet wie auch als Beispiel für die Kommunikationsarbeit von NGOs herangezogen.

Über die einfache Lektüre hinaus bietet das Buch in einem umfangreichen Anhang weiteren Leser-Service. Wer die Thematik vertiefen möchte, erhält hier Hinweise auf wissenschaftliche Literatur oder auf weiterführende Webseiten. Ein umfangreiches Linkverzeichnis und ein Glossar zum Nachschlagen unbekannter Begriffe sind ebenfalls vorhanden.

Ein Portrait vom Netzwerk Recherche rundet die Vorstellung ab. Auch die Autoren werden vorgestellt. Die Kurzbiografien geben einen Einblick in die Arbeitsfelder der einzelnen Schreiber. Hier wird deutlich, dass Autoren aus allen denkbaren Metiers zu Wort kommen: aus der Wissenschaft, dem Journalismus und der Blogosphäre. Dies vermittelt dem Leser das Gefühl, einen Rundum-Einblick in den Onlinejournalismus bekommen zu haben.

Mehr als ein Einblick kann es jedoch nicht sein: Für Weblogkenner bietet der Sammelband nicht viel Neues, für Einsteiger hingegen ist er sehr gut geeignet. Dennoch wird in einigen Artikeln mehr als Basiswissen verlangt, wenn etwa die Begriffe „Top-Down-Prozesse“ (S. 29) oder „Grassroots-Organisationen“ (S. 39) ohne Erklärung zu Papier gebracht werden.

Auffällig ist darüber hinaus, dass die Länge der Beiträge sehr stark variiert. Einige Artikel sind so kurz, dass sie eher einem ausformulierten Flyer ähneln. Hier bleiben am Ende meist mehr Fragen offen, als beantwortet sind. Möchte der Leser mehr erfahren, muss er sich an die Literaturangaben halten. Andere Beiträge hingegen berichten relativ ausführlich und geben einen guten Überblick über die Thematik. Diese extreme Ungleichgewichtung der verschiedenen Beiträge wirkt irritierend.

Fachlich jedoch sind die Beiträge einwandfrei und gut recherchiert. Sie bauen auf der relevanten wissenschaftlichen Literatur auf und tragen dementsprechend zur aktuellen Forschungsdiskussion bei.

Der allgemeine Tenor des Sammelbands ist gut zu erkennen. Die meisten Autoren sind der Ansicht, dass das Internet und seine Angebote die klassischen Medien nicht ersetzen, sondern ergänzen werden. In der Kommunikationsarbeit sollte man sich nicht nur auf die multioptionalen Möglichkeiten des Netzes stützen. Auch die etablierten Medien werden ein wichtiges Element der Kommunikationslandschaft bleiben. Der Leser kann seine eigenen Ansichten dementsprechend gut in den Stellungnahmen der Autoren verorten.

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